Ein Bett zwischen Kohl und Tomaten: La Ferme de Brouage
Eine Pariser Familie verwandelt ein ehemaliges Landkloster, 500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, in eine Gemüsefarm. Zukunftsgerechte Landwirtschaft und beständige Veränderung machen diesen Ort aus, an dem auch Gäste beherbergt werden.
Veränderungen? Damit hat man in La-Gripperie-Saint-Symphorien über die Jahrhunderte reichlich Erfahrung: Das Dorf mit knapp 600 Einwohnern liegt am Rande des früheren Golfs von Saintonge, weniger als eine Stunde südlich-östlich von La Rochelle. Einstmals überspülte das Meer diese Gegend; ab 400 n. Chr. begann das Gebiet zu verlanden. Übrig blieb lange Zeit ein Meeresarm, den man „La Brouage“ nannte. Noch immer das Gebiet westlich von La-Gripperie-Saint-Symphorien bis hin zum Atlantik reines Sumpfland und der extrem tonhaltige Boden in der Gegend einem ständigen Quellen und Schwinden unterworfen.
Im 12. Jahrhundert gründete eine der wichtigsten Benediktinerinnen-Abteien Frankreichs, gelegen im 30 Kilometer entfernten Saintes, hier ein Tochterkloster. Aufgelöst wurde es vermutlich – genau wie das Mutterhaus – während der französischen Revolution; seither diente das Gebäude als Wohnhaus, zuletzt als Zweitwohnsitz. Die Nebengelasse stammen aus dem 18. Jahrhundert und waren als Ställe gebaut worden, standen aber ungefähr 150 Jahre lang leer.
Die Familie wohnte zu dieser Zeit im 9. Arrondissement „das steinigste“, wie Hanh-Claire es nennt.
2018, bei einer Tour durch West- und Südfrankreich, entdeckte eine siebenköpfige Familie aus Paris das 4 Hektar große Anwesen – auf der Suche nach ihrem künftigen Zuhause. Das jüngste Kind war damals ein Jahr alt, das älteste zehn. Die Eltern Hanh-Claire und Antoine waren beide waschechte Stadtmenschen, waren in der Hauptstadt aufgewachsen und arbeiteten in internationalen Firmen. Die Familie wohnte zu dieser Zeit im 9. Arrondissement „das steinigste“, wie Hanh-Claire es nennt. Aber sie wollten Veränderung wagen. Wollten die Welt zu einem besseren Ort machen, für sich und für ihre Kinder. Also sahen sie sich in Frankreich um, fuhren nach La Rochelle und von dort aus Richtung Süden, bis in die Cevennen und nach Montpellier. «Aber diese Gegend hier fühlte sich für uns richtig an“, erinnert sich Hanh-Claire. „Wir sagten uns, dass es hier weniger heiß wird als im Süden und dass wir hier vermutlich auch keine Wasserknappheit erleben werden – was für einen Gemüsebaubetrieb ein sehr wichtiger Faktor ist.“
Der Kauf gelang, sie verließen Paris und zogen in die Charente-Maritime. Besuchten Weiterbildungen zu ökologischer Landwirtschaft. Und machten sich daran, auf dem 4 Hektar grossen Gelände einen Obst- und Gemüsebetrieb aufzubauen, wie sie ihn für sinnvoll hielten: Mit viel Handarbeit, ohne Kunstdünger und ohne chemische Pflanzenschutzmittel, aber doch wirtschaftlich rentabel. „Bis zur Reblaus-Krise im 19. Jahrhundert gab es auf dem Anwesen Weinbau, also waren wir relativ sicher, dass der Boden gut ist. Und dass er lange genug ausruhen konnte und keine Chemikalien enthält.“ Die erste Zeit galt es, sich auch vor Ort zu beweisen, erinnert sich Hanh-Claire: „Die lokale Bevölkerung hat uns zurückhaltend, aber neugierig beäugt. Also haben wir viel gearbeitet, den Wildwuchs entfernt und die Böden vorbereitet – und so auch gezeigt, dass wir es ernst meinen.“ Auf Alteingesessenen muss es verwunderlich gewirkt haben, dass zwei Hauptstädter sich in dieser abgelegenen Region als Landwirte versuchen wollen. „Die meisten haben vermutlich damit gerechnet, dass wir nicht sehr lange durchhalten werden.“
