Reisefieber #37: Crowd-Sourcing

Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR

Wenn man in Urlaub fährt, egal ob nach Meran oder Malle, will man nicht unbedingt seine Nachbarn von zuhause treffen. Überhaupt sind andere Reisende eher lästig. Urlaub trägt den Nimbus des Privaten. Was nicht ausschließt, dass man mit Freunden verreist. Aber den Heerscharen weiterer Touristen will man lieber entgehen. Eher mitleidig schaut man auf die Pulks, die in Heidelberg oder Dinkelsbühl einem Fremdenführer folgen, der sich mit hoch erhobenem Knirps unübersehbar einen Weg durch die Fußgängerzone bahnt. Auch bei den Hundertschaften, die von Kreuzfahrtschiffen in historische Welterbestätten strömen und sofort von bettelnden Kindern verfolgt werden, mag man nicht dabei sein.

Reisegruppen sind eine Deklassierung. Es beginnt bei den Männern, die sich zum Vatertag auf eine bierselige Exkursion begeben, den unternehmungslustigen Frauen, die Junggesellinnenabschied feiern und unvorbereitete Mitreisende in Rollenspiele verwickeln. Eine Qual, ein Zugabteil zu durchqueren, in dem sich alle kennen und gutgelaunt und erwartungshungrig ihrem Urlaub entgegenfahren. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Ausflügen von Schulklassen und Altenheimen. Man ist immer der Außenseiter, der nichts versteht, nicht mittrinkt, nicht mitlachen kann.

Merkwürdig mutet es einen an, wenn in einem Lokal zum Essen ein Alleinunterhalter Stimmung macht. Was sogar gelingt, wenn er auf seiner Orgel die richtigen Melodien anstimmt und mit ein paar Dialektbrocken die Tische mit Rheinländern, Schwaben und Hessen herausfordert, sich zu erkennen geben. Das Liedgut, in das dann in Bad Pyrmont, Meersburg oder Deidesheim eingestimmt wird, ist unzerstörbar. Bei Abba und Maffey haben alle nur mitgesummt, aber von Lili Marleen kennen die dauergewellten Damen alle Strophen. Wer hat ihnen nur die tränenselige Landserballade überliefert? Jetzt werden die Tische abgeräumt, der Orgler dreht auf, es wird getanzt. Die miteinander vertrauten Paare wissen, wie sie diagonal versetzt mit ihrer Leibesfülle zurecht kommen. Man gehört dazu oder nicht. Nur Sitzen, Gucken, Grinsen, das sehen sie nicht gerne, die deutschen Reisegruppen.

Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner journalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.


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