Le Corbusier atmen
Wer hautnah in die Architektur Le Corbusiers eintauchen will und stillschweigend genießen kann, ist als Übernachtungsgast im Couvent de La Tourette genau richtig. Dr. Brigitte Schultz hat sich für uns an diesen besonderen Ort der Stille begeben.
Der Weg zum Meisterwerk der Moderne führt über das 18. Jahrhundert. Vorbei am betulich-klassizistischen Château de la Tourette biegt der Besucher in eine dicht bepflanzte Allee ein – und ist nicht darauf vorbereitet, was ihn am Ende des grünen Durchgangs erwartet. Millionenfach fotografiert und im kollektiven Architekturgedächtnis verankert, steht diese Wucht von einem Gebäude plötzlich unvermittelt vor einem. Inmitten der überbordenden Natur wirkt das berühmte brutalistische Kloster nicht wie ein Fremdkörper, eher wie ein Findling aus Beton, den rohe Kräfte zufällig hier liegen ließen. Seine Kirche wendet dem Neuankömmling selbstbewusst ihre komplett geschlossene Betonfassade zu. Das ist ein Statement: Hier geht es um die inneren Werte.

„Silence“ verkündet ein Schild am Tor zu dem parkartigen Areal – und außer den Vögeln, die ein vielstimmiges Lied zwitschern, halten sich auch alle an diese Bitte.

Auf der Wiese neben der Kirche wird gepicknickt, Interessierte aus verschiedensten Ländern warten geduldig hinter dem schlichten Eingangstor auf eine Führung, während Grüppchen von zeichnenden Studenten das abschüssige Gelände auf der Suche nach der besten Perspektive bevölkern. Der Ort absorbiert die Touristen mühelos. Beim Gang ums Gebäude verschwindet eine Blindschleiche im Gras, eine Eidechse sonnt sich ungestört auf einer Betontreppe. Es herrscht eine meditative Atmosphäre, die einen die Hektik des Alltags schnell vergessen lässt.
Man kann sich gut vorstellen, wie das Kloster zu seinen Hochzeiten gewirkt haben mag, als hier fast 100 Mönche und Novizen ihren Studien nachgingen. Der Dominikanerorden hatte das Ensemble aus Kirche, Gemeinschaftsräumen und Schlafzellen 1953 bei Le Corbusier in Auftrag gegeben, da der verantwortliche Pater Marie-Alain Couturier begeistert von seinen Bauten war. Dass Le Corbusier bekennender Atheist war, störte Couturier offensichtlich wenig. Im Gegenteil, er vertrat die Auffassung: „Lieber Genies ohne Glauben als Gläubige ohne Talent.“ Gemäß dieser revolutionären Grundeinstellung wünschte sich der Pater für seine Ordensbrüder keinen traditionellen Bau, sondern war auf der Suche nach einer zeitgenössischen Form, den Glauben zu leben. Auf die Frage des Architekten, was denn ein „Konvent“ sei, soll er geantwortet haben: „Schaffen Sie einfach eine Behausung für 100 Körper und 100 Herzen.“
Was Le Corbusier und seine Mitarbeiter aus diesem Briefing gemacht haben, ist heute noch so beeindruckend wie am ersten Tag. Die Entscheidung, das Ensemble ganz am Rande des 54 Hektar großen Park- und Waldstücks zu positionieren, erzeugt eine Dualität zwischen dem intensiven Grün der Natur und der Präsenz des Betons.




Alle Funktionen konzentrieren sich in einem kompakten Baukörper, der sich – als Neuinterpretation einer traditionellen Klosteranlage mit Kreuzgang – um einen Innenhof herum organisiert. Durch die Lage am Hang auf Corbusier-typischen Pilotis und die Arbeit mit geometrischen Grundformen wie Pyramiden, Kuben oder Ellipsen ergeben sich beim Gang um und unter das Gebäude mannigfaltige Blickbeziehungen. Für jeden Architekturfan ist das ein Fest an Symmetrie, Rhythmus und Perspektive.


Während im Innern nicht alle Räume für Besucher geöffnet sind, ist im Außenbereich alles frei zugänglich. So kann man nach Herzenslust auf architektonische Erkundungstour gehen. Einem Baukasten gleich sind alle Funktionen klar ablesbar. Die 100 Mönchszellen mit ihren markanten Balkonen prägen die Ost‑, Süd- und Westansicht. Sie werden ergänzt durch die Gemeinschaftsräume, die durch ihre rhythmisch strukturierten Glasfassaden zu erkennen sind. An ihnen ist deutlich die Handschrift des Musikers Iannis Xenakis zu sehen, eines Mitarbeiters Corbusiers. Die Kirche schließt die U‑Form nach Norden ab. Im Innenhof wird diese formale Klarheit aufgelöst zugunsten skulptural eingestellter Volumina, die Nebenräume, aber auch die expressiven Lichtschächte der Kirche und eine kleine Kapelle mit pyramidenförmigem Dach aufnehmen, die den Blick anzieht.
Von innen ergibt sich ein überraschend anderes Bild. Nimmt man außen den Einsatz von Farbe kaum wahr, sind knallige Primärfarben an den an Mondrian angelehnten Fenstern zum Innenhof und an den Türen ein wesentliches gestalterisches Element. Auch die über Putz verlegten Rohre sind je nach Funktion farbig markiert – ein Pragmatismus, der sich durchs ganze Gebäude zieht. Wer heute vom Lowtech-Bauen träumt, wird sich von vielen durchdachten Details inspirieren lassen. So kann man die Glasfenster beispielsweise nicht öffnen – aber alle Räume mit schmalen, sehr hohen Lüftungsklappen an Außen- und Innenfassade effektiv querlüften.
Die farbigen Türen sind um die Klinke herum schwarz lackiert, damit sie nicht nach kürzester Zeit unschön aussehen – ebenso ein Stück des Bodens unter einer Kerze, auf das eben doch öfters Wachs tropft. Auch der Sonnenschutz ist komplett durch bauliche Mittel gelöst.

