Alpenยญroยญmantik ohne Kitsch: Schilana 80
Im oberen Inntal ruht ein 300 Jahre altes Engadinerhaus. In aller Gelassenheit erwartet und entschleunigt es Gรคste, die gebaute wie gelebte Authentizitรคt in den Zentralalpen zu schรคtzen wissen.
Aus Richtung Mรผnchen kommend, รผber Innsยญbruck und das obere Inntal immer dem Inn Richtung Quellยญgebiet am Maloยญjapass folgend, fรผhrt mich mein Weg wie von selbst ins Unterยญengadin.
Wรคhrend sich mein Blick รผber Stunden unerยญmรผdlich auf den sich immer wilder und ursprรผngยญlicher gebรคrยญdenden Gebirgsยญfluss verยญloren hat, ist die Zeit verยญschwommen. Noch ehe mich Bahn und Postbus pรผnktlich in Ramosch im Unterยญengadin auf 1250 Hรถhenยญmetern aus dem Innยญbeยญdingten Zeit-Raum-Konยญtinuum schleudern, hat der Urlaub begonnen. Erhoยญlungsยญphase 1: abgeยญschlossen. Der Alltag liegt bereits hinter mir.
Dem Bus entยญstiegen, schweift der Blick den Hang hinauf. Bevor ich allerยญdings mein neues Quartier auf Zeit im Dorfยญenยญsemble ausยญmachen kann, drรคngen sich das Zirpen der Grillen, der Schrei eines Hahnes und der Ruf des Kuckucks in mein Bewusstsein. Und die Bergยญlandยญschaft. Sommer! Schweiz! Vorยญfreude.
Auf den Gipfeln noch Schnee, im Tal ist der Sommer bereits angeยญkommen.
รber den zenยญtralen Dorfยญplatz geht es noch einige hundert Meter (nicht Hรถhenยญmeter, keine Sorge!) voran, ehe ich um eine Ecke biegend ein Hรคuยญserยญenยญsemble rund um einen Brunnen erblicke und erstmals das Engaยญdiยญnerhaus Schilana 80 leibยญhaftig vor mir liegt. Steinern, mรคchtig, eigen. Imposant.
So beeinยญdruยญckend wie die Landยญschaft rundยญherum. Denn: Engadin ist nicht gleich Engadin, wie ich schnell lerne. Einerยญseits weil das als weniger glaยญmourรถs angeยญsehene Unterยญengadin einen, wie ich finde, wohlยญtuยญenden Gegenยญentwurf zum priยญckelnden Chamยญpaยญgnerยญklima von St. Moritz bildet. Andeยญrerยญseits, weil das Inntal hier draยญmaยญtiยญscher ist: Vโfรถrmig einยญgeยญschnitten mรคandern die Wasยญserยญmassen als alpiner Wildยญfluss durch ihr enges Bett. Unabยญhรคngig davon, welchen Teil der Schweiz auch immer man nun favoยญriยญsiert: bei mir sorยญtiert sich in dem Moment das seit der Kindheit per TV verยญanยญkerte โHeidiโ-Klischee unwillยญkรผrlich neu.
Ohnehin ist die Gegend um Ramosch eine der sonยญnenยญreichsten und regenยญรคrmsten der gesamten Schweiz. Wer also auf die Hauteยญvolee verยญzichten mag und der Ursprรผngยญlichkeit zugetan ist, ist hier richtig.
Traยญdiยญtioยญnelles Bauen, Schicht fรผr Schicht freiยญgelegt
Mit den Gedanken wieder vor Ort, fallen mir vor dem impoยญsanten Einยญgangstor stehend, direkt zwei Dinge ins Auge: Das fein gearยญbeitete Sgraยญfitto und die fรผr die Region typiยญschen Trichยญterยญfenster, die bereits von auรen enorme Wandยญstรคrken erahnen lassen.
Spรคter werde ich erfahren, dass der Anblick keiยญnesยญfalls so selbstยญverยญstรคndlich ist, wie ich ihn bereits als gottยญgeยญgeben abgeยญspeiยญchert habe. Das mehr als 300 Jahre alte Engaยญdiยญnerhaus ist lediglich eines von drei Wohnยญgeยญbรคuden, die nebst Kirche den verยญheeยญrenden Dorfยญbrand von Ramosch anno 1880 รผberlebt haben.
In der Tรผr erwarten mich bereits die Hausherr:innen, eine im Ausland lebende Schweizer Familie, die das Anwesen 2008 erworben und in den Folยญgeยญjahren gemeinsam mit dem bekannten Schweizer Archiยญtekten Duri Vital wieder zum Leben erweckt und sanft in die Gegenwart gefรผhrt haben. Dabei sind sie nahezu blind der Expertise des Archiยญtekten gefolgt, der รผber ein enormes Wissen im Umgang mit der hisยญtoยญriยญschen Bauยญsubยญstanz des Engadin verfรผgt.