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Aber nicht nur den Obst- und Gemüseanbau hatten die beiden als Plan. Von Anfang an gab es auch die Idee, in den großen Nebengelassen Ferienwohnungen einzurichten. Und zwar nach Vorbildern aus Italien oder Griechenland – dass sie das Konzept nicht selbst erfunden haben, betont Antoine mehrfach: „Wir haben das nur hierher geholt. In diesen Ländern gibt es aktive Bauernhöfe, die zugleich stilvoll eingerichtete Unterkünfte anbieten.“ Das finde man in Frankreich kaum. „Entweder da ist ein funktionierender Bauernhof, der zusätzlich noch einige eher lieblos eingerichtete Ferienzimmer vermietet. Oder es gibt alternativ Unterkünfte mit Stil, wo dann aber maximal ein paar Strohballen und zwei Katzen und drei Kaninchen vorgaukeln, man sei hier auf einem Hof.“
Für ihr Ferienwohnungs-Projekt eigneten sich die Nebengelasse perfekt, waren es doch solide Bauten mit fünfzig Zentimeter starken Wänden. Hanh-Claire und Antoine wünschten sich ein modernes, reduziertes aber zugleich gemütliches Ambiente – und wussten recht bald, mit wem sie das am besten realisieren könnten: Aus ihrer Zeit in Paris kannten die beiden die schwedische Architektin Anki Linde. Mit ihr hatte Antoine in seiner Funktion als Marketingleiter für Dyson France bereits beim Neubau des französischen Headquarters mit ihr zusammengearbeitet. Das Projekt konnte abgeschlossen werden, kurz bevor er sich zusammen mit seiner Familie entschied, die Hauptstadt zu verlassen. „Anki konnte natürlich für die Ausführung nicht ständig hierher kommen. Also hat sie lediglich den Entwurf gemacht und wir haben uns um die Ausführung und Bauleitung dann komplett selbst gekümmert“, beschreibt der Bauherr.
Und so beschäftigte die beiden – parallel zum Aufbau des landwirtschaftlichen Betriebs – auch der Ausbau der insgesamt vier Ferienwohnungen. Die beiden berichten, dass sie einfach Lust auf die Betreuung der Baustelle hatten – zumal sie damit schon in der Zeit in Paris Erfahrung sammeln durften. Und Antoine fügt hinzu: „Auf die Art kennen wir hier auch alles und können uns selbst helfen, wenn es etwas zu reparieren gibt.“
„Jedes Mal wenn Gäste kommen und ihre Sachen abstellen, dann verwandelt das den Ort und er lebt auf ganz neue Art.“
Seit 2020 können hier insgesamt 36 Personen unterkommen. „Es ist ein ganz anderes Ferien-Machen als andernorts“, beschreibt Hanh-Claire. Die beiden hatten der Architektin als Briefing nur ein Wort genannt, erzählt ihr Mann: „Klösterlich.“ Das bedeutet: Die Ausstrahlung der Wohnungen sollte – bei allem modernen Komfort – eine sehr reduzierte sein. „Jedes Mal wenn Gäste kommen und ihre Sachen abstellen, dann verwandelt das den Ort und er lebt auf ganz neue Art“, schildert Hanh-Claire.
Die Idee ist, dass die Gäste im Einfachen ihre ganz eigene Art der Entspannung finden. “Man kommt ja oft aus einer städtischen Hektik und dann ist es gut, wenn das Auge Ruhe hat“, sagt Hanh-Claire. Die Gestaltung zahlt auf dieses Ziel ein: Ausser den Küchenarbeitsflächen, die aus Edelstahl gefertigt sind, gibt es in den Wohnungen nur natürliche Materialien wie Holz und Stein, Lehm und Hanf. Keinerlei Dekoration lenkt ab. Die Möbel sind zum überwiegenden Teil Second Hand – den beiden war wichtig, den ökologischen Fussabdruck des gesamten Vorhabens möglichst gering zu halten.
