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Le Cor­busier atmen

Wer hautnah in die Architektur Le Corbusiers eintauchen will und stillschweigend genießen kann, ist als Übernachtungsgast im Couvent de La Tourette genau richtig. Dr. Brigitte Schultz hat sich für uns an diesen besonderen Ort der Stille begeben.

von Dr. Brigitte Schultz im Juli 2026

 Le Cor­busier atmen in  /

Der Weg zum Meis­terwerk der Moderne führt über das 18. Jahr­hundert. Vorbei am betulich-klas­si­zis­ti­schen Château de la Tourette biegt der Besucher in eine dicht bepflanzte Allee ein – und ist nicht darauf vor­be­reitet, was ihn am Ende des grünen Durch­gangs erwartet. Mil­lio­nenfach foto­gra­fiert und im kol­lek­tiven Archi­tek­tur­ge­dächtnis ver­ankert, steht diese Wucht von einem Gebäude plötzlich unver­mittelt vor einem. Inmitten der über­bor­denden Natur wirkt das berühmte bru­ta­lis­tische Kloster nicht wie ein Fremd­körper, eher wie ein Findling aus Beton, den rohe Kräfte zufällig hier liegen ließen. Seine Kirche wendet dem Neu­an­kömmling selbst­be­wusst ihre kom­plett geschlossene Beton­fassade zu. Das ist ein Statement: Hier geht es um die inneren Werte.

„Silence“ ver­kündet ein Schild am Tor zu dem park­ar­tigen Areal – und außer den Vögeln, die ein viel­stim­miges Lied zwit­schern, halten sich auch alle an diese Bitte.

Auf der Wiese neben der Kirche wird gepick­nickt, Inter­es­sierte aus ver­schie­densten Ländern warten geduldig hinter dem schlichten Ein­gangstor auf eine Führung, während Grüppchen von zeich­nenden Stu­denten das abschüssige Gelände auf der Suche nach der besten Per­spektive bevölkern. Der Ort absor­biert die Tou­risten mühelos. Beim Gang ums Gebäude ver­schwindet eine Blind­schleiche im Gras, eine Eidechse sonnt sich unge­stört auf einer Beton­treppe. Es herrscht eine medi­tative Atmo­sphäre, die einen die Hektik des Alltags schnell ver­gessen lässt.

Man kann sich gut vor­stellen, wie das Kloster zu seinen Hoch­zeiten gewirkt haben mag, als hier fast 100 Mönche und Novizen ihren Studien nach­gingen. Der Domi­ni­ka­ner­orden hatte das Ensemble aus Kirche, Gemein­schafts­räumen und Schlaf­zellen 1953 bei Le Cor­busier in Auftrag gegeben, da der ver­ant­wort­liche Pater Marie-Alain Cou­turier begeistert von seinen Bauten war. Dass Le Cor­busier beken­nender Atheist war, störte Cou­turier offen­sichtlich wenig. Im Gegenteil, er vertrat die Auf­fassung: „Lieber Genies ohne Glauben als Gläubige ohne Talent.“ Gemäß dieser revo­lu­tio­nären Grund­ein­stellung wünschte sich der Pater für seine Ordens­brüder keinen tra­di­tio­nellen Bau, sondern war auf der Suche nach einer zeit­ge­nös­si­schen Form, den Glauben zu leben. Auf die Frage des Archi­tekten, was denn ein „Konvent“ sei, soll er geant­wortet haben: „Schaffen Sie einfach eine Behausung für 100 Körper und 100 Herzen.“

Was Le Cor­busier und seine Mit­ar­beiter aus diesem Briefing gemacht haben, ist heute noch so beein­dru­ckend wie am ersten Tag. Die Ent­scheidung, das Ensemble ganz am Rande des 54 Hektar großen Park- und Wald­stücks zu posi­tio­nieren, erzeugt eine Dua­lität zwi­schen dem inten­siven Grün der Natur und der Präsenz des Betons.

Alle Funk­tionen kon­zen­trieren sich in einem kom­pakten Bau­körper, der sich – als Neu­in­ter­pre­tation einer tra­di­tio­nellen Klos­ter­anlage mit Kreuzgang – um einen Innenhof herum orga­ni­siert. Durch die Lage am Hang auf Cor­busier-typi­schen Pilotis und die Arbeit mit geo­me­tri­schen Grund­formen wie Pyra­miden, Kuben oder Ellipsen ergeben sich beim Gang um und unter das Gebäude man­nig­faltige Blick­be­zie­hungen. Für jeden Archi­tek­turfan ist das ein Fest an Sym­metrie, Rhythmus und Per­spektive.

