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Grenzen setzen

Im zweiten Teil unserer Reihe „Aus dem Leben einer Ver­mie­terin“ geht es um Ver­trauen, Spiel­regeln und die pas­sende Kom­mu­ni­kation mit Gästen.

im Mai 2022

 Grenzen setzen in  /

„Ich kaufe die Katze ungern im Sack“ schreibt mir ein Gast. Ich hatte ihn höflich auf die noch feh­lende Rest­zahlung auf­merksam gemacht. Er wolle lieber bar vor Ort bezahlen. Man wisse ja nie, was einen erwarte. Aha, soso, denke ich. Was muss dieser Mensch Schreck­liches erlebt haben? Erstaunt — und ehrlich gesagt auch ein bisschen gekränkt — lese ich die Zeilen nochmals. Ich bin keine gelernte Tou­ris­mus­expertin. Wie die Jungfrau ein Kind hatte ich eines Tages Feri­en­woh­nungen. Ein paar gute Rat­schläge hier, ein paar Infor­ma­tionen aus dem Internet dort und schwupps war ein Unter­nehmen mit Miet­be­din­gungen und Stor­no­regeln geboren. Auf Gäste, die Katzen nicht im Sack kaufen wollen, war ich nicht vor­be­reitet.

Was tun also? Groß­zügig darüber hin­weg­sehen, weil ich über­zeugt bin, es wird ihm gefallen? Ich könnte eine Mail schreiben, mich erklären, als Qua­li­täts­beweis die vielen posi­tiven Feed­backs der Gäste erwähnen? Oder ich poche auf die Ein­haltung der Regeln, an die sich alle anderen bislang auch klaglos gehalten haben? Ich malte mir im Kopf aus, was pas­sieren könnte, wenn der Gast anreist. Würde er mit Lupe in der Hand durch die Wohnung laufen und das sprich­wört­liche Haar in der Suppe suchen? Oder würde er lächelnd meiner Mit­ar­bei­terin vor Ort die rest­liche Summe in die Hand drücken und zufrieden seinen Urlaub ver­bringen?

Dass Gäste Regeln gerne zu ihren Gunsten aus­legen, kenne ich. Das gehört zum Spiel. Wer seinen Urlaub indi­vi­duell plant, möchte am liebsten alles perfekt haben. Die belieb­teste Regel­in­ter­pre­tation ist die An- und Abrei­sezeit. Es ist ja auch herrlich, wenn die Wohnung passend zur Ankunft bezugs­bereit ist und die Abreise nach einem gemüt­lichen Früh­stück in aller Ruhe statt­finden kann. Hier müssen wir dann leider die Spielverderber:innen sein, denn auch der nächste Gast möchte gerne früher anreisen und selbst­ver­ständlich eine ordentlich geputzte Wohnung haben. Da beißt sich die Katze in den Schwanz – um in der Tierwelt zu bleiben. Einmal hatte ein Gast seine Planung für sich so opti­miert, dass er sams­tag­morgens früh an- und sonn­tags­abends spät wieder abreisen wollte. Alles für den Preis einer Über­nachtung. Er fand das logisch. Ich nicht.

Auch bei der Anzahl der Mit­rei­senden ent­puppen sich Gäste gerne mal als Opti­mie­rungs­genies. Zwei Paare haben mir vor­ge­rechnet, dass sie mit ins­gesamt vier Kindern unter drei Jahren erstens perfekt in eine 4‑Per­sonen-Wohnung passen und zweitens ja auch keinen Auf­preis zahlen müssten, weil Kinder unter drei Jahren ja kos­tenlos seien. Den Jun­geltern habe ich mit meinem Veto min­destens den Urlaub gerettet – viel­leicht auch die Freund­schaft. Denn die Maxi­mierung von Per­sonen pro Qua­drat­meter kor­re­liert in den sel­tensten Fällen mit der Zufrie­denheit der Mit­rei­senden. Sie haben sich nach kurzer Über­legung für zwei Woh­nungen ent­schieden.

Als Ver­mie­terin, so habe ich gelernt, bin ich eine Mischung aus Bera­terin und The­ra­peutin, krea­tiver Ideen­ver­wirk­li­cherin und strenger Erzie­herin. Dem Kat­zenmann von damals bin ich übrigens heute noch dankbar. Seine Mail war quasi ein Ver­mie­te­rinnen-Erwe­ckungs­er­lebnis. Sie hat mir klar­ge­macht: Es gibt Grenzen und ich muss sie setzen. Nach reif­licher Über­legung schrieb ich ihm völlig ent­spannt eine freund­liche Stor­nierung und bat ihn um die Angabe seiner Bank­ver­bindung. Heut­zutage würde man sagen „Lieber keine Buchung als eine schlechte Buchung“. Ich wollte einfach nie­manden als Gast begrüßen, der schon vor der Anreise denkt, er wird betrogen. Was dann pas­sierte, war aber ein kleines Wunder. Der Gast schrieb mir post­wendend, nein, nein, so hätte er es doch gar nicht gemeint. Er würde sehr gerne kommen und hätte die Rest­zahlung auch schon gleich über­wiesen. Geht doch, dachte ich.


Ver­öf­fent­licht: Mai 2022

3 Kommentare

Es ist sicher manchmal eine Her­aus­for­derung, auf die mit­unter erstaun­lichen Vor­stel­lungen mancher Mie­te­rInnen gelassen und pro­fes­sionell zu reagieren. Es gibt aller­dings durchaus auch den umge­kehrten Fall, dass man als Mie­terIn mit den besten Absichten alle Regeln befolgt und aber fest­stellen muss, dass die Ver­mieter es damit nicht ganz so genau nehmen. Wie in vielen anderen Bereichen gilt sicher auch hier, bei der Vermietung/Miete von Feri­en­ob­jekten, dass ein wohl­mei­nender Aus­tausch hilft — wie oft fehlt es einfach an Ein­blick in die Per­spektive des Gegen­übers und löst sich im Gespräch bes­ten­falls in Wohl­ge­fallen auf (bes­ten­falls sogar ohne ein still tri­um­phie­rendes „geht doch“).

Dina sagt:

Ein toller Beitrag. Sehr erfri­schend. Auch wir sind keine gelernten Tou­ris­mus­experten aber nach 5 Jahren Feri­en­woh­nungs­ver­mietung sicherlich mit sehr viel Erfahrung und den unter­schied­lichsten Fällen. Man lernt nie aus und die Erfah­rungen machen unseren Beruf spannend. Sicherlich könnten wir mitt­ler­weile ein ganzes Buch damit füllen. Eine gute Saison allen!

Melanie sagt:

Danke für den sehr netten Beitrag. Dem kann ich nur bei­pflichten. Bin selber eine Ver­mie­terin, die diesen Job nicht “gelernt” hat. Moti­viert mich, doch ab und zu unpo­puläre Ent­schei­dungen in höf­lichem Ton treffen zu müssen.
Ich wünsche allen eine gute Som­mer­saison — Herz­liche Grüße — Claudia

Claudia Feuersinger sagt:

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