Freiheit hoch vier – die Meisterzimmer in Leipzig

von Ulrich Stefan Knoll, Februar 2018

Der morgendliche Blick aus den riesigen Kastenfenstern fällt auf endlose Backsteinfassaden, auf Gleise und einen Hof, darüber ein weiter Himmel. Dahingleitende Künstler begegnen vor meinen Augen den ersten fotografierenden Touristen.

Ich frage mich kurz, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Kurz kommt es mir so vor, als ob ich in meiner eigenen Version des Liedes „Am Fenster“ von City sässe, einer der inoffiziellen Hymnen der ehemaligen DDR. Damals, 1977, mussten jegliche Gedanken an Freiheit unterdrückt oder wie dieser Liedtext verschlüsselt werden.
Während ich im Hier und Jetzt an einem der pulsierendsten Orte Leipzigs in völliger Freiheit und in den schönsten Räumen der Baumwollspinnerei sitze. In der Stadt, in der die Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 das Ende der Diktatur einläuteten.

Manfred Mülhaupt, Betreiber der Meisterzimmer und gebürtiger „Westdeutscher“, hat hier nach der Wende seine eigene große Freiheit gefunden. Oder vielmehr: er hat sie an uns, seine Gäste weitergegeben.
Die vier sehr individuellen Atelierräume, die er im Laufe der letzten Jahre konzipiert hat, sind einerseits Zeitzeugen der kulturellen Geschichte des Ortes und gehen bis in die Zeit der Industrialisierung zurück. Und gleichzeitig sind seine „Meisterzimmer“ Orte geworden, die der heutigen, künstlerisch geprägten Gegenwart des „Hotspots“ Spinnerei ihren ganz eigenen Input geben.

Wo früher die Damenumkleide, eine Werkstatt oder auch ein Traforaum waren, nächtigen heute seine Gäste – mitten auf einem der bekanntesten Kreativquartiere Deutschlands. Entsprechend ist hier der perfekte Ort um vor sich hin zu spinnen. Oder sich hinaustreiben und inspirieren zu lassen in den zahlreichen Galerien und Ateliers, dem Kino, dem Theater und den diversen Cafés und Läden auf dem Gelände. Oder eben beides.

Freiheit der Leere

Wie die meisten der insgesamt zwanzig erhaltenen Gebäude weisen auch die Hallen 18 und 20, welche die Meisterzimmer beherbergen, einen substantiell sehr guten Zustand auf. Vollziegelmauerwerk von über einem Meter Stärke prägen den Komplex ebenso, wie große gusseiserne Kastenfenster sowie Korkdämmung unter bewachsenen Dächern. Letztere so groß, dass sie die Bomberpiloten im 2. Weltkrieg fälschlicherweise für Wiesen hielten und die Spinnerei von größeren Schäden verschont blieb.

Als sich Manfred Mülhaupt 1994 dort gemeinsam mit einigen Künstlerkollegen ansiedelte, stand der Großteil der rund 100.000 m2 Nutzfläche leer und der heutige Slogan „From cotton to culture“ war noch so entfernt wie gleichbleibende Raumtemperaturen oder sonstige Annehmlichkeiten.
Was aber in Hülle und Fülle bereits damals vorhanden war: ein großer Luxus an Leere, Weitläufigkeit und Freiraum für Experimente.

Die Baumwollspinnerei in einer aktuellen Aufnahme (oben, Foto: Manfred Mülhaupt) und in den „wilden“ Übergangszeiten in den 90’er Jahren: damals wurde im heutigen Meisterzimmer #1 gelebt, gedacht, experimentiert – kurz: Kunst gemacht (unten, Foto: Privat).

Wild Wild East

Doch zurück zum Anfang. Manfred Mülhaupt, 1966 am südwestlichsten Rand der Republik geboren, studierte nach einer Elektrikerlehre Freie Kunst in Freiburg. „In der von allen Seiten gesättigten westdeutschen Gesellschaft“ sah er jedoch keine Herausforderung und auch keinen Freiraum. „Hier war ja schon alles gemacht, es bedurfte keiner Ergänzung“.

