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Die Schatz­insel am Nie­der­rhein

Natur und Kunst, Landschaft und Architektur bilden auf der Insel Hombroich ein Spannungsverhältnis des Elementaren. Und vor allem: einen magischen Ort der Stille, Besinnung und des Entdeckens.

von Katharina Matzig im Dezember 2025

 Die Schatz­insel am Nie­der­rhein in  /

Richard Branson hat eine, Leo­nardo DiCaprio, Johnny Depp oder auch Shakira: eine eigene Insel. Nach Captain Flints Gold­schatz suchen sie dort aller­dings nicht, anders als in Robert Louis Ste­vensons Klas­siker. Der Fluch der Pro­minenz ist die Papa­razzi-Pira­terie, das private Eiland ihr von tür­kis­blauem Wasser umspülter Schutzraum. Ganz anderes aller­dings hatte Karl-Heinrich Müller im Sinn, als er sich seine Insel kaufte. Sand­strände hat sie ebenso wenig wie Palmen. Sie liegt nicht einmal am Meer, sondern im nord­rhein-west­fä­li­schen Neuss, zwi­schen Feldern, Kopf­weiden und der Erft. Und vor allem ist sie kein Ort des Rückzugs. Im Gegenteil: die Insel Hom­broich ist ein Ort der Offenheit für die Öffent­lichkeit.

Museum Insel Hom­broich: Alter Park

1982 erwarb der Immo­bi­li­en­makler das um die 20 Hektar große Auen­areal – nicht, um es zu besitzen, sondern um es zu gestalten. Denn der 1936 geborene lei­den­schaft­liche Kunst­sammler suchte einen Ort für ein Gesamt­kunstwerk aus Natur und Kunst, Land­schaft und Archi­tektur, auf dem Künst­le­rinnen und Künstler leben und arbeiten, und das Besucher ganz ent­spannt ent­decken können. Der 2007 ver­storbene Mäzen glaubte fest an die Kraft der unmit­tel­baren Erfahrung, und gemeinsam mit dem Bild­hauer Erwin Heerich und dem Land­schafts­ar­chi­tekten Bernhard Korte ent­stand auf dem sump­figen, nie­der­rhei­ni­schen Gelände dann auch eine Kul­tur­land­schaft der ganz beson­deren Art.

Eine Schatz­karte voller Rätsel

Die Karte, um diesen Schatz zu suchen und zu finden, gibt es im Kas­senhaus der Insel Hom­broich, keine 20 Auto­mi­nuten vom Neusser Haupt­bahnhof ent­fernt: gedruckt auf weißem DIN A3-Papier, gefaltet zum kleinen Quadrat. Darauf abge­bildet ist – schwarz auf weiß und äußerst redu­ziert – der Lageplan des Museums Insel Hom­broich. 17 Ziffern kenn­zeichnen Erwin Hee­richs skulp­turale, über das ganze Gelände ver­teilte Bauten. Ein kleines Heftchen gibt es dazu. Vade­mecum heißt es, und so ist es auch gemeint: Vade mecum! Gehe mit mir! Mecum quaere! wäre aller­dings auch eine mög­liche Über­schrift: Suche mit mir!

Los geht’s, vorbei an Gotthard Graubners ehe­ma­ligem Wohnhaus und Atelier. Der Turm stimmt ein auf Hee­richs Pavil­lon­ar­chi­tek­turen: rot geziegelt allesamt, redu­ziert, klar, geo­me­trisch. Kuben, Zylinder, Quader, Tempel des Mini­ma­lismus. „Ich bin kein Architekt und baue keine Häuser. Aber die Idee, eine Skulptur zu errichten, die einen Innenraum hat, reizte mich außer­or­dentlich.“ Manche sind tat­sächlich „nur“ das: reine Raum­skulp­turen. Andere beher­bergen Kunst­werke aus Müllers Sammlung. Alle kommen ohne Strom aus, ohne künst­liche Beleuchtung, ohne Per­sonal. Und: ohne Schilder, die auf Titel, Künstler, Jah­res­zahlen ver­weisen.

