Temperamentsverstärker: The Neuendorf House

Von Heike Blümner, August 2020

 

Mitte der 1980er Jahre suchten die Architekten John Pawson und Claudio Silvestrin auf Mallorca Inspirationen für ein besonderes Projekt: ein Haus, das sich auf Traditionen beruft und doch alles andere als konventionell werden sollte. Von anderen deutschen Villenbesitzern auf Mallorca verständnislos bestaunt – gilt es heute als Architekturikone. Zum 30. Jubiläum des Neuendorf House kehrten die beiden berühmten Architekten wieder zurück.

Dieser Artikel ist Teil unserer neuen Veröffentlichung Häuser & Menschen (Edition Urlaubsarchitektur, April 2020 – Buch & Magazin)

Der Zeit sind wir egal. Umgekehrt trifft wohl eher das Gegenteil zu. Der Innenhof des Neuendorf House in der Nähe von Santanyi auf Mallorca scheint extra für diese Erkenntnis errichtet worden zu sein. In immer gleichem Rhythmus treiben dort dramatische Licht- und Schattenspiele über die Mauern – und doch sehen sie je nach Jahreszeit und Wetterlage anders aus: Mal sanft und verspielt, mal herrisch und kantig. Niemanden, der das 150 Quadratmeter große Viereck mit den 12 Meter hohen Wänden betritt, lässt dieses Szenario kalt. Ähnlich wie am Strand dem Wellenschlag, schaut man auch hier der Zeit beim Vergehen zu und macht sich so seine Gedanken.

30 Jahre alt ist das monumentale Bauwerk gerade geworden. Laut dem britischen Architekturkritiker Simon Unwin gehört es zu den 25 Häusern, die „jeder Architekt verstehen sollte“. Es gibt nichts Vergleichbares: Das Neuendorf House ist das erste und einzige Haus, das die Architekten John Pawson, 70, und Claudio Silvestrin, 65, als Team bauten. Beide gelten als zeitgenössische Minimalisten. Pawsons Lehrjahre führten ihn nach Japan zum Architekten und Designer Shiro Kuramata, der ihn in den gestalterischen Luxus des Verzichts unterwies. Silvestrin lernte Vergleichbares mit italienischem Einschlag beim Architekten und Gestalter AG Fronzoni, dessen zeitlos reduzierte Möbel bis heute bei Capellini hergestellt werden.

Mit ihrem Stil und ihren Interessen standen die jungen Männer am Anfang ihrer Karriere ziemlich alleine da. Als sie sich zufällig über gemeinsame Freunde in England kennenlernten, war es „ein erhebendes Gefühl, dass man mit seinen Ideen nicht alleine auf der Welt war“, erinnert sich Pawson. Das Neuendorf House ist ein Kind dieser Leidenschaft – auch wenn beide danach ihre eigenen Wege gingen und erst später berühmt wurden: Pawson mit seinen Shop-Entwürfen für Calvin Klein, Silvestrin prägte mit seiner Innenarchitektur die Marke Armani. Später kamen Projekte wie die Umgestaltung der Moritzkirche in Augsburg und die Feuerle Collection in Berlin hinzu (Pawson), oder auch das Museum für zeitgenössische Kunst in Turin und das Loft von Unternehmer und Produzent Kanye West (Silvestrin).

© André Rival
John Pawson / Claudio Silvestrin. Foto: © Caroline Neuendorf

An einem Sommertag kurz nach Sonnenaufgang steht der Brite Pawson andächtig, fast ein wenig verloren wirkend, auf dem Hof des Neuendorf House. Der Stein glimmt rosa, der Himmel ebenfalls: „Die Erinnerung ist eine seltsame Sache“, wird er später nachdenklich feststellen. Und so, wie er jeden Winkel des Hauses fast schon zärtlich inspiziert, wirkt es als hätte sie ihn fest im Griff. Später wird er die Fotos, die er gemacht hat, auf seinem Instagram-Account einstellen, und siehe da: Er hat das Haus nicht nur verstanden, sondern regelrecht verinnerlicht. Die Fotos treffen das Spiel von Licht, Schatten und Proportionen genau.

