HomeStory: Tautes Heim

von Katrin Lesser und Ben Buschfeld

 

Tautes Heim ist Architektur- und Designgeschichte zum Anfassen und ein privates Projekt von Katrin Lesser und Ben Buschfeld, zwei engagierten Bewohnern der berühmten Berliner Hufeisensiedlung. Im Zuge der seit 2000 fortschreitenden Privatisierung hatten sie 2010 Gelegenheit, das zum Verkauf stehende Haus in der zum UNESCO-Welterbe zählenden Anlage auch von innen zu besichtigen und waren spontan begeistert, wie viel Originalsubstanz hier noch vorhanden war. Rasch stand der Entschluss fest, dieses Kleinod zu retten und öffentlich zugänglich zu machen. Wie es dazu kam und welche Herausforderungen bei der Restaurierung zu bewältigen waren, erläutert Buschfeld für Urlaubsarchitektur in den Homestories:

 

 

Die 1925 von Bruno Taut entworfene Hufeisensiedlung ist ein bei Architekten, Historikern und Städteplanern weltweit bekanntes Denkmalensemble. Obwohl Taut, anders als viele Kollegen (etwa Walter Gropius, Mies van der Rohe, Erich Mendelsohn oder Hans Scharoun) infolge seines frühen Todes nicht nach dem Zweiten Weltkrieg noch mal international reüssieren konnte, gilt er als der wohl wichtigste Wegbereiter des Neuen Bauens in Berlin. In der zur Jahrhundertwende rasch wachsenden Hauptstadt schuf er zwischen 1913 und 1932 gleich mehrere große Wohnsiedlungen, die qualitativ weit herausragen und von denen gleich vier heute zum UNESCO-Welterbe gezählt werden. Von diesen insgesamt sechs Berliner Welterbe-Siedlungen ist unsere, sich um eine 350-Meter lange hufeisenförmig gebogene Gebäudezeile gruppierende Anlage, sicherlich die berühmteste und auch historisch interessanteste.

Wer heute auf den Pfaden der Klassischen Moderne durch die ungewöhnlich grün und variantenreich gestaltete große Anlage spaziert, stellt sich automatisch die Frage „Wie wohnt es sich wohl hinter diesen farbigen Fassaden?“. Und auch die Überlegung „Wie waren die Häuser denn innen gestaltet und ausgestattet?“ beschäftigt die von uns vor Ort geführten Fachgruppen und Designfans regelmäßig. Aber obwohl zu Bruno Tauts Werk bereits viel geforscht und geschrieben wurde, gab es bis 2012 keinen Ort wo sich die Qualität seiner markanten Farbwahl und der klugen Grundrisse wirklich „erleben“ liess. Auch gab es bis dahin keine ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen zu seinen Maximen bezüglich der Gestaltung der Innenräume. Das wollten wir ändern, zumal es sich dabei auch um Fragen handelt, die wissenschaftliche Gutachten ja eh nicht wirklich vermitteln können.

 

HomeStories sind eine Reihe von Beiträgen, die von den Menschen und Geschichten hinter den URLAUBSARCHITEKTUR Häusern berichten.

URLAUBSARCHITEKTUR-Häuser sind ganz besondere Orte. Sie transportieren die Eigenheiten eines Ortes und machen die Visionen der Menschen, die sie erdacht und erbaut haben, in einzigartigen Raumkonzepten erfahrbar. Mit den HomeStories möchten wir Architekten und Architekturkritikern, Gastgebern und Gästen das Wort geben und dem Leser einen Blick hinter die Fassaden der URLAUBSARCHITEKTUR-Häuser gewähren, sie in ein sehr persönliches Licht rücken und gleichsam von innen heraus erzählen.

Katrin und ich wohnen wohnen seit fast 20 Jahren in der Siedlung und haben beide ein großes Faible für Denkmalschutz und dessen moderne Vermittlung. Da wir hier nicht nur beruflich, sondern auch privat stark engagiert und breit vernetzt sind, kennen wir viele Häuser vor Ort auch von innen. Als wir dann im Frühjahr 2010 das – damals ziemlich heruntergekommen zum Verkauf stehende – fast freistehend wirkende Reihen-Endhaus erstmalig betraten, waren wir sofort begeistert davon, wie viel Originalsubstanz hier noch vorhanden war: Im Garten standen noch die zur Bauzeit gepflanzten Obstbäume. Im Inneren waren alle originalen Einbauten noch vorhanden. Auch die heute nicht mehr produzierten Türdrücker und Fenstergriffe waren sämtlich noch komplett und intakt. Sogar zwei der drei zeittypischen historischen Kachelöfen mit den farbintensiv glasierten Fliesen standen noch!

