Die Kunst des Unterยญlassens: Martin Gruber im Interview
Je nรคher man dem Wesen eines Ortes kommt, desto weniger braucht es groรe Gesten. Architekt und Kรผnstler Martin Gruber รผber die Kraft des Menschlichen, die Schรถnheit der Reduktion und die leise Kunst, aus Landschaft Architektur werden zu lassen.
Hallo Martin โ schรถn, dich wieยญderยญzuยญsehen! Woran arbeitest du aktuell?
Im Ahrntal entยญsteht gerade Mono. Wenn man vor dem Grundยญstรผck steht, sieht man zunรคchst eigentlich wenig: Zwei Mauern liegen in der Bergยญwiese, dazwiยญschen spannt sich ein Raum auf. Das Haus sitzt im Hang, die beiden verยญglasten Seiten schauen talยญausยญwรคrts und talยญeinยญwรคrts. Ich mag diese einยญfache Geste. Sie verยญsucht nicht, mit der Landยญschaft zu konยญkurยญrieren. Je lรคnger man dort steht, desto weniger weiร man, wo die Archiยญtektur beginnt und wo der Ort aufhรถrt.
Vielยญleicht kommt diese Haltung auch von den alten Stรผtzยญmauern, die man hier รผberall findet. Sie wurden gebaut, weil sie notยญwendig waren. Niemand hat sie damals als Archiยญtektur bezeichnet. Nach Jahrยญzehnten sind sie Teil der Landยญschaft geworden. Ihre Schรถnheit kommt aus ihrer Selbstยญverยญstรคndยญlichkeit. Genau diese Selbstยญverยญstรคndยญlichkeit suche ich auch bei neuen Hรคusern.
Anfang Sepยญtember haben wir zudem Living Lands in Biberwier erรถffnet. Ein eheยญmaยญliger Camยญpingยญplatz wurde zurรผckยญgebaut, daraus entยญstand ein hรผgeยญliger Garten, flanยญkiert von einer โbewohnยญbaren Garยญtenยญmauerโ. Die Form leitet sich von der Loisach ab, die dort vorยญbeiยญflieรt. Es ist eine orgaยญnische Archiยญtektur geworden, die gleichยญzeitig sehr ruhig und klar bleibt.
Die Idee hinter dieser Umkehrung des Bauยญwerks war sehr einfach: die Sehnยญsucht nach einem geschรผtzten Innenraum. Ein Innenraum wie ein Garten, fast wie ein kleines Paradies.
Was bestimmt deine archiยญtekยญtoยญnische Grundยญhaltung, wie gehst du Proยญjekte an?
Ich fange mal verยญkehrt herum an. Am Ende soll es gut sein. URLAUBSARCHITEKTUR filtert quaยญliยญtรคtsยญvolle Archiยญtektur. Aus dieser Haltung entยญsteht in Summe ein Verยญtrauen, ein wertยญvoller Beitrag fรผr Archiยญtektur, der Menยญschen dafรผr begeistert und anzieht.
Mit einem solchen Anspruch starte ich jedes Projekt: Ich nehme mir zunรคchst die Zeit, genau hinยญzuยญschauen und verยญsuche dann, den Ort, den Bestand inklusive der Menยญschen gern zu haben. Mit dieser angeยญwandten Haltung kann man leichter den Startยญpunkt eines Proยญjektes finden โ dieser Prozess basiert oft auf einem kรผnstยญleยญriยญschen Zugang.
Kunst ist fรผr mich dabei das Aufยญmerksame, das Sorgsame, das รผber das Normale und Notยญwendige Hinยญausยญgeยญhende โฆ oft etwas schwierig zu finden โ Kunst halt. Und meistens geht es dabei um ein Ideal. Ich suche jene Schรถnheit, รผber die nicht gestritten wird, jene natรผrยญliche Schรถnheit, die von mรถgยญlichst vielen Menยญschen intuitiv erkannt und gelesen werden kann. Eine Schรถnheit ohne Zeiยญgeยญfinger.
Wenn ich mir dann bei gestalยญteยญriยญschen Entยญscheiยญdungen nicht sicher bin, dann verยญsuche ich, Archiยญtektur eher als einen Film, denn als einen Plan zu sehen. Das Leben besteht ja per se aus dynaยญmiยญschen Zustรคnden. Es verยญรคndern sich die Bedรผrfยญnisse. Es verยญรคndert sich im Jahยญreslauf auch die Umgebung. Ich mag die Verยญsuche, daraus Muster zu erkennen und Stellung zu beziehen: Ich mag auch รberยญgรคnge, Zwiยญschenยญzuยญstรคnde, vielยญleicht mag ich gerade auch deshalb die Bauยญstellen.