Während im Innern nicht alle Räume für Besucher geöffnet sind, ist im Außen­be­reich alles frei zugänglich. So kann man nach Her­zenslust auf archi­tek­to­nische Erkun­dungstour gehen. Einem Bau­kasten gleich sind alle Funk­tionen klar ablesbar. Die 100 Mönchs­zellen mit ihren mar­kanten Bal­konen prägen die Ost‑, Süd- und West­an­sicht. Sie werden ergänzt durch die Gemein­schafts­räume, die durch ihre rhyth­misch struk­tu­rierten Glas­fas­saden zu erkennen sind. An ihnen ist deutlich die Hand­schrift des Musikers Iannis Xenakis zu sehen, eines Mit­ar­beiters Cor­bu­siers. Die Kirche schließt die U‑Form nach Norden ab. Im Innenhof wird diese formale Klarheit auf­gelöst zugunsten skulp­tural ein­ge­stellter Volumina, die Neben­räume, aber auch die expres­siven Licht­schächte der Kirche und eine kleine Kapelle mit pyra­mi­den­för­migem Dach auf­nehmen, die den Blick anzieht.

Von innen ergibt sich ein über­ra­schend anderes Bild. Nimmt man außen den Einsatz von Farbe kaum wahr, sind knallige Pri­mär­farben an den an Mon­drian ange­lehnten Fenstern zum Innenhof und an den Türen ein wesent­liches gestal­te­ri­sches Element. Auch die über Putz ver­legten Rohre sind je nach Funktion farbig mar­kiert – ein Prag­ma­tismus, der sich durchs ganze Gebäude zieht. Wer heute vom Lowtech-Bauen träumt, wird sich von vielen durch­dachten Details inspi­rieren lassen. So kann man die Glas­fenster bei­spiels­weise nicht öffnen – aber alle Räume mit schmalen, sehr hohen Lüf­tungs­klappen an Außen- und Innen­fassade effektiv quer­lüften.

Die far­bigen Türen sind um die Klinke herum schwarz lackiert, damit sie nicht nach kür­zester Zeit unschön aus­sehen – ebenso ein Stück des Bodens unter einer Kerze, auf das eben doch öfters Wachs tropft. Auch der Son­nen­schutz ist kom­plett durch bau­liche Mittel gelöst.

So blickt man wie aus einer Burg durch Licht­schlitze, die den Blick auf die Land­schaft male­risch rahmen, oder auf „Beton­blumen“, wie sie Le Cor­busier nannte, die zwar Licht hin­ein­lassen, Sicht und Sonne aber durch eine schräg abste­hende Beton­platte blo­ckieren. Der Son­nen­eintrag in die Wohn­zellen wird durch die gerahmten Balkone regu­liert.

Atmo­sphä­ri­sches High­light ist die Kirche – in der Le Cor­busier nach seinem Tod 1965 eine Nacht auf­ge­bahrt wurde, damit die Mönche Toten­wache halten konnten. Wie kaum ein anderer Raum des Klosters ver­körpert sie die Idee der Kon­zen­tration nach innen: Nach außen bleibt der Bau voll­ständig geschlossen, Licht dringt aus­schließlich über Ober­lichter und schmale Öff­nungen hinein. Je nach Tages- und Gebetszeit ver­ändert sich dadurch die Stimmung. Im Hauptraum scheinen die schmalen, innen farbig gestri­chenen Licht­schlitze selbst zu leuchten. Die Krypta wirkt deutlich intimer: Ihre expres­siven ellip­sen­för­migen Ober­lichter heben sich in inten­sivem Rot, Weiß und Blau von der dunkel gestri­chenen Decke und der teils gelben Wand ab – ein visu­elles Erlebnis.

