Haus am See © Chianti Plesca

Workation – Über den Sinn oder Unsinn eines neuen Trends.

Endlich ist Urlaub wieder möglich, die Freude ist groß. Beim Packen wird allerdings deutlich, dass die Vorstellungen auseinandergehen: Neben dem Laptop landet auch sein Headset im Koffer, während sie Wanderschuhe und Federballschläger einpackt. Er möchte die Zeit nutzen, um endlich mal ein paar Dinge aufzuarbeiten, sie träumt von entspannten Wochen ohne Rücksicht auf Onlinekonferenzen. Oder umgekehrt. Der Streit beginnt schon vor dem Urlaub.

Urlaubsoffice. Work(vac)ation. Still und leise haben sich diese Wortkreationen in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen. Noch vor kurzer Zeit hätte man in ihnen vor allem einen Widerspruch gesehen – was hatten Urlaub und Arbeit schon miteinander zu tun? Jetzt, nach eineinhalb Jahren Pandemie, scheinen die Begriffe beinahe miteinander verwoben zu sein.
Aber was für den einen verheißungsvoll klingt, löst bei dessen Gegenüber Schweißausbrüche aus – so manche Beziehung wird durch die nun gesellschaftsfähige Vermischung von Privatleben und Job auf die Probe gestellt. Wie, Du nimmst Deinen Rechner mit? Ich bin doch im Urlaub nicht alleine für die Kinder verantwortlich! Oder: Wir wollten doch wandern gehen – wie lange dauert denn das Meeting noch? Konfliktpotential ist auf jeden Fall gegeben, egal, ob man als Paar oder Familie auf Workation geht, und die Diskussion über den Sinn oder Unsinn dieser Verbindung von Arbeit und Urlaub ist vorprogrammiert.

Was ist eigentlich Workation? Während es für den einen vielleicht die Möglichkeit bedeutet, trotz hoher Arbeitsbelastung den Jahresurlaub mit der Familie zu verbringen, bedeutet es für den anderen die Freiheit, temporär den Büroarbeitsplatz gegen eine einsame Berghütte zu tauschen. Aber egal, wie man Workation interpretiert – die Diskussionen bleiben kontrovers. Denn die Allermeisten lieben einen Teil der neuen Arbeitsmöglichkeit: Call mit dem Büro in China und eine Viertelstunde später Toben mit den Kindern im Pool, und kommen dennoch manchmal an ihre Grenzen: Unverständnis des Partners oder einfach das Nicht-wirklich-abschalten-können. Womit wir gleich beim nächsten Thema sind: Macht es wirklich Sinn, Arbeit und Privates so eng zu verknüpfen? Was ist mit den zahlreichen Studien, die belegen, dass eine Trennung von beidem ratsam ist, um einer persönlichen Überlastung vorzubeugen?

Auch auf theoretischer Ebene werden zukünftige Lebens- und Arbeitsmodelle vermehrt diskutiert. So setzt sich die Architekturbiennale in Venedig mit der Frage „How will we live together?“ auseinander – wobei man auch spezieller fragen könnte: „How will we WORK together“. Denn die Art des Zusammenlebens hat Auswirkungen auf die Art des Zusammenarbeitens und umgekehrt. Dabei geht es nicht allein um die Definition von Arbeitsmodellen und -kulturen, sondern insbesondere auch um die Schaffung einer Umgebung, die ein effektives und kreatives Arbeiten ermöglicht, kurz: um die Schaffung neuer Orte des Arbeitens. Auch wenn die Pandemie diese Entwicklung beschleunigt zu haben scheint: Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann prägte schon in den 1970er Jahren den Begriff „New Work“, der für meist alternative Arbeitsformen steht. In der Arbeitswelt der Zukunft sollten sich die Menschen an dem orientieren, „was sie wirklich, wirklich wollen“. Dennoch waren es (etwas verkürzt betrachtet) bisher vor allem Freelancer, die sich weltweit mit ihren Laptops in Internetcafés tummelten, von vielen belächelt oder beneidet. Zukünftig wird es höchstwahrscheinlich einem großen Teil der im Büro arbeitenden Bevölkerung möglich sein, zumindest temporär unabhängig von einem festen Arbeitsplatz tätig zu sein – sofern die individuellen Regelungen des jeweiligen Arbeitgebers dieses zulassen.