Wenn mir ein Projekt nahegeht, fรผhlt es sich wie ein Lebensfilm an. Dann werde ich plรถtzlich sehr ernst, und es wird mir alles besser bewusst. Ich frage mich, ob ich ausยญreiยญchend Gefรผhl und Liebe hinยญeinยญgelegt habe. Nicht Detailยญliebe โ die auch โ, sondern insยญgesamt eine hohe Aufยญmerkยญsamkeit, Verยญantยญwortung und Wohlยญwollen.
Sehr wichtig ist mir dabei die Rolle des Humanen als zenยญtrale Kraft. Das fรคngt beim Bauยญherrn an, dem ich dann auch mal zu schnell recht gebe. Ich gebe aber auch deshalb oft nach, weil ich darauf verยญtraue, dass das Konzept immer noch stark genug ist. Und so lasse ich den Handยญwerkern auch mal etwas mehr freie Hand, wenn sie das Konzept verยญstehen. Dann entยญsteht so etwas wie Leiยญdenยญschaft, und dann so eine Art Freundยญschaft. Das ist so das Stimยญmungsbild auf meinen Bauยญstellen.
Dieses Nachยญgeben habe ich als junger Architekt รผbrigens immer als Schwรคche empยญfunden, mittยญlerยญweile sehe ich es eher als meine Eigenheit. Letztยญendlich geht es darum, dieses gegenยญseitige Verยญtrauen in Schรถnheit umzuยญwandeln. Da Archiยญtektur sehr staยญtisch und sehr langยญfristig ausยญgelegt ist, gilt es, alles mit enormer Vorยญausยญsicht zu kaliยญbrieren โ nach bestem Wissen und Gewissen.
Arbeitest du รผberยญwiegend alleine oder hast du ein Team?
Ein Proยญjektยญentwurf wรคchst von innen heraus, das bin also zuerst einmal ich, zu 100 Prozent. Frรผher hatte ich mal sechs Mitยญarยญbeiter. Die haben sich nach und nach alle selbstยญstรคndig gemacht. Mit denen arbeite ich jetzt teilยญweise freiยญbeยญruflich zusammen, oder mit anderen jungen Architekt:innen. Jede:r hat so seine Stรคrken: einen Plan vor Ort genehยญmigen lassen oder mit Ingeยญnieuren fรผr Brandยญschutz und Kataster Abstimยญmungen treffen. Es kommt ja immer ein ganzes Orchester zusammen und ich sehe es als das schรถnste Priยญvileg, gestalten zu dรผrfen. Insยญgesamt ist es aber natรผrlich keine One-Man-Show.
Du schreibst selbst auf deiner Website โBauen ist auch Unterยญlassenโ. Kann man sagen, dass du โ auch in Verยญbindung mit deiner begrenzten Manยญpower โ besonders stark selekยญtierst, welche Proยญjekte du รผberยญhaupt annimmst?
Ich sehe mir gern jede Bauยญaufgabe an. Aber bevor es ans Planen oder Bauen geht, ist jedes Projekt zuerst einmal ein Neuยญstart โ mit neuem Ort, neuer Bauยญherยญrenยญschaft und neuer Aufgabe. Das erfordert zuerst eine kreative Bestandsยญanalyse. Da muss gar nichts gezeichnet werden, da mรถchte ich einfach nur inneยญhalten. Es ist essenยญziell, sich in dieser Phase genรผgend Zeit zu geben, um die richยญtigen Fragen zu stellen, bevor man Antยญworten sucht. Man muss ja auch etwas finden wollen, bevor man es sucht.
Nach der Analyse kommt die Synยญthese: meist fรผnf oder sechs Entยญwurfsยญideen, die ich gegenยญeinยญander abwรคge โ und das tue ich tatยญsรคchlich alleine. Danach setze ich mich gern mit einem รคlteren Einยญheiยญmiยญschen, den Handยญwerkern, an den Tisch. Und auch Proยญfessor Volker Giencke oder Oscar Nieยญmeyer sitzen dann gedanklich immer auf meiner Schulter, um die Gedanken auf Lesยญbarkeit und Einยญfachheit und subยญjekยญtiven Geschmack zu prรผfen. Das ist die Phase, in der es darum geht, den Test in der Reaยญlitรคt zu bestehen bevor die nรคchsten Schritte folgen.