Während eines Aufenthaltes am Städel in Frankfurt am Main lernte er 1994 Peter Bux kennen, ebenfalls Künstler und zudem Schwiegersohn von Regina Lenk, der damaligen Geschäftsführerin der Spinnerei. Sie war es, die sie einlud, Räume als Ateliers in der Spinnerei zu nutzen. Also: auf nach Leipzig!

Oder, in seinen Worten: „Und hier war sie: eine Stadt genauso leer wie ich. Eine Stadt, die noch Raum hatte und Ideen suchte. Hier fühlte ich mich gleich zuhause. Und mitten in diesem Vakuum die Spinnerei als eines ihre Leuchttürme der Leere und Verlassenheit. Gigantisch groß und voller Möglichkeiten.“

Das heutige Meisterzimmer #1 in der Spinnerei diente ihm in jener Zeit als Atelier und als Basis für die Erkundung der Stadt, ihrer leeren Häuser und Fabriken. „Man konnte tagelang ungestört herumgeistern und sammelte immer irgendwas: Eindrücke, Bilder und Fundstücke einer vergangenen Zivilisation.“ Gesucht und gefunden hat er auch Freundschaften zu neuen Künstlern. Dort zeichnete er wieder, konstruierte sich drehende Lampen und fing an, in den zur Verfügung gestellten Räumen zu bauen. Reparierte gefundene Möbel – machte neue daraus, zimmerte Einbauten und legte Licht in jede Ecke.

Vermieter aus Leidenschaft, aber ohne Vorsatz

2005 lernte er seine Lebensgefährtin, die Künstlerin Jana Gunstheimer kennen. Sie lebte in Jena, aber an den gemeinsamen Wochenenden wurde in der Spinnerei experimentiert – erste Bauten wie auch künstlerische Interventionen entstanden. So begannen sie beispielsweise fahrbare Betten auf Rädern anzufertigen, es folgten erste große Installationen für Ihre Ausstellungen. Das Material dafür fanden sie in all den verlassenen, riesigen Hallen, in denen man auf Beutezügen auch mit Pfeil und Bogen um den Abwasch schießen konnte. In den großen leerstehenden Zwischen- und Vorräumen der Spinnerei inszenierte Jana seinerzeit mit Künstlerfreunden dystopische Szenarien, die sich oft mit der Geschichte Ostdeutschlands und der zu beobachtenden Rat- und Antriebslosigkeit beschäftigten und Teil ihrer künstlerischen Arbeit wurden.

2008, nach ein paar Jahren des Pendelns, hat dann doch Jena als Lebensmittelpunkt das Rennen gemacht. Was aber tun mit Leipzig – mit diesem Raum, einem der schönsten auf dem ganzen Spinnereigelände? Ohne selbst wirklich daran zu glauben, kam ihnen der Gedanke mit der Vermietung. Auch in der Hoffnung, selbst immer wieder Gast bei sich sein zu können.

 

Die Gastgeber: Manfred Mülhaupt und Jana Gunstheimer. Foto: Christian Schaulin

Nach 14 Jahren, in denen sie zum „stillen Örtchen“ immer mit dem Fahrrad über diverse Flure fahren mussten, baute Manfred Mülhaupt eine Toilette in das Badezimmer ein – leider erst nach ihrem Auszug. Und wider Erwarten kamen Gäste. Leider auch immer dann, wenn sie selbst gern gekommen wären. So beschlossen sie, dass es noch ein zweites, drittes und viertes Meisterzimmer geben müsse, denn neben dem Bauen machte auch das Gastgeberdasein mittlerweile enorme Freude. Ihrem Ansatz individueller, oft selbstgebauter Inneneinrichtung ohne Kochinseln und Design-Klassiker folgend, sind mittlerweile vier völlig unterschiedliche Räume mit Ateliercharakter entstanden. Was sie auszeichnet, sind eigensinnige Einbauten, Industrie-Repertoire und Installationen zeitgenössischer Kunst – je nach Raum mit anderen Prioritäten.

