Ruiยญnenreiz: Wunder in den Westยญkarยญpaten
Mit der tschechischen Designerin Daniela Hradilovรก sind wir seit Jahren eng verbunden. Die Entstehung ihres zweiten, bei uns verรถffentlichten Hauses haben wir quasi in Echtzeit verfolgt: Mezi Lukami โ das Making-of.
Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv. Er ist im Mai 2021 erschienen, mรถglicherweise sind nicht mehr alle Details aktuell.
Unbeยญachtet vom Groรteil Europas geschehen am Fuรe der Besยญkiden im Osten Tscheยญchiens immer wieder mal kleine Wunder. In die westยญlichen Ausยญlรคufer der Karยญpaten verยญirren sich keine groรen Touยญrisยญtenยญstrรถme, hier bewegt man sich noch unterhalb des Radars der interยญnaยญtioยญnalen bucket lists. Eine Tatยญsache, die die tscheยญchische Desiยญgnerin Daniela Hraยญdilovรก und ihren Mann Petr wenig stรถrt, ganz im Gegenteil: Wie ihre heuยญtigen Gรคste haben sie vor รผber 20 Jahren die Ruhe und die Naturnรคhe bewusst gesucht โ und dafรผr seiยญnerzeit das quirlige Treiben der Metropole Ostrava hinter sich gelassen. Ihr Umzug in den 2800 Seelen zรคhยญlenden Erhoยญlungsort ฤeladnรก mag sie nur 40 Kiloยญmeter weiter in Richtung Sรผden gefรผhrt haben, aber defiยญnitiv in eine ganz andere Welt.
2017 haben sie hier ihr Bouยญtique-Hotel Mezi Plutky (Between Fences) erรถffnet, das bei Gรคsten wie der Presse interยญnaยญtional gleiยญcherยญmaรen groรen Anklang gefunden hat. Warum das Haus so gut ankommt, verยญsteht man, wenn man die Umbauยญarยญbeiten an ihrem neuen Gรคsยญtehaus Mezi Lukami (Between Meadows) verยญfolgt, das in fuรยญlรคuยญfiger Entยญfernung zu ihrem Bouยญtique-Hotel liegt.
Neues Leben in alten Mauern
Alles begann damit, dass sich die eheยญmaยญligen Besitzer:innen selbst nicht mehr um das mehrfach umgeยญbaute und dadurch entยญstellte Gebรคude kรผmmern konnten und es daher Daniela und Petr vor einigen Jahren anverยญtrauten.
Das Haus Nr. 33 ist ein eher schlichtes Holzhaus vom Beginn des 19. Jahrยญhunยญderts und wurde im typiยญschen Stil der mรคhยญriยญschen Walachei erbaut. Der Aufbau des Hauses war ursprรผnglich zweiยญgeยญteilt: Eine Einยญgangsยญhalle, die auch als Rauchยญkรผche diente, teilte das Haus mittig. Auf der eine Seite schloss der Hauptยญwohnraum an, auf der anderen Seite ein landยญwirtยญschaftlich genutzter Bereich. Erst spรคter wurde der Stall in einem sepaยญraten Gebรคude unterยญgeยญbracht, sodass dieser Raum fortan als Lagerraum mit Zugang zum Keller genutzt werden konnte. Das Haupthaus selbst ruht auf einem steiยญnernen Sockel, umgeben von Wiesen. So weit, so unspekยญtaยญkulรคr. Wer aber die neuen Besitzer:innen kennt und den Bauยญfortgang beobยญachtet, ahnt, dass hier gerade etwas Besonยญderes entยญsteht.
Durch zahlยญreiche Gesprรคche bekamen Daniela und ihr Mann einen ersten Einยญdruck von der komยญplexen Geschichte des Hauses, eines der รคltesten vor Ort. Und auch wenn die Hisยญtorie des Hauses nicht lรผckenlos rekonยญstruiert werden konnte und viele Erzรคhยญlungen fragยญmenthaft bleiben: Die Anekยญdoten zum Gebรคude verยญmitteln ein scheยญrenยญschnittยญarยญtiges Bild von seinem eheยญmaยญligen Dasein und den in ihm traยญdierten Werten.
Die besondere Begabung der tscheยญchiยญschen Desiยญgnerin Daniela Hraยญdilovรก ist ihr ganz offenยญsichtlich sehr ausยญgeยญprรคgtes, holisยญtiยญsches Gespรผr fรผr den jeweiยญligen Ort und seine indiยญviยญduelle Geschichte. So entยญwiยญckelt sie unter Berรผckยญsichยญtigung der Fundยญstรผcke vor Ort dessen kรผnftige Mateยญriaยญlitรคt. Die Herยญausยญforยญderung, auf der Basis unausยญgeยญsproยญchener Worte und nicht offiยญziell verยญmerkter Fakten grรถรere Zusamยญmenยญhรคnge zu erschaffen, quasi zwiยญschen den Zeilen zu lesen, meistert Daniela mit ihrer ausยญgeยญprรคgten Beobยญachยญtungsgabe, einer groรen Portion detekยญtiยญviยญschen Gespรผrs sowie Geduld und nochmals Geduld.