Du hast gesagt, dass du Archiยญtektur nie in Konยญkurrenz zur Natur stellen magst. Wie genau setzt du das um, geschieht das bereits wรคhrend der konยญtemยญplaยญtiven Phase?
Ja. Der Geist des Ortes und die Natur als Inspiยญration und als Mutter von allem sind sehr wesentยญliche Aspekte. Es gibt auch eine geistige Natur. Bei Living Lands gab es diesen Moment, in dem ich an Sidยญdhartha von Hesse denken musste, wie er in diesen Bach schaut und einfach nur das Wasser beobยญachtet. Ich bin der festen รberยญzeugung: Je nรคher ein Projekt an der Natur liegt, desto stimยญmiger ist es โ denn รผber Archiยญtektur und Schรถnheit wird oft und gern gestritten, aber รผber die Natur eben nicht.
In der Natur ist alles schรถn โ sogar die Wรผste ist schรถn. Wenn man sich darauf einยญlรคsst, merkt man irgendwann: In der Natur gibt es nichts, was nicht stimmt. Und man sieht die Details. Diesen Blick sollten wir Archiยญtekten auch รผben. Da steht dann beiยญspielsยญweise mein Vater neben mir und sagt: โSchau, die Schwalben haben gar keine Pfรผtzen mehr, die sie zum Nestbau brauchen.โ Wรคhrend gerade eben erst irgendein Archiยญtekยญturยญprojekt fรผr eine Platzยญgeยญstaltung ausยญgeยญzeichnet wurde โ alles perfekt, aber Pfรผtzen hat es halt keine mehr. Das weckt mich dann auf, erdet mich.
Bleiben wir bei der Natur: Wenn man in den Komยญmenยญtaren zur Freiform, deinem eigenen Feriยญenhaus, stรถbert, trifft man auf Zuschreiยญbungen wie โNature Obserยญvatoryโ oder โnot designed as a house, but as an organic sculptureโ. War das deine Intention bei der Planung?
Ich gebe gern zu, dass das Handยญgelenk manchmal schneller ist als der Kopf und ich das gar nicht alles so erdenken kann: Bei der Freiform haben viele Expeยญriยญmente eine Rolle gespielt, die aufยญgeยญgangen sind. Die Grundidee war es, Mรถbel auf die Wiese zu stellen und rundยญherum eine Schleife zu legen, die einen warm hรคlt. Das alles nicht quer zum Hang, sondern leicht schrรคg gesetzt, sodass man auch nach oben oder nach unten blicken kann. Die Freiform bildet schon sehr viel davon ab, wie ich auch selbst als Person bin.
Spannend war es auch insofern, als es das erste Projekt war, bei dem ich Bauherr und Architekt in einem war. Da gab es natรผrlich auch riesige Streiยญteยญreien mit mir selbst. Aber ab einem gewissen Punkt war die Freiheit und die Energie fรผr diesen Schwung da, der mich auch heute noch tief durchยญatmen lรคsst. Es ist schรถn zu sehen, was Archiยญtektur alles bewirken kann.
Wir durften die Freiform schon selbst erleben. Die Prรคsenz der Natur ist total und der Archiยญtektur wohnt eine wohlยญtuende Selbstยญverยญstรคndยญlichkeit inne.
Danke fรผr das Komยญpliment! Das deckt sich mit vielen Bewerยญtungen im Gรคsยญtebuch und man merkt auch dort, dass die Archiยญtektur ganz offenยญsichtlich ohne Gebrauchsยญanยญweisung funkยญtioยญniert. Viele Gรคste bleiben sehr lange im Bett liegen, weil sie sich von den wechยญselnden Ausยญsichten gar nicht lรถsen kรถnnen!
Neben der starken Haptik fallen in der Freiform und anderen deiner Proยญjekte die vielen kleinen Design-Details auf โ gestaltest du diese selbst?