Eigensinnig, individuell und voller Ironie: die Meisterzimmer
Oder: Von der Kunst einer künstlerisch inspirierten Raumgestaltung

Alles, was heute im Meisterzimmer #1 an Einbauten zu finden ist, resultiert aus der reinen Freude am Bauen. Hier hat der Gastgeber selbst gearbeitet und gelebt, gebaut, rückgebaut und mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit bei gleichzeitig großer Entspanntheit auch längere Umbauphasen – quasi auf der Baustelle – erlebt. Dieser Raum ist über viele Jahre gewachsen, die Spinnereihistorie kommt hier mit zahlreichen Originalfundstücken aus der Zeit, als vor Ort noch Baumwolle gesponnen wurde und die Meisterzimmer mit kunstledernen Sesseln ausstaffiert waren, am stärksten zum Tragen. Die #1 ist im wahrsten Wortsinn auch das variabelste Zimmer, nicht nur aufgrund der dominanten Rollbetten. Hier finden auch heute noch am ehesten substanzielle Veränderungen statt. Eine „Gartenhütte“, die zwischenzeitlich auf der Podesterie entstanden war, ist mittlerweile schon wieder rückgebaut und existiert nur noch als Erinnerung einer schönen, aber vergangenen installativen Idee.

Meisterzimmer #1: Bis zu acht Gäste finden hier Platz. Foto oben: Manfred Mülhaupt; Foto unten: Nick Putzmann

Die Gestaltung des Meisterzimmer #2 (2011), ein ursprünglich nüchterner Raum ohne erkennbare Geschichte, orientierte sich stark an seinen ungewöhnlichen Maßen von 16 x 4 Metern. Wie ein Schiffskörper erschien den Betreibern der Raum, den sie gedanklich während eines Venedig-Aufenthaltes planten.

Im “Heck“ sind Bad und Küche wie Versorgungseinheiten untergebracht. Von der darüber liegenden Ebene hat man, gleich dem Blick von der Schiffsbrücke, den Überblick über das gesamte „Vorderdeck“, auf dem sich ein Tisch, verschiedene Sitzgelegenheiten und an vorderster Front ein Arbeitsplatz befinden. Dort sitzt man – wie an vorderster Schiffsreeling – mit einem wunderbaren Ausblick durch das überformatige Kastenfenster. Und meint fast, dass dahinter nicht das Spinnereigelände, sondern nur noch der endlose Horizont auf einen warte. Gespiegelt wird das reale Fenster durch eine Malerei von Jana Gunstheimer, die den Gast in eine ganz andere Landschaft entführt.

 

Meisterzimmer #2 – Blick von der Galerie (oben), Schreibtisch und zwei Fenster (unten).Fotos: Nick Putzmann

Der künstlerische Einfluss der Betreiber kommt am stärksten in den beiden zuletzt entstandenen Räumen zum Tragen.

Denn im Meisterzimmer #3 (2013) wie auch im Meisterzimmer #4 (2014) wurde die Kunst nicht als etwas gesehen, das einen bereits fertigen Raum im Nachhinein aufwertet oder dekoriert. Hier sind die Installationen bereits Teil der Planung gewesen, die Räume wurden speziell mit und für die Kunst entworfen. In diesen beiden Meisterzimmern finden sich Kunstwerke von Jana Gunstheimer und befreundeter Künstler. „Thank God It’s Abstract“ leuchtet eine Neonarbeit von Jana Gunstheimer im Meisterzimmer #3, die auf ironische Weise auf aktuelle Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst anspielt: je abstrakter, desto besser verkäuflich.

„Thank God It’s Abstract“ (2013) von Jana Gunstheimer: Ausstellungsansicht im Gemeentemuseum Den Haag (oben, Foto: Jana Gunstheimer) und im Meisterzimmer #3 (unten, Foto: Nick Putzmann)

Der Raum mit dem wunderbaren Fenster-Sitzplatz ist insgesamt wie ein Außenraum im Innenraum konzipiert. Die Backsteinmauern mitsamt allen sichtbaren Versorgungsleitungen könnten auch Außenmauern eines Gebäudes sein. Die Podeste sind wie Bühnen auf einem Platz arrangiert. Optisch gegliedert wird der Raum durch eine eingeständerte Box, in der sich die Sanitäranlagen befinden.

