Juwel am Deich: Tetenbüllspieker

Das Leben geht manchmal wunderbar verschlungene Wege. Im Fall des deutschen Dokumentarfilmers, Drehbuchautors und Filmproduzenten André Schäfer war es zunächst der Beruf, der den gebürtigen Kölner vor über zwei Jahrzehnten für ein Projekt nach Nordfriesland führte. Dort lernte er Jan Leseberg kennen. Leseberg, Architekt und Mitglied im Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, widmete sich seit Jahrzehnten der Erhaltung der nordfriesischen Baukultur und ist unter anderem für die Leseberg‘sche Reetdach-Gaube bekannt.

Aus der Bekanntschaft wurde Freundschaft. André, der sich selbst um ein Haar der Architektur verschrieben hätte, besuchte den Architekten über viele Jahre immer wieder im hohen Norden. Bei diesen Gelegenheiten wurde er nicht nur sachkundig kreuz und quer durch die Marsch-, Dünen- und natürlich Architekturlandschaften des Nordens geleitet, sondern nach und nach mit der Leidenschaft für das gebaute Erbe der Region infiziert. Irgendwann war klar: Köln, gut und schön. Hier aber möchte ich bzw. möchten wir irgendwann leben.

„Ich machte mich auf die Suche und fand Gauben, die kaum aus der Dachfläche ragten und die Dachneigung nahezu behielten, klein, die umgebende Holzkonstruktion in der Ansicht auf das nötigste, nämlich die Zarge, beschränkt.

Diese heben sich wohltuend ab von den erbärmlichen Gauben, deren umgebende Holzfläche – wenn es überhaupt Holz ist – oft doppelt so groß ausfällt wie die Fensterfläche selbst. Nur um Licht und Luft hereinzulassen, werden die Gauben benötigt, doch nicht, um einen Tisch für 12 Personen dort hineinzustellen.“

– Jan Leseberg

Auch wenn Jan Leseberg die Erfüllung des Traumes von André und Sebastian Schäfer leider nicht mehr erlebt hat: Er hätte wohl angesichts der umfassenden, mehrjährigen Renovierung des Kulturdenkmals Tetenbüllspieker wohlwollend genickt.

Denn: 2010 fanden sie tatsächlich ein passendes Haus auf der Halbinsel Eiderstedt – eben jenen mehrhundertjährigen Spieker (Speicher). Wobei man sagen muss, dass das Projekt – allerspätestens im Nachgang betrachtet – eher wahnwitzig, denn „passend“ anmutet. Andrés Vater etwa riet seinerzeit sofort ab. „Da könnt ihr doch ein Leben lang in den bekanntesten Luxushotels der Welt absteigen und kommt günstiger weg!“ Wo er recht hatte, hatte er recht. „Unsere kleine Elbphilharmonie“ nennen Sebastian und André Schäfer ihr Haus heute liebevoll-spöttisch, natürlich nur in Anspielung auf die stattlichen Baukosten. Ansonsten sind sie mehr als glücklich, das Wagnis eingegangen zu sein.

Zollstation, Gaststätte, Landkino – Ort lokaler Identifikation

Das um 1750 errichtete, als Kulturdenkmal eingetragene Haupthaus weist eine reiche Geschichte auf. Ursprünglich erbaut wurde es als Zollstation. Unzählige Warentransporte auf die Halligen und nordfriesischen Inseln passierten den Speicher, denn bis zur großen Sturmflut von 1962 lag das Gebäude noch direkt am Hafen. Heute hingegen liegt es am so genannten „Sommerdeich“ – der Hafen wurde zwecks Küstenschutzes einige Hundert Meter vorgelagert und mit einem neuen Deich gegen die Launen der Natur abgeschirmt. So schweift der Blick heute über den Deich, den dahinter gelegenen, hauseigenen Obstgarten und ihm vorgelagerte Wiesen. Meer, Watt und der endlose Horizont runden das Panorama in die Unendlichkeit ab. Ab und an sieht man näher oder ferne die Deichschafe vorbeiziehen. Oder vereinzelte Spaziergänger, meist Einheimische, die auf ihrer Dorfrunde den Wasserkoog durchstreifen.

Der offiziellen Funktion als Zollstation verdankt das Anwesen auch seine Alleinlage direkt am Deich, denn sonstige Gebäude wurden in dieser Lage nicht genehmigt.