Auftritt Claudio Silvestrin: Der Italiener reist einen Tag nach seinem ehemaligen Kollegen aus Venedig an. Energisch stellt er sich zum Fototermin im Hof auf. Der weiße Leinenanzug, die aufrechte Pose, die gefalteten Händen – er und seine Umgebung passen zusammen wie gute alte Freunden. Aber auch dieser Mann wird von der nur vordergründig harten Umgebung weichgespült: „Es ist als gelten hier eigene Gesetze, 30 Jahre fühlen sich an wie gestern“, sagt er leise zwischen seinen Ausführungen, die sonst eher klingen, als würde jeder Satz mit einem Ausrufungszeichen enden.

Es gibt für dieses Projekt noch einen Dritten im Bunde, der auf Mallorca nicht anwesend ist: den Auftraggeber und späteren Gründer der digitalen Kunsthandelsplattform artnet, Hans Neuendorf (82). Als einer der einflussreichsten Kunsthändler der Nachkriegsgeschichte hatte der Hamburger, der heute in Berlin lebt, von Berufs wegen stets ein untrügliches Gespür für das, worüber andere erst den Kopf schütteln und von dem sie dann nicht genug bekommen können: Er arbeitete bereits mit Künstlern wie Andy Warhol oder Georg Baselitz, als deren Werke noch weitgehend auf Desinteresse stießen. Dran blieb er trotzdem. Und mit ähnlicher Begeisterung widmete er sich auch diesem Projekt.

Eigentlich, so Silvestrin, sei Neuendorf „der Wichtigste in dieser Geschichte.“ Und auch Pawson berichtet: „Er ist eine außergewöhnliche, wagemutige Persönlichkeit mit unvergleichlicher Intuition.“ Neuendorf gab den damals weitgehend unbekannten Architekten Mitte der 1980er Jahre eine Carte blanche. Und die geizten im Gegenzug nicht mit radikalen Ideen:

„Wir wollten auf keinen Fall ein konventionelles Haus mit einer Eingangstür, symmetrischen Fenstern und einem Dach“, so Pawson. „Wir wollten die Wände nicht verunstalten“, fügt er lächelnd hinzu.

© Michael Pentzien
© Michael Pentzien
© Neus Pastor (2)
© André Rival / © Michael Pentzien

Letztlich jedoch beschreibt dieses Konzept eine zugespitzte Variante traditioneller mallorquinischer Architektur. Gemeinsam reisten Pawson und Silvestrin im Zuge des Auftrags über die Insel und studierten die bäuerliche Architektur. Auch hier: wenige und kleine Fenster, manche Wände gar fensterlos. Düster wird es im Neuendorf House trotzdem nicht: Große Fensterfronten befinden sich rund um den Innenhof, der Einsatz von Oberlichtern bringt Licht in die Schlafzimmer, die wenigen kleinen und viereckigen Außenfenster sitzen an unvorhersehbaren Stellen:

„Die Natur wird gerahmt“, so Silvestrin. Der Effekt: „wie ein Gemälde“, so Pawson.

Silvestrin beschreibt die Fenster als „positives Kräftefeld“. Und in der Tat: Sie fokussieren den Blick auf ungewohnte Weise, ähnlich einem Blick durchs Schlüsselloch. Auf dem flachen Dach mit umzogener Mauer dagegen Multiplex-Kino mit Dolbysurround-System: Der Blick schweift vom Meer bis zu den Bergen begleitet von Tier- und Vogelstimmen.

© André Rival / © Michael Pentzien

Der Eingang zum Haus ist ein schmaler, 12 Meter hoher Spalt, ein Schnitt in die Wand, der direkt auf den Innenhof führt. Durch ihn läuft eine der beiden Hauptsichtachsen zur Eingangspforte hin. Die andere Achse verläuft über den 40 Meter langen Pool, dessen Wasser an die überdachte Terrasse züngelt, die auf der anderen Seite wiederum an den Hof grenzt.

