Manchmal muss eine Idee sehr lange darauf warten, Wahrheit zu werden – und in der Zeit wandelt sie sich mächtig. Beim Haus Schminke an der Löbauer Kirschallee hat das Warten fast zwei Jahrzehnte gedauert – es galt, den Ersten Weltkrieg, die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise zu überstehen. Doch am Ende wurde alles gut, denn hier steht – statt einer Villa im französischen Landhausstil – heute eine der bedeutendsten Ikonen der Klassischen Moderne. In der noch dazu bis zu zwölf Personen übernachten können.
Hans Scharoun entwarf das Haus 1933 für Fritz Schminke, seine Frau und vier Kinder. Schminke war Inhaber einer Nudelfabrik am Stadtrand von Löbau. Er beauftragte ein Haus – und bekam eine Ikone mit ungewöhnlicher Präzision für das Leben, das darin stattfinden sollte. Scharoun fand, Räume sollten zuallererst dem Leben dienen, nicht repräsentieren.
Haus Schminke folgt keiner symmetrischen Logik, sondern dem Rhythmus des Alltags – Bewegung, Aufenthalt, Rückzug. Für die vier Kinder der Familie hatte Scharoun ebenso mitgedacht wie für die Erwachsenen. Aber nur wenige wissen, dass besonders der Bauherr heimlich entzückt gewesen sein muss: Fritz Schminke hatte ursprünglich Schiffbauingenieur werden wollen. Geworden ist er aber Makkaroni- und Spirelli-Fabrikant – er hatte die Firma vom Vater übernommen. Der Architekt entwarf für ihn ein Haus, das Scharouns ausgeprägten Sinn für das Nautische verrät. Entstanden ist der mit Sicherheit in Bremerhaven, als der kleine Hans aus dem Fenster schaute – auf die Werften an der Geeste. Wie stark ihn das geprägt hat, ist noch heute in Löbau zu sehen: Wie ein Schiff schiebt sich das Haus in die englische Gartenanlage. Der Balkon erinnert an eine Kommandobrücke, Bullaugen in den Terrassentüren – auf Kinderhöhe, mit farbigem Glas – vollenden das Bild. Kein Wunder, dass man Haus Schminke noch heute den Nudeldampfer nennt.
Und trotz aller Kraft, die in diesem Haus steckt: Bei Einzug im Jahr 1933 vermittelte der Bau eine Leichtigkeit, die damals kaum denkbar schien. Alle Wohnräume sind nach Süden ausgerichtet und öffnen sich zum Park. Große Glasflächen verbinden Innen und Außen, ohne die Räume aufzulösen. Die Einrichtung ist heute wie damals puristisch, nichts überlagert die Wirkung der Architektur.
1978 wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Dass es heute besichtigt und bewohnt werden kann, verdankt sich einer ungewöhnlichen Geste: Die drei Töchter von Fritz und Charlotte Schminke verzichteten 1993 auf die Rückgabe ihres Elternhauses – unter der Bedingung, dass es der Öffentlichkeit erhalten bleibt. 2009 übernahm die eigens gegründete Stiftung Haus Schminke die Trägerschaft. Scharoun selbst nannte es sein liebstes Haus. Die Stiftung sorgt dafür, dass man noch heute versteht, warum.
Hinweis: Die Übernachtung für eine oder mehrere Nächte ist im Zeitraum von Donnerstag bis Sonntag möglich.
Fotos: Ralf Ganter & Marcel Schröder
Was geht hier
Eine individuelle Führung durch das Haus ist immer Teil der Übernachtung. Von Löbau aus ist es ein Katzensprung nach Görlitz, Zittau und bis an die tschechische und polnische Grenze. Wandern, Radfahren und viel Kultur erkunden sind hier selbstverständlich.
Warum wir dieses Haus mögen
Weil es kein zweites gibt wie dieses.
Für wen passt dieses Haus
Für alle, die Raum zum Gespräch und zur Begegnung suchen. Und für alle, die sich fragen, wie es sich anfühlt, in einer Ikone der Moderne zu übernachten.
Nachhaltigkeit
Das Haus ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und auch vor Ort braucht man nicht unbedingt ein Auto.
Details
| Region |
DE - Deutschland, Sachsen, Löbau Lausitz |
| Name | Haus Schminke |
| Lage | Stadtrand |
| Anzahl Gäste | 7 (mit Aufbettung 12) Personen |
| Fertigstellung | 1933 |
| Design | Hans Scharoun |
| Veröffentlicht | Iconic Houses, AD Germany 9/2020, schoener-wohnen.de 6/2017, Architekturzeitung (AZ), Wikipedia |
| Spezielles | Architekturdenkmal mit Übernachtungsmöglichkeit |
| Architektur | Baudenkmal - neu, Klassische Moderne |
| Unterkunft | Ferienhaus |
| Kriterien | 8+ (Haus/Wohnung), Garten |
Ein Kommentar
Wir haben im Oktober 2023 von Donnerstag bis Samstag eine wunderbare Zeit im Haus Schminke verlebt. Eine sehr gute Führung durch das Gebäude zu Beginn bringt einem die Geschichte und die Bewohner nahe und schon beim Eintreten in das Haus fängt einen die besondere Atmosphäre ein. Ganz unterschiedliche Lichtimpressionen über den Tag und eine spektakuläre Beleuchtung nachts sorgen für gute Stimmung. Dass sich die Bauherren Schminke und der Architekt Hans Scharoun vor dem Bauen intensiv und ausführlich austauschten, merkt man dem Haus an. Es ist ein tolles Gefühl, dort übernachten und es am Abend inklusive Garten genießen zu können. So haben wir mit unseren Freunden sehr schönen entspannte Stunden mit musikalischer Begleitung auf dem Försterflügel (die Benutzung war erlaubt) verbracht. Schön und sehr großzügig, dass man diese ikonische Villa für kurze Zeit bewohnen darf.