Wohlbekannt ist das Anwesen den Anwohner:innen der Region zudem als Gaststätte. Bauern und Fuhrwerker spannten in der so genannten „Durchfahrt“ die Pferde aus und stärkten sich, bis die Verladung der Güter seinen geregelten Verlauf genommen hatte. Bis 2008 währte die Tradition: mit dem Tod der letzten Gastwirtin Liese Volquardsen, von allen landläufig nur liebevoll „Tante Lieschen“ genannt, ging eine Ära zu Ende.

Im lokalen Bewusstsein blieb der Ort aber auch danach. Während und auch nach der mehrjährigen Renovierung schauten immer wieder die Nachbarn, der Pfarrer oder weitere Würdenträger vorbei, um die neuen Nachbarn kennenzulernen und zu sehen, was aus „ihrem“ Gasthof denn nun werden würde.

Noch heute treffen sich die Wasserkooger mindestens einmal im Jahr hier. Denn der Jahreswechsel wird traditionell hier oben am Deich begangen. Schließlich liegt das Anwesen mit sieben Metern über dem Meeresspiegel am höchsten Punkt weit und breit. Und bietet daher den besten Ausblick auf das Feuerwerk im nahegelegenen Husum. Ein Teil der 70 Einwohner des Ortes ist dann also sicher zugegen. Und als Gast ist man, so man denn möchte, schnell mittendrin.

Höchstes Vergnügen, auf 7 Metern über dem Meeresspiegel

Für André und Sebastian ist das Haus weit mehr als nur ein gewöhnlicher Ferienhaustraum, der jährlich nur für wenige Wochen in Erfüllung geht. André, der in Köln eine eigene Filmproduktionsfirma betreibt und sich unter anderem mit Dokumentationen über Willy Brandt, Martin Suter, Reinhold Messner, Agatha Christie, Perry Rhodan oder Falco einen Namen gemacht hat, verlegt des Öfteren den Firmenschwerpunkt hierher. Auch sein kleines Team schwärmt von der Ruhe und der Art, wie es sich hier konzentriert arbeiten lässt. Als Arbeits- und Rückzugsort dient dann die ehemalige Durchfahrt, die in Form eines Backsteingebäudes 1902 an das Haupthaus angebaut wurde.

Wie ernst es André mit seiner Liebe für die Gegend ist, lässt sich aus dem Umstand ersehen, dass er sich seit Jahren vor Ort engagiert, gut vernetzt ist und mittlerweile auch im Gemeinderat sitzt. Sein Mann Sebastian, pädagogischer Leiter einer Kölner Grundschule, kommt so oft es ihm möglich ist. Wenn die Beiden da sind und die Gäste etwas benötigen oder Lust auf ein Gespräch haben, klopfen sie einfach.

Sehen wird man die Beiden im Falle ihrer Anwesenheit ohnehin: da wird Wäsche aufgehängt und flattert im Wind, es werden Äpfel, Quitten und Birnen geerntet und zu hauseigenen Marmeladen und Gelees verkocht. Oder man erhält vielleicht eine Einladung zum gemeinsamen Grillen. Und erfährt dabei den einen oder anderen lokalen „Schnack“.

Selbst Bienenvölker halten die Gastgeber hier. Ein benachbarter Imker hat die Patenschaft übernommen, so gibt es mit etwas Glück auch für die Gäste hauseigenen Honig.

Modernes Wohnerlebnis im historischen Ambiente

Auf der Westseite des Haupthauses steht Gästen eine 100 Quadratmeter große, zweistöckige Ferienwohnung samt Spitzboden zur Verfügung, in der bis zu fünf Personen unvergessliche Tage verbringen können. Das „Haus im Haus“ empfängt sie mit einer großzügigen Wohnküche, die aufgrund ihrer guten Ausstattung auch von passionierten Hobbyköchen sehr geschätzt wird. Von hier aus geht das im Anbau gelegene Schlafzimmer mit West-Terrasse ab. Ein Geschoss höher schließt sich ein großer, kombinierter Wohn- /Schlafbereich samt Bad an. Wer sich gänzlich zurückziehen möchte, erklimmt die Plattform im Spitzboden, die optional eine fünfte Person beherbergen kann. Je höher man steigt, umso fantastischer werden natürlich die Ausblicke.

Wenn man die Unterkunft verlässt, gelangt man direkt in den über den Deich gelegenen, großen Obstgarten samt Teich. Der ehemalige Hühnerstall wurde in ein großzügiges Saunahaus samt dreier bodentiefer Fenster und Ruheraum verwandelt. Ein Gewächshaus, das auch in ein Teehaus verwandelt werden kann, diverse Ruheplätze und eine Hängematte vervollkommnen die Idylle.

