Reisefieber #35: For your ice only

Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR

Nicht zu gering schätzen sollte man, welche Spätfolgen Urlaubsreisen haben können. Sie lösen nämlich kulturelle Verwerfungen aus, die später kein Archäologe wird erklären können. Zum Beispiel, wenn man bei Grabungen in Wattenscheid oder Fallingbostel Eislöffel findet.

Eis ist nämlich italienisch und kam mit der Adria-Sehnsucht in den Fünfzigerjahren zu uns. Zuvor gab es nur die Sorten Schokolade, Vanille und Erdbeere. Dieses blasse Trio schmeckte wie aus Farbpulver angerührt. Die Kugel kostete immer zehn Pfennige, das war ein Einheitspreis, den man nur schwer ändern konnte, ohne sich dem Vorwurf des Wuchers auszusetzen. Außerdem: Wie hätte man eine horrende zehnprozentige Preiserhöhung in der Praxis behandeln sollen? Die Kugel zu elf Pfennigen?

Nun wurden überall italienische Eisdielen eröffnet. Schon das Wort Diele suggerierte eine gewisse exotische Kühle. Merkwürdig, warum sie der Export eines einzigen Landes blieben. Was war mit Frankreich, Spanien, Griechenland? Nur das Softeis, das irgendwann wegen zu vieler Krankheitskeime verteufelt wurde, hatte eine andere Herkunft.

Heute sind Eisdielen Abgabestellen für cremig gefrorene Cocktails. Natürlich bietet die neue Saison Sprizz und Hugo, After Eight war gestern. Daneben sind alle Geschmacksrichtungen aus Küche, Keller und Badezimmer vertreten. Vor einigen Kreationen muss man warnen. Türkisfarbenes Schlumpf-Eis erinnert an Bananen mit Bohnerwachs, also Vorsicht.

Auch die Präsentation der endlosen Sorten hat sich verändert. Das Eis schlabbert offenbar aus einem Riesendarm in die Blechschalen, wo es sich in weich ondulierten Haufen türmt und mit einer klebrigen Streusel-Suppe übergossen wird. Die Bezeichnungen lesen sich wie Speisekarten in Autobahnraststätten: Prosecco-Ingwer-Cassis topped mit Cocos-Sanddorn-Pesto. Wichtig ist, dass keine Zutat alleine bleibt, so kann sich niemand beschweren, wenn die Brombeeren nicht nach Brombeeren schmecken, weil es sich ja um eine Melange handelt, wie sie manchmal beim Kühlschrankauswischen entsteht.

So mutieren die Urlaubsimporte, kaum dass sie angekommen sind. Nehmen Sie den Cappuccino. Er kostet bei uns das Doppelte wie in Italien und schmeckt bitter. War es vor Jahren noch eine Kunst, den Milchschaum herzustellen, hat nun deutscher Ehrgeiz gesiegt: Tassen groß wie Spülschüsseln, darin ein Schaumbad, dick wie die Wärmedämmung nach Energieeinsparverordnung. Da gibt es sicher einen Zusammenhang.

Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner journalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.


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