Neue Urlaubsarchitektur: Andrea Gebhard im Gespräch

Welche Rolle können Ferienhäuser in Krisenzeiten spielen und wie kann eine „neue“ Urlaubsarchitektur möglicherweise aussehen? Wir haben uns hierüber mit Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer unterhalten. Und nebenbei erfahren, was für sie wahres Urlaubsglück bedeutet.

Frau Gebhard, Architekt:innen stehen in Zeiten von Energiewende und Klimawandel vor massiven Herausforderungen und tragen eine große gesellschaftliche Verantwortung. Kann das Ferienhaus „als Labor der Architektur“ in diesen Zusammenhängen aus Ihrer Sicht eine nennenswerte Rolle in der Weiterentwicklung und Anpassung spielen?

Andrea Gebhard: Ob Urlaubsarchitektur eine nennenswerte Rolle bei der Bewältigung der Klimakatastrophe spielen kann, ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Auf alle Fälle können in Ferienhäusern neue Ideen ausprobiert werden, und auch gerade gebrauchte Materialien hervorragend eingesetzt werden. Auch die Erprobung unterschiedlichster Grundrisse und das Zusammenschalten verschiedener Wohnungsgrößen ist oft eine großartige Möglichkeit, neue kompakte Wohnformen zu erfahren. Wenn es gelingt, diese Erfahrungen dann zu skalieren und in der Breite umzusetzen, wäre das sicherlich ein Beitrag. 

Und, falls ja, wo genau sehen Sie Chancen, dass Besitzer:innen und Architekt:innen von Ferienimmobilien in Zukunft vermehrt einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten können?

Andrea Gebhard: Der Beitrag zur Krisenbewältigung ist neben den oben genannten Aspekten das Aufbrechen von Gewohnheiten. Mich erstaunt ja immer wieder, wie wenig komfortabel Menschen im Urlaub ihre Zeit auf Campingplätzen und im Wohnmobil verbringen, aber der Komfortanspruch in der eigenen Wohnung hochgeschraubt wird, so dass wir immer mehr Normen im Wohnungsbau zu beachten haben.
Ich sehe große Chancen in der einfachen Schlichtheit, die Urlaubsarchitektur vermitteln kann.

Wäre nicht gerade der Ferienhausbereich die perfekte „Spielwiese“ für die Erprobung des geplanten, neuen Gebäudetyps E*?  Mehr Spielraum und Innovation beim Planen und Bauen durch eine verringerte Anzahl an Normen, Richtlinien und Anforderungen hört sich für uns auf jeden Fall grundsätzlich verheißungsvoll an…

Andrea Gebhard: Selbstverständlich würde ich es sehr begrüßen, wenn Urlaubsarchitektur hier gute Beispiele entwickelt und die „Neue Urlaubsarchitektur“ möglichst von dem Umbau vorhandener Strukturen ausgeht und dadurch Gebäudebestand auch aufwerten kann.

Bauen ist aktuell nicht nur teuer, komplex und es fehlen oft schlicht die Handwerker. Unserer Beobachtung nach kommt erschwerend hinzu, dass gerade in Metropolregionen Immobilienknappheit und horrende Preise herrschen – während auf dem Land vielerorts nach wie vor der Leerstand eines der großen Themen ist. Müssen sich Stadtplanung und Architektur neu justieren, um mittelfristig die Flucht auf’s Land einzudämmen? Oder ist diese vielleicht sogar eher eine gesellschaftliche Chance?

Andrea Gebhard: Unsere Chance als Gesellschaft liegt in dem notwendigen Verständnis von Stadt und Land als räumliches Kontinuum. Nur, wenn wir verstehen, dass sowohl die Stadt mit dem Land und umgekehrt nur verschränkt funktioniert, können wir die Krisen, vor denen wir stehen, bewältigen. Dazu gehört auch, mit klugen Mobilitätsangeboten und effektiver Digitalisierung, die vorhandenen Schätze an Wohnungsbestand im ländlichen Raum zu heben und es somit den Menschen ermöglichen, auch in ländlichen Kommunen zu leben und zu arbeiten.
Ich würde derzeit nicht von einer Flucht auf das Land sprechen, sondern von der Chance, den Menschen unterschiedliche Lebensstandorte anbieten zu können.

Last, but not least: Wenn Sie selbst in den Urlaub fahren – worauf legen Sie Wert und was ist bei einer Unterkunft aus Ihrer Sicht explizit ein “No go“?

Andrea Gebhard: Mir ist die Schönheit sowohl der Umgebung als auch des Hotels beziehungsweise der Ferienwohnung extrem wichtig. Lieber ist der Urlaub kurz, aber Unterkunft und Landschaft, respektive Stadt wunderbar. 
Auch der Komfort im Hinblick auf Service hat für mich einen hohen Stellenwert. 

Der absolute Traum war ein Haus in Italien, das wir zu elft mieten konnten und eine Köchin aus der Nachbarschaft uns immer ein herrliches, ganz einfaches Essen zubereitet hat.
Es war wie in der Kindheit: Ferien bei der Großmutter… den ganzen Tag am Fluss schwimmen und daheim dann köstlichstes Essen genießen. Und vor allem, man musste sich um nichts kümmern – Erholung pur!

Ein No Go ist ein hässlich eingerichtetes Ferienhaus oder ein Hotel mit unfreundlichem Personal oder an einer lauten Straße. Ich ziehe dann sofort um.

* E wie „einfaches Bauen“ bzw. „experimentelles Bauen“. Weitere Informationen


Andrea Gebhard ist seit Mai 2021 Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Die Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin hat sich bereits zuvor langjährig und vielfach berufspolitisch engagiert.

Das Gespräch führte Ulrich Stefan Knoll im Oktober 2022.

Introbild: © Laurence Chaperon

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