Ent­decken statt Erklären

Die radikale Anti­di­daktik und minimale Besu­cher­führung ist Pro­gramm: Auf Absper­rungen, Beschil­derung oder Kataloge wurde hier von Beginn an und wird bis heute bewusst ver­zichtet. Besu­che­rinnen und Besucher sollen rätseln, zweifeln, ent­decken, emp­finden, und so ihre per­sön­liche Zwie­sprache mit der Kunst in der Kul­tur­land­schaft halten. Und sie sollen sich Zeit nehmen dafür. Statt Sou­ve­nirshop oder Audio­guide gibt es daher ein bäu­er­liches Buffet, eine ‚nie­der­rhei­nische Kaf­fee­tafel’ aus Korin­thenbrot, Kräu­ter­quark und Kaffee in der im Zentrum der Muse­ums­insel gele­genen Cafe­teria. Sie ist im Ein­tritts­preis inklu­diert und bis eine Stunde vor Schließung des Parks zugänglich, so oft man mag: Karl-Heinrich Müller wollte einen Ort der Gast­lichkeit anbieten, der sich nicht nur auf das Genießen von Kultur und Natur beschränkt, sondern auch das leib­liche Wohl befriedigt. Das ist nicht nur unge­wöhnlich, sondern vor allem unge­wohnt – und ganz ehrlich: Es dauert, die Unruhe des Wis­sen­wollens aus­zu­halten und sich auf ein ent­spanntes Erleben ein­zu­lassen. Ob man der gut 400 Objekte umfas­senden Sammlung damit gerecht wird, muss wohl jeder für sich ent­scheiden.

Die Kunst der Stille

Denn sie ist durchaus anspruchsvoll: Skulp­turen aus der Khmer-Zeit treffen auf Arbeiten von Hans Arp, Yves Klein, Lovis Corinth oder Francis Picabia. Antike Arte­fakte stehen gleich­be­rechtigt neben zeit­ge­nös­si­scher Malerei, ost­asia­tische Figuren und afri­ka­nische Masken kor­re­spon­dieren mit euro­päi­schen Still­leben.

Müller sam­melte keine Kunst­ge­schichte, sondern seine eigene Welt­ordnung, die ange­mes­senen, groß­zü­gigen Raum bekommt in der wun­derbar flachen, weiten Land­schaft des Nie­der­rheins. Die Erft umfließt das Gelände, teilt es in Halb­inseln, schafft Feucht­wiesen und Auwälder. Bernhard Korte arbeitete mit der Natur, nicht gegen sie. Wege mäandern zwi­schen Weiden und Schilf, kleine Brücken führen über Sei­tenarme, das Licht bricht sich im Wasser. Man freut sich, dass es sonnig und trocken ist beim letzten Besuch – und wünscht sich für den nächsten Nebel und Nie­sel­regen, für den über­nächsten glit­zernden Schnee und für den über-über­nächsten.… „Viel­leicht ist die Insel nur zu erleben, nicht zu beschreiben.“, ver­mutete der Gründer.

Als ‚land­marks’ besetzen die Pavillons von Erwin Heerich die Kul­tur­land­schaft. Dazwi­schen begegnet man im Freien seinen Skulp­turen ebenso wie Arbeiten von Anatol Herzfeld, einem Schüler von Joseph Beuys, der wie Heerich und Graubner lange auf Hom­broich gear­beitet hat. Seine archai­schen, aus Eisen und Holz geschmie­deten Formen scheinen direkt aus der Erde gewachsen zu sein: 36 Jahre lang war die Insel sein Schaf­fensraum und Ort für Aus­tausch und Arbeit, so wie von Karl-Heinrich Müller gewünscht.

