Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR
Wenn wir mit dem Auto in Urlaub fahren, sind Autobahn-Raststätten unsere unvermeidlichen Zwischenhalte. Auf der Hinfahrt betritt man sie als Etappenstation, die auf Hotel oder Ferienwohnung, das neue temporäre Zuhause, vorbereitet, auf der Rückfahrt bilden sie die gebaute Annäherung von der fremden Umgebung zur eigenen Wohnung. Schon der Name Raststätte hat etwas Beruhigendes. Erstaunlich, dass der Begriff noch nicht durch ein englisches Wort ersetzt wurde. Raststätte: Da sieht man Bilder von Ludwig Richter, auf denen eine schlanke Maid einem erschöpften Wandersmann einen Krug Wasser reicht, man erinnert sich an biblische Passagen, an die Semantik von Labsal und Erquickung, die uns der Herr auf dem Weg ins Himmelreich bereitet. Aber wir wollten eigentlich nur aufs Klo und den Fahrerwechsel für einen Espresso nutzen.
Aber so einfach ist das nicht. Raststätten sind Reisekaufhäuser, die einem den Weg mit endlosen Angeboten sinnloser Dinge verstellen. Typisch: Eltern mit einem verschwitzten dicken Quengelkind, das in der Pause mit Pommes, Nutella und Cola sediert wird und sich beim Verlassen das Rucksäckchen mit Spielsachen voll stopfen darf. Eine Raststätte ist deshalb ein wunderbarer Ort, ein Mikrokosmos, um unsere vielgestaltige Welt auf kleinstem Raum kennen zu lernen.
Die Fernfahrer, die separat mit kräftigen Mahlzeiten verköstigt werden, als hätten sie ihren Lastzug unter körperlichem Einsatz herbewegt, die aufgeregten Paare, die das erste Mal zusammen in Urlaub fahren oder die stillen, die routiniert die Routine ihres Zusammenlebens unterbrechen, dann die demütigen Reisegruppen aus China, die die hellblauen Sanifair-Toiletten fotografieren, die Cowboys in Fransenkluft, die hoffen, dass man ihre Kawa für eine Harley hält, und natürlich die Handelsvertreter vulgo Firmenrepräsentanten, die sich die Krawatte lockern, Papiere sortieren und ihr Handy befragen. Gehen sie zum Kunden, kommen sie vom Kunden? Haben sie erfolgreich abgeschlossen, oder kam doch wieder die Konkurrenz zum Zug? Die meisten fahren einen neuen Audi, das gilt als neutrales Indiz der Aufstiegsorientierung. Wir lauschen ihnen, ihren Texten, vergleichen sie mit den Aussagen vom Nachbartisch. Das ist unser privater Dax: Geschäftsklima verhalten optimistisch. Gut so, wenn alle arbeiten. Geht uns nichts an, wir fahren in Urlaub.
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Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner jounalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.
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