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Nach­hal­tiges Reisen – Von Bio-Duschgel und drei Kugeln Eis

Reisen und öko­lo­gische Ver­ant­wortung schließen sich kei­neswegs gegen­seitig aus. Ein­fache Ant­worten gibt es aller­dings nicht — das Thema erfordert Ehr­lichkeit, selbst­kri­tische Reflexion und bleibt dennoch oft komplex.

von Anne im August 2021

 Nach­hal­tiges Reisen – Von Bio-Duschgel und drei Kugeln Eis in  /

Am besten (sprich: am nach­hal­tigsten) sei es doch eigentlich, gar nicht zu ver­reisen, meinte meine Tochter neulich. So einfach könnte es also sein. Ist es aber natürlich nicht, denn erstens wusste schon Goethe, dass man „die beste Bildung… auf Reisen“ findet und zweitens ist das Nicht-Reisen kol­lektiv nicht umsetzbar. So muss man sich ein wenig mehr Gedanken über die Bedeutung von „nach­hal­tigem Reisen“ machen – bezie­hungs­weise darüber, wie man eine Reise so gestalten kann und sollte, dass diese auch wirklich nach­haltig ist.

Darüber, welche Art der Reise besonders umwelt­schonend ist, ist man sich recht schnell einig: Bahn­fahren ist besser als Fliegen und auch das Auto sollte mög­lichst res­sour­cen­schonend genutzt werden. Noch nach­hal­tiger sind natürlich Rad­fahren und Wandern. Aber Urlaub meint nicht nur die An- und Abreise oder die Mobi­lität am Ziel, sondern ins­be­sondere auch den Auf­ent­haltsort. Mal abge­sehen von Ruck­sack­reisen in ferne Länder viel­leicht, bei denen man mehr unterwegs ist als dass man an einem ein­zelnen Ort ver­weilt. Und wenn man daran denkt, wie lange eine Recherche nach dem schönsten Feri­enhaus dauern kann, wird deutlich, wie wichtig das pas­sende Urlaubs­do­mizil ist, auch wenn bei der Auswahl für jeden unter­schied­liche Kri­terien wichtig sind. Immer wich­tiger wird dabei auch das Thema Nach­hal­tigkeit: Ist das Haus ener­gie­ef­fi­zient gebaut? Wurde Wert auf schad­stoff­freie Mate­rialien gelegt? In der Archi­tektur werden diese Fragen schon seit vielen Jahren intensiv dis­ku­tiert und umge­setzt: So bewertet das ganz­heit­liche Zer­ti­fi­zie­rungs­system der Deut­schen Gesell­schaft für Nach­hal­tiges Bauen (DGNB) den gesamten Bau­prozess und betrachtet damit das gesamte Projekt und nicht nur ein­zelne Maß­nahmen.

Diese Her­an­ge­hens­weise würde man sich auch für Buchungs­portale und Vermieter:innen wün­schen, denn vielfach wird leider recht fahr­lässig mit diesem Begriff umge­gangen. Allzu häufig muss man bei genauerem Hin­sehen fest­stellen, dass sich die Maß­nahmen der als nach­haltig bezeich­neten Unter­künfte – etwas über­spitzt – auf eine ener­gie­spa­rende Heizung, das Bio-Duschgel oder wie­der­ver­wendbare Stroh­halme beziehen, dass also Teil­aspekte das Gesamtbild bestimmen sollen. Green­wa­shing nennt man das gemeinhin. Die Unter­künfte machen es sich damit genauso leicht wie die Rei­senden, die sich gleich ein wenig besser fühlen, sobald zumindest ein kleiner Teil der Reise nach­haltig zu sein scheint.

In der Tat ist umwelt­be­wusstes Reisen ein sehr kom­plexes, wider­sprüch­liches und manchmal auch unan­ge­nehmes Thema. Wer kennt nicht das Dilemma, sowohl einem nach­hal­tigen Anspruch gerecht werden zu wollen und gleich­zeitig aus­ge­las­senen Urlaubs­ver­gnü­gungen nach­zu­gehen. Zu Hause ist das eigene Heim kli­ma­neutral gebaut, man trennt den Müll und achtet auf mög­lichst plas­tik­freie Ver­pa­ckungen – aber im Urlaub wird man nach­lässig mit sich und der Umwelt, man möchte schließlich die Zeit unbe­schwert genießen, ohne sein Handeln ständig zu hin­ter­fragen. Im Urlaub kann man ja mal eine Aus­nahme machen, die Kinder bekommen ja auch drei anstatt nur einer Kugel Eis.

