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Madrid, monu­mental: Antonio Palacios und die moderne Metropole

Banken, Kulturhäuser, Metro und monumentale Fassaden: Antonio Palacios prägte den Aufbruch Madrids im frühen 20. Jahrhundert. Ein Streifzug von der Gran Vía zur Calle de Alcalá, zu seinen Bauten und ihren Spuren im heutigen Stadtbild.

von Jan Dimog im September 2026

 Madrid, monu­mental: Antonio Palacios und die moderne Metropole in  /

Türme, Kuppeln, Figuren und stei­nerne Auf­bauten zeichnen sich gegen den blauen Madrider Himmel ab. Fast jedes Haus scheint den Nachbarn noch um ein Geschoss, einen Erker oder wenigstens eine Skulptur über­treffen zu wollen.

Mein Guide wartet an diesem Früh­lings­nach­mittag in der Lobby des Vincci Capitol. Schon mein Hotel ist Teil dieser Geschichte: Der 1933 fer­tig­ge­stellte Art-déco-Bau „Edi­ficio Carrión“ mit seinem hoch­auf­ra­genden Turm gehört zu den Ikonen der Gran Vía.

Wenige Minuten später stehen wir mitten in einem stei­nernen Wett­streit, der zurück­führt in eine Zeit, als Madrid unbe­dingt Metropole werden wollte. Einer, der diesem Anspruch eine Form gab, war Antonio Palacios.

Der 1874 in Galicien geborene Palacios kam zum Studium nach Madrid und wurde zu einem der prä­genden Archi­tekten der auf­stre­benden Groß­stadt. Banken, öffent­liche Bauten und die Metro trugen seine Hand­schrift. Als ich 2025 auf seinen Spuren unterwegs war, lief in Madrid noch das umfang­reiche Pro­gramm zu seinem 150. Geburtstag. Eine Wie­der­ent­de­ckung war das eigentlich nicht: Seine Gebäude waren nie ver­schwunden. Sie gehören bis heute zum Alltag der Stadt.

Die pas­sende Bühne dafür ist die Gran Vía. Ihr Bau begann 1910 und ver­än­derte Maßstab und Tempo der Innen­stadt. Geschäfts­häuser, Hotels, Theater und Kinos ent­standen. Madrid bekam eine Groß­stadt­straße und bald auch eine Skyline.

Das Edi­ficio Tele­fónica an der Gran Vía 28 setzt ein anderes Zeichen dieses Auf­bruchs. Nicht Palacios, sondern Ignacio de Cár­denas entwarf den ab 1926 errich­teten Sitz des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­nehmens. Ame­ri­ka­nische Hoch­häuser standen Pate für Spa­niens ersten Wol­ken­kratzer. Während Palacios die neue Metropole monu­mental insze­nierte, zog Cár­denas sie in die Ver­tikale.

Beim ehe­ma­ligen Hotel Alfonso XIII an der Gran Vía 34 übernahm Palacios einen Entwurf von José Yarnoz Larrosa und ent­wi­ckelte ihn für die Hotel­nutzung weiter. Vor allem die monu­mentale Fassade mit ihren großen Fens­ter­flächen, Säulen und Eck­türmen trägt deutlich seine Hand­schrift.

Wir gehen weiter in Richtung Calle de Alcalá. Das Tempo der Gran Vía bleibt zurück, die Fas­saden werden nicht beschei­dener. Bei Nummer 42 erhebt sich der Círculo de Bellas Artes. 2026 feiert das Gebäude sein hun­dert­jäh­riges Bestehen. Palacios sta­pelte hier Kultur beinahe wie eine kleine Stadt über­ein­ander: Aus­stel­lungssäle, Bibliothek, Gesell­schafts­räume, Theater und Restaurant fanden in dem kom­plexen Haus Platz. Über allem steht der Turm, weithin sichtbar in der Stadt­sil­houette. Schon beim Wett­bewerb von 1919 sorgte diese Höhe für Pro­bleme: Palacios’ Entwurf wurde zunächst aus­ge­schlossen, weil er die vor­ge­schriebene Maxi­malhöhe über­schritt. Die Mit­glieder des Círculo ent­schieden sich später dennoch für ihn. Außen große Geste, innen eine präzise Orga­ni­sation der unter­schied­lichen Nut­zungen. Diese Spannung zieht sich durch sein Werk.

Nur wenige Schritte weiter wird sie noch deut­licher. An der Calle de Alcalá 49 stehen vier mächtige Karya­tiden vor dem ehe­ma­ligen Banco Español del Río de la Plata, den Palacios gemeinsam mit Joaquín Ota­mendi entwarf. 1918 wurde die Bank eröffnet. Granit, riesige ionische Säulen und die stei­nernen Figuren ver­mit­telten Dau­er­haf­tigkeit, Sicherheit und Gewicht. Dahinter stand eine moderne Trag­struktur aus Metall und Beton.

Heute wird hier nicht mehr über Geld gesprochen, sondern über Sprache. Seit 2006 hat das Instituto Cer­vantes seinen Hauptsitz im ehe­ma­ligen Bank­ge­bäude. Im Tresor lagern keine Bank­noten mehr, sondern per­sön­liche Ver­mächt­nisse von Per­sön­lich­keiten der spa­nisch­spra­chigen Kultur. Eine Umnutzung mit beinahe zu per­fekter Dra­ma­turgie. Trotz spä­terer Ein­griffe hat der Bau seine monu­mentale Präsenz bewahrt.

Den Höhe­punkt des Spa­zier­gangs bildet die Plaza de Cibeles. Hier scheint Madrid end­gültig beschlossen zu haben, dass selbst ein Postamt wie ein Palast aus­sehen darf.

Der heutige Palacio de Cibeles wurde nach einem 1904 prä­mierten Entwurf von Palacios und Ota­mendi bis 1918 errichtet. Als Palacio de Comu­ni­ca­ciones bün­delte er Post, Tele­grafie und Tele­fonie. Die Aufgabe war hoch­modern, ihre archi­tek­to­nische Über­setzung aus­ge­sprochen fei­erlich. Palacios greift auf his­to­rische spa­nische Formen ebenso zurück wie auf Jugendstil und Wiener Moderne. Trotzdem wirkt der riesige Bau nicht wie eine Stil­collage. Eher wie der selbst­be­wusste Versuch, für das neue Madrid eine eigene Sprache zu erfinden.

Heute resi­diert hier die Stadt­ver­waltung. Hinzu kommen Aus­stel­lungen, Ver­an­stal­tungen und ein Aus­sichts­punkt. Die Nutzung hat sich ver­ändert, der öffent­liche Cha­rakter ist geblieben: Aus der Zen­trale der Kom­mu­ni­kation wurde Rathaus und Kul­turort.

Und Palacios’ Madrid endet nicht an der Ein­gangstür. Es liegt buch­stäblich unter unseren Füßen. Seit 1917 arbeitete der Architekt für die junge Madrider Metro und prägte ihr Erschei­nungsbild ent­scheidend. Er gestaltete Sta­tionen, Ves­tibüle, Bahn­steige und Zugänge und ent­wi­ckelte damit eine eigene archi­tek­to­nische Iden­tität für das neue Ver­kehrs­system. Die weißen, licht­re­flek­tie­renden Fliesen, far­bigen Kera­mik­rah­mungen und mar­kanten Ein­gangs­bauten sollten Ori­en­tierung schaffen und dem damals noch unge­wohnten Weg unter die Erde etwas von seiner Enge nehmen. Besonders die Temp­letes von Sol und Gran Vía wurden zu sicht­baren Zeichen der Metro im Stadtraum.

Auf dem Rückweg zur Gran Vía begegnet uns noch das Edi­ficio Metró­polis mit seiner mar­kanten Kuppel. Die fran­zö­si­schen Archi­tekten Jules und Raymond Février ent­warfen den Bau; fer­tig­ge­stellt wurde es von Luis Esteve. Es gehört in dieses Bild einer Stadt, die sich zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts archi­tek­to­nisch neu erfand.

Das moderne Madrid ent­stand nicht aus der Hand­schrift eines Ein­zelnen. Fran­zö­sische Ein­flüsse, ame­ri­ka­nische Hoch­häuser, Wiener Moderne und spa­nische Tra­dition begegnen sich innerhalb weniger Straßen.

Palacios ver­stand es wie kaum ein anderer, diese Ein­flüsse zu einer unver­wech­sel­baren Archi­tektur zu ver­binden. Hundert Jahre später sind seine Gebäude keine leeren Denk­mäler geworden. Men­schen arbeiten darin, besuchen Aus­stel­lungen, lernen Spa­nisch oder steigen in die Metro.

Als wir wieder die Gran Vía erreichen, hat sich das Licht ver­ändert. Die Fas­saden beginnen zu leuchten, noch einmal geht der Blick nach oben. Der stei­nerne Wett­streit ist geblieben. Madrid wollte Metropole werden und auf diesen Straßen lässt sich bis heute ablesen, wie ernst die Stadt diesen Anspruch nahm.


Text: Jan Dimog

Fotos (alle): © Jan Dimog

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