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Ein Bett zwi­schen Kohl und Tomaten: La Ferme de Brouage

Eine Pariser Familie verwandelt ein ehemaliges Landkloster, 500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, in eine Gemüsefarm. Zukunftsgerechte Landwirtschaft und beständige Veränderung machen diesen Ort aus, an dem auch Gäste beherbergt werden.

von Barbara Hallmann im Oktober 2026

 Ein Bett zwi­schen Kohl und Tomaten: La Ferme de Brouage in  /

Ver­än­de­rungen? Damit hat man in La-Grip­perie-Saint-Symphorien über die Jahr­hun­derte reichlich Erfahrung: Das Dorf mit knapp 600 Ein­wohnern liegt am Rande des frü­heren Golfs von Sain­tonge, weniger als eine Stunde südlich-östlich von La Rochelle. Einstmals über­spülte das Meer diese Gegend; ab 400 n. Chr. begann das Gebiet zu ver­landen. Übrig blieb lange Zeit ein Mee­resarm, den man „La Brouage“ nannte. Noch immer  das Gebiet westlich von La-Grip­perie-Saint-Symphorien bis hin zum Atlantik reines Sumpfland und der extrem ton­haltige Boden in der Gegend einem stän­digen Quellen und Schwinden unter­worfen.

Im 12. Jahr­hundert gründete eine der wich­tigsten Bene­dik­ti­ne­rinnen-Abteien Frank­reichs, gelegen im 30 Kilo­meter ent­fernten Saintes, hier ein Toch­ter­kloster. Auf­gelöst wurde es ver­mutlich – genau wie das Mut­terhaus – während der fran­zö­si­schen Revo­lution; seither diente das Gebäude als Wohnhaus, zuletzt als Zweit­wohnsitz. Die Neben­ge­lasse stammen aus dem 18. Jahr­hundert und waren als Ställe gebaut worden, standen aber ungefähr 150 Jahre lang leer.

Die Familie wohnte zu dieser Zeit im 9. Arron­dis­sement „das stei­nigste“, wie Hanh-Claire es nennt.

2018, bei einer Tour durch West- und Süd­frank­reich, ent­deckte eine sie­ben­köpfige Familie aus Paris das 4 Hektar große Anwesen – auf der Suche nach ihrem künf­tigen Zuhause. Das jüngste Kind war damals ein Jahr alt, das älteste zehn. Die Eltern Hanh-Claire und Antoine waren beide wasch­echte Stadt­men­schen, waren in der Haupt­stadt auf­ge­wachsen und arbei­teten in inter­na­tio­nalen Firmen. Die Familie wohnte zu dieser Zeit im 9. Arron­dis­sement „das stei­nigste“, wie Hanh-Claire es nennt. Aber sie wollten Ver­än­derung wagen. Wollten die Welt zu einem bes­seren Ort machen, für sich und für ihre Kinder. Also sahen sie sich in Frank­reich um, fuhren nach La Rochelle und von dort aus Richtung Süden, bis in die Cevennen und nach Mont­pellier. «Aber diese Gegend hier fühlte sich für uns richtig an“, erinnert sich Hanh-Claire. „Wir sagten uns, dass es hier weniger heiß wird als im Süden und dass wir hier ver­mutlich auch keine Was­ser­knappheit erleben werden – was für einen Gemü­se­bau­be­trieb ein sehr wich­tiger Faktor ist.“

Der Kauf gelang, sie ver­ließen Paris und zogen in die Cha­rente-Maritime. Besuchten Wei­ter­bil­dungen zu öko­lo­gi­scher Land­wirt­schaft. Und machten sich daran, auf dem 4 Hektar grossen Gelände einen Obst- und Gemü­se­be­trieb auf­zu­bauen, wie sie ihn für sinnvoll hielten: Mit viel Hand­arbeit, ohne Kunst­dünger und ohne che­mische Pflan­zen­schutz­mittel, aber doch wirt­schaftlich ren­tabel. „Bis zur Reblaus-Krise im 19. Jahr­hundert gab es auf dem Anwesen Weinbau, also waren wir relativ sicher, dass der Boden gut ist. Und dass er lange genug aus­ruhen konnte und keine Che­mi­kalien enthält.“ Die erste Zeit galt es, sich auch vor Ort zu beweisen, erinnert sich Hanh-Claire: „Die lokale Bevöl­kerung hat uns zurück­haltend, aber neu­gierig beäugt. Also haben wir viel gear­beitet, den Wild­wuchs ent­fernt und die Böden vor­be­reitet – und so auch gezeigt, dass wir es ernst meinen.“ Auf Alt­ein­ge­ses­senen muss es ver­wun­derlich gewirkt haben, dass zwei Haupt­städter sich in dieser abge­le­genen Region als Land­wirte ver­suchen wollen. „Die meisten haben ver­mutlich damit gerechnet, dass wir nicht sehr lange durch­halten werden.“

This article first appeared in our book Dream in Pro­gress.

