HomeStory: Ferien im Baudenkmal

von Olaf Bartels, März 2016

 

Nüwhus

Credit: Olaf Bartels


Turrahaus

Credit: Olaf Bartels

 

Neues Leben zwischen alten Wänden

Ferien auf dem Bauernhof kannten wir schon. Man kann die Ställe durchstreifen, helfen das Gras zu mähen oder die Ernte einzufahren und man lernt viel über das Leben auf dem Land. Aber „Ferien im Baudenkmal‘‘? Darunter konnte ich mir erst einmal nichts Besonderes vorstellen. Die Idee, mal eine Nacht in einem Museum zu schlafen und heimlich zu den ausgestopften Affen und Pinguinen zu schleichen oder mein Lieblingsbild stundenlang im Schlafanzug und mit Taschenlampe in der Hand zu betrachten, das wäre schon eher nach meinem Geschmack gewesen. „Ferien im Baudenkmal‘‘ — darf man da überhaupt etwas anfassen oder umstellen?

Bereits 2005 hat der Schweizer Heimatschutz die Stiftung „Ferien im Baudenkmal‘‘ gegründet, um denkmalwürdige Bauten nicht nur vor dem Verfall zu schützen, sondern auch, um sie mit neuem Leben zu füllen. So genießen auch Alltagsbauten und nicht nur Burgen, Schlösser und Kathedralen die besondere Aufmerksamkeit dieser Stiftung. In der Regel bringt eine Urlaubergesellschaft das neue Leben in diese Gebäude. So sind fast ausschließlich Wohngebäude in dem knapp 40-Seitigen Katalog der Stiftung aufgenommen worden.

 

Unser Haus in Camana im Safiental

Das Haus, das wir mit Freunden in den Schweizer Alpen gemietet hatten, war so ein Baudenkmal. Mit 7 Erwachsenen und drei Kindern, wollten wir hier unseren Winterurlaub verbringen — Skitouren unternehmen, Skilanglauf oder Winterwanderungen machen. Wir hatten uns das Safiental ausgesucht, das sozusagen hinten geschlossen ist und keinen Durchgangsverkehr hat. Dadurch ist es für den Massentourismus Tourismus uninteressant, dem wir aus dem Weg gehen wollten. In den Dörfern konnten wir ohnehin die Häuser zählen, aber irgendwie hatten wir auch das Gefühl hier wäre die Zeit stehen geblieben. Wenn man von den modernen Landmaschinen und den Autos einmal absah, die in den Scheunen und Garagen standen, waren die meisten Häuser kräftig in die Jahre gekommen. Die Handys zeigten aber vollen Empfang. Neue Häuser gab es schon, aber sie waren wie die alten aus Holz gebaut, wenn auch in etwas einfacheren, eben moderneren Formen.

 

HomeStories sind eine Reihe von Beiträgen, die von den Menschen und Geschichten hinter den URLAUBSARCHITEKTUR Häusern berichten.

URLAUBSARCHITEKTUR-Häuser sind ganz besondere Orte. Sie transportieren die Eigenheiten eines Ortes und machen die Visionen der Menschen, die sie erdacht und erbaut haben, in einzigartigen Raumkonzepten erfahrbar. Mit den HomeStories möchten wir Architekten und Architekturkritikern, Gastgebern und Gästen das Wort geben und dem Leser einen Blick hinter die Fassaden der URLAUBSARCHITEKTUR-Häuser gewähren, sie in ein sehr persönliches Licht rücken und gleichsam von innen heraus erzählen.

Unser Nüw Hus stammte aus dem Jahr 1787. Es war eines der alten Häuser, nur der kleine „Holzrucksack‘‘ im Obergeschoss wies mit seinem hellen Holz auf eine Erneuerung hin. Entsprechend gut war es auch in die Umgebung der Dorfbauten, der Höfe und Ställe integriert. Es fiel kaum auf. Wie seine Nachbarn war es in „Strickbauweise‘‘ errichtet worden. Das Erdgeschoss beherbergte die Stube mit einer kleinen Schlafstube, zwei Duschbäder und eine geräumige Küche mit einer Kochinsel, einem schlichten langen Holztisch mit zwei Holzbänken, an der wir alle Platz hatten, und einem alten Grundofen, der die Stube heizte und mit seinem Kamin auch das Obergeschoss etwas wärmte. Der Ofen und die Küche waren aus Stein gebaut — ganz nach der örtlichen Tradition. Nach der ist auch die Treppe in das Obergeschoss gebaut worden — eng und steil. Viel Höhenunterschied war allerdings nicht zu überwinden. Unten gab es knapp 2,30 Meter Deckenhöhe, oben waren es höchstens 1,70 Meter. Die Türen maßen höchstens 1,50 Meter, auch unten. Man bewegte sich im Haus also angemessen mit geduckter Haltung — auch zum Schutz der eigenen Stirn. Wände und Decken hatten natürlich keinen Schalschutz und die kräftigen Dielen Astlöcher, durch die man hindurchschauen und hören konnte. Heizungen waren nur wenige fest eingebaut. In den Schlafräumen standen rollbare Heizkörper. In der Stube waren feste Heizungen unter den Bänken montiert. Sie liefen alle mit Strom. Küche und Bäder hatten allerdings eine Fußbodenheizung. Für Wärme war also gesorgt. Auch der Grundofen trug dazu einiges bei.

