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Rasmus Johnsen und Anders Petersen sind urbane Seelen mit Sur­fer­herzen. Die wilde Weite von Thy an Däne­marks Nord­west­küste wurde für sie zum krea­tiven Kata­ly­sator lokaler Pro­jekte mit kos­mo­po­li­ti­schem Spirit: ein Co-Working-Kol­lektiv und zwei Feri­en­häuser, die zur Leich­tigkeit des Seins ver­führen.

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Das Leben ist ein Strand

Rasmus Johnsen und Anders Petersen sind urbane Seelen mit Surferherzen. Die wilde Weite von Thy an Dänemarks Nordwestküste wurde für sie zum kreativen Katalysator lokaler Projekte mit kosmopolitischem Spirit: ein Co-Working-Kollektiv aus achtsamen Wellenreiter:innen und zwei Ferienhäuser, die zur Leichtigkeit des Seins verführen.

von Britta Krämer im November 2022

 Das Leben ist ein Strand in  /

Klit­møller, Cold Hawaii

In Thy, an der nord­west­lichen Spitze Däne­marks, ist der Himmel endlos und das Licht hat eine betö­rende Kraft. Die Natur zeigt ihre Schönheit in immer neuen Sze­narien – von den wind­ge­peitschten Dünen entlang rauer Küsten und weiter Sand­strände bis hin zu sanft geschwun­genen, grasbe­deckten Hügeln und Hei­deland. Das kleine Fischerdorf Klit­møller genießt einen wahren Logen­platz inmitten dieses Natur­schau­spiels: Es sitzt buch­stäblich auf dem Strand, just zwi­schen der tosenden Nordsee und der reiz­vollen Stille des Natio­nal­parks Thy. Der Ort ist eher unbe­kannt, unter Surf­be­geis­terten gilt er hin­gegen als der Nabel von „Cold Hawaii“, einem der besten ganz­jäh­rigen (Wind-)Surfspots Nord­eu­ropas. Wer lieber festen Boden unter den Füßen hat, findet gran­diose Wan­derwege und Moun­tain­bikestrecken – oder blickt einfach nur aufs Meer und staunt.

“Wir haben uns ent­schieden, mit unseren Familien in Klit­møller zu leben und von hier aus zu arbeiten — wegen des Meeres, der Brandung, des Lichts und der Men­schen”

Rasmus Johnsen

Ver­wit­terte Fischer­boote zieren früh­morgens den langen, men­schen­leeren Strand von Klit­møller und kon­templieren – Seite an Seite mit den Möwen – den Rhythmus der Wellen, die mit glatten Fronten und steilen Kämmen ans Ufer rollen. Unter einem weiten hell­blauen Mor­gen­himmel beob­achtet eine kleine Gruppe von Frühaufsteher:innen in Neo­pren­an­zügen kon­zen­triert den Horizont, um sich dann urplötzlich bäuch­lings auf ihre Surf­bretter zu werfen und auf das Meer hinaus zu paddeln. Sie fliegen mit dem Wind und spüren den Rausch der Freiheit – begleitet vom Tuckern der Fisch­kutter, die aus­laufen, um ihren täg­lichen Fang an Kabeljau und Scholle, Krabben und Hummern zu ergattern.

Während Klit­møller zu Zeiten des Wind­surf­booms in den 1990er Jahren ein wahrer Hotspot war, ist es heute erstaunlich ruhig hier, doch einige der besten Surf­schulen Däne­marks sind geblieben und mit ihnen ein paar lei­den­schaft­liche Wellenreiter:innen aus aller Welt. Im Laufe der Zeit hat sich das Gewebe des Dorfes zu einem inter­na­tio­nalen Patchwork aus Locals und Men­schen ent­wi­ckelt, die nicht hier geboren wurden, aber ein tiefes Gefühl der Zuge­hö­rigkeit emp­finden. Und das hat seinen Grund: Klit­møller ist von einer ganz beson­deren Atmo­sphäre durch­drungen, hat seinen ganz eigenen Puls, und wer zu Besuch kommt, spürt ihn mit Seele und Sinnen, taucht ein und tanzt mit dem Wesen dieses Ortes: mit dem Licht, der Weite, den tosenden Wellen, dem weichen Sand unter nackten Füßen und der warm­her­zigen Natur seiner Men­schen.

Idylle

Auch die lang­jäh­rigen Freunde Rasmus Johnson und Anders Petersen ver­fielen diesem magi­schen Ort. „Wir haben uns ent­schieden, mit unseren Familien in Klit­møller zu leben und von hier aus zu arbeiten – wegen des Meeres, der Brandung, des Lichts und der Men­schen. Wir sind beide, aber jeder auf seine Weise, in dieser Gegend ver­wurzelt. Sie ist die Grundlage für das Leben, das wir führen, und die Mög­lich­keiten, die wir suchen“, erklärt Rasmus, der Unter­nehmer mit einem Master in Phi­lo­sophie und Inhaber einer Bera­tungs­firma für inno­vative Pro­jekte ist. 

