Corte Campioli – Das Leben ist eine Wundertüte

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Von Britta Krämer, Oktober 2018

 

Anfang 2012 nehmen sich Sabine und Christian Blumrath eine einmonatige Auszeit von ihrem sehr erfolgreichen und alles bestimmenden Berufsleben und reisen „ans Ende der Welt“, in die schier endlose Weite Patagoniens. Sie stehen staunend grenzenlosen Horizonten gegenüber, genießen die wilde Stille sternenklarer Nächte und erleben die Essenz uralter Traditionen. Und sie kommen zur Ruhe, und die Ruhe schafft den Raum für eine große, eindringliche Frage: Erfüllt uns unser Leben? Patagonien wird zur Hebamme einer großen Entscheidung: Aussteigen – und einen Neuanfang wagen. Raus aus dem stressigen, fremdbestimmten Alltag, rein in einen gemeinsamen Traum, der bereits jahrelang im Unterbewusstsein vor sich hingeschlummert hatte und dessen Zeit nun gekommen war: Ein eigenes kleines Bed & Breakfast in Italien. Das Ehepaar schreitet beherzt – und bestärkt von drei bereits erwachsenen Kindern – zur Tat. Nur wenige Monate nach ihrer Rückkehr aus Südamerika kaufen die Blumraths einen verfallen Gutshof und restaurieren ihn: Altes Landgut, neues Leben – mitten in den Marken.

© Christian Blumrath

Tarnkappe

Nur wenige kennen sie, doch wer sie kennenlernt, verliebt sich: Die Marken. Ohne großes Aufheben um sich zu machen, liegt die mittelitalienische Region zwischen Adria und Apennin und ist beseelt von dem Wunsch, einfach zu sein.
Eine verborgene Schönheit, der eine freundliche Fee die Tarnkappe übergezogen zu haben scheint, damit sie sich nur jenen Reisenden zeige, die jenseits der lauten und einseitigen Adriastereotypen das wahre Gesicht dieses ungezähmten Landstrichs suchen. Es ist kein Zufall, dass der Name der Region ein Pluralwort ist: ihre Facetten sind so mannigfach wie ihre Identitäten: Vergangenheit und Gegenwart scheinen hier gleichzeitig und jenseits von Raum und Zeit zu existieren. Man sagt, die Marken seien die Quintessenz all dessen, was Italien ausmacht, ein feines Destillat italienischer Lebensart.

Entlang der Küste ist das tiefe Blau des Meeres allgegenwärtig und prägt Alltag, Traditionen und den Gaumen der Bewohner. Südlich der betriebsamen Hafenstadt Ancona erstreckt sich mit der wild romantischen Riviera del Conero einer der schönsten Küstenabschnitte der Region und die Grotten von Frasassi sind ein magisches Naturschauspiel. Im Landesinneren skizzieren weiche Linien die Täler und Hügel einer fast archaisch anmutenden Bauernlandschaft. Wälder, Wiesen und Felder umgeben malerische kleine Dörfchen, die auf sanften Hügelkuppen thronen.
Die Städte sind authentisch, nicht mondän, doch sie sind voller Leben und überraschen mit einer eindrucksvollen Geschichte, einem vielfältigen kulturellen Angebot und einer kreativen, urbanen Atmosphäre. Die Marken sind ein ursprünglicher, leiser Landstrich, und ihre Menschen sind es irgendwie auch. Bescheiden, herzlich und mit einem natürlichen Faible für Gastlichkeit. Mittendrin in dieser Quintessenz Italiens liegt, unweit des Dörfchens Barchi, der alte Gutshof Corte Campioli und zelebriert la dolce vita all’italiana.

© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath

Bauchgefühl

Nicht wir haben Corte Campioli gefunden, der Ort hat uns gefunden. Wir sind damals kreuz und quer durch die Marken gefahren und haben uns zahlreiche Anwesen angesehen. Als wir zur Corte kamen und mit dem Auto hügelaufwärts zum Hof fuhren, wussten wir, dass wir unseren Ort gefunden hatten. Da war so ein Gefühl im Bauch, das hier alles durch und durch richtig und gut war“, erzählt Christian, als wir in der Nachmittagssonne vor der erst kürzlich umgebauten Bar Corte im Freien sitzen und Sabines selbstgebackenen Himbeerkuchen und cremigen Cappuccino genießen. Langsam trudeln die anderen Gäste ein, setzen sich zu uns, lassen den Tag Revue passieren, packen Wanderkarten aus und verraten sich gegenseitig idyllische Radrouten und einsame Badebuchten. Im Haus zischt und brodelt die Kaffeemaschine ihre Ode an den Genuss.

© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann

Transformation

Der Gutshof ist über 150 Jahre alt. Als die Blumraths ihn 2012 kauften, stand er bereits seit 15 Jahren leer und verfiel zusehends. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Michele Eusepi sowie mit dem örtlichen Geometer und den Handwerkern aus der Umgebung wurde das Anwesen behutsam restauriert. Viel von der originalen Bausubstanz wurde erhalten, einige neue Elemente wurden stimmig in den alten Bestand eingefügt. Das Ergebnis ist eine harmonische Symbiose der Kontraste: Alt und neu, Loftflair und freigelegte Feldsteinwände, schlichtes Design und traditionelle Holzbalken. Ein alter Hof mit modernem Twist – in elegantem Understatement.
„Für die Gestaltung war uns ein stilvoller Minimalismus wichtig. Nichts Künstliches, keine lauten Töne. Das Wesen und die Geschichte des Ortes sollten durch und durch spürbar bleiben“, sagt Sabine Blumrath, die maßgeblich an der Konzeption des Innendesigns beteiligt war.

Wenn man den Erzählungen über das Umbauprojekt lauscht, fühlt man sich an Francis Mayes‘ Roman (und Hausrestaurierungssaga) „Unter der Sonne der Toskana“ erinnert. Ein abenteuerlicher Mix aus Aussteigerromantik, interkulturellem Crashkurs und knallharter italienischer Baubürokratie – mit happy end. Der Maulbeerbaum im Garten hat dem Werdegang von Campioli stoisch beigewohnt und wer sich in seinen Schatten setzt und andächtig lauscht, den werden seine Geschichten durchdringen, berühren, beflügeln.

© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath

Ensemble

2014 eröffnet Corte Campioli mit sieben ganz unterschiedlich gestalteten Zimmern/Ferienwohnungen, die sich auf drei Gebäude aufteilen und, je nach Nutzungskonstellation, auch zusammengeschaltet werden können. Um den knorrigen Olivenbaum im Innenhof gruppiert sich ein äußerst stimmig miteinander dialogisierendes Gebäudeensemble: Das langgezogene Haupthaus beherbergt dort, wo einst die Tiere logierten – die Rezeption und die luftige, loftartige Wohnküche mit Industriecharakter. Dem ehemaligen Stall vorgelagert ist der kleine, kubusartige Wohntrakt der Gastgeber. Im rechten Teil des Hauses befinden sich vier Ferienwohnungen sowie ein Gemeinschaftsraum mit Designerküche und Kamin.

Die neu erbaute Casa Michele beherbergt zwei moderne Wohnungen mit Loft-Atmosphäre und jeweils eigener Terrasse. Der Blick und die Ruhe, die man von hier genießt, sind einzigartig. Das kleine Häuschen Capanna hinter der Bar Corte ist ein wunderbares Hideaway für zwei Personen, einziger Nachbar: Der Maulbeerbaum.

© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath

Muße

Il Fienile, der traditionelle Heuunterstand ist wie ein weitläufiges Wohnzimmer im Freien und zudem mit einer Sommerküche ausgestattet. Üppig blühende Blumenbeete und Vintage-Möbel zieren den loungeartigen Bereich. Hier wird bei schönem Wetter gefrühstückt, geplaudert, gegessen. Zu jeder Tageszeit laden lauschige Sitzecken zum entspannten Verweilen und zu idyllischen Mußestunden ein. Der Fienile sowie die gleich daneben liegende Bar Corte sind die unumstrittenen Lieblingsplätze und das kommunikative Herzstück des Anwesens: hier spürt man das malerische Flair der italienischen piazza.