Ein Konzept erfordert aus meiner Sicht ein Zu-Ende-Bauen. Nicht in der Perยญfektion der Industrie oder des Designs, sondern eher in einer archaiยญschen Haptik. So habe ich etwa gemeinsam mit meiner Frau die Lamยญpenยญausยญspaยญrungen selbst zugeยญschnitten und dann die Lampen einยญgeยญklemmt. Wenn man selbst gern mitยญarยญbeitet, dann spรผrt man, wie die Idee mit dem Tun verยญschmilzt. Das ist meiner Meinung nach die ehrยญlichste Form der Komยญmuยญniยญkation. Konkret gesprochen, wollten wir keine Designer-Lampen aufยญhรคngen, denn die kรถnnen ja รผberall hรคngen. Uns ging es um das Thema Licht und darum, die Ausยญsicht nicht zu stรถren.
Ich finde ohnehin, dass man viel zu groรen Respekt hat vor weiรen Wรคnden oder perยญfekten Bรถden. Als ich seiยญnerzeit die Filzยญstift-Skizzen von Nieยญmeyer an den weiรen Wรคnden sah โ das dรผrfen sonst ja nur kleine Kinder โ, fand ich das beeinยญdruยญckend. Der Mensch wird emporยญgeยญhoben, die Wand schrumpft, so soll es sein.
Wie bei meinen Holzยญskulpยญturen, die zum Teil verยญkohlt sind, habe ich mich also irgendwann auch an die Wรคnde getraut und diese mit z.B. Ruรยญhandยญschuhen bearยญbeitet. Natรผrlich habe ich mich vorher gefragt: Darf ich das eigentlich? Und was ist, wenn es schiefgeht? Aber irgendwann dachte ich: Das Haus gehรถrt mir und nicht umgeยญkehrt. Wenn man es risยญkiert hat und dann sieht und spรผrt, was pasยญsiert, dann ist das eben etwas ganz anderes, als ein Bild an eine weiรe Wand zu hรคngen. Das geht einem ganz anders nahe.
Das ist also die angeยญwandte Haltung, von der du vorhin gesprochen hast und die du in Archiยญtektur und Kunst prakยญtiยญzierst, richtig?
Ja. Diese Mutยญproben und รbungen im anaยญlogen Bereich, also die Wertยญschรคtzung des Oriยญginals mit allen Fakยญtoren des Zufalls, auch des Scheiยญterns, setzen voraus, dass man proยญbiert und akzepยญtiert, dass man den Prozess nie ganz konยญtrolยญlieren kann.
Bei Hรคusern mache ich ungern Fehler, da habe ich eine groรe Verยญantยญwortung. Bei den Skulpยญturen hinยญgegen bin ich frei. Wรคhrend mein Vater ganz pragยญmaยญtisch ist und in einem Holzยญscheit vorยญrangig den Brennwert sieht, verยญsuche ich, dem Holz einen Geist zu entยญlocken. Da muss nicht immer alles perfekt sein, im Gegenteil: Das Figuยญrative engt mich schon wieder ein. Man muss doch dem Betrachter auch die Freiheit lassen, zu sehen, selbst etwas zu erkennen. Das ist immer ein sehr indiยญviยญduยญeller Prozess, trotz aller รbung, die ich mittยญlerยญweile habe. Sehr spannend!
Da sind wir ja schon wieder bei der Kunst der Unterยญlassung, oder?
Genau. Die wesentยญliche Frage, die man jedes Mal wieder beantยญworten muss, lautet: Wie weit gehe ich und wann sage ich: Jetzt ist es fertig. Man kann ein Werkยญstรผck ja auch โรผberยญdeยญsignenโ. Man muss da also ganz bei sich sein, auch vom Gespรผr her. Der Verยญstand alleine kann das nicht. Gerade in von Algoยญrithmen domiยญnierten Zeiten der KI und Robotik ist mir dieses echte Schaffen mit warmem Herzen als Gegenยญbeยญwegung besonders wichtig.
Da du viel im Kontext der Berge arbeitest, spielt sicher gerade dort das Thema der Reduktion eine wesentยญliche Rolle?
Ein Objekt transยญforยญmiert ja immer auch den Ort, das ist ein Wechยญselยญspiel. Es geht also in senยญsiblen Landยญschaftsยญrรคumen wie denen der Alpen nicht nur um den Geist des Ortes per se, sondern auch viel darum, dass man sich benimmt, sich zurรผckhรคlt und dem Kontext besondere Beachtung schenkt. Denn jeder Einยญgriff entยญfacht ja auch immer einen Geist des Objekts.
Bauen ist ja immer eine รถffentยญliche Angeยญleยญgenheit und damit eine sichtbare Verยญantยญwortung.