Die Nach­bar­schaft ist klein, aber fein: eine Gruppe von auf­ge­schlos­senen Individualist:innen mit einem sinn­stif­tenden Lebensstil. Einige sind aus Kopen­hagen oder Århus hier­her­ge­zogen, andere von der gegen­über­lie­genden Seite des Globus; manche wurden hier geboren oder haben fami­liäre Bin­dungen, die sie dazu bewegten, in diese äußerste Ecke Däne­marks zurück­zu­kehren – umgeben von Kie­fern­wäldern, Sümpfen und der spek­ta­ku­lären Weite Thys. Kinder schlendern den Strand entlang, Erwachsene sitzen ent­spannt zusammen und plaudern bei einer heißen Tasse Kaffee oder däni­schem Tee. Kra­niche tanzen und trom­peten in den Teichen. Es ist fast zu idyl­lisch, um wahr zu sein.

2017 schlossen sich Anders und Rasmus zusammen, um einem gemein­samen Traum Leben ein­zu­hauchen: Feri­en­häuser zu schaffen, welche die stille Wildheit von Thy respek­tieren und reflek­tieren – zeitlose Refugien, deren har­mo­nische Archi­tektur die Seele zum Schwingen bringt. Ihr Name ist Pro­gramm: Recharge Houses. Das erste wurde im nahe gele­genen Agger gebaut, das zweite in Klit­møller.

Dazu­ge­hören

Das Projekt der Recharge Houses war von einer starken Vision getrieben: Bauen und Wohnen mit dem all­ge­gen­wär­tigen Blick auf die Natur. Und: den Gästen ermög­lichen, in einen authen­ti­schen Kontakt mit dem Ort zu treten. „Wir gehören hierher und möchten unseren Gästen eben­falls dieses Gefühl der Zuge­hö­rigkeit ver­mitteln, während sie hier sind“, sagt Rasmus. „Die Häuser sind unser Geschenk an alle, die uns besuchen. Wir wün­schen uns, dass sie den Rahmen für Urlaubs­er­leb­nisse schaffen, die ehrlich, einfach, groß­artig und gemütlich zugleich sind.“

Der Bau­prozess war eine echte Team-Hand­arbeit von Rasmus und Anders, dem in Agger ansäs­sigen Archi­tekten Søren Sarup von Puras Archi­tecture und einer kleinen Gruppe von ver­sierten lokalen Hand­werkern. „Wir haben jedes Detail gut durch­dacht, haben mit bloßen Händen zuge­packt, waren bei Wind und Wetter, Tag und Nacht, an Wochen­enden und Wochen­tagen vor Ort. Wir haben getan, was wir konnten, um Räume mit einer sehr mensch­lichen Dimension zu schaffen“, betont Anders, der beruflich Wohn­pro­jekte für Men­schen mit beson­deren Bedürf­nissen koor­di­niert, dar­unter ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­zentrum für Soldat:innen mit post­trau­ma­ti­schem Stress­syndrom. 

Die Recharge Houses – für jeweils bis zu sechs Gäste – sind Anders‘ und Rasmus’ beherztes com­mitment zu acht­samen und authen­ti­schen Lebens- und Rei­se­kon­zepten, um Thy und „Cold Hawaii“ vor einer zu tou­ris­ti­schen, zu über­lau­fenen, zu kli­scheehaft hyg­ge­ligen Zukunft zu bewahren.

Raum, Licht und Har­monie

Südlich des gleich­na­migen Hafenört­chens blickt das Recharge House Agger auf den 485 Hektar großen Flach­was­sersee Flade Sø. Seine arten­reiche Gras- und Sumpf­land­schaft wird im Frühjahr und Herbst zu einem geschützten Paradies für seltene Stelz­vögel.

Die Nord­see­strände liegen 600 Meter weiter westlich, gleich hinter den wind­ge­kämmten Dünen. Riesige Pan­ora­ma­fenster lassen das Gebäu­de­en­semble – ein Haupthaus und eine Depen­dance – mit der Natur ver­schmelzen und bringen See und Heide in die warmen, licht­durch­flu­teten Räume. Das Innere der Häuser lebt von der Reduktion und dem Zusam­men­spiel von Licht, Material und Land­schaft. Wenige, aber hoch­wertige und höchst kom­for­tablen Wohn­ele­mente prägen das Inte­rieur. Außer dem gemütlich knis­ternden Feuer im Kamin lenkt nichts vom Blick in die Natur ab, die das Haus je nach Jah­reszeit, Wetter und Son­nen­stand in immer neue Stim­mungen taucht. Aus der Hitze der Sauna geht der Blick in die grüne Wildnis, draußen wartet – gut ver­steckt – die kalte Dusche. 