Und so reisen im Wochentakt Gäste aus Frankreich und Belgien, aus den Niederlanden und Deutschland an. Immer wieder begegnen sie den beiden Gastgebern oder ihren Kindern auf dem Hof oder den Feldern. Oder man trifft sich bei einer der Abendveranstaltungen; auf der Ferme de Brouage finden auch Konzerte, Lesungen oder große Abendessen an einer langen Tafel im Gewächshaus statt. Oder aber man trifft einen der „Artists in Residence“, die regelmäßig in Zusammenarbeit mit der regionalen Kulturdirektion auf den Hof kommen und eine zeitlang an ihren Projekten arbeiten. Damit hat sich die „Ferme de Brouage“ auch zu einer Art kulturellem Zentrum im Dorf entwickelt.
Man mag es sich denken: Für Antoine und seine Frau bleibt im Alltag wenig Zeit zum Ausruhen – auch weil sie sich in einem stetigen Prozess des Ausprobierens, Lernens und Veränderns befinden. “Der Gemüseanbau war und ist für uns beide eigentlich die große Unbekannte“, gibt Antoine zu. „Wir versuchen, unsere gesamte Produktion in einem Radius von 50 Kilometern zu verkaufen, hauptsächlich an die gehobene Gastronomie.“ Sieben Jahre haben sie gebraucht, bis sie mit den Ergebnissen wirklich zufrieden waren. „Aber wir machen das aus Überzeugung, nicht weil es unglaubliche Summen einbringen würde.“ Um die Bedürfnisse der ambitionierten Küchenchefs der Region zufrieden zu stellen, bauen die beiden mit ihrem Team fünfzig verschiedene Früchte und Gemüsesorten an, darunter 25 verschiedene Tomatensorten, sechs Sorten Auberginen und zehn Sorten Paprika, dazu Blumen und Kräuter. Voraussetzung ist immer, dass das Ergebnis auch ohne chemische Dünger ein exzellentes ist, sagt Antoine. Deshalb setzt er auf auch auf genügsame Produkte wie Wirsing, Salat, Rote Beete oder Fenchel, die mit den Böden und dem Klima der Region gut zurecht kommen.
Von den Bemühungen beim Hacken, Jäten und Vereinzeln profitieren auch die Gäste der Ferienwohnungen. Denn zum Konzept gehört, dass sie sich auf den Feldern von Antoine und Hanh-Claire unbegrenzt mit Obst, Gemüse, Blumen und Kräutern versorgen können – und damit für sich und ihre Familie oder Freunde kochen. Auch deshalb sind die Küchen der Ferienwohnungen so ausgestattet, dass es an nichts fehlt und wirklich Freude macht, Kohl und Karotten, Tomaten und Zucchini zu verarbeiten. Das Besondere sei genau das, sagt Antoine: „Der Gemüseanbau dient hier nicht bloß als Attrappe, um Gäste anzulocken. Die Gäste können für sich das Gleiche ernten, was wir in die Kisten für die Sterne-Gastronomie packen.“ Das schaffe eine besondere Beziehung zu den Produkten – in einer Zeit, in der man Gemüse häufig nur aus dem Supermarkt und in Plastik verpackt kenne, erläutert Hanh-Claire: „Diese Nähe zur Produktion hat schon auch eine Wirkung, auf Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Es bringt die Leute zum Nachdenken über ihren eigenen Konsum.“
Für Antoine und Hanh-Claire ist hier aber noch lange nicht das Ende der Verwandlung erreicht. „Wir haben eine echte Begeisterung dafür, neue Projekte Wirklichkeit werden zu lassen“, gibt er zu. Die nächsten sind schon in Planung, noch 2026 soll eine Halle entstehen, um bei Kulturveranstaltungen unabhängiger vom Wetter zu sein. Und dann wird sich die Ferme de Brouage wieder ein klein wenig wandeln.
Text: Barbara Hallmann
Fotos: Antoine Leveque & Friends
Der Beitrag erschien erstmals in unserer Buchveröffentlichung „Dream in Progress“. Das Buch kann in unserem Shop erworben werden.
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