Alles wirkt ori­ginal und wie kürzlich erst gebaut – was für die Qua­lität der vor gut zehn Jahren abge­schlos­senen Sanierung dieses Welt­kul­tur­erbes spricht. Ver­ant­wortlich dafür war der fran­zö­sische Denk­mal­ar­chitekt Didier Repellin vom Büro RL&Associés. Anders als bei vielen Ikonen der Nach­kriegs­mo­derne ging es in La Tourette weniger um spek­ta­kuläre Ein­griffe als um präzise Vor­sorge: Fas­saden und Innen­wände wurden gereinigt, die Elektrik erneuert, die fili­granen Beton­struk­turen gegen Oxi­dation geschützt und die Ver­gla­sungen durch bruch­si­cheres Glas ersetzt, das – obwohl Ein­fach­ver­glasung – die Iso­lation erheblich ver­bessert hat. Hinzu kam die Abdichtung der Dach­ter­rassen sowie die Ent­wicklung eines Brand­schutz­kon­zepts, das sich mög­lichst unauf­fällig in die Archi­tektur inte­griert. Ganz abge­schlossen ist die Arbeit bis heute nicht: Erst kürzlich wurde erneut das Atrium restau­riert, als nächstes soll das mar­kante Pyra­midion, also die kleine Kapelle, instand­ge­setzt werden.

So lebt das Kloster beständig weiter – auch wenn dort inzwi­schen nur noch neun Mönche behei­matet sind. Nachdem schon Anfang der 1970er Jahre der Nach­wuchs aus­blieb, öffnete der Orden das Ensemble nach und nach für Gäste in Form von Über­nach­tungen, Semi­naren und kul­tu­rellen Ver­an­stal­tungen. Die klös­ter­liche Struktur ver­trägt diese Nut­zungs­än­derung mühelos. Auch der Ort ist ideal für Kon­zen­tration und Ent­schleu­nigung. Dieses „Hotel“ ist perfekt für Archi­tek­turfans, die zur Ruhe kommen wollen: Kein Spa. Kein Fit­ness­center. Nur man selbst, die Natur und die Archi­tektur. Und abends legt man sich in seine Zelle und sin­niert über die Essenz von Archi­tektur, Mini­ma­lismus und Konsum. Bett, Tisch, Schrank, Wasch­becken und Balkon – was brauchte man eigentlich mehr?

Couvent Sainte-Marie de La Tourette
760, route de La Tourette, 69210 Éveux, Frank­reich

Das Gelände ist von 8 bis 19 Uhr frei zugänglich.
Die Innen­räume sind nur für Über­nach­tungs­gäste oder im Rahmen einer Führung (auf Fran­zö­sisch und Eng­lisch) zu besich­tigen. Die ein­ein­halb­stündige Führung kostet 10 Euro, 6 Euro ermäßigt.
Über­nach­tungen in den Klos­ter­zellen im Modulor-Format sind jeweils von Mon­tag­abend bis Sonn­tag­morgen möglich und kosten 62 Euro pro Nacht inklusive Früh­stück im Ori­ginal-Spei­sesaal des Klosters.

Online­bu­chungen und mehr Infor­ma­tionen: www.couventdelatourette.fr

Text: Dr. Bri­gitte Schultz

Foto­grafien (alle): Dr. Bri­gitte Schultz. Bilder 8 / 11 / 12 © F.L.C. / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

3 Kommentare

Ich war letztes Jahr da und habe eine Führung besucht. Es war sehr imposant und ein­drücklich. Die Stimmung und Atmo­sphäre war spe­ziell, ich ging ehr­fürchtig durch die Gänge und Räume. Die Archi­tektur ist ein­zig­artig, man geht auf Ent­de­ckungs­reise. Ich denke immer wieder an den Besuch und das Erlebnis zurück.

Yolanda Schmidlin sagt:

L’émotion res­sentie ici invite à méditer sur le Temps long, réfléchi, comme chois par l’évidence, même si ce con­centré de création nous trouvait pour résonner avec nous même au plus profond… Grand Merci LC

Vahanian sagt:

Wir haben die Kirche im Rahmen unseres Archi­tek­tur­stu­diums vor circa 40 Jahren besucht und auch dort über­nachtet. Es war für mich ein archi­tek­to­ni­sches Erwe­ckung ‑Erlebnis. Der Raum, die Funk­tio­na­lität der Mönchs­zellen und die ein­zig­artige Atmo­sphäre sowie der Dialog mit der Land­schaft! Vor einigen Wochen durfte ich im Hotel in der Unité in Mar­seille über­nachten. Die gleiche fan­tas­tische Archi­tektur Sprache. Einfach groß­artig!

Thomas Krüger sagt:

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