โEin wesentยญlicher Aspekt, den alle meine Proยญjekte gemeinsam haben, ist, dass sie mit viel Bedacht und in groรer Ruhe entยญstehen. Ich nรคhere mich ihnen wie auf Zehenยญspitzen โ mit Respekt und Demut gegenรผber den Gebรคuden und den dazuยญgeยญhรถยญrigen Menยญschen. Und irgendwo dazwiยญschen entยญsteht Konยญtiยญnuitรคt. Emoยญtionen sind das grรถรte Gut, das wir haben.
Dieses grenยญzenlose โDazwiยญschenโ ist der wesentยญliche Kern โ die Bezieยญhungen und Berรผhยญrungsยญpunkte der Dinge, ihre Synยญchroยญniยญzitรคt. Wenn wir die Feinยญheiten zwiยญschen den Zeilen bewusst wahrยญnehmen, kann das Neue, das wir erschaffen, โperfektโ, wahrยญhaftig und schรถn zugleich sein.โ
Diese indiยญviยญduelle Art der Annรคยญherung an das jeweilige Gebรคude ist von ihrem ersten Bouยญtique-Hotel an รผber die ganzen anderen Bauยญproยญjekte der letzten 15 Jahre โ รผberยญwiegend Hotel- und Restauยญrantยญumยญbauten โ hinweg unmitยญtelbar spรผr- und anhand der Plรคne und Umbauยญmaรยญnahmen sichtbar.
Ortsยญspeยญziยญfiยญsches Entยญwerfen
An Daniela Hraยญdiยญlovรกs Herยญanยญgeยญhensยญweise ist so einiges bemerยญkenswert. So entยญwirft sie beiยญspielsยญweise immer in der 1:1โSituation, also vor Ort, und ausยญschlieรlich mit dem Stift. Erst zu einem sehr viel spรคยญteren Zeitยญpunkt werden diese Ergebยญnisse dann in nahezu finaler Form digiยญtaยญliยญsiert.
Dabei hat nicht nur das Wissen um die Geschichte des Hauses groรen Einยญfluss auf den Entwurf, berรผckยญsichtigt wird auch das weitere Umfeld โ der Garten, das Grundยญstรผck, die direkte und die mitยญtelbare Umgebung. Gerade Letztere birgt โ weil sie schon lange vor dem Projekt da war โ viele Erinยญneยญrungen und erzรคhlt dem, der zuhรถren kann, wertยญvolle Geschichten.
โEntยญwerfen ist fรผr mich wie schaukeln โ hin und her. Man geht fort und kehrt wieder zurรผck, man verยญgleicht. Man fรผgt Gewicht hinzu und nimmt es wieder weg, auf altยญbeยญwรคhrte Art und Weise. Man tritt nรคher heran und wieder einen Schritt zurรผck. Es ist das ewige Streben nach Gleichยญgeยญwicht und gleichยญzeitig ein Kinยญderยญspiel.โ
Ihre Herยญanยญgeยญhensยญweise beschreibt sie selbst als ein Zu-Ende-Erzรคhlen von Geschichten ohne Anfang. Damit meint sie den respektยญvollen Umgang mit alten Gebรคuden, was fรผr sie nie lediglich eine reine Rekonยญstruktion sein kann. Ihr Hauptยญauยญgenmerk liegt dabei auf der Konยญtiยญnuitรคt, die ihrer Meinung nach ein ganz wesentยญlicher Teil unserer ureiยญgenen Ruhe und Zufrieยญdenheit ist. Wenn diese Konยญstanz mit dem Respekt vor dem Altยญherยญgeยญbrachten verยญschmilzt, entยญsteht Stรคrke โ davon ist sie fest รผberยญzeugt.
โIch zeichne mehr als die โReaยญlitรคtโ, ich zeichne ihre Vision.โ
Ziel dieser Vision ist es, Rรคume bezieยญhungsยญweise einen Ort zu erschaffen, der nicht nur die Wรผrde des Bauยญkรถrpers wieยญderยญherยญstellt, sondern der โ ganz unmuseal โ zum Verยญweilen einlรคdt. Ob schlafen, trรคumen, frรผhยญstรผcken, lesen, kochen, einfach nur sein, abschalten, reflekยญtieren oder disยญkuยญtieren โ Daniela erkennt und entยญwiยญckelt Orte fรผr den einยญfachen wie wunยญderยญbaren Mรผรiggang der kรผnfยญtigen Gรคste weit im Vorfeld. Und zwar zu einem Zeitยญpunkt, zu dem das Haus selbst noch eine unanยญgeยญtastete (Halb-)Ruine ist.
