HomeStory: Das zweite Leben einer alten Kirche

Von Ulrich Stefan Knoll, Juli 2017 (Update: Dezember 2017)

Anke Nuxoll-Oster ist eine DIY-Frau. Zu ihrem ersten Haus kam sie eher durch Zufall, dann hat sie die Leidenschaft als Retterin alter Gemäuer und als Gastgeberin gepackt. Im März 2018 wird mit der alten Kirche in Bernkastel-Wehlen an der Mosel ihr viertes Urlaubsarchitektur-Projekt die Pforten öffnen: Gäste können dann erstmals in Deutschland eine Kirche und später auch das zugehörige Feuerwehrhaus bewohnen. Eine Mut-mach-Geschichte für Alle, die bislang nur heimlich von ihrer eigenen Urlaubsarchitektur geträumt haben.

Foto: Andreas Scholer / tonimedia.de (Dezember 2017)


Foto: Andreas Scholer / tonimedia.de (Dezember 2017)


Foto: Andreas Scholer / tonimedia.de (Dezember 2017)

Anke, Du bist studierte Betriebswirtschaftlerin und hattest bis zu Deinem ersten Projekt keine einschlägigen Erfahrungen mit der Renovierung von Gebäuden und der Beherbergung von Gästen. Bist Du also sprichwörtlich „wie die Jungfrau zum Kinde“ zur Urlaubsarchitektin geworden?
Anke Nuxoll-Oster: Das kann man so sagen. Die Geschichte hat schon 2007 ihren Anfang genommen. Wir hatten damals unseren privaten Altbau in ein Mehrgenerationenhaus umgebaut und damit den 1. Preis beim Leserwettbewerb „Umbauen & Anbauen“ der Zeitschrift Zuhause Wohnen gewonnen. Für den Beitrag hatte uns die Redaktion einen Fotografen und eine Stylistin vorbeigeschickt. Als die gerade aus dem Haus waren, klingelte es wieder: Die Stylistin wollte mir unbedingt noch sagen, dass ich ihrer Meinung nach ein Händchen für Inneneinrichtung hätte und überlegen sollte, das beruflich auszuüben. Das hat mich ziemlich überrascht, da mir das selber überhaupt nicht bewusst war.

An dem Punkt wollte ich mich bereits beruflich verändern und habe das dann tatsächlich ziemlich zügig in die Realität umgesetzt. Da ich mir damals nicht vorstellen konnte, für fremde Menschen Privatwohnungen einzurichten, habe ich zu Beginn in Köln eine Immobilie erworben und zum Boardinghouse mit sechs Wohnungen umgebaut. Dort konnte ich mich erstmals professionell austoben. Und weil das gut funktioniert hat, kam noch ein Boardinghouse mit fünfzehn Wohnungen in Essen dazu.

Und wie bist Du dann im Ferienhaus-Sektor gelandet?
Anke Nuxoll-Oster: Wenn man so will, wiederum auf Umwegen. Wir hatten öfter Schwierigkeiten für den Skiurlaub im Sauerland ein schönes Domizil zu finden. Irgendwann war ich wirklich frustriert und dachte mir: Vielleicht muss man es einfach selber machen. Ich bin dann auf ein passendes Haus in Winterberg gestoßen, das seit 2012 von uns sowohl vermietet als auch eigengenutzt wird. Die Fremdvermietung war notwendige Voraussetzung, weil wir uns ein eigenes Ferienhaus gar nicht hätten leisten können. Nachdem sich Winterberg gut anließ und ich mich in der Ferienhaus-Vermietung sicherer fühlte, habe ich mich an ausgefallenere Objekte herangewagt: Es folgten mit der Monschaubleibe (2013), der Sauerlandbleibe (2014) und der Brückenvilla (2015) die Häuser, die bereits bei Urlaubsarchitektur vertreten sind.

Monschaubleibe

Brückenvilla

Sauerlandbleibe

 

Dein neuestes Projekt ist ein Kirchenumbau an der Mosel. Erzähle mal!
Anke Nuxoll-Oster: Ja, das ist wirklich außergewöhnlich und ich kann es selbst oft kaum fassen, dass ich nun die erste Kirche in Deutschland in ein Ferienhaus umbaue. In Holland und England gibt es das ja bereits häufiger, aber hier ist es noch Neuland.