Seit Jahrยญzehnten hat sich der Innenยญarยญchitekt der Bauยญkultur der Region verยญschrieben. Prioยญritรคt haben fรผr ihn die Erhaltung bestehender Strukยญturen und die Wieยญderยญentยญdeยญckung verยญgesยญsener Bauยญweisen. Wenn sich dann noch moderne Eleยญmente wie im vorยญlieยญgenden Fall nahtlos inteยญgrieren lassen, sieht er seine Mission als erfรผllt an.
Selยญbiges empยญfinden die Eigentรผmer:innen seither, auch wenn sie sich leider viel zu selten hier aufยญhalten kรถnnen. Den Groรteil des Jahres verยญmieten sie das Haus, weil ihnen ein Leerยญstand schlicht unanยญgeยญmessen vorkรคme. So sind es also vorยญwiegend die Gรคste aus dem In- und Ausland, die die Stimยญmigkeit und unaufยญdringยญliche, aber spรผrbare Gรผte der archiยญtekยญtoยญniยญschen Interยญvenยญtionen genieรen kรถnnen.
Im Inneren des eheยญmaยญligen Wohnยญstallยญhauses erwartet mich, der ich bis dato mit Engaยญdiยญnerยญhรคusern noch unverยญtraut bin, direkt eine Besonยญderheit: der hier landยญlรคufig ยซSulรจrยป genannte Vorraum.
Einst durchยญfuhren ihn schmale Gespanne ebenยญerdig Richtung Scheune bezieยญhungsยญweise Heuยญlager. Wo noch 2008 die Decken abgeยญhรคngt, der Holzยญboden unter Laminat auf Wieยญderยญentยญdeยญckung schlumยญmerte und der Raum in seiner Gesamtheit bis zur Unkenntยญlichkeit verbaut war, erรถffnet sich heute wieder ein groรยญzรผยญgiger Einยญgangsยญbeยญreich, der Gรคste zum Aufยญenthalt in geselยญliger Runde einlรคdt.
Von hier aus gehen diverse Rรคume ab. Allen voran die Stube (romaยญnisch: โstรผvaโ), die nach der Freiยญlegung und Restauยญrierung der jahrยญhunยญderยญteยญalten Arvenholz-Tรคfelung wieder im einsยญtigen Glanz erstrahlt. Erhalten geblieben ist unter anderem auch die hisยญtoยญrische Durchยญreiche zur Kรผche. Wie im ganzen Haus wurden Intarsien, Tรผren und Bรถden restauยญriert oder ersetzt.
Die Kรผche (ยซchadafรถยป) wurde im Zuge der Umbauยญmaรยญnahmen verยญgrรถรert: wo ursprรผnglich eine schmale Kรผche war, ist heute ein Vorraum, der in die jetzige Kรผche รผbergeht. Modernste Ausยญstattung und Optik schaffen einen reizยญvollen Konยญtrast zum Bestand.
Von der Kรผche aus gelangt man auf den groรยญzรผยญgigen Balkon, der ins Inntal und auf die sie begleiยญtende Bergยญkette blicken lรคsst, hinter der bereits das Vinschgau liegt. Fest im Blick hat man hier unter anderem immer den Dreiยญtauยญsender Piz Sโchalambert, der sich majesยญtรคยญtisch nahezu 2000 Meter รผber das Inntal erhebt.
Vom Sulรจr geht zudem ein Schlaf- und ein Badeยญzimmer ab. Von hier steigt man auch hinab in das Unterยญgeยญschoss mit dem hisยญtoยญriยญschem, innenยญlieยญgenden Hof, ยซCuortยป genannt, durch welchen einst das Vieh in den angrenยญzenden Stall getrieben wurde. Heute schlieรen hier der Sauยญnaยญbeยญreich und der Wasch- und Troยญckenraum an. Der zur Sauna gehรถrige Ruheraum verfรผgt รผber einen Ausgang zum Garten. Und er kann, dank Schlafsofa, optional fรผr groรe Gรคsยญtegยญruppen zusรคtzlich aufยญgeยญbettet werden.
Wieder zurรผck im Erdยญgeยญschoss, steigen wir hoch hinauf und erkunden gemeinsam die oberen Stockยญwerke.
Das 1. Oberยญgeยญschoss verfรผgt รผber zwei Schlafยญzimmer, ein Bad sowie ein groรes, wohnยญzimยญmerยญarยญtiges Aufยญentยญhaltsยญzimmer, welches bei Bedarf ebenยญfalls aufยญgeยญbettet werden kann. Es folgt im Anschluss das Musikยญzimmer, das auch als Arbeitsraum genutzt werden kann. Der Schreibยญtisch am Fenster lรคsst arbeiยญtende Gรคste direkt auf den Inn hinยญunter und die Berge voran blicken.
Schilana relยญoaded: Lounge im Dachยญgeยญschoss
Neu seit 2020 ist das ausยญgeยญbaute Dachยญgeยญschoss (ยซpalantยญschinยป), welches ursprรผnglich ein fรผr Gรคste unzuยญgรคngยญlicher Kaltraum war. Mit dem Ausbau betraut war die Archiยญtektin Adriana Stuppan, eine eheยญmalige Mitยญarยญbeiยญterin von Duri Vital, die sich 2019 im benachยญbarten Ftan mit ihrem eigenen Archiยญtekยญturbรผro selbstยญstรคndig gemacht hat.