© Michael Pentzien

Laut den Architekten war der Entwurf des Hauses eine reine Formsache. Erdacht und skizziert über mehrere Wochen hinweg in einem Garten in einer Pension nahe Palma, begann das eigentliche Abenteuer mit dem Bau: „Die Handwerker gaben mir den Spitznamen ‚Mann vom Mars‘“, erinnert sich Silvestrin und lacht. Doch die Architekten blieben unbeirrt, schleppten den Bauleiter über die Insel, in Steinbrüche, und holten für den Bau der traditionellen Steinmauern, die das Anwesen umlaufen, über 90-jährige Arbeiter und mit ihnen ihr Wissen aus dem Ruhestand.

„Ihr seid verrückt! Ihr bringt mich dazu Sachen zu machen, die ich sonst nie machen würde“, soll der Bauleiter gesagt haben.

Dazu kam noch das Sprachproblem: Da die Einen kein Spanisch und die Anderen kein Englisch sprachen, kommunizierte Silvestrin mit dem Team auf Italienisch, das ihm wiederum auf Spanisch antwortete. Bald jedoch waren sie alle von derselben Passion ergriffen wie die Architekten, und nach mehr als drei Jahren stand der warme Koloss, dessen Wandfarbe die Töne der ihn umgebenden Erde aufgreift in der Landschaft: „Architektur sollte immer die Umgebung, in der sie steht, reflektieren“, so Silvestrin.

Das Haus, das heute auch an architekturbegeisterte Feriengäste vermietet wird, ist keiner Epoche oder Stilrichtung zuzuordnen. Begriffe wie minimalistisch greifen definitiv zu kurz. Unmittelbar nach seiner Errichtung galt es unter anderen deutschen Finca- und Villenbesitzern Mallorcas jedoch als fast schon anstößiges Objekt. Caroline Neuendorf, Frau von Hans Neuendorf, erinnert sich, dass „Neugierige vom Hamburger Hügel“, einem von Norddeutschen bevorzugten Landstrich in der Nähe, in Gruppen angereist kamen, um „das verrückte Haus ohne Möbel“ fassungslos in Augenschein zu nehmen. Der Immobilien-Run wohlhabender Deutscher auf die Insel war bereits in vollem Gange. Wer etwas auf sich hielt und dabei sein wollte, inszenierte sein Leben hier lieber im Finca-Style, was dem damaligen Konsens entsprechend eher einer romantischen Inszenierung deutscher Sehnsüchte vom Süden glich. So gesehen war das Projekt des Kunsthändlers ein echter Aufreger. Natürlich gab und gibt es im Neuendorf House Mobiliar, nur eben kein Stück zu viel: Bis hin zum Besteck wurde alles von den Architekten entweder gefertigt oder bestimmt – nichts, was von der Kraft des Ortes ablenken sollte. Selbst ein einfacher Blumenstrauß wirkt hier schnell als Überdekoration. Und gegen das Licht und die Natur der Umgebung würde jedes Bild an der Wand ohnehin blass aussehen.

© Michael Pentzien

Die Zeit, die Natur und der Mensch – es geht um die Konzentration auf das Wesentliche. Die meisten Bewohner finden hier Entspannung. Einigen jedoch wird es im Wenigen zu viel. Kalt lässt das Haus dennoch niemanden. „Ich muss zugeben, es fühlt sich besonders an“, so Pawson über das gemeinsame Werk. „Vermutlich sind wir weiter gegangen, als wir es sonst tun“, ergänzt er diplomatisch. Sein ehemaliger Partner macht da weniger Umschweife: „Es ist ein Wunder. Niemand sonst hatte den Mut, so etwas zu bauen.“ Das Haus – es wirkt wie ein Verstärker. Auch auf Temperamente.

Heike Blümner lebt in Berlin und ist freie Redakteurin und Autorin bei ICON, der Luxusstilbeilage der Welt am Sonntag. Ihre Themen sind Reise, Design, Mode und Manufakturen. Außerdem schreibt sie für das Lufthansa Magazin und Lufthansa exclusive, wo diese Geschichte erstmalig im Oktober 2019 erschien.

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