Zumthor Ferienhäuser. © Oliver Jaist
Atelier Palermo. © Stefan Koppelkamm

Tatsächlich hat der Tourismus in den vergangenen Monaten für sich entdeckt, was Kreativagenturen schon vor langer Zeit und auch zahlreiche Unternehmen in den letzten Jahren verstanden haben: dass eine positiv gestaltete Umgebung nicht nur inspirierend, sondern auch motivierend wirken kann. Doch wie müssen (oder können) diese Orte beschaffen sein? Als temporäres Arbeitsrefugium ist im Prinzip jeder Ort denkbar – ob Haus am Meer, abgelegene Berghütte oder Stadthaus. Aber jeder Einzelne braucht eine andere Umgebung, um arbeiten zu können. Manch einem mögen Kopfhörer und ein Sofa reichen, die meisten Menschen jedoch brauchen mehr: einen Rückzugsort, einen Schreibtisch, gute Lichtverhältnisse, einen schönen Ausblick. Hier wie auch bei der Wahl des Ortes kommt es vor allem auf persönliche Gewohnheiten und Vorlieben an. Konflikte entstehen häufig auch deswegen, dass der eine nicht weiß, was der andere braucht – und das trifft sowohl auf die Vorstellungen eines Urlaubs, einer Workation und auf die Ausstattung der Arbeitsumgebung zu.

Bei der Recherche stellt man fest: Es werden passende Domizile für jede Art der Workation angeboten, sowohl für Rückzug-Suchende als auch für Paare, Familien oder Arbeitsteams. Allerdings beschränkt sich die angeblich beste Arbeitsumgebung häufig auf einen Schreibtisch in der Wohnzimmerecke und ein mittelmäßig funktionierendes WLAN. Um dem Trend gerecht zu werden, müssten die Unterkünfte einen Schritt weitergehen und eine Umgebung schaffen, die den Bedürfnissen zumindest einer Zielgruppe entspricht. Erst dann könnte man Workation-Unterkünfte als solche ernst nehmen – und müsste nicht, wie bei den inflationären „Art-Hotels“, erst ganz genau hinsehen, ob die Unterkunft dem Leitmotiv wirklich gerecht wird. Und wenn die Umgebung wirklich, wirklich auf alle Bedürfnisse abgestimmt ist, gelingt sicher auch der Spagat zwischen Arbeit und Freizeit im Urlaub.

Casa Morelli. © Oliver Jaist

Text: Tina Barankay, Juli 2021

Über die Autorin: Tina Barankay verbindet ihre Leidenschaft für Ästhetik und Gestaltung seit vielen Jahren mit ihrer beruflichen Tätigkeit. Als freie Journalistin und Beraterin veröffentlicht sie Beiträge, realisiert Publikationen und entwirft Kommunikationskonzepte in den Bereichen Architektur, Interior und Design.

Kommentare

  1. Ein wichtiges und hier sehr gut auf den Punkt gebrachtes Thema! Danke an die Autorin und das UA Team als Multiplikator. Der Schlusssatz ist versöhnlich und zugleich herausfordernd. Aus der Vermieterperspektive möchte ich anmerken daß es nicht den genormten Gast gibt. Wir alle haben Grundbedürfnisse, Bedürfnisse und individuelle Bedürfnisse. Eine gelingende Mischung daraus zu realisieren liegt im Gespür der Vermieter /-innen… Mehr Input dazu von Ihnen, liebe Frau Barankay, wäre spannend. Uns allen einen unbeschwerten Sommer!
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