Jedes einzelne dieser Merkmale ist schon selten, in der Summe sind sie ein kleines Wunder. Das war sensationell und wir haben sofort nach einer Möglichkeit gesucht, das so zu erhalten und auch anderen Menschen zugänglich zu machen. In mühevoller Kleinarbeit begannen wir, die einzelnen Farb- und Bauschichten abzutragen, liessen die Ursprungsfassung von 1930 wissenschaftlich untersuchen, um dann jeweils die farbenfrohe Erstfassung der einzelnen Räume wieder herzustellen. Diese Untersuchung förderte auch für Taut-Kenner Erstaunliches an den Tag, etwa die vereinzelt rot abgesetzten Streben des Treppengeländers oder eine blau abgesetzte Decke in der Küche zeugen von der hier überall sichtbaren Farbenfreude, für die Bruno Taut ja berühmt ist, die aber trotzdem noch nie am konkreten Objekt erforscht wurde.

Als ein wahrer Krimi entpuppte sich die Rettung des Steinholzbodens in der Küche. „Steinholz“ ist ein in den 1910er und 20er Jahren sehr populärer, heute jedoch völlig aus der Mode gekommener Bodenbelag. Entsprechend gibt es in Deutschland kaum noch Fachleute, die sich auf dessen Reparatur oder gar Neuanlage verstehen. Über Kontakte zur Stiftung Bauhaus Dessau gelang es uns, einen dieser letzten Experten für das Projekt zu gewinnen und nach Berlin zu locken.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Wiederaufbau des einen fehlenden Ofens im Wohnzimmer. Obwohl zur Bauzeit fast alle Häuser ausschließlich durch mehrere, über die Räume verteilte Kachelöfen beheizt wurden, existieren davon heute nur noch sehr wenige Exemplare, weil die „alten Öfen“ in den 1950er Jahren mit Einbau neuer Heizungsanlagen fast flächendeckend herausgerissen wurden. Nach eingehenden Recherchen in der Nachbarschaft haben wir dann doch noch zwei kleinere, im Keller eingelagerte Öfen auftreiben können. Deren noch intakte Kacheln wurden dann im Esszimmer ausgebreitet und wie bei einem großen Puzzlespiel mit Unmengen von vor Ort angerührtem Lehm vom Ofenbauer neu aufgebaut.

Nach derart umfassenden Instandsetzungsarbeiten, begann die Suche nach historischen authentischen Ausstattungsstücken auf Flohmärkten und Antik-Börsen. Eine  bei Bruno Taut nicht gerade leichte Aufgabe, da er als Architekt der im öffentlichen Wohnungsbaus errichteten Siedlungen damals großen Wert darauf legte, die Erstbezieher der Häuser von den Vorzügen moderner Einrichtung zu überzeugen, ohne dabei direkten Kontakt zu ihnen zu haben. Er behalf sich, indem er mehrere Publikationen zur modernen Inneneinrichtung verfasste. Sein Appell, den typisch überladenen Hausrat und Nippes weitestgehend zu entschlacken, mündete sogar in der Redewendung, seine Wohnung „zu tauten“, die damals unter den Trendsettern der 1920er Jahre durchaus geläufig war und auf die wir uns mit dem Namen des „Tauten Heims“ auch beziehen.

Im Haus spiegelt sich sowohl der Einrichtungsgeschmack der Weimarer Republik als auch der Übergang zu Moderne und dem „International Style“ wider. Die Ambivalenz zwischen beiden Stilen wollten wir auch zeigen. Das Haus ganz puristisch nur mit Bauhaus Re-Editionen zu möblieren, wäre uns viel zu simpel gewesen und im Kontext auch nicht wirklich passend und authentisch erschienen. Günstig war auf jeden Fall, dass die Wohnungsbaugesellschaft damals regelmäßig Mietermagazine herausgegeben hatte, die Katrin fast komplett recherchieren konnte und die eine hervorragende Primärquelle waren.