Komplex wird das Ganze auch dadurch, dass sich die Frage, was wirklich nach­haltig ist, gar nicht so leicht beant­worten lässt. Eine Tra­ge­tasche aus Baum­wolle ist per se auch nicht umwelt­scho­nender als eine Plas­tiktüte aus recy­cel­barem Kunst­stoff, außer man ver­wendet ein und die­selbe Baum­woll­tasche viele, viele Male. Und eine Reise ist eben nicht gleich umwelt­freundlich, nur weil man mit der Bahn fährt – oder weil man seinen Flug durch die Spende an ein CO2-Kom­pen­sa­ti­ons­pro­gramm recht­fertigt. Natürlich wird die Reise umwelt­ver­träg­licher, je kürzer die Wege sind und natürlich wird das Fliegen durch das Pflanzen eines Baumes zumindest an anderer Stelle (teil-)kompensiert. Aber man muss in jedem Fall auf­merksam hin­sehen, um beur­teilen zu können, was einem da als nach­haltig ver­kauft wird.

Noch viel wich­tiger ist es aber, die eigene Ver­hal­tens­weise zu prüfen und eine Haltung zum Thema Nach­hal­tigkeit zu ent­wi­ckeln, bei sich selbst anfangen – und auch damit leben, dass es keine ein­fachen Ant­worten gibt. Es heißt, für sich abzu­wägen, was man vor sich selbst ver­ant­worten kann und will. Der eine ver­zichtet auf eine Flug­reise, der andere achtet zumindest vor Ort auf eine öko­lo­gische Unter­kunft und ein mög­lichst umwelt­be­wusstes Ver­halten. Reisen und öko­lo­gische Ver­ant­wortung schließen sich kei­neswegs gegen­seitig aus. Das Ziel sollte es sein, keinen allzu großen öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck zu hin­ter­lassen – und hierzu reicht es häufig schon, die Dinge zu beachten, die einem in punkto Nach­hal­tigkeit auch zu Hause wichtig sind. Und wenn man bereits im Alltag darauf achtet, fällt einem ein umwelt­be­wusstes Ver­halten im Urlaub hof­fentlich nur noch halb so schwer. Damit ist das Thema des nach­hal­tigen Reisens selbst­ver­ständlich nicht erschöpft. Unter „sanftem Tou­rismus“ ver­steht man noch viel mehr: zum Bei­spiel die Gestaltung des Auf­ent­halts vor Ort, einen scho­nenden Umgang mit der Natur und den Respekt vor der Kultur des bereisten Landes. Diese Dis­kussion sprengt an dieser Stelle aller­dings den Rahmen. Nach meinem Urlaub viel­leicht – mein Flug geht schon heute Abend.


Text: Tina Barankay, August 2021

Autoreninfo: Tina Barankay ver­bindet ihre Lei­den­schaft für Ästhetik und Gestaltung seit vielen Jahren mit ihrer beruf­lichen Tätigkeit. Als freie Jour­na­listin und Bera­terin ver­öf­fent­licht sie Bei­träge, rea­li­siert Publi­ka­tionen und ent­wirft Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zepte in den Bereichen Archi­tektur, Interior und Design.

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Nach­hal­tiges Reisen – Von Bio-Duschgel und drei Kugeln Eis
© Jarek Ceborski via unsplash.com
Hinweis Nachh­hal­tig­keits­aspekte auf URLAUBSARCHITEKTUR
URLAUBSARCHITEKTUR nennt Nach­hal­tig­keits­aspekte bei ein­zelnen vor­ge­stellten Häusern, sofern die Gebäude neutral nach eta­blierten Sys­temen geprüft wurden. Es werden Angaben über die öko­lo­gische Bau­weise und über die Mög­lichkeit zur Anreise mit öffent­lichen Ver­kehrs­mitteln gemacht und auf besondere soziale und kul­tu­relle Initia­tiven hin­ge­wiesen. (Foto: Malcolm Lightbody via unsplash.com)

3 Kommentare

Das Thema ist sehr wichtig und sollte sich in unseren Köpfen mani­fes­tieren!
Ich freue mich bereits auf Ihre Fort­setzung.….!?

Christine Fischer sagt:

Liebes Team von Urlaubs­ar­chi­tektur,
seit Jahren nutzen wir Ihre Plattform und durften wun­derbare Erho­lungs­zeiten bei groß­artig enga­gierten Gastgeber*innen ver­leben. Dabei spielt das Thema Nach­hal­tigkeit und bio­lo­gi­sches Essen für uns per­sönlich eine ent­schei­dende Rolle. Mit großer Freude stellen wir fest, dass sich immer mehr Pen­sionen und Hotels für ein ganz­heit­liches Konzept/Angebot dies­be­züglich ent­scheiden. Wun­derbar, dass Sie diesen Aspekt nun mit ein­fließen lassen. Danke.

Kubin Grit sagt:

Guten Tag
Vielen Dank für das Auf­greifen des Themas „Nach­hal­tiges Reisen“.
Ich freue mich sehr, dass Sie es damit zum Thema machen auch für Men­schen, die sich viel­leicht sonst gerade darüber weniger Gedanken machen, weil sie andere Prio­ri­täten setzen.
Dabei sollte es doch auch beim Reisen ganz oben stehen!

Elke Würges sagt:

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