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Dinge, die man (nicht) braucht

Neulich erzählte mir meine Nachbarin von der Villa, die sie gemeinsam mit einer anderen Familie im Urlaub gemietet hatten – vom Pool, dem Fitnessraum und der Klimaanlage, ohne die die Hitze nun wirklich nicht auszuhalten gewesen wäre. Diesen Luxus haben wir uns gerne gegönnt, sagte sie. Luxus?, dachte ich.

Laut Duden ist unter Luxus ein „kostspieliger, verschwenderischer, den normalen Rahmen […] übersteigender, nicht notwendiger, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand“ zu verstehen. Dieses rein materielle Verständnis von Luxus beschreibt, was über Jahrhunderte hinweg als Luxus angesehen wurde: teure Besitztümer, mit denen sich die Wohlhabenden schmücken und ihre Macht demonstrieren konnten. Von Prunksucht und verschwenderischer Fülle ist die Rede – die Intention war es, den eigenen Stand innerhalb der Gesellschaft zur Schau zu stellen. Sicher, Statussymbole gibt es immer noch und wird es immer geben – aber die Bedeutung des Wortes Luxus hat sich mittlerweile hin zu einem zeitgemäßen Verständnis verschoben: Meist wird unter Luxus nicht mehr übermäßiger Konsum verstanden, vielmehr geht es um immaterielle Dinge, um Werte und um Verantwortung. Darüber hinaus ist Luxus ein relativer Begriff: Nicht nur, dass wir in der westlichen Welt verglichen mit Dritte-Welt-Ländern insgesamt luxuriös leben, auch bei uns ist die Bandbreite dessen, was man unter Luxus versteht, sehr weit. Während der eine den Aufenthalt auf der eigenen Yacht als etwas völlig Normales empfindet, ist für den anderen schon eine warme Dusche oder auch ein sicherer Schlafplatz der pure Luxus. Ist Luxus also eine Frage der Perspektive – oder anders: Können wir angesichts des Überflusses, in dem wir leben, überhaupt noch so etwas wie Luxus empfinden?

„Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern das Gegenteil von Gewöhnlichkeit.“, äußerte sich die Modeschöpferin Coco Chanel über Luxus. Luxus war für sie etwas Außergewöhnliches. Zwar meinte Chanel wahrscheinlich einen nicht alltäglichen Stil – aber man kann das Zitat auch so lesen, dass Luxus nicht unbedingt den Besitz materieller Güter meinen muss, sondern vielmehr ein Lebensgefühl, oder zeitgemäßer: Lebensqualität. Etwas, was man sich im „gewöhnlichen“ Alltag nicht leisten kann – das kann natürlich Champagner sein, aber auch die Muße, ein gutes Buch zu lesen, das kann ein schöner Ort sein oder auch die Familie, die man selten sieht. In seinem 1996 erschienenen Spiegel-Artikel zur Zukunft des Luxus beschreibt Hans Magnus Enzensberger Luxus als alles das, was knapp und daher begehrenswert ist – und das sind nicht unbedingt gegenständliche Dinge, sondern insbesondere Zeit, Ruhe, Raum, Sicherheit oder auch die Umwelt. Die Zukunft des Luxus liege „nicht wie bisher in der Vermehrung, sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung, sondern in der Vermeidung.“

Die Darstellung von Wohlstand tritt im „New Luxury“ immer mehr in den Hintergrund zugunsten von Dingen, die sich positiv auf uns und unsere Umwelt auswirken: Qualität ist wichtiger als Quantität, Reduktion und ein Sich-Verkleinern, weniger Ballast und ein damit einhergehender reduzierter Wohnstil sind der neue Luxus. Statussymbole werden mehr und mehr abgelöst von langlebigen, zeitlosen Dingen, die vereinbar sind mit einem nachhaltigen Leben und fairen Lebensbedingungen für die Weltbevölkerung. Es geht um Transparenz, Work-Life-Balance und auch um eine Verschiebung von den Besitztümern hin zu einzigartigen Erlebnissen, sogenannten „Money-Can’t-Buy“-Erlebnissen. Und schon ist von einer neuen Ära des Luxus die Rede: vom „Neo Luxury“, das Trends wie Sharing, Digital Detox oder Achtsamkeit als den neuen Luxus propagiert. Einmal mehr wird deutlich, wie sehr sich das neue Luxusverständnis von der traditionellen Begriffsdefinition von Luxus entfernt hat.