Klare Kon­turen und zurück­hal­tende Schlichtheit zeichnen das Recharge House Klit­møller aus, das nur 450 Meter vom Strand des Ortes ent­fernt liegt. Das L‑förmige, mit Zedernholz ver­kleidete Haus ist von den tra­di­tio­nellen Bau­ern­häusern West­jüt­lands inspi­riert. Ruhiges Weiß und sanfte Töne durch­ziehen alle Räume und ver­mitteln ein Gefühl von fried­licher Har­monie. Der offene Wohn­be­reich ist bis hoch in den Giebel kom­plett ver­glast und die Seele weitet sich, wenn die Natur das Ambiente durch­dringt und ihre heilsame Kraft ver­strömt. Schlaf­zimmer und Sauna sind intime Rück­zugsorte in stän­digem Dialog mit der Natur, das Ober­licht im Bad holt den Ster­nen­himmel ins Haus. 

In beiden Recharge Houses har­mo­nieren die Gegen­sätze meis­terhaft: Rückzug und Ver­bun­denheit, Hightech und High Sky, weiter Blick und warmes Nest. Übrigens: Die Häuser ver­fügen über eine blitz­schnelle Inter­net­ver­bindung und sind kraft­volle Impuls­geber für kreative Pro­zesse. Wer also (ein bisschen) zu arbeiten hat, muss sich eine andere Ausrede ein­fallen lassen, um in den Alltag zurück­zu­fahren. Die Häuser schenken ihren Gästen alle Zeit der Welt – und machen ihrem Namen alle Ehre: Sie sind wun­derbare Refugien, um Kraft und Inspi­ration zu schöpfen und wieder in Kontakt zu kommen mit der Natur – vor allem aber mit sich selbst.

Lebenswert

Zusammen mit Gleich­ge­sinnten hat Rasmus Cowork Klit­møller ins Leben gerufen – einen Co-Working-Space für ein­hei­mische oder pen­delnde Freelancer:innen und Kleinunternehmer:innen aus „Cold Hawaii“, mit Meer­blick, High-Speed-Internet und dem Recht auf unerhört viel Kaffee. Fer­n­ar­bei­tende Gäste sind herzlich ein­ge­laden mit­zu­machen. Sie bleiben so lange, wie sie möchten, und zahlen ent­spre­chend. Manchmal kommt es vor, dass sie ein bisschen länger bleiben … „Unser Cowork ist ein krea­tiver Treff­punkt, ein inspi­rie­render Ort, um sich aus­zu­tau­schen, zu ver­netzen, zu dis­ku­tieren und gemeinsam coole Sachen zu machen. Remote Work ist Tages­routine, aber der per­sön­liche Kontakt und die Inter­aktion bleiben der schönste und wich­tigste Aspekt“, erklärt Rasmus, der das Projekt leitet. „Wir wollen die per­sön­lichen, beruf­lichen und sozialen Vor­teile eines starken Netz­werks und einer kom­pe­tenten Gemein­schaft nutzen, um erfolg­reiches Business mit maxi­maler Freiheit und Zeit­hoheit zu ver­binden. Ich schätze, ‚familiär‘ ist wohl der tref­fendste Begriff, um den Spirit hier zu beschreiben.” Derzeit hat Cowork Klit­møller 14 Mit­glieder. Sie könnten nicht unter­schied­licher sein, doch (fast) alle surfen und alle ver­bindet eine tiefe Liebe zum Meer und zu Thy. Da ist die Foto­grafin Mette Johnson, Rasmus’ Frau, deren poe­tische Bilder das Wesen des Moments ein­fangen. Da ist Outwest Pro­duction – Martin und Rebecca Sindal la Cours kleine, stil­be­wusste Film­pro­duk­ti­ons­firma. Mode­schöp­ferin Benthe Boesen und Gra­fiker Troels Schwarz haben die nach­haltige Marke Slow Works ins Leben gerufen und glauben an Ent­schleu­nigung, um der eigenen Zeit ihre Würde zurück­zu­geben.

Es wird immer deut­licher, dass es einen roten Faden gibt, der diesen ein­zig­ar­tigen kleinen Melting Pot inmitten der däni­schen Dünen durchwebt: die feste Über­zeugung, dass Zeit heilig ist und dass unser Umgang damit offenbart, um was es uns im Leben geht. Ganz sicher um Liebe und Acht­samkeit. Um gegrillten Hummer und Gelächter am Lager­feuer. Es geht um Sehn­sucht und Zuge­hö­rigkeit, um Träume und Zweifel. Es geht darum, ganz und gar in die Energie eines Ortes, eines Men­schen ein­zu­tauchen. Es geht um stille Wasser und tosende Wellen, um Mor­genröte und Abend­licht. In Klit­møller ist das Leben ein Strand.


Text: Britta Krämer
Fotos: © Mette Johnsen
Quelle: Der Beitrag ist Teil unserer Ver­öf­fent­li­chung Raum & Zeit ⎜Space & Time

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