Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR
Aus dem Urlaub schickt man eine Ansichtskarte. Wir hoffen, dass diese Kulturbotschaften nach der Einführung des Smartphones nicht verloren gehen werden. Ansichtskarten sind konfektionierte Zieleinlaufbestätigungen, denen man eine halböffentliche Nachricht anvertraut. Man schickte sie (früher) an die besorgten Eltern, um das gesunde Ankommen zu bestätigen, heute (immer noch) obligatorisch den Kollegen für die Pinnwand im Büro und dann an Freunde und Bekannte, um sie mit dem exotischen Reiseziel zu beeindrucken. Zu manchen Verwandten, die man sonst nur bei Hochzeiten und Beerdigungen trifft, ist es der einzige Kontakt übers Jahr.
Auf jeden Fall schreibt niemand gerne eine Ansichtskarte. Es ist lästig. Manche Leute adressieren und frankieren ihre Karten deshalb am ersten Urlaubstag, weil dann scheinbar schon viel erledigt ist, und ergänzen souverän die Grußformeln, wenn sie nachts aus der Strandbar kommen. Andere berichten brav wie vom Schulausflug oder wiederholen, was ohnehin schon auf der Vorderseite steht (Herzliche Grüße aus dem Ostseebad Ückeritz!) Auch Originelles erreicht die Zuhausegebliebenen immer wieder, meist von Reisegruppen, die den Karton rundum mit bunten Filzschreibern signieren.
Das größte Problem mit Ansichtskarten haben Intellektuelle, Publizisten, Philosophen, die täglich seitenweise unser Dasein und Sosein reflektieren. Es ist nicht nur die höhere Erwartung, die der Empfänger mit der Botschaft eines homme de lettres verbindet, es ist auch die Furcht, dass der knappe Gruß der Nachwelt erhalten bleiben könnte und in einer Anthologie erscheint. Dann würden alle lesen: „Liebe Mutti, viele Grüße von unserem philosophischen Kolloquium in Wernigerode. Das Essen ist reichhaltig und gut, ich teile mir ein Zimmer mit Rüdiger (Safranski, du kennst ihn ja). Gut, dass ich meinen eigenen Bademantel dabei habe. Nochmals herzliche Grüße, dein Peter.“
Nein, damit möchte Sloterdijk nicht in die Annalen eingehen.
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Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner journalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.
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