Phyยญsisch gesehen herrscht unten in der Ebene eine gewisse Indifยญferenz, wรคhrend sich die Berge durch ihre Horiยญzonte und ihren Bezug zur Schwerยญkraft unterยญscheiden und damit einen eigenen Umgang erfordern.
Du hast seiยญnerzeit mit Anders eine sehr klare Aussage getroffen, als du dich entยญschieden hast, ein Vielยญbetยญtenยญhotel downยญzuยญsizen. Auch in anderen Proยญjekten hast du nicht nur unterยญlassen, sondern auch bewusst vorยญgeยญschlagen, zu reduยญzieren.
Abgeยญsehen davon, dass die Banken zu der Zeit eine gewisse Zukunftsยญangst hatten und auch Corona eine Rolle gespielt hat, war es bei den anders suites so, dass ich dem Besitzer vorยญgeยญschlagen habe, sich wieder auf den Ursprung der Gastยญfreundยญschaft zurรผckยญzuยญbeยญsinnen.
Als es bei uns in der Gegend vor 40 bis 50 Jahren mit dem Touยญrismus losging, hat man einfach die Leute zu sich geholt, ganz ohne Konยญzepte und Marยญketing. Man hatte schlicht ein gewisses Wohlยญwollen den Gรคsten, damals noch โden Fremdenโ, gegenรผber. Denen gab man ein Bett und lieร sie mit am Tisch sitzen. So konnte man das als Familie seiยญnerzeit bewerkยญstelยญligen โ ohne groร zu invesยญtieren, Schulden zu machen oder Angeยญstellte zu brauchen. Viel kleiner und bescheiยญdener eben als heute.
Dieses Downยญsizing fรผhrte beim Anders dazu, dass wieder mehr Zeit fรผr die Gรคste da ist. Plรถtzlich reichen auch die selbst gesamยญmelten Pfifยญferยญlinge wieder fรผr alle. Und so sitzt der Gastยญgeber mit den Gรคsten am Abend da, vielยญleicht bei einem Glas Wein, und hat wieder Zeit. Das ist doch eine groรe Quaยญlitรคt fรผr alle.
Man bekommt bei deinen Proยญjekten wie Mono oder Nidum den Einยญdruck, dass du den senยญsiblen Umgang mit dem Ort und der Landยญschaft nochmals auf eine neue Ebene gehoben hast. Du selbst hast das โ treffend, wie wir finden โ als Verยญschwinden durch Gestaltung bezeichnet.
In der konยญzepยญtioยญnellen Gestaltung geht es um Essenz. Bei Mono haben wir mit bauยญlichen Eleยญmenten entยญworfen, die bereits vor Ort waren, und dabei das Allยญtรคgยญliche neu entยญdeckt.
Den Talยญblick nicht autoยญmaยญtisch hangยญabยญwรคrts, sondern talaus- und talยญeinยญwรคrts. Damit verยญschwand das Projekt aus dem Blick von der Straยญรenยญseite und รถffnete doch den Blick in die Natur Richtung Sรผden und Norden.
Nidum hinยญgegen ist ein Priยญvathaus. Der Eigenยญtรผmer wollte eigentlich eine Art Kopie der Freiform, das habe ich natรผrlich nicht gemacht (schmunzelt). Auรerdem musste ich signaยญliยญsieren, dass ich erst in einem halben Jahr Zeit habe. Da dachte ich schon, es hรคtte sich erledigt. Aber Marco hat pรผnktlich nach sechs Monaten wieder angeยญrufen. Und dann habe ich mich den handยญwerkยญlichen Mรถgยญlichยญkeiten vor Ort gewidmet.
Entยญstanden ist eine vorยญgeยญferยญtigte Holzยญbauยญweise, die in Sรผdยญtirol in der Werkยญstatt zusamยญmenยญgeยญstellt und dann dort sozuยญsagen einยญgeยญpflanzt wurde. Ein Verweis auf das Anders ist die Schrรคge der Wand, auch wenn sie hier nicht in der geschwunยญgenen Form reaยญliยญsiert wurde.
Wie man sieht: Ich mag nicht einmal in der Verยญtiยญkalen den rechten Winkel. Ich empยญfinde diese Schrรคge als angeยญnehmer. Auch eine Rรผckenยญlehne ist ja leicht schrรคg.
Welche Grundยญsรคtze haben fรผr dich noch eine besondere Bedeutung?