Und was hat das Ganze mit Urlaub und Architektur zu tun? Nun, natürlich ist Urlaub-haben an sich schon ein Luxus – wir haben hierzulande doppelt so viele Urlaubstage wie zum Beispiel Arbeitnehmer in Japan. Außerdem ist der Urlaub eine Zeit, in der sich die meisten Menschen für den stressigen Alltag belohnen und es sich gut gehen lassen möchten – am liebsten in einer schönen Umgebung und dem architektonisch passenden Domizil. Für manch einen wird sicherlich weiterhin die Ausstattung mit Klimaanlage oder Whirlpool ein Muss bleiben – aber zunehmend mehr Menschen empfinden mittlerweile etwas ganz anderes als Luxus: Das reduzierte Schlichte wird bevorzugt, fast leere Räume  werden als Luxus wahrgenommen, Ruhe und Natur geschätzt. Wobei schlicht nicht mit unkomfortabel gleichzusetzen ist, sondern mit Reduktion im Sinne von: Es gibt nichts, was das Auge stört, die Einrichtung ist stimmig und qualitativ hochwertig, eventuell mit einzelnen Designstücken, aber ohne überflüssigen Firlefanz. Darüber hinaus bietet die Muße, die man im Urlaub ja haben sollte, die Möglichkeit, Dinge zu entdecken, die Schönheit der Natur zu erleben und sich fallen zu lassen. Ich für meinen Teil genieße jetzt noch den Rest eines langen Wochenendes – in den Bergen, mit Blick ins Grüne. Herrlich, diese Ruhe. Und kein Plastikstuhl, der das Auge stört. Was für ein Luxus.


Text: Tina Barankay, Oktober 2021

Autoreninfo: Tina Barankay verbindet ihre Leidenschaft für Ästhetik und Gestaltung seit vielen Jahren mit ihrer beruflichen Tätigkeit. Als freie Journalistin und Beraterin veröffentlicht sie Beiträge, realisiert Publikationen und entwirft Kommunikationskonzepte in den Bereichen Architektur, Interior und Design.

5 Kommentare

  1. Aber merkwürdig, mit welchen Fotos UA den Beitrag begleitet: großer Pool, kleiner Pool, und die allerorts üblichen Plastikstühle, auf die die Autorin so gern verzichtet!

    Antwort der Redaktion:
    Liebe Karine, vielen Dank für Ihren Kommentar! Unsere „Position” ist eine subjektive Reflexion zum Bedeutungswandel des Begriffs und möchte nicht als allgemein gültige Luxusdefinition von UA erscheinen. Ob nun ein knarrender, alter Holzbalken oder ein Eames-Stuhl aus Plastik, ein Pool oder kein Pool die Herzen unserer Gäste und Gastgeber höher schlagen lässt, ist, so finde ich, auch eine Facette von Luxus: die Freiheit des individuellen Geschmacks.

    Britta
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  2. Danke für diesen wunderschönen Artikel. Er etappte mich in meinen Gedanken, ob denn das vorgesehene Urlaubsquartier für meine Familie, in nächsten Jahr zum dritten Mal bestehend aus Urgrosseltern, Großeltern, Enkeln und Urenkeln, nicht zu luxuriös ist. Tina, Du hast meine Bedenken zerstreut, denn es kommt ja auf den Betrachtungswinkel an, nicht nur auf die Ausstattung. Unser gemeinsamer Urlaub, auf den sich alle freuen…. das ist unser Luxus.
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  3. Danke für dieses schöne Feuilleton. Luxus – ja, auf einer anstrengenden Reise eine Stunde Zeit auf Meer zu schauen, auf ein schönes Bild in einem Museum oder einfach Zeit zu haben, den Wolken zuzuschauen. Danach kann der Job und der Stress weitergehen.
    Übrigens eine nette Idee, die allein schon inspirierenden Bilder von Ferienhäusern durch Gedankensplitter zu ergänzen. Das passt zu Urlaub und Ferien – mal über etwas nachzudenken, was ein wenig jenseits des üblichen Weges liegt.
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  4. Liebe Tina, danke für deinen Beitrag und den Verweis auf den Spiegel-Artikel von Hans Magnus Enzensberger, den ich mit großem Interesse gelesen habe.
    Mir fällt in dem Zusammenhang ein Buch ein, in dem von einer besonderen Immobilie die Rede ist, der „Casa Malaparte“ auf Capri.
    Ein Besucher soll den damaligen Besitzer und Autor auf der Dachterrasse gefragt haben, ob er das Haus selbst entworfen habe, worauf er sinngemäß geantwortet hat: „Nicht das Haus, aber die Landschaft, die es umgibt“. Bilder und Filmausschnitte zur „Casa Malaparte“ zeigen die von Enzensberger und Dir angesprochene Reduzierung auf das Wesentliche par excellence.
    Es ist nicht notwendig darauf zu warten, dass die „Casa Malaparte“ nachhaltig saniert ins Portfolio von „Urlaubsarchitektur“ aufgenommen wird. Im Portal gibt es bereits heute eine Fülle an Objekten interessanter Architektur, an außergewöhnlichen Orten, in denen man es sich leisten kann, für einige Zeit zu residieren.
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  5. Liebe Tina,
    ein wundervoll geschriebener Artikel.
    Vielen Dank dafür, das gibt mir heute wieder neue Energie in einen anstrengenden Tag. Schade dass viele Menschen so blind sind und diesen ( ich nenne es )intelligenten Luxus nicht erkennen. Alles Gute Stefanie Raum
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