Bespielbare Bühne im Meisterzimmer #3. Foto: Nick Putzmann


Badbox und Schlafbereich, im Hintergrund gibt die „Schonung II“ des Fotografen Falk Haberkorn dem Raum eine zusätzliche Tiefe. Foto: Nick Putzmann

Überhaupt: Multifunktionale Podeste sind Wesensmerkmale der letztentstandenen Räume. Sie können sowohl als Bühne oder als Aufenthaltsplatz dienen. Oder sie schaffen den Raum, eine Skulptur in Szene zu setzen.

Beim Betreten von Meisterzimmer #4 fallen einem sofort drei Objekte auf. Auch wenn der Betrachter zuerst nicht recht weiß, was er sieht da sieht: es handelt sich um Aushangkästen, mit denen die Arbeiter der Spinnerei früher über aktuelle Themen informiert wurden. Die hinterleuchteten Originalfundstücke tragen hier ausnahmsweise keinen künstlerischen Hintersinn in sich, geben dem Raum aber zu allen Tageszeiten eine besondere Note.

Vom Eingang aus gesehen fallen gleich drei „Fenster“ in’s Auge (Foto: Nick Putzmann). Unten eine Aufnahme aus der Bauphase (Foto: Manfred Mülhaupt) und eine Ansicht im beleuchteten Zustand (Foto: Nick Putzmann)

Hintersinnig wird es dann aber doch noch: Vom rückwärtigen Teil des Zimmers aus entdeckt der Gast – gleich oder irgendwann – eine über der Badezimmerbox gelegene Tür, die in ihrer Robustheit an eine Tresortür denken lässt. Das rätselhafte Stück stammt von Jana Gunstheimer und könnte der Eingang zu einer unbekannten Parallelwelt sein.

Meisterzimmer #4: Badezimmerbox mit darüberliegender„Tresortür“. Foto: Nick Putzmann

Thank God it’s art! Sollten sie also hier oder in einem der anderen Meisterzimmer von Unruhe befallen werden, kann dies nur ihre kreative Ader sein, die soeben geweckt wurde!


Good to know

Manfred Mülhaupt baut immer noch gerne, unter anderem auch Websites. Und er plant aktuell – noch im Geheimen! – an einem neuen Projekt, einem alten Feuerwehrhaus bei Jena. Vielleicht lesen Sie also demnächst wieder von ihm auf urlaubsarchitektur.de.

Jana Gunstheimer ist mittlerweile Professorin für Experimentelle Malerei und Zeichnung an der Bauhaus-Universität Weimar. Aktuell hat sie den Falkenrot Preis 2018 gewonnen. Eine Ausstellung dazu ist vom 1. – 25. März in Berlin im Künstlerhaus Bethanien zu sehen.

In Leipzig ist natürlich die Buchmesse (15. – 18.3.2018) ein Publikumsmagnet, Lesungen im Rahmen von „Leipzig liest“ finden auch in der Spinnerei statt. Die Stadt selbst hat aber auch einiges zu bieten.

Wer sich näher für die Historie der Meisterzimmer interessiert, findet hier eine höchst lesenswerte Geschichte von Manfred Mülhaupt: Zimmergeschichten


1 Kommentare

Gabriele Pagels sagt:

Was für eine großartige Entwicklung! Ich kenne diese Aufbruchstimmung nur zu gut. Habe 2007 das HIP Leipzig erkoren und später das The Yellow HIP. Viel interessanter aber die Freigeister, die den Weg in meine Unterkunft gefunden und die positiven Eindrücke und Erlebnisse in die Welt hinausgetragen haben. Ich selbst bin auch aus dem Westen – habe aber von jeher Pioniergeist verinnerlicht und ziehe meist dort hin, wo es noch etwas zu bewegen gibt. Stay tuned…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.