So blickt man wie aus einer Burg durch Lichtschlitze, die den Blick auf die Landschaft malerisch rahmen, oder auf „Betonblumen“, wie sie Le Corbusier nannte, die zwar Licht hineinlassen, Sicht und Sonne aber durch eine schräg abstehende Betonplatte blockieren. Der Sonneneintrag in die Wohnzellen wird durch die gerahmten Balkone reguliert.


Atmosphärisches Highlight ist die Kirche – in der Le Corbusier nach seinem Tod 1965 eine Nacht aufgebahrt wurde, damit die Mönche Totenwache halten konnten. Wie kaum ein anderer Raum des Klosters verkörpert sie die Idee der Konzentration nach innen: Nach außen bleibt der Bau vollständig geschlossen, Licht dringt ausschließlich über Oberlichter und schmale Öffnungen hinein. Je nach Tages- und Gebetszeit verändert sich dadurch die Stimmung. Im Hauptraum scheinen die schmalen, innen farbig gestrichenen Lichtschlitze selbst zu leuchten. Die Krypta wirkt deutlich intimer: Ihre expressiven ellipsenförmigen Oberlichter heben sich in intensivem Rot, Weiß und Blau von der dunkel gestrichenen Decke und der teils gelben Wand ab – ein visuelles Erlebnis.
Alles wirkt original und wie kürzlich erst gebaut – was für die Qualität der vor gut zehn Jahren abgeschlossenen Sanierung dieses Weltkulturerbes spricht. Verantwortlich dafür war der französische Denkmalarchitekt Didier Repellin vom Büro RL&Associés. Anders als bei vielen Ikonen der Nachkriegsmoderne ging es in La Tourette weniger um spektakuläre Eingriffe als um präzise Vorsorge: Fassaden und Innenwände wurden gereinigt, die Elektrik erneuert, die filigranen Betonstrukturen gegen Oxidation geschützt und die Verglasungen durch bruchsicheres Glas ersetzt, das – obwohl Einfachverglasung – die Isolation erheblich verbessert hat. Hinzu kam die Abdichtung der Dachterrassen sowie die Entwicklung eines Brandschutzkonzepts, das sich möglichst unauffällig in die Architektur integriert. Ganz abgeschlossen ist die Arbeit bis heute nicht: Erst kürzlich wurde erneut das Atrium restauriert, als nächstes soll das markante Pyramidion, also die kleine Kapelle, instandgesetzt werden.
So lebt das Kloster beständig weiter – auch wenn dort inzwischen nur noch neun Mönche beheimatet sind. Nachdem schon Anfang der 1970er Jahre der Nachwuchs ausblieb, öffnete der Orden das Ensemble nach und nach für Gäste in Form von Übernachtungen, Seminaren und kulturellen Veranstaltungen. Die klösterliche Struktur verträgt diese Nutzungsänderung mühelos. Auch der Ort ist ideal für Konzentration und Entschleunigung. Dieses „Hotel“ ist perfekt für Architekturfans, die zur Ruhe kommen wollen: Kein Spa. Kein Fitnesscenter. Nur man selbst, die Natur und die Architektur. Und abends legt man sich in seine Zelle und sinniert über die Essenz von Architektur, Minimalismus und Konsum. Bett, Tisch, Schrank, Waschbecken und Balkon – was brauchte man eigentlich mehr?
Couvent Sainte-Marie de La Tourette
760, route de La Tourette, 69210 Éveux, Frankreich
Das Gelände ist von 8 bis 19 Uhr frei zugänglich.
Die Innenräume sind nur für Übernachtungsgäste oder im Rahmen einer Führung (auf Französisch und Englisch) zu besichtigen. Die eineinhalbstündige Führung kostet 10 Euro, 6 Euro ermäßigt.
Übernachtungen in den Klosterzellen im Modulor-Format sind jeweils von Montagabend bis Sonntagmorgen möglich und kosten 62 Euro pro Nacht inklusive Frühstück im Original-Speisesaal des Klosters.
Onlinebuchungen und mehr Informationen: www.couventdelatourette.fr
Text: Dr. Brigitte Schultz
Fotografien (alle): Dr. Brigitte Schultz. Bilder 8 / 11 / 12 © F.L.C. / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
3 Kommentare
Ich war letztes Jahr da und habe eine Führung besucht. Es war sehr imposant und eindrücklich. Die Stimmung und Atmosphäre war speziell, ich ging ehrfürchtig durch die Gänge und Räume. Die Architektur ist einzigartig, man geht auf Entdeckungsreise. Ich denke immer wieder an den Besuch und das Erlebnis zurück.
L’émotion ressentie ici invite à méditer sur le Temps long, réfléchi, comme chois par l’évidence, même si ce concentré de création nous trouvait pour résonner avec nous même au plus profond… Grand Merci LC
Wir haben die Kirche im Rahmen unseres Architekturstudiums vor circa 40 Jahren besucht und auch dort übernachtet. Es war für mich ein architektonisches Erweckung ‑Erlebnis. Der Raum, die Funktionalität der Mönchszellen und die einzigartige Atmosphäre sowie der Dialog mit der Landschaft! Vor einigen Wochen durfte ich im Hotel in der Unité in Marseille übernachten. Die gleiche fantastische Architektur Sprache. Einfach großartig!