Ehe es für Besitzer wie Gäste allerdings so weit war, musste dem Haus seine einstige Statik zurückgegeben werden. Denn im Zuge eines Umbaues der Gaststätte in den 1960er Jahren waren gleich mehrere, tragende Wände entfernt worden. Ein unheilvoller Eingriff, den es mühsam zu korrigieren galt. Selbst Architektin Barbara Barten war sich anfangs nicht vollständig sicher, ob dies gelingen würde.
Nun, die Zeit (und natürlich die kompetente Intervention) heilt auch in der Architektur manchmal Wunden – es glückte. So konnten nach und nach die verschiedenen Gewerke das Gebäude in einstiger wie neuer Pracht wiederauferstehen lassen und bis in die Details mit ihrer Handwerkskunst zieren. Besonders ins Auge fallen den meisten Gästen die Arbeiten der dänischen Tischler. Etwa die handgehobelten Türen mit verzierten Eisenbeschlägen oder die so genannte Klönschnack-Tür, die entsprechend ihrer historischen Vorbilder heute wieder stilgerecht Besucher empfangen lässt. Die für die Region typische, zweigeteilte Eingangstür ermöglicht es mit Besuchern, die man nicht hereinbitten möchte, eine – manchmal auch ausgiebige – Unterhaltung zu führen. In diesem Fall öffnet man lediglich den oberen Teil.

Tür auf, große Freiheit!

Wer die Tür für einen Urlaubstag in der Umgebung hinter sich zuzieht, hat die Qual der Wahl. Für Ausflüge halten die Gastgeber nicht nur zahlreiche, persönliche Tipps bereit, sondern stellen auch fünf Fahrräder in unterschiedlichen Größen zur Verfügung.

So geht es dann etwa zum beschaulichen Segelhafen Everschopsiel, der fußläufig in wenigen Minuten erreichbar ist. Entweder zum Sundowner oder bei auflaufender Flut zu einem erfrischenden Bad im nebenan gelegenen Hafenbecken, wenn das frische Wasser der Nordsee einläuft. Hier trifft man nur Einheimische und es geht sehr entspannt zu. Vor dem Hafenbecken steht seit ein paar Monaten eine Attraktion von Tetenbüll: die „lange Bank“. Auf eine Gemeinderatsinitiative von André Schäfer hin hat der Kunstschmied Arne Prohn, der auch viele Arbeiten im Spieker realisiert hat, eine 12 Meter lange Bank entworfen. Hier trifft sich gerne die Nachbarschaft, es wird geklönt und die Aussicht genossen.

Ein anderes Lieblingsziel der Gastgeber ist die Sandbank in Westerhever, die bei Ebbe vom Leuchtturm aus in einer halben Stunde erwandert werden kann und mit ihrem magisch- weißen, sauberen Sand und einer unendlichen Stille verzaubert. Hier lässt es sich wunderbar ungestört Baden. Allerdings müssen die Gezeiten streng beachtet werden, denn bei Flut ist der Rückweg zum Festland abgeschnitten.

Viele weitere Ziele im Weltnaturerbe Wattenmeer lassen sich ebenfalls autofrei vom Spieker erreichen. Die Gegend rund um Eiderstedt gilt als Paradies für Radfahrer, Naturliebhaber und Vogelkundler.

Etwa Sankt-Peter-Ording mit seinem 12 Kilometer langen Sandstrand, der auch bei Surfern, Kitesurfern und Strandseglern sehr beliebt ist und mit Restaurants in den Pfahlbauten über dem Strand lockt. Sehenswert sind auch die Hafenstädte Husum und Tönning. Vom Tönninger Hafen etwa kann man mit dem Kutter zu Robbenstationen und Vogelinseln aufbrechen und sich ganz dem Zauber des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer hingeben. Auch Eiderstedt als Heimat vieler Kulturschaffender und Ort mehrerer Galerien ist immer ein lohnenswertes Ziel.

Falls Sie jetzt das große Fernweh gepackt hat: Bis Jahresende ist das Ferienhaus zwar so gut wie ausgebucht, aber spätestens ab Januar 2023 steht ihren Urlaubsträumen nichts im Wege!


Text: Ulrich Stefan Knoll, September 2022
Fotos: André Schäfer, außer 7 (Privatarchiv André Schäfer) und 11 / 13 (Barbara Barten)

Tetenbüllspieker

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