Schön versteckt und blickgeschützt schmiegt sich der Pool mit Gegenstromanlage und Sonnendeck hinter das Haupthaus. Von der langen Holzbank aus kann man den Blick über die zeitlose Landschaft schweifen lassen, ab und an an einem kühlen Drink nippen und … glücklich seufzen.

© Christian Blumrath
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Christian Blumrath
© Christian Blumrath

Tellerpoesie

Giacomo Leopardi, Sohn der Marken, war Dichter, Philosoph und Sprachwissenschaftler und gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts. Die außergewöhnliche lyrische Qualität seiner Gedichte hat ihn zu einem zentralen Akteur der europäischen und internationalen Kulturszene gemacht, mit Auswirkungen, die weit über seine Zeit hinausgehen. Und: er war ein leidenschaftlicher Gourmet! In der Nationalbibliothek von Neapel wird heute das wertvollste Zeugnis der kulinarischen Passionen Leopardis gehütet: In seinem sehr persönlichen Tagebuch, dem „Zibaldone“, findet man eine ordentlich aufgereihte Liste von 49 leidenschaftlichen Gerichten, die sich, als Vorschlag für den Hauskoch des Dichters gedacht, wie eine kulinarische Reise durch Italien lesen.

Vielleicht hat Sabine Blumrath heimlich darin geblättert und sich von Leopardi’s „Tellerpoesie“ inspirieren lassen: Beim Kochen für ihre Gäste interpretiert sie traditionelle italienische Gerichte neu, hantiert wie eine Alchimistin mit den frischen Zutaten aus dem hauseigenen Gemüsegarten, zieht zusammen mit Nachbarin Marinella handgemachte Pasta in die Länge und lässt der Phantasie freien Lauf. Was dabei herauskommt, lässt den Gaumen jauchzen und die Sinne tanzen. Christian lässt seine Gäste feinste Balsamico-Essige degustieren und krönt Sabines kulinarische Gedichte mit dem passenden Wein: Balsam für die Kehle!

Laue Nachtluft. Leises Grillenzirpen. Fröhliches Lachen und das Klingen von aneinander stoßenden Weingläsern. Zum Abschluss gibt es ein himmlisch-cremiges Tiramisu. Tiramisu heißt übersetzt: Zieh mich hoch, heitere mich auf! Ja, das tut es wahrhaftig! Ein schöner Urlaub geht durch den Magen.

© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann
© Denis Weinmann

Roter Faden

„Unser Zuhause ist auch Ihres“, liest man über der Eingangstür. Und das stimmt. Während der Urlaubssaison wohnen die Blumraths auf der Corte Campioli und sind durch und durch Gastgeber – mit Herz und Seele und behutsamer Achtsamkeit für die individuellen Bedürfnisse der Gäste: Kommunikation, stiller Rückzug, gemeinsame Entdeckungstouren, Privatsphäre. Alles hat seine Daseinsberechtigung und bekommt den entsprechenden Raum.

Unendliche Horizonte, sternenklare Nächte, die Essenz uralter Traditionen, Freiheit und Inspiration. Es gibt ihn, den unsichtbaren roten Faden, der diesen idyllischen Flecken Erde in den Marken mit einer großen Entscheidung in Patagonien verbindet. Und ihre Wirkkraft besteht fort, berührt und betört Gäste wie Gastgeber der Corte Campioli und gibt die Probe aufs Exempel: Das Leben ist eine Wundertüte. Traut euch, greift hinein und genießt!

Sabine Blumrath, © Denis Weinmann
Christian Blumrath, © Denis Weinmann

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2 Kommentare

Karin Hölzlwimmer sagt:

Corte Campioli is a wonderful place to stay, its architecture is marvellous and the hosts Sabine and Christian are very charming. I can highly recomend this place to artloving people, that enjoy fine meals and good conversations!

Dietrich Sailer sagt:

Das kann ich alles nur unterstreichen. Ich war 2017 dort und habe selten so viel Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft erlebt wie im Corte Campioli. Ich komme wieder!

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