Einige der Möbel des „Tauten Heims“ haben wir so auch selbst nach historischen Vorlagen dieser Magazine entworfen und vom Tischler passend bauen bzw. rekonstruieren lassen. Da die Hufeisensiedlung zur Bauzeit unmöbliert vermietet wurde, haben wir uns dabei aber zum Teil an anderen vergleichbaren Anlagen aus der Zeit orientiert. So ist zum Beispiel die Küche ein fast originalgetreue Replik der Küchen, die Taut später für die fast zeitgleich entstandenen „Onkel-Tom-Siedlung“ in Berlin-Zehlendorf entwickelt hatte. Das große Klappbett im Schlafzimmer hingegen haben wir nach Vorlagen, die Ernst May (ein anderer wichtiger Architekt des Neuen Bauens) für eine Frankfurter Siedlung entwickelt hatte, nachempfunden. Das kleinere Doppelbett nebenan geht auf einen in den berühmten „Bauhausbüchern“ gezeigten Entwurf zurück. Ein paar ironische Schlenker, wie etwa das von Katrin speziell gehäkelte, im Wohnzimmer platzierte Wandbild „Tautes Heim – Glück allein“ müsste Taut allerdings auch aushalten.

Nach rund zwei Jahren Wochenendarbeit und etlichen Handwerkerstunden strahlt nun auch das Innere des Hauses wieder und empfängt die Gäste mit den so typischen leuchtenden Farben, zahlreichen Details und einem historisch passendem Mobiliar, in das wir dann aber natürlich auch diskret den heute üblichen modernen Komfort – wie etwa Kühlschrank, Spülmaschine, Backofen oder Mikrowelle – integriert haben. Vieles hier kommt einem noch aus Omas „Guter Stube“ bekannt vor, spiegelt aber auch den Flair des „Bauhaus-Stils“ und vermittelt vor allem wie kaum ein anderer Ort die besondere Aufbruchsstimmung der 1920er Jahre.

Nachdem wir uns zunächst vergeblich um öffentliche Fördermittel bemüht hatten, kamen wir damals rasch zu dem Plan, dass Haus und unsere viele Arbeit durch die Vermietung an Architektur- und Designfans sukzessive zu refinanzieren. Eine Entscheidung, die wir nicht bereut haben. Im Gegenteil: Viel mehr als die enorme Resonanz in der Presse und Medien plus die beiden hochrangigen Denkmalpreise die wir 2013 erhielten, freut uns hierbei immer die enorme Begeisterung unserer Gäste sowie die vielen interessanten Begegnungen und Kontakte, die so entstanden sind. Da wir unsere Gäste in aller Regel persönlich empfangen und für sie auf Wunsch auch Führungen anbieten, kriegen wir immer wieder mit, wie begeistert sie sich – egal ob Laien oder Fachleute – über die vielen kleinen Details freuen. Nicht nur unsere Gespräche, sondern auch die Einträge im Gästebuch bestätigen dabei immer wieder, dass man Architektur und Design eben im Rahmen eines längeren Aufenthalts am authentischen Ort noch mal ganz anders erlebt, als bei einem reinen Museumsbesuch.

Das Haus kann ganzjährig gemietet werden. Im Herbst und Winter locken dabei etwa die hausinterne Handbibliothek, kuschelig warmen Kachelöfen oder die vielen kulturellen Angebote Berlins. Wer lieber jetzt im Frühjahr oder Sommer kommt, kann die im Garten vorm Haus blühenden nachgepflanzten Obstbäume bewundern, einen ausgedehnten Spaziergang durch das rund 2000 Wohneinheiten und 29 Hektar große, gut erhaltene Britzer Denkmalensemble unternehmen oder die Seele in der, zwischen den beiden alten Apfelbäumen aufgespannten, Hängematte baumeln lassen. „Licht. Luft und Sonne“ war das Motto nach dem die sechs Welterbe-Siedlungen einst entstanden – hier kann man es erleben.

 

Tautes Heim
Tautes Heim
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Tautes Heim
Tautes Heim
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Tautes Heim

Katrin Lesser und Ben Buschfeld haben das Haus vor Jahren gekauft, es mit viel Einsatz rekonstruiert und zu Tautes Heim gemacht. Beide wohnen ebenfalls in der Hufeisensiedlung. Katrin ist Landschaftsarchitektin und spezialisiert auf die denkmalgerechte Instandsetzung historischer Garten- und Parkanlagen. Ben ist Designer und bearbeitet insbesondere Projekte in der Kommunikation von Architektur-, Design- und Zeitgeschichte.

 

 

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