Da wir bei unserer Sauerlandbleibe gemerkt hatten, dass es für moderne Gruppen- und Seminarhäuser eine hohe Nachfrage gibt, hatten wir uns gezielt auf die Suche nach einem großen Haus gemacht. In einer Onlineausschreibung der Stadt Bernkastel bin ich dann auf die alte Kirche in Wehlen gestoßen, für die seit langem ein neuer Eigentümer gesucht wurde. Aber niemand wollte das mittlerweile marode Gebäude haben. Da der Stadt die finanziellen Mittel fehlten, hatte es über Jahre hineingeregnet, so dass bereits gravierende Schäden an der Bausubstanz vorhanden waren. Doch das Baujahr von 1669 und die vielen Altbauelemente hatten immer noch ihren Charme.

Fotos aus der Bauphase, Frühjahr 2017

Für uns war die Kirche perfekt, da sie schon vor über 100 Jahren nicht mehr genug Platz für die wachsende Bevölkerung bot und daher nach dem Bau einer neuen Kirche bereits säkularisiert und in Armenwohnungen umgebaut worden war. Somit ist sie von der Aufteilung her als Gruppenhaus bestens geeignet. Später folgten dann diverse weitere Umnutzungen, so dass die Wehlener schon daran gewöhnt waren, dass ihre alte Kirche anderen Zwecken diente. Das war, glaube ich, sehr hilfreich für die Akzeptanz meines neuen Vorhabens.

Der Kirchenraum mit der acht Meter hohen Gewölbedecke wird nun zur offenen Küche und zum Ess- und Seminarbereich umgebaut. Im Dachgeschoss gibt es künftig Platz für Workshops, Yogakurse oder sonstige Gruppenaktivitäten. Den Gästen stehen dann insgesamt zehn Schlafzimmer und sieben Bäder zur Verfügung. Von einem der Schlafzimmer wird es hoffentlich – wenn das Geld reicht – einen Zugang zum Kirchturm mit der atemberaubenden Aussicht auf die weltberühmte Weinlage Wehlener Sonnenuhr geben. Und der schöne Kirchgarten lädt künftig zum Grillen und Entspannen ein, im Gewölbekeller kann später auch gefeiert werden.

Aber das ist alles Zukunftsmusik. Im Moment stecke ich gerade noch voll in der Baustellenorganisation. Und hier beansprucht mich vor allem der Chorraum – der Umgang mit den Themen Schall und Beheizung ist natürlich eine besondere und für mich neue Herausforderung.

Wenn man sich ansieht, wie die Kirche vorher aussah: sind solche Projekte nicht generell unglaublich zeitaufwändig und schlecht kalkulierbar? Oder warst Du immer von deiner Leidenschaft getrieben und irgendwann gab es einfach kein Zurück mehr?

Anke Nuxoll-Oster: Ich verliebe mich ja immer sofort in meine Häuser und kann dann eigentlich gar nicht mehr zurück. Das war bei der Kirche besonders hart, weil ich neun Monate um eine Bankfinanzierung kämpfen musste. Ein solcher Bau passt ja in kein Gutachterschema und wurde daher mehrfach als nicht finanzierbar eingestuft. Und die einzige Bank, die letztendlich bereit war, hat uns nur ein sehr enges Budget eingeräumt – so dass ich täglich mit mir ringe, was ich umsetzen kann und auf was wir verzichten müssen. Das ist schon eine schwere Geburt. Aber wenn der Umbau fertig ist, bin ich sicher, dass sich der ganze Stress gelohnt hat.


Fotos aus der Bauphase, Frühjahr 2017

Was muss man aus deiner Sicht mitbringen, um Häuser erfolgreich umzubauen und zu vermieten? Kann das eigentlich jeder?
Anke Nuxoll-Oster: Ich denke, es gibt ein paar Punkte, die wichtig sind. Wann immer ich ein neues, häufig sehr marodes Objekt sehe, habe ich sofort eine Vision, eine genaue Vorstellung davon, was ich daraus machen kann und wie es später aussehen wird. Andere halten mich oft für verrückt. Aber ich sehe nie den Ist-Zustand, sondern immer nur das Endergebnis.

Hinzu kommt, dass ich es liebe, zu reisen und dabei Orte ausfindig mache, von denen ich mich inspirieren lasse. Ich nehme dann die Besonderheiten auf, die mir gefallen und kann sie oftmals, wenn auch in abgewandelter Form, in neue Projekte einfließen lassen. Auf diese Art habe ich aus all den Eindrücken der letzten Jahre eine Art Archiv angesammelt, aus dem ich schöpfe. So hat sich über die Zeit bei mir sicherlich die Fähigkeit weiter entwickelt, dass die Ideen sofort kommen – egal wie unterschiedlich die Häuser sind.