The book is a homage to those bold enough to leap into the unknown and trust seren­dipity. Sixteen distinctive pro­jects offer a mul­ti­faceted plot of trans­for­mation – all coaxing you to see dif­fer­ently. Fea­turing a limited edition by artist Jana Gunst­heimer, this playful atlas is ulti­m­ately an earnest invi­tation: Dream boldly and enjoy the journey!

You can purchase the book at any bookshop or directly from our online shop.

Aber nicht nur den Obst- und Gemü­se­anbau hatten die beiden als Plan. Von Anfang an gab es auch die Idee, in den großen Neben­ge­lassen Feri­en­woh­nungen ein­zu­richten. Und zwar nach Vor­bildern aus Italien oder Grie­chenland – dass sie das Konzept nicht selbst erfunden haben, betont Antoine mehrfach: „Wir haben das nur hierher geholt. In diesen Ländern gibt es aktive Bau­ernhöfe, die zugleich stilvoll ein­ge­richtete Unter­künfte anbieten.“ Das finde man in Frank­reich kaum. „Ent­weder da ist ein funk­tio­nie­render Bau­ernhof, der zusätzlich noch einige eher lieblos ein­ge­richtete Feri­en­zimmer ver­mietet. Oder es gibt alter­nativ Unter­künfte mit Stil, wo dann aber maximal ein paar Stroh­ballen und zwei Katzen und drei Kaninchen vor­gaukeln, man sei hier auf einem Hof.“

Für ihr Feri­en­woh­nungs-Projekt eig­neten sich die Neben­ge­lasse perfekt, waren es doch solide Bauten mit fünfzig Zen­ti­meter starken Wänden. Hanh-Claire und Antoine wünschten sich ein modernes, redu­ziertes aber zugleich gemüt­liches Ambiente – und wussten recht bald, mit wem sie das am besten rea­li­sieren könnten: Aus ihrer Zeit in Paris kannten die beiden die schwe­dische Archi­tektin Anki Linde. Mit ihr hatte Antoine in seiner Funktion als Mar­ke­ting­leiter für Dyson France bereits beim Neubau des fran­zö­si­schen Head­quarters mit ihr zusam­men­ge­ar­beitet. Das Projekt konnte abge­schlossen werden, kurz bevor er sich zusammen mit seiner Familie ent­schied, die Haupt­stadt zu ver­lassen. „Anki konnte natürlich für die Aus­führung nicht ständig hierher kommen. Also hat sie lediglich den Entwurf gemacht und wir haben uns um die Aus­führung und Bau­leitung dann kom­plett selbst gekümmert“, beschreibt der Bauherr.

Und so beschäf­tigte die beiden – par­allel zum Aufbau des land­wirt­schaft­lichen Betriebs – auch der  Ausbau der ins­gesamt vier Feri­en­woh­nungen. Die beiden berichten, dass sie einfach Lust auf die Betreuung der Bau­stelle hatten – zumal sie damit schon in der Zeit in Paris Erfahrung sammeln durften. Und Antoine fügt hinzu: „Auf die Art kennen wir hier auch alles und können uns selbst helfen, wenn es etwas zu repa­rieren gibt.“

„Jedes Mal wenn Gäste kommen und ihre Sachen abstellen, dann ver­wandelt das den Ort und er lebt auf ganz neue Art.“

Seit 2020 können hier ins­gesamt 36 Per­sonen unter­kommen. „Es ist ein ganz anderes Ferien-Machen als andernorts“, beschreibt Hanh-Claire. Die beiden hatten der Archi­tektin als Briefing nur ein Wort genannt, erzählt ihr Mann: „Klös­terlich.“ Das bedeutet: Die Aus­strahlung der Woh­nungen sollte – bei allem modernen Komfort – eine sehr redu­zierte sein. „Jedes Mal wenn Gäste kommen und ihre Sachen abstellen, dann ver­wandelt das den Ort und er lebt auf ganz neue Art“, schildert Hanh-Claire.  

Die Idee ist, dass die Gäste im Ein­fachen ihre ganz eigene Art der Ent­spannung finden. “Man kommt ja oft aus einer städ­ti­schen Hektik und dann ist es gut, wenn das Auge Ruhe hat“, sagt Hanh-Claire. Die Gestaltung zahlt auf dieses Ziel ein: Ausser den Küchen­ar­beits­flächen, die aus Edel­stahl gefertigt sind, gibt es in den Woh­nungen nur natür­liche Mate­rialien wie Holz und Stein, Lehm und Hanf. Kei­nerlei Deko­ration lenkt ab. Die Möbel sind zum über­wie­genden Teil Second Hand – den beiden war wichtig, den öko­lo­gi­schen Fuss­ab­druck des gesamten Vor­habens mög­lichst gering zu halten.

