Reisefieber #48: Holland in Not

Reisefieber – die Kolumne von Wolfgang Bachmann auf URLAUBSARCHITEKTUR

Neben den Japanern haben wir lange Zeit die Amerikaner als maßgebende Touristen bewundert. Bermuda-Shorts, Ray-Ban-Brillen und Turnschuhe – man war sich nie sicher, ob das nicht die GIs aus Kaiserslautern waren, die nur einen Wochenendausflug machten. Aber seit die Army abgezogen ist, werden auch die zivilen Amis an den touristischen Wallfahrtsstätten weniger.

Hier leistete nun die Völkerverständigung vollwertigen Ersatz. Der Amerikaner der Neuzeit ist der Holländer. Keine Ferien, in denen man nicht rudelweise Fahrzeuge mit gelben Nummernschildern vor sich auf der Autobahn hat. Berüchtigt sind die Wohnmobile und -wagen, in denen sie ihren Hausrat bis in entlegene Bergdörfer nach Ligurien mit sich schleppen. Das sind Momente, in denen ich Dobrindts Maut eine gewisse Sympathie entgegenbringe. Denn verdienen lässt sich mit den holländischen Wagenlenkern nichts. Sie haben alles dabei, Weißbrot und Rosinenbrötchen, weil sie unser gesundes Roggenschrotbrot nicht beißen können, ihren pelzigen Kaffee, Salatgurken und Tomaten, Gouda, Frikandellen, Hopjesvla, Eierlikör und Tulpenzwiebeln. Und jeden Morgen liegen ein paar Dutzend Heineken-Bierdosen in den Müllkörben.

Ein Grund für den regelmäßig geprobten Exodus der Niederländer ist natürlich der Klimawandel. Wenn sich das Ijsselmeer das provisorische Festland zurückholt, wird es eng bei unseren Nachbarn. Natürlich wollen sie nicht von Horst Seehofers Asylanten-Miliz gleich im ersten Durchgangslager zurückgewiesen werden. Also sorgen sie vor und bleiben ambulant. Hinzu kommt, dass sie als alte Seefahrernation eine gewisse Neugier und Unruhe in sich spüren. Zwar sind sie vor allem im Eislauf erfahren – wir erinnern an das traditionelle 200km-Rennen, das mangels Frost leider ständig ausfällt –, aber sie trauen sich auch an alle anderen Wintersportarten. Leider werden auf den Pisten noch keine gelben Warnschilder ausgegeben. Also Vorsicht, wenn Ihnen eine lärmende Horde entgegenrutscht, die ihre Holz-Klompen als Carvingski testet!

Wolfgang Bachmann war Chefredakteur und danach Herausgeber der Architekturzeitschrift “Baumeister”. Neben seiner journalistischen Arbeit ist er weithin bekannt für seine oft augenzwinkernden Kolumnen z.B. im Baumeister und für die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Bachmann schreibt ab 2014 regelmässig für URLAUBSARCHITEKTUR.


0 Kommentare

Zu diesem Beitrag gibt es bisher keine Kommentare. Über Ihr Feedback würden wir uns freuen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.