Reisefieber #47: Zielfindung

Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR

Viele Erfindungen gehen auf militärische Entwicklungen zurück, beispielweise unsere präzise Zeitmessung, mit der es möglich wurde, den Kurs von Kriegsschiffen genauer zu bestimmen. Auch in anderen Bereichen profitieren wir von Abfallprodukten. Der Rückspiegel etwa ist eine Leistung des Autorennsports, und der Raumfahrt verdanken wir die Teflonpfanne. Hier sieht man, dass Milliardeninvestitionen, die man seinen Enkeln nur schwer erklären kann, irgendwann einen höheren Sinn erhalten.

Heute wollen wir an das GPS erinnern, ohne das wir nicht mehr verreisen können. Es stammt aus dem US-Pentagon. Deshalb irren die Russen so blöd in der Ukraine herum, weil ihre Panzer es nicht benutzen dürfen. Für uns Zivilisten gilt: Lieber ein Auto ohne Reserverad als ohne Navi! Die ersten Geräte waren noch umständlich zu bedienen, man musste irgendwo eine DVD hineinschieben und mit einem Stellrädchen das Alphabet nach seinem Reiseziel durchkämmen. An den Landesgrenzen begann der Blindflug, wenn man die passende Datenscheibe nicht dabei hatte. Inzwischen ist die Handhabung erschreckend komfortabel. Man tippt auf einer simulierten Tastatur sein Reiseziel ein, und das Gerät erinnert sich sogar an frühere Exkursionen und schickt einen ohne Umwege zu Tante Kätchen. Es verrät romantische Nebenstrecken, Staus und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Man weiß die Ankunftszeit und kann versuchen, sie zu unterbieten. Allerdings besteht die Gefahr, sich zu sehr auf die Wegweisungen aus dem Apparat zu verlassen. Wenn „Lisa“ befiehlt: Biegen Sie links ab!, muss man trotzdem auf eine rote Ampel oder entgegenkommenden Verkehr achten. Schön ist, dass Lisa nie ungeduldig wird, wenn man die Route eigenmächtig ändert. Doch wünschte man sich eigentlich eine persönlichere Ansprache, ein Zwiegespräch und etwas Verhandlungsbereitschaft. Sie kennt uns doch inzwischen!

Wie das alles funktioniert, verstehen wir nicht. Wenn nur wir einem Funksignal folgen würden, aber es sind doch Millionen Menschen, die gleichzeitig mit uns verortet werden! Nicht auszuschließen, dass diese Informationen längst irgendwo verwertet werden. Ein GPS ist ja inzwischen in allen elektrischen Geräten eingebaut, in Kameras, Fernsehgeräten, Espressomaschinen und Wäschetrocknern. Es ist eine Vertrauenssache, die unser Leben verändert. Kürzlich waren Freunde von uns in die Bretagne gefahren. Vorbei an Reims, Versailles, Nantes. Gesehen haben sie nichts davon. Das Navi hat sie eilig durchgeschleust. Pausiert haben sie in Fernfahrerrasthöfen. Aber auf der Zielgeraden Lisa um vier Minuten überholt!

Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner journalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.


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