Meiner Aufยญfassung nach sollten wir, oder sagen wir besser, kรถnnten wir mit viel weniger zufrieden sein, die einยญfachen Dinge mehr schรคtzen und genieรen. Heutยญzutage gibt es in der Gestaltung oft eine Sucht nach dem Wow-Effekt, in der Politik gewinnen die Extremen. Wenn ich mir etwa meine Eltern ansehe und welch einยญfaches Leben sie gefรผhrt haben, und wie wohlยญwollend und positiv sie immer allem gegenยญรผberยญstanden, wird mir diese schรถne, zufriedene Mitte bewusst. Menschยญlichkeit, Fleiร und dass es genรผgt, das Einยญfache und das Allยญtรคgยญliche mit seiner Norยญmaยญlitรคt zu schรคtzen. Es braucht โ im รผberยญtraยญgenen Sinne gesprochen โ nicht immer nur Ecken und Kanten.
Der รberยญraยญschungsยญmoment, den wir durch das Hinยญterยญfragen des Allยญtรคgยญlichen geneยญrieren, ist vรถllig ausยญreiยญchend. Dazu braucht es Leiยญdenยญschaft und die Freude an Kleiยญnigยญkeiten. Ich glaube an das Weiche.
Du meinst, es fรผgt sich von selbst, so wie deine orgaยญniยญschen Formen in der Archiยญtektur es tun โ aus dem Fluss und dem Prozess heraus, weil du in der Lage bist, anzuยญnehmen, was der Kontext dir schenkt, und du bereit bist, dich einยญzuยญfรผgen?
Das trifft es perfekt โ kรถnnte glatt ein Zitat von mir sein!
Meiner รberยญzeugung nach trifft man es viel besser, wenn man sich gegenยญseitig zuhรถrt. Natรผrlich haben wir einen techยญniยญschen Berufโฆ aber das Gefรผhl, das Humane und die gegenยญseitige Wertยญschรคtzung und Leiยญdenยญschaft sind fรผr mich die entยญscheiยญdenden Fakยญtoren. Verยญtrauen als angeยญwandte Haltung, sozuยญsagen.
Lieber Martin, herzยญlichen Dank fรผr das Gesprรคch!
Martin Gruber ist freiยญschafยญfender Architekt aus Brixen, Sรผdยญtirol. Er lebt und arbeitet mit seiner Familie am Bauยญernhof in Verยญdings (Freiform), wo er auch Holzยญskulpยญturen anfertigt.
Wรคhrend seiner Karยญriere als Sportler (Vizeยญweltยญmeister im Naturยญbahnยญrodeln 1999/2000) stuยญdierte Martin Gruber Archiยญtektur in Wien, Innsยญbruck, New York, und Venedig. 2001 grรผndete er sein Studio und arbeitet seitdem als freiยญbeยญrufยญlicher Architekt im In- und Ausland.
Aus der รberยญzeugung, dass jede Zeit, jeder Ort und jeder Mensch seine eigene Schรถnheit in sich tragen, arbeitet Martin Gruber mit reduยญzierten Formen und verยญsucht, diese Schรถnheit รผber eine essenยญzielle Formยญgebung freiยญzuยญlegen. Dabei bewahrt er genรผgend Raum fรผr Interยญpreยญtation der Betrachter, um den Proยญjekten und Arbeiten eine sehr perยญsรถnยญliche Wahrยญnehmung zu ermรถgยญlichen, damit ein starkes Verยญtrauen zu einer subยญjektiv schรถnen Archiยญtektur und Kunst aufยญgebaut werden kann.
Interview: Das Gesprรคch fรผhrten Britta Krรคmer und Ulrich Stefan Knoll.
Bildยญnachยญweise: Martin Gruber ยฉ Kathie McKยญnoulty (Titelbild); Mono ยฉ Martin Gruber (1โ3, 35/36); Living Lands ยฉ Martin Gruber (4/5); Naturยญpanยญoramen und โstimยญmungen ยฉ Martin Gruber ยฉ Tobias Kaser (6โ9, 18, 23โ25, 41); Freiform ยฉ Martin Gruber ยฉ Tobias Kaser (10โ16, 26); Skulpยญturen ยฉ Elisa Capยญpellari ยฉ Kathie McKยญnoulty (17, 19โ22); Anders Suites ยฉ Tobias Kaser ยฉ Martin Gruber (27โ34); Nidum ยฉ Martin Gruber (37โ40)
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