Die Rake­ten­station: Vom Mili­tär­ge­lände zum Kul­turraum

Zeit, die Schatz­karte umzu­drehen und die gut zwei Kilo­meter ent­fernte Rake­ten­station zu entern. 1994 kaufte Müller das Gelände der ehe­ma­ligen NATO-Rake­ten­station, sein Traum vom Kultur-Raum wuchs damit auf über 60 Hektar.

Heute stehen dort Bauten von Per Kirkeby, Alvaro Siza, Raimund Abraham, Terunobu Fujimori oder auch Tadao Ando, der 2004 die Langen Foun­dation entwarf, ein Museum für die Sammlung ost­asia­ti­scher Kunst von Victor und Marianne Langen sowie für wech­selnde Aus­stel­lungen.

Gelebt und geforscht wird aber auch auf der Rake­ten­station. Seit 2001 sogar nicht mehr nur von Kunst­schaf­fenden, Kom­po­nis­tinnen oder Wis­sen­schaftlern, sondern auch als Gast: zwölf einzeln oder zu zweit nutzbare Zimmer können im Gäs­tehaus Kloster gebucht werden, für 100 Euro die Nacht, die Rechnung kommt im Anschluss an den Auf­enthalt per Post. Auch das gehört zum Konzept der Stiftung Insel Hom­broich, die heute ver­ant­wortlich ist für die Geschicke dieses Schatzes: Ver­trauen statt Trans­aktion.

Das Gäs­tehaus Kloster

Den Schlüssel für die vier höl­zernen Tore, die auf den H‑förmigen Innenhof führen, holen sich die Gäste während der Öff­nungs­zeiten im Kas­senhaus des Museums Insel Hom­broich. Sie öffnen auch die über­hohen Schlaf­räume: Erwin Hee­richs Sohn Martin setzte als Architekt den gewohnt radi­kalen, redu­zierten Entwurf seines Vaters um.

WLAN ist ein Zuge­ständnis an die heu­tigen Ansprüche, ebenso wie der nach­träglich kon­zi­pierte halbhohe Sicht- und Licht­schutz, der bei Bedarf aus dem Schrank geholt und an den Fenstern ange­bracht werden kann. Ange­messen karg gestaltete der Künstler und Vor­stands­vor­sit­zende der Stiftung, Oliver Kruse, die Ein­richtung, die tex­tilen Inter­pre­ta­tionen des Grund­risses an den weißen Wänden stammen von Erwin Hee­richs Frau Hil­degard. Die große Küche für die Selbst­ver­pflegung steht allen Gästen zur Ver­fügung. Sie ist der rechte Ort, um sich laut­stark über die Stille der Kul­tur­land­schaft und die Rätsel der Kunst aus­zu­tau­schen. Und sicher auch – ein wenig erschöpft, aber groß­artig beschenkt – anzu­stoßen auf einen Erfah­rungsraum, der alle Sinne belebt.


Das Hom­broich-Ticket für Insel und Rake­ten­station kostet 25 Euro.

Museum Insel Hom­broich, Minkel 2, 41472 Neuss
Gäs­tehaus Kloster, Lin­denweg, 41472 Neuss

www.inselhombroich.de, vermietung@inselhombroich.de

Text: Katharina Matzig

Bild­nach­weise:

Titelbild — Museum Insel Hom­broich: Graubner-Pavillon. Begehbare Skulptur von Erwin Heerich © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle © Erwin Heerich, VG Bild-Kunst Bonn, 2024

1 / 2 — Museum Insel Hom­broich: Alter Park © Stiftung Insel Hom­broich / Foto: Jen­nifer Eckert
3 — Museum Insel Hom­broich: Ohne Titel (Häuser), Anatol Herzfeld, unda­tiert © Anatol Herzfeld, Stiftung Insel Hom­broich / Foto: Jen­nifer Eckert
4 — Museum Insel Hom­broich: Turm © Erwin Heerich VG Bild-Kunst Bonn 2025 © Bild­archiv Foto Marburg / Foto Tomas Riehle
5 — Museum Insel Hom­broich: Land­schaft / Cafe­teria © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle

6 — Museum Insel Hom­broich: Cafe­teria. Begehbare Skulptur von Erwin Heerich © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle © Erwin Heerich, VG Bild-Kunst Bonn, 2025
7 / 9 — Museum Insel Hom­broich: Tadeusz-Pavillon. Begehbare Skulptur von Erwin Heerich © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle © Erwin Heerich, VG Bild-Kunst Bonn, 2024
8 — Museum Insel Hom­broich: Tadeusz-Pavillon. Begehbare Skulptur von Erwin Heerich. Werke von Norbert Tadeuzs © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle © Norbert Tadeusz, VG Bild-Kunst Bonn, 2024 © Erwin Heerich, VG Bild-Kunst Bonn, 2024
10 — Museum Insel Hom­broich: Sammlung Laby­rinth © VG Bild-Kunst, Bonn 2025 / Foto: Helmut Claus

11 — Museum Insel Hom­broich: Graubner Pavillon © Erwin Heerich VG Bild-Kunst Bonn 2025 / Foto: Jen­nifer Eckert
12 — Museum Insel Hom­broich: Hohe Galerie © Erwin Heerich VG Bild-Kunst Bonn 2025 © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle
13 — Museum Insel Hom­broich, Alter Park: Skulptur [ohne Titel] von Erwin Heerich, 1978 © Erwin Heerich VG Bild-Kunst / Foto: Katharina Matzig
14 — Rake­ten­station Hom­broich: Haus für Musiker © Bild­archiv Foto Marburg /
Foto: Tomas Riehle © Raimund Abraham
15 — Rake­ten­station Hom­broich: Langen Foun­dation © Bild­archiv Foto Marburg / Foto Tomas Riehle

16 / 17 — Rake­ten­station Hom­broich: Siza Pavillon © Bild­archiv Foto Marburg / Foto Tomas Riehle
18 — Rake­ten­station Hom­broich: Kirkeby-Feld, Sammlung Kahmen © Per Kirkeby, VG Bild-Kunst Bonn, 2024 / Foto: Stiftung Insel Hom­broich
19 — Rake­ten­station Hom­broich: Kirkeby-Feld, Drei Kapellen © Per Kirkeby, VG Bild-Kunst Bonn, 2024 / Foto: Stefano Gra­ziani
20 / 21 / 22 / 23 — Gäs­tehaus Kloster © Bild­archiv Foto Marburg / Foto: Tomas Riehle

2 Kommentare

Hom­broich ist gross­artig.
Es ist geradezu irreal schön.
Es ist spek­ta­kulär eigen­ständig.
Es ist unge­wöhnlich uneitel und selbst­ge­nügsam.
Es ist eine atem­be­rau­bende Ein­bindung von Kunst und Archi­tektur in eine Land­schaft, die zugleich gewachsen und gestaltet ist.
Es ist ein sel­tenes Bei­spiel der gelun­genen Ver­knüpfung von moderner For­men­sprache und tra­di­tio­nellen Mate­rialen.
Es zeigt eine Auswahl von Künstlern, denen der hand­werk­liche Cha­rakter Ihres Werkes noch selbst­ver­ständlich war.
Und das in Deutschland.
Wir waren im Oktober 2004 erst­malig dort, und wundern uns seitdem, wie wenig öffent­liche Wahr­nehmung dieses Gesamt­kunstwerk erhält.
Aber es ist gut so. Die Insel lebt von der Ruhe und Con­tem­plation.
Danke für die Erin­nerung, wir kommen wieder.

Jan Kobel sagt:

Wun­dervoll diese puz­zle­ar­tigen Ein­blicke in diesen Insel­garten , der Kunst und der Begegnung, man möchte sofort Anreisen.Frühling, oder Sommer :) , ich komme:):):)

Eva Lampert sagt:

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