โDie Sehnยญsucht nach Abenยญteuern, sie kรถnnte hier befriedigt werden: auf dem abendยญlichen Weg zur Terยญrasse, ein Glas Wein in der Hand โ jener Terยญrasse, die man barfuร vom Schlafยญzimmer aus betritt โ jenes Schlafยญzimmer, dessen Fenster den Blick auf die Bรคume freiยญgeben โ jene Bรคume, die wir gepflanzt haben โ und weiter in jene Ecke des Gartens, wohin ein Ball rollt โฆ
Ich verยญkรผrze diesen Weg nicht โ wie werden die Gรคste diesen Ort wahrยญnehmen, nutzen? โ, ich inspiยญriere sie lediglich, helfe ihnen, mit dem Ort in Verยญbindung zu treten, auf ihre ganz eigene Art und Weise.โ
Gelebte Handยญwerksยญkunst
Um all dies zu erreichen, wird sie auch im Falle von Mezi Lukami den Bestand unter Zuhilยญfeยญnahme hochยญwerยญtiger traยญdiยญtioยญneller Handยญwerksยญkunst wieยญderยญaufยญerยญstehen lassen. Sie wird das Haus durch subtile, aber wirยญkungsยญvolle Ergรคnยญzungen in die Gegenwart und Zukunft transยญfeยญrieren.
Einยญfache vorยญgeยญfundene โZutatenโ โ wie die vorยญherrยญschenden Naturยญstein- und Holzยญeleยญmente โ werden im Einยญklang mit der Mateยญriaยญlitรคt des Bauยญkรถrpers punkยญtuell ergรคnzt. Wo einst die Einยญgangsยญhalle war, entยญsteht nun der zenยญtrale Aufยญentยญhaltsยญbeยญreich des Hauses. Hier wird eine groรe Couch als Solitรคr platยญziert, von der aus man den Blick entlang einer neuen, unaufยญdringlich gesetzten Blickยญachse schweifen lassen kann.
Der daran anschlieยญรende eheยญmalige Durchgang zwiยญschen Haupthaus und Stall wird vollยญstรคndig verยญglast. Hier kommt โ als Herzยญstรผck jeden Aufยญentยญhalts โ der Essยญtisch zu stehen, von dem aus man einen nahezu grenยญzenยญlosen Blick auf die umlieยญgenden Wiesen haben wird. Diese vollยญkommen neue Szeยญnerie wird von Lichtยญeleยญmenten einiger der berรผhmยญtesten tscheยญchiยญschen Designer ausยญgeยญleuchtet werden. รhnยญliche Plรคne, das Opuยญlente im Einยญfachen zu inszeยญnieren, gibt es fรผr die Kรผche. Sie avanยญciert dank einiger unaufยญfรคlยญliger wie rafยญfiยญnierter Einยญgriffe zu einer Insel des Geschmacks und der Dรผfte, die sich โ gefรผhlt โ eher im Garten als im Innenraum befindet. รberยญhaupt, der Garten: Er wird dem Haus buchยญstรคblich zu Leibe rรผcken, Innen- und Auรenraum sollen weiยญtestยญgehend verยญschmelzen.
Gott sei Dank gibt es in den Besยญkiden noch Vertreter:innen der verยญschieยญdenen Gewerke, die sich auf die erforยญderยญlichen traยญdiยญtioยญnellen Handยญwerksยญtechยญniken verยญstehen. Denn nur so lรคsst sich diese anspruchsยญvolle Aufgabe auf einem solch hohen Niveau รผberยญhaupt reaยญliยญsieren. Gut, dass Daniela Hraยญdilovรก schon seit Jahren beste Bezieยญhungen aufยญgebaut hat und sich auf ihr โTeamโ verยญlassen kann.
โWenn ich nicht auf ein Team von langยญjรคhยญrigen und erfahยญrenen Handยญwerkern zurรผckยญgreifen kรถnnte, hรคtte ich es nie gewagt, diese anspruchsยญvolle Aufgabe des Renoยญvierens von Hรคusern anzuยญgehen. Ich kenne alle Beteiยญligten, die an Between Meadows mitยญwirken, bereits seit zehn Jahren โ wir fรผhlen uns in ihren Werkยญstรคtten wie zu Hause. Und ich bin fรผr jeden von ihnen dankbar: In einer Zeit, in der das traยญdiยญtioยญnelle Handwerk im Verยญschwinden begriffen ist, ist ihre Kunst und Leiยญdenยญschaft eine Art Wunder.
Die grรถรten Experยญtisen sind meiner Meinung nach Respekt vor der Aufgabe, meisยญterยญhafte Arbeit und der Stolz darauf, ein scharfer Blick und straยญpaยญzierte Hรคnde โ nieยญmanden nehme ich ernster als Menยญschen, die das verยญkรถrpern.โ
Text: Ulrich Stefan Knoll, Mai 2021
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