Madrid, monumental: Antonio Palacios und die moderne Metropole
Banken, Kulturhäuser, Metro und monumentale Fassaden: Antonio Palacios prägte den Aufbruch Madrids im frühen 20. Jahrhundert. Ein Streifzug von der Gran Vía zur Calle de Alcalá, zu seinen Bauten und ihren Spuren im heutigen Stadtbild.
Türme, Kuppeln, Figuren und steinerne Aufbauten zeichnen sich gegen den blauen Madrider Himmel ab. Fast jedes Haus scheint den Nachbarn noch um ein Geschoss, einen Erker oder wenigstens eine Skulptur übertreffen zu wollen.
Mein Guide wartet an diesem Frühlingsnachmittag in der Lobby des Vincci Capitol. Schon mein Hotel ist Teil dieser Geschichte: Der 1933 fertiggestellte Art-déco-Bau „Edificio Carrión“ mit seinem hochaufragenden Turm gehört zu den Ikonen der Gran Vía.
Wenige Minuten später stehen wir mitten in einem steinernen Wettstreit, der zurückführt in eine Zeit, als Madrid unbedingt Metropole werden wollte. Einer, der diesem Anspruch eine Form gab, war Antonio Palacios.
Der 1874 in Galicien geborene Palacios kam zum Studium nach Madrid und wurde zu einem der prägenden Architekten der aufstrebenden Großstadt. Banken, öffentliche Bauten und die Metro trugen seine Handschrift. Als ich 2025 auf seinen Spuren unterwegs war, lief in Madrid noch das umfangreiche Programm zu seinem 150. Geburtstag. Eine Wiederentdeckung war das eigentlich nicht: Seine Gebäude waren nie verschwunden. Sie gehören bis heute zum Alltag der Stadt.
Luis Martínez-Feduchi Ruiz und Vicente Eced y Eced, 1931–1933
Die passende Bühne dafür ist die Gran Vía. Ihr Bau begann 1910 und veränderte Maßstab und Tempo der Innenstadt. Geschäftshäuser, Hotels, Theater und Kinos entstanden. Madrid bekam eine Großstadtstraße und bald auch eine Skyline.
Ignacio de Cárdenas Pastor, ab 1926
Das Edificio Telefónica an der Gran Vía 28 setzt ein anderes Zeichen dieses Aufbruchs. Nicht Palacios, sondern Ignacio de Cárdenas entwarf den ab 1926 errichteten Sitz des Telekommunikationsunternehmens. Amerikanische Hochhäuser standen Pate für Spaniens ersten Wolkenkratzer. Während Palacios die neue Metropole monumental inszenierte, zog Cárdenas sie in die Vertikale.
José Yarnoz Larrosa / Antonio Palacios, 1921–1924
Beim ehemaligen Hotel Alfonso XIII an der Gran Vía 34 übernahm Palacios einen Entwurf von José Yarnoz Larrosa und entwickelte ihn für die Hotelnutzung weiter. Vor allem die monumentale Fassade mit ihren großen Fensterflächen, Säulen und Ecktürmen trägt deutlich seine Handschrift.
Antonio Palacios, 1921–1926
Wir gehen weiter in Richtung Calle de Alcalá. Das Tempo der Gran Vía bleibt zurück, die Fassaden werden nicht bescheidener. Bei Nummer 42 erhebt sich der Círculo de Bellas Artes. 2026 feiert das Gebäude sein hundertjähriges Bestehen. Palacios stapelte hier Kultur beinahe wie eine kleine Stadt übereinander: Ausstellungssäle, Bibliothek, Gesellschaftsräume, Theater und Restaurant fanden in dem komplexen Haus Platz. Über allem steht der Turm, weithin sichtbar in der Stadtsilhouette. Schon beim Wettbewerb von 1919 sorgte diese Höhe für Probleme: Palacios’ Entwurf wurde zunächst ausgeschlossen, weil er die vorgeschriebene Maximalhöhe überschritt. Die Mitglieder des Círculo entschieden sich später dennoch für ihn. Außen große Geste, innen eine präzise Organisation der unterschiedlichen Nutzungen. Diese Spannung zieht sich durch sein Werk.
Antonio Palacios und Joaquín Otamendi, 1911–1918
Nur wenige Schritte weiter wird sie noch deutlicher. An der Calle de Alcalá 49 stehen vier mächtige Karyatiden vor dem ehemaligen Banco Español del Río de la Plata, den Palacios gemeinsam mit Joaquín Otamendi entwarf. 1918 wurde die Bank eröffnet. Granit, riesige ionische Säulen und die steinernen Figuren vermittelten Dauerhaftigkeit, Sicherheit und Gewicht. Dahinter stand eine moderne Tragstruktur aus Metall und Beton.
Heute wird hier nicht mehr über Geld gesprochen, sondern über Sprache. Seit 2006 hat das Instituto Cervantes seinen Hauptsitz im ehemaligen Bankgebäude. Im Tresor lagern keine Banknoten mehr, sondern persönliche Vermächtnisse von Persönlichkeiten der spanischsprachigen Kultur. Eine Umnutzung mit beinahe zu perfekter Dramaturgie. Trotz späterer Eingriffe hat der Bau seine monumentale Präsenz bewahrt.
Den Höhepunkt des Spaziergangs bildet die Plaza de Cibeles. Hier scheint Madrid endgültig beschlossen zu haben, dass selbst ein Postamt wie ein Palast aussehen darf.
Antonio Palacios und Joaquín Otamendi, 1904–1918
Antonio Palacios und Joaquín Otamendi, 1904–1918
Der heutige Palacio de Cibeles wurde nach einem 1904 prämierten Entwurf von Palacios und Otamendi bis 1918 errichtet. Als Palacio de Comunicaciones bündelte er Post, Telegrafie und Telefonie. Die Aufgabe war hochmodern, ihre architektonische Übersetzung ausgesprochen feierlich. Palacios greift auf historische spanische Formen ebenso zurück wie auf Jugendstil und Wiener Moderne. Trotzdem wirkt der riesige Bau nicht wie eine Stilcollage. Eher wie der selbstbewusste Versuch, für das neue Madrid eine eigene Sprache zu erfinden.
Heute residiert hier die Stadtverwaltung. Hinzu kommen Ausstellungen, Veranstaltungen und ein Aussichtspunkt. Die Nutzung hat sich verändert, der öffentliche Charakter ist geblieben: Aus der Zentrale der Kommunikation wurde Rathaus und Kulturort.
Und Palacios’ Madrid endet nicht an der Eingangstür. Es liegt buchstäblich unter unseren Füßen. Seit 1917 arbeitete der Architekt für die junge Madrider Metro und prägte ihr Erscheinungsbild entscheidend. Er gestaltete Stationen, Vestibüle, Bahnsteige und Zugänge und entwickelte damit eine eigene architektonische Identität für das neue Verkehrssystem. Die weißen, lichtreflektierenden Fliesen, farbigen Keramikrahmungen und markanten Eingangsbauten sollten Orientierung schaffen und dem damals noch ungewohnten Weg unter die Erde etwas von seiner Enge nehmen. Besonders die Templetes von Sol und Gran Vía wurden zu sichtbaren Zeichen der Metro im Stadtraum.
Jules und Raymond Février; Fertigstellung durch Luis Esteve
Auf dem Rückweg zur Gran Vía begegnet uns noch das Edificio Metrópolis mit seiner markanten Kuppel. Die französischen Architekten Jules und Raymond Février entwarfen den Bau; fertiggestellt wurde es von Luis Esteve. Es gehört in dieses Bild einer Stadt, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts architektonisch neu erfand.
Das moderne Madrid entstand nicht aus der Handschrift eines Einzelnen. Französische Einflüsse, amerikanische Hochhäuser, Wiener Moderne und spanische Tradition begegnen sich innerhalb weniger Straßen.
Palacios verstand es wie kaum ein anderer, diese Einflüsse zu einer unverwechselbaren Architektur zu verbinden. Hundert Jahre später sind seine Gebäude keine leeren Denkmäler geworden. Menschen arbeiten darin, besuchen Ausstellungen, lernen Spanisch oder steigen in die Metro.
Als wir wieder die Gran Vía erreichen, hat sich das Licht verändert. Die Fassaden beginnen zu leuchten, noch einmal geht der Blick nach oben. Der steinerne Wettstreit ist geblieben. Madrid wollte Metropole werden und auf diesen Straßen lässt sich bis heute ablesen, wie ernst die Stadt diesen Anspruch nahm.
Text: Jan Dimog
Fotos (alle): © Jan Dimog
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