Und so reisen im Wochentakt Gäste aus Frank­reich und Belgien, aus den Nie­der­landen und Deutschland an. Immer wieder begegnen sie den beiden Gast­gebern oder ihren Kindern auf dem Hof oder den Feldern. Oder man trifft sich bei einer der Abend­ver­an­stal­tungen; auf der Ferme de Brouage finden auch Kon­zerte, Lesungen oder große Abend­essen an einer langen Tafel im Gewächshaus statt. Oder aber man trifft einen der „Artists in Resi­dence“, die regel­mäßig in Zusam­men­arbeit mit der regio­nalen Kul­tur­di­rektion auf den Hof kommen und eine zeitlang an ihren Pro­jekten arbeiten. Damit hat sich die „Ferme de Brouage“ auch zu einer Art kul­tu­rellem Zentrum im Dorf ent­wi­ckelt.

Man mag es sich denken: Für Antoine und seine Frau bleibt im Alltag wenig Zeit zum Aus­ruhen – auch weil sie sich in einem ste­tigen Prozess des Aus­pro­bierens, Lernens und Ver­än­derns befinden. “Der Gemü­se­anbau war und ist für uns beide eigentlich die große Unbe­kannte“, gibt Antoine zu. „Wir ver­suchen, unsere gesamte Pro­duktion in einem Radius von 50 Kilo­metern zu ver­kaufen, haupt­sächlich an die gehobene Gas­tro­nomie.“ Sieben Jahre haben sie gebraucht, bis sie mit den Ergeb­nissen wirklich zufrieden waren. „Aber wir machen das aus Über­zeugung, nicht weil es unglaub­liche Summen ein­bringen würde.“ Um die Bedürf­nisse der ambi­tio­nierten Küchen­chefs  der Region zufrieden zu stellen, bauen die beiden mit ihrem Team fünfzig ver­schiedene Früchte und Gemü­se­sorten an, dar­unter 25 ver­schiedene Toma­ten­sorten, sechs Sorten Auber­ginen und zehn Sorten Paprika, dazu Blumen und Kräuter. Vor­aus­setzung ist immer, dass das Ergebnis auch ohne che­mische Dünger ein exzel­lentes ist, sagt Antoine. Deshalb setzt er auf auch auf genügsame Pro­dukte wie Wirsing, Salat, Rote Beete oder Fenchel, die mit den Böden und dem Klima der Region gut zurecht kommen.

Von den Bemü­hungen beim Hacken, Jäten und Ver­einzeln pro­fi­tieren auch die Gäste der Feri­en­woh­nungen. Denn zum Konzept gehört, dass sie sich auf den Feldern von Antoine und Hanh-Claire unbe­grenzt mit Obst, Gemüse, Blumen und Kräutern ver­sorgen können – und damit für sich und ihre Familie oder Freunde kochen. Auch deshalb sind die Küchen der Feri­en­woh­nungen so aus­ge­stattet, dass es an nichts fehlt und wirklich Freude macht, Kohl und Karotten, Tomaten und Zuc­chini zu ver­ar­beiten. Das Besondere sei genau das, sagt Antoine: „Der Gemü­se­anbau dient hier nicht bloß als Attrappe, um Gäste anzu­locken. Die Gäste können für sich das Gleiche ernten, was wir in die Kisten für die Sterne-Gas­tro­nomie packen.“ Das schaffe eine besondere Beziehung zu den Pro­dukten – in einer Zeit, in der man Gemüse häufig nur aus dem Super­markt und in Plastik ver­packt kenne, erläutert Hanh-Claire: „Diese Nähe zur Pro­duktion hat schon auch eine Wirkung, auf Kinder wie Erwachsene glei­cher­maßen. Es bringt die Leute zum Nach­denken über ihren eigenen Konsum.“

Für Antoine und Hanh-Claire ist hier aber noch lange nicht das Ende der Ver­wandlung erreicht. „Wir haben eine echte Begeis­terung dafür, neue Pro­jekte Wirk­lichkeit werden zu lassen“, gibt er zu.  Die nächsten sind schon in Planung, noch 2026 soll eine Halle ent­stehen, um bei Kul­tur­ver­an­stal­tungen unab­hän­giger vom Wetter zu sein. Und dann wird sich die Ferme de Brouage wieder ein klein wenig wandeln.


Text: Barbara Hallmann

Fotos: Antoine Leveque & Friends

Der Beitrag erschien erstmals in unserer Buch­ver­öf­fent­li­chung „Dream in Pro­gress“. Das Buch kann in unserem Shop erworben werden.

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