In dieser Umgebung ließ es sich leicht nachvollziehen, wie das Leben in diesen Häusern früher war: Man hat an Baumaterial nur das notwendigste verbaut und keine zu großen Räume geschaffen. Sie waren einfach zu heizen oder blieben kalt wie die Schlafräume. Das bekam eine eigene romantische Note, wenn die Heizung ausgeschaltet blieb. Man hat damals wohl ehr eng zusammengewohnt – ohne ausgeprägte Privatsphäre. Daran mussten wir uns erst gewöhnen. Dafür war die Küche gemütlich. Kochinsel und Holztafel schweißten uns zusammen. Zwei große Fenster hielten uns den Blick in die Bergwelt frei — Raum für Sehnsüchte und Tourenpläne. Die Bäder waren nicht groß, aber bequem nutzbar und im Obergeschoss gab es im „Holzrucksack‘‘ noch eine weitere Toilette.

Das Nüw Hus wurde in einer Initiative der Talbewohner erworben, saniert und betrieben, die dafür eine eigene Stiftung gründeten. Sie folgt damit dem Prinzip der „Stiftung Ferien im Baudenkmal‘‘.

 

Das Leben der Alten als Orientierung für das heutige Bauen

Wir hatten keinen üppigen, aber doch einigen Komfort in diesem Haus. Dafür ließ sich viel über die Lebens- und Baukultur der Alten lernen und auch einiges davon ausprobieren. Ein Besuch im örtlichen Heimatmuseum bestätigte uns, dass wir es doch recht bequem in unserem Ferienhaus hatten und die Lebensbedingungen der Menschen aus früheren Jahrhunderten trotz aller Hinweise im Haus nur erahnen konnten. Das Museum war nur ein paar Jahrzehnte älter, aber nach dem gleichen Muster gebaut, besser: „gestrickt‘‘ wie unseres.

Nach diesem Besuch fielen uns die vielen Häuser dieses Typs im Tal auf. Viele von ihnen waren bereits saniert und modernisiert, mehr oder weniger behutsam. In jedem Fall aber so, dass sie dem örtlichen Haustyp entsprechen. Mittlerweile sind auch Schulhäuser auf diese Art umgenutzt worden und jetzt entweder Ferienhäuser, B&Bs oder Hotels. Am Ende des Tals bemerkten wir dann noch ein weiteres Haus, das über die Stiftung „Ferien im Baudenkmal modernisiert worden ist. Direkt daneben steht ein „Ausstellungsstall‘‘, der Besuchern dessen Bautypologie erklärt. Die alten Hausformen und Bautypen bestimmen mit der einmaligen Landschaft das Bild des Tals und tragen letztlich auch zu der Ruhe bei, die man hier erleben kann. Noch lebt man hier zu knapp 80 % von der Landwirtschaft. Aber schon stehen viele der Scheunen leer, die ebenso das Landschaftsbild prägen. Man ist im Safiental, wie in der gesamten Schweiz sehr um den Erhalt und die Weiterentwicklung des örtlichen Bauens bemüht. Hier im Safiental geht die Rechnung offenbar auf, denn die so geschützten Häuser tragen die Kosten ihrer eigenen Sanierung durch die Vermietung und eröffnen mit der neuen Nutzung für das Tal neue Perspektiven. Urlaubsarchitektur.de präsentiert hier das behutsam sanierte und modernisierte „Nühus‘‘. Aus dem Portfolio der oben genannten Stiftung „Ferien im Baudenkmal‘‘ führt URLAUBSARCHITEKTUR das „Huberhaus‘‘ im Oberwallis.

Wir waren froh, mit unserem Urlaub direkt etwas zum Erhalt dieses Orts- und Landschaftsbildes beigetragen zu haben. Sport und Spaß gab es auch. Schließlich ließ es sich mit oder ohne Ski direkt vor der Tür auf Wanderschaft gehen.

 

Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Nühus

Credit: Elia Aubry


Huberhaus

Credit: Elia Aubry


Huberhaus

Credit: Elia Aubry


Huberhaus

Credit: Elia Aubry


Huberhaus

Credit: Elia Aubry

 

Olaf Bartels, geboren 1959, ist Architekturhistoriker und Architekturkritiker. Veröffentlichungen u. a. in der Bauwelt, Baumeister, deutsche bauzeitung. Forschung und Lehre zur Architektur- und Stadtbaugeschichte. Er lebt in Hamburg und Berlin.


2 Kommentare

Gunda Förster-Jorczyk sagt:

„Ferien im Baudenkmal“ halte ich für ein sehr gutes Konzept, die Akzeptanz und die Motivation für den denkmalgerechten Erhalt alter Bausubstanz im ländlichen Raum bei den Besitzern solch alter Gemäuer zu erhöhen. Bei uns im Dorf war z.B. der Grund für den Verfall der alten Schmiede, dass eine Idee für die Nutzung fehlte. Dabei wohnen die Gäste gerne einmal anders und nehmen das Angebot auch ungewöhnlicher Grundrisse an. Eine Stiftung wäre toll, würde auch zum Motto des diesjährigen Denkmaltags „Gemeinsam Denkmale erhalten“ passen.

Alexandra Ulm sagt:

Auch hier in Deutschland gibt es „Ferien im Baudenkmal“, sogar hier auf Urlaubsarchitektur, unsere beiden denkmalgeschützten Ferienhäuser ICKELHAUS (1 und 2).
Die Denkmalpflege honoriert solche Vorhaben durchaus, wie auch der aktuelle Fernsehbeitrag des Bayerischen Rundfunks zeigt:

br.de/mediathek/video/sendungen/frankenschau-aktuell/denkmalpreis-ehepaar-ickelheim-100

Leider gibt es hier keine Stiftung Heimatschutz, die die Energien bündelt.

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