Sizilien โ konยญtrastยญreiches Mysยญterium
Sizilien. Dem Namen eilen noch immer ganze Heeresscharen an Assoziationen und Klischees voraus und haben der Insel und ihren Bewohnern die Aura des unantastbaren, verwegenen, rรคtselhaften Faszinosums verliehen.
Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv. Er ist im April 2018 erschienen, mรถglicherweise sind nicht mehr alle Details aktuell.
Die ameยญriยญkaยญnische Filmยญinยญdustrie ist nicht ganz Unschuld daran. Doch so bleibt man in steยญreoยญtyยญpiยญsieยญrender Fiktion stecken und zieht der manยญnigยญfalยญtigen Kultur und dem subยญtilen Charme der grรถรten Insel Itaยญliens die Tarnยญkappe รผber. Um Sizilien wenigstens ansatzยญweise zu verยญstehen, muss man die Insel sehen (mit Auge und Herz), sie inhaยญlieren und ihren Klรคngen lauยญschen. Man muss sich auf die Insel einยญlassen, sich von ihr verยญfรผhren und entยญfรผhren lassen.
Sizilien ist groรยญartig und dennoch unbeยญgreiflich. Magisch und verยญstรถrend zugleich. Was den Reiz der Insel ausยญmacht, sind ihre Konยญtraste und die Selbstยญverยญstรคndยญlichkeit, mit welcher dem Schรถnen wie dem Hรคssยญlichen dieยญselbe Daseinsยญbeยญrechยญtigung zugeยญstanden wird. Die Landยญschaft ist mal rau und archaisch und dann wieder ein รผppiger Garten Eden. Der Duft der schier endยญlosen Oranยญgenยญplanยญtagen betรถrt die Sinne, der รtna thront allยญgeยญgenยญwรคrtig รผber den Dingen und schenkt der Insel ewige Fruchtยญbarkeit. Die wunยญderยญschรถnen Barockยญstรคdte leuchten hell vor dem tiefยญblauen Himmelโฆ. und dann, ganz plรถtzlich, steht ein rieยญsiges Betonยญskelett inmitten von blรผยญhenden Kakยญtusยญfeigen oder an einem einยญsamen Strand. Indusยญtrieยญlandยญschaften mit ihren รltanks und Bohrยญtรผrmen sรคumen lange Kรผsยญtenยญstreifen der Insel, dahinter glitzert das Meer. Die Zeugยญnisse einer jahrยญtauยญsendยญalten Kultur bestehen neben den in Zement gegosยญsenen Symยญbolen moderner Unkultur. Doch daran lรคsst sich nicht rรผtteln, die Koexistenz der Gegenยญsรคtze ist ein Konยญtinuum, das man respekยญtieren muss, wenn man Sizilien in sein Herz schlieรt. Und das wird man unweiยญgerlich, mehr noch: Man verยญfรคllt dieser Insel, mit Leib und Seele und es gibt kein zurรผck.
Am sรผdยญlichsten Punkt von Siziยญliens Ostยญkรผste โ zwiยญschen der Barockยญstadt Noto und dem sugยญgesยญtiven Fischerort Marzยญamemi โ liegt das Naturยญschutzยญgebiet Venยญdicari: artenยญreiche Lagunen, wรผsยญtenยญhafte Dรผnenยญlandยญschaft, schroffe Kรผsยญtenzรผge und wilde Strรคnde mit feinstem, hellen Sand wechseln einยญander ab. Es duftet nach wildem Thymian, Rosยญmarin und Ginster und seltene Vogelยญarten und Schildยญkrรถten haben hier ihre Oase gefunden. Im Sommer stolยญzieren hunยญderte von Flaยญmingos durch das krisยญtallยญklare Wasser der Lagune und zaubern ein wahres Farbยญspekยญtakel in die Landยญschaft. Die eheยญmalige Thunยญfischยญfangยญstelle โ die tonnnara von Venยญdicari โ besticht mit ihrer schlichten, enigยญmaยญtiยญschen Archiยญtektur und blickt auf den Ursprung siziยญliaยญniยญscher Kultur: Das Meer.
Unweit des Naturยญreยญservats liegen โ nur wenige Kiloยญmeter vonยญeinยญander entยญfernt โ zwei Hรคuser, die ungleicher nicht sein kรถnnten und deren Idee und Vision doch demยญselben Ansinnen folgt: die Geschichte und die Essenz eines Ortes einยญzuยญfangen und in Archiยญtektur zu รผberยญsetzen.
Villa Venยญdicari
Die Villa Venยญdicari schmiegt sich in einen von Troยญckenยญmauern umgeยญbenen, mediยญterยญranen Garten mit Mandel- und Zitrusยญbรคumen, wilden Krรคutern und Kakยญtusยญfeigen. Der weiรe Bau verยญschwindet fast inmitten der รผppigen Vegeยญtation und wird eins mit der Natur. Guglielmo Parasporo und Elena del Drago haben hier ihren Ort der Ruhe und Inspiยญration geschaffen, um dem chaoยญtiยญschen Leben der itaยญlieยญniยญschen Hauptยญstadt ab und an zu entