Von der Kunst des Reparierens: Christina Biasi-von Berg
Das Meraner Designbüro Biquadra arbeitet seit zwanzig Jahren an der Schnittstelle von Architektur, Interior- und Möbeldesign. Durch den Fokus auf die Eigenheiten der Projekte entstehen unverwechselbare (Innen-)Architekturen – nicht nur in Südtirol.
Mit ästhetischem Feingefühl und Sinn für Raum und Handwerk arbeitet Christina Biasi-von Berg mit ihrem Designbüro Biquadra in Meran den jeweils unverwechselbaren Kern der von ihr betreuten Objekte heraus – die meisten davon sind in Hotel und Gastronomie angesiedelt.
Durch den respektvollen Umgang mit der jeweiligen Geschichte des Ortes und der Persönlichkeit der dahinterstehenden Menschen entstehen Räume, die geprägt sind durch den behutsamen Umgang mit dem Bestehenden und dem Neuen.
Ein Gespräch über Südtirol, das Begreifen von Architekturen – und die Kunst des Reparierens.
In diesem Jahr feiert Dein Büro Biquadra sein 20-jähriges Jubiläum – herzlichen Glückwünsch! Etwa so lange gibt es auch das Vigilius – ein Projekt, das Dich nach Südtirol gebracht hat.
Christina Biasi-von Berg: Oh, vielen Dank (lacht). Stimmt, das vigilius mountain resort hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich von Mailand nach Südtirol umgezogen bin. An dem Projekt habe ich schon während meiner Zeit als Innenarchitektin bei Matteo Thun in Mailand mitgearbeitet.



Als ich nach Meran gezogen bin und mit meinem Mann hier unser Büro Biquadra gegründet habe, habe ich das Projekt vor Ort weiter betreut – natürlich in enger Zusammenarbeit mit Matteo Thun. Von daher war das Vigilius sehr prägend für mich und meine Arbeit. Besonders fasziniert hat es mich, durch die Arbeit an diesem besonderen Ort an einer für die damalige Zeit neuen Art der Architektur beteiligt zu sein.
Wie genau sah Eure Herangehensweise denn aus?
Besonders war vor allem die Art und Weise, wie wir mit den Eigenschaften des Materials Holz umgegangen sind. Zum Beispiel haben wir durch das Bürsten der Holzoberflächen die weichen Teile entfernt, damit das Holz gut altern kann und bessere akustische und haptische Eigenschaften erhält. Damals war es in Südtirol noch relativ neu, im Hotelbereich mit Holz zu bauen – daher war es auch so wichtig, die Umsetzung des Planerischen ins Handwerkliche vor Ort zu betreuen. Das Projekt hält nun seit zwanzig Jahren der Zeit stand. Und wir üben uns in der Kunst des Reparierens: Das Vigilius ist darauf ausgelegt, dass man einzelne Teile wegnehmen und reparieren kann – das kennt man von alten Bauernhöfen.
Diese Nachbetreuung sowie die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Bauherren gewährleisten, dass das Projekt stimmig bleibt und sein minimalistischer Stil nicht verwässert wird.



Du hast von der „Kunst des Reparierens“ gesprochen. Hat diese Art zu bauen Dein Interesse am Bauen im Bestand geweckt?
Auf eine gewisse Art sicherlich. Anfangs war ich allerdings gezwungen, im Bestand zu arbeiten, weil mir als Innenarchitektin damals noch die Zulassung als Architektin gefehlt hat – die habe ich erst nach dem Abschluss des zusätzlichen Architekturstudiums erhalten. Mit der Zeit hat mich die Arbeit an bestehenden Gebäuden dann sehr fasziniert: In der Interaktion mit dem Gebauten entstehen Geschichten, die man weitererzählen kann – durch das richtige Wegnehmen und Hinzufügen von Neuem kann ein spannender Dialog entstehen. So ist aus einer Art von Notwendigkeit tatsächlich mein Hauptgebiet geworden.
Bietet der Standort Südtirol besonders viel Spielraum in dieser Hinsicht?
In Südtirol gibt es auf jeden Fall einen stärkeren Bezug zu ruralen Gebäuden als in anderen Regionen Italiens oder auch in Deutschland. Viele Gebäude liegen in abgeschiedenen Lagen – da ist es nicht so einfach, den Bestand abzureißen und neu zu bauen. Auch das Handwerk hat eine große Tradition: Es gibt immer noch viele holzverarbeitende Betriebe, die ihr Know-how an die nächste Generation weitergeben. Die Zusammenarbeit mit diesen hat meine Arbeit sehr geprägt – wir haben viel voneinander gelernt (lacht). Aber auch außerhalb Südtirols versuche ich immer, mich vor Ort zu vernetzen. Im Rahmen eines Projekts in der Toskana arbeiten wir gerade viel mit Travertin – und ich bin froh, dabei auf die Expertise der lokalen Handwerker zurückgreifen zu können.


In Deinen Projekten ist das Zusammenspiel von Tradition und Moderne sehr ausgeprägt. Beim Umbau des Gasthof Jocher habt Ihr viele Möbelstücke eigens entworfen …
Der Gasthof ist ein schönes Beispiel für den schonenden Umgang mit vorhandener Bausubstanz, auch wenn es uns anfangs schwergefallen ist zu entscheiden, was erhalten werden soll und was nicht. Da er sich auf 1.800 Metern Höhe befindet und die Anfahrt sehr schwierig ist, war das Wiederverwenden vorhandener Ressourcen nicht nur eine gestalterische Wahl, sondern auch eine praktische Notwendigkeit, die das Projekt aber sehr positiv beeinflusst hat.


Beim Umbau wollten wir die schwere, dunkle Architektur aufbrechen und durch neue Elemente und eine andere Farbgebung auffrischen. Unter anderem ist es uns auch durch die eigens entworfenen Möbel gelungen, den Bestand neu zu interpretieren.



War das denn die Vorgabe der Besitzer – oder haben sie Dir einfach vertraut?
Die Besitzer – im Übrigen dieselben wie die des nahe gelegenen Vigilius – hatten keine explizite ästhetische Vorstellung. Die einzige Vorgabe war, das bestehende Gebäude zu halten. Es sollte ein unkomplizierter Ort entstehen – kein Luxusobjekt, sondern ein Ort, an dem sich Familien, Radfahrer und alle anderen wohlfühlen, die gerne in den Bergen sind. Außerdem ist der Gasthof für viele Einheimische ein Ort ihrer Jugend, an dem sie zum Beispiel Skikurse gemacht haben – jeder erinnert sich noch an gewisse Details. Wir wollten etwas von diesen Erinnerungen bewahren und behutsam Neues ergänzen – so haben wir die Geschichte einfach weitererzählt.
Gibt es Projekte, die besonderen Einfluss auf Deine gestalterische Herangehensweise hatten?
Ich finde es wichtig, sich immer wieder neu zu orientieren und nicht an alten Mustern hängenzubleiben. Ich möchte die Eigenheiten eines Objekts erkennen – oft sind es diese Details, die mich auf eine neue Gestaltungsidee bringen. Und ja, es gibt immer wieder Objekte, die mich besonders beschäftigen und beeinflussen – häufig sind es die, bei denen mir der Zugang am Anfang nicht ganz so leichtgefallen ist. Derzeit beschäftigen wir uns zum Beispiel mit einigen postmodernen Bauten aus den späten 1990er Jahren. Den Umgang mit Gebäuden aus dieser Zeit finde ich nicht so einfach – sie sind zeitlich so nahe an uns dran, dass es schwerfällt zu entscheiden, was auf lange Sicht erhaltenswert ist. Aber genau das macht die Auseinandersetzung natürlich spannend.
In Deinen Projekten spürt man genau diese Liebe zum Detail. Stimmt der Eindruck, dass Du die Objekte von Grund auf „begreifen“ möchtest?
Ja, das trifft es ganz gut. Mir ist es wichtig, die Dinge wirklich zu verstehen. Gerade, wenn man mit dem Bestand arbeitet, muss man immer wieder entscheiden, wie man mit Dingen umgehen soll, die einem auf den ersten Blick nicht unbedingt gefallen. Manchmal ist der erste Impuls, diese einfach wegzunehmen – und genau dann wird es am besten: Man fängt an, sich intensiv mit dem Vorhandenen zu beschäftigen, um dann eine Art Muster zu finden, das man weiterentwickeln kann. Das ist auch eine Art des Reparierens beziehungsweise des Erhaltens – es ist mir wichtig, das Besondere eines Ortes zu erspüren.



Bietet Dir diese ganzheitliche Sichtweise die Möglichkeit, die Essenz eines Ortes besser herauszuarbeiten?
Der Ansatz hilft auf jeden Fall dabei, die Gesamtheit eines Projektes zu begreifen und es in allen Nuancen zu interpretieren. Bei der Pension Leuchtenburg war es uns zum Beispiel besonders wichtig, die Persönlichkeit der jungen Inhaber widerzuspiegeln. Das bestehende Interieur war sehr dunkel und hat einfach nicht zu ihnen gepasst. Die Herausforderung war, alles ein bisschen jünger und ihrer unkomplizierten Art entsprechend zu gestalten.


Ein auffälliges Farbkonzept und neue, eigens angefertigte Möbel schaffen jetzt einen Kontrast zu den vorhandenen bemalten Bauernmöbeln. Unser Ziel war es, den Stil und die Authentizität der Betreiber aufzugreifen – so fühlen sich nicht nur die Inhaber wohl, sondern letztendlich auch die Gäste.


Mit der Wandleuchte „Luna“ wird das erste Produkt der Biquadra Collection in Serie gefertigt. Gibt es Ideen für weitere Produkte?
Die Leuchte präsentieren wir im Rahmen unserer Jubiläumsfeier zum ersten Mal. Wir haben auf jeden Fall vor, die Serie weiterzuführen, vielleicht auch in Form anderer Produkte. Zuletzt haben wir den Tisch „Apero“ für die norditalienische Firma Piaval entworfen, der im Frühjahr auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert wurde. Ein schöner Start für unsere Produkte, die wir vor allem zur Verwendung im Hospitality-Kontext gestalten werden – denn hier liegt ja derzeit unser Schwerpunkt.
Wir sind gespannt auf alles, was noch kommt. Vielen Dank für den spannenden Einblick in Deine Arbeit!
Interview: Tina Barankay
Fotos: Christina Biasi-von Berg © Franziska Unterholzner (Titelfoto), vigilius mountain resort © Tobias Kaser (1–3, 5, 6), © Christina Biasi-von Berg (4), Gasthof Jocher © Patrick Schwienbacher (7, 9–13), © Christina Biasi-von Berg (8), Pension Leuchtenburg © Patrick Schwienbacher (14, 15, 17, 18) © Christina Biasi-von Berg (16), Luna Lamp © biquadra (19) © Letizia Cigliutti (20)








0 Kommentare