Erschlossen wird das Dachยญgeยญschoss รผber eine Metallยญtreppe in Rohยญstahl, die nahezu schwebend erscheint. Oben angeยญkommen, erwartet die Gรคste ein groรยญzรผยญgiger Aufยญentยญhaltsraum samt Bilยญlardยญtisch, Kitยญchenette und einer groรen Wohnยญlandยญschaft am Kaminofen. Von hier aus lรคsst die neue Dachยญgaube sรผdยญseitig wieยญderum tief in das Inntal und das umgeยญbende Bergยญpanยญorama blicken.
Ebenยญfalls neu auf dieser Ebene ist ein zusรคtzยญliches Gรคsยญteยญzimmer mit Ensuite- Bad, das sich im Ostteil an die Lounge anschlieรt, so dass mittยญlerยญweile bis zu zwรถlf Gรคste in insยญgesamt sechs Schlafยญrรคumen beherยญbergt werden kรถnnen.
In techยญniยญscher Hinยญsicht wurde der Ausbau des Dachยญgeยญschosses genutzt, um das Haus per Phoยญtoยญvoltaik deutlich autยญarker zu machen.
Obwohl die Vorยญgeยญschichte des Hauses nicht komยญplett bekannt ist, kann anhand der รผberยญdurchยญschnittยญlichen Raumยญhรถhen und Fensยญterยญgrรถรen gemutmaรt werden, dass die Erbauer und Vorยญbeยญsitzer eher zu den reiยญcheren Landยญwirten am Ort gezรคhlt haben mรผssen.
Berg und Tal, Menยญschen und Kulยญturen
Die Fasยญziยญnation von Ramosch liegt nicht nur fรผr die Besitzer:innen im Zauber dieses Teils des Unterยญengadins, einem Randยญgebiet auf der Schweiยญzerยญkarte. Die Abgeยญschieยญdenheit inmitten der Bergwelt bietet ein einยญmaยญliges Erhoยญlungsยญgebiet. Gleichยญzeitig ist Ramosch ein intaktes, weil authenยญtiยญsches Dorf. Die allerยญmeisten Menยญschen, denen man vor Ort begegnet sind Einยญheiยญmische, Tourist:innen trifft man kaum an. Man taucht ins Dorf und die Umgebung ein, erkundet die hiesige (Bau-)Kultur und lauscht fasยญziยญniert den ungeยญwohnten, warmen Klรคngen des Romantsch, der vierten Schweizer Lanยญdesยญsprache hinยญterher. Natรผrlich hรถrt man verยญeinzelt auch Schweiยญzerยญdeutsch โ spรคยญtestens, wenn man sich selbst in die Gesprรคche einยญbringt.
Verยญlรคsst man den Ort, kann man vom Haus aus fuรยญlรคufig die Burgยญruine Tschanรผff erkunden, einst eine der bedeuยญtendsten Burgยญanยญlagen des Unterยญengadin. Spaยญzierยญgรคnger und Jogger zieht es meist auf die Wege am Inn und Wanยญderer erkunden etwa das Val Sinestra oder die Uina- Schlucht.
Wer sich nรคher fรผr die regioยญnalen Bauยญweisen interยญesยญsiert, besucht das Unterยญengaยญdiner Museum im Engaยญdiยญnerhaus Chร Gronda (ยซGrosses Hausยป) in Scuol Sot. Dort werden unter anderem das gesamte Inventar des traยญdiยญtioยญnellen Engaยญdiยญnerยญhauses mit allen Rรคumยญlichยญkeiten und dem eheยญmaยญligen landยญwirtยญschaftยญlichen Gerรคt des Unterยญengadins gezeigt.
Da Ramosch wie erwรคhnt direkt im Dreiยญlรคnยญdereck liegt, bieten sich sommers wie winters auch Ausยญflรผge ins sรผdยญtiยญroยญleยญrische Vinschgau und das รถsterยญreiยญchische Oberยญinntal an.
Im Winter locken natรผrlich die diversen triยญnaยญtioยญnalen Skiยญgeยญbiete; es sei denn, man frรถnt dem Langlauf. Dann kann man getrost vor Ort bleiben und findet direkt sein Glรผck.
Text: Ulrich Stefan Knoll, Juli 2022
Fotos: ยฉ Zeljko Gataric (Coverfoto, 1, 4, 13, 14, 16โ19, 21โ24, 26โ35, 44) ยฉ Archiv Unterยญengadin (8) ยฉ Adriana Stuppan / studio dโarchitectura Ftan (7, 20, 36) ยฉ Georg Vetter (39โ41) ยฉ Ulrich Stefan Knoll (2, 3, 5, 6, 9โ12, 15, 25, 37, 38, 42, 43)
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