Aber neben der kreativen Ader ist auch eine Portion Mut und Unerschrockenheit unerlässlich. Ich bin eigentlich immer sehr zuversichtlich, dass sich die Häuser rentieren und es so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Denn wenn man nur die Probleme im Fokus hat, ringt man sich ja nie zu etwas durch. Ein wenig kommt mir auch mein betriebswirtschaftlicher Hintergrund zugute. Nur mit Kreativität alleine lässt sich so ein Unternehmen nicht stemmen. Altbauten halten leider auch immer Überraschungen mit Mehraufwand bereit und wir mussten, das muss ich zugeben, bisher bei jedem Projekt nachfinanzieren. Ein größerer finanzieller Puffer sollte daher im Vorfeld schon mit einkalkuliert werden. Das nehme ich mir auch jedes Mal vor. (schmunzelt)

Was macht Dir bei der Vermietung am meisten Spaß?
Anke Nuxoll-Oster: Am schönsten ist es, die Häuser und Wohnungen vor dem Verfall zu retten, sie sorgsam zu sanieren und dann ganz nach dem eigenen Geschmack einzurichten. Das ist ein bisschen so, als würde man sein eigenes Zuhause immer wieder neu erfinden. Wenn dann noch von den Gästen so viel positives Feedback kommt, ist das wirklich schön: zu wissen, dass sie sich in „meiner Welt“ wohlfühlen.

Vier Urlaubsarchitekturen, das war es jetzt aber noch nicht, oder?
Anke Nuxoll-Oster: (lacht) Eigentlich habe ich mir vorgenommen, das war´s. Ich komme ja auch wirklich langsam zeitlich an meine Grenzen, da ich mich selbst um die Vermietung der Objekte kümmere. Insgeheim träume ich aber schon lange von einer Finca auf Mallorca… also, wer weiß!

Die Bleibe in der Alten Kirche in Bernkastel-Wehlen kann ab 15. Februar 2018 über www.bleibe.de gebucht werden. Bis zu 24 Personen finden dort Platz für Seminare, Workshops oder Familientreffen. Später kommt noch das Feuerwehrhaus für 4-6 Personen auf dem selben Grundstück dazu.

Fotocredits
Innenaufnahmen Dezember 2017: Andreas Scholer / TONIMEDIA. Bildrechte: Anke Nuxoll-Oster.
Baustellenbilder: Andreas Scholer / TONIMEDIA. Bildrechte: Anke Nuxoll-Oster.
Fotos Monschaubleibe / Brückenvilla:  Studio B23, Yvonne Kirch. Bildrechte: Anke Nuxoll-Oster.
Fotos Sauerlandbleibe: Constantin Meyer


5 Kommentare

Sandra Hufnagel sagt:

Liebe Anke, danke. Großartige Projekte, fantastische Ergebnisse. Chapeau chapeau! Mir hat dieser Artikel unglaublich nur gemacht, eben doch das Projekt „Urlaubsarchitektur „ anzupacken. Als Architektin und vor allem Innenarchitektin bringe ich zwar Know how im kreativen Bereich mit, doch Betriebswirtschaft ist nicht mein Ding…ist es möglich Kontakt aufzunehmen? Besten Dank und ein herzlicher Gruß Sandra

Jan Reininger sagt:

Es wird Zeit für das erste Kirchgebäude mit integrierten Ferienwohnungen – zumal das gute Stück ja schon seit über 100 Jahren zu Wohnungen umgenutzt war. Schade, dass es immer so ein Kampf sein muss, Bankkredite für solche Projekte zu bekommen – gerade in diesen Zeiten, wo auch die Banken nicht so recht wissen, was sie mit ihrem Geld machen sollen. Halt durch Anke! Ich bin sehr gespannt, was uns in 2018 erwartet :-)

Melissa sagt:

Ein aufregendes Projekt, dass sich schlussendlich sicher sehr gut in das bereits bestehende bleibe-Portfolio einreihen wird. Das besteht ja quasi nur aus Schmuckstücken :-)
Ich bin schon ganz gespannt auf weitere Bilder und das Ergebnis!

Ute sagt:

Ich bin zutiefst beeindruckt von soviel Mut und Kreativität!! Tolle Geschichte, vielen Dank für das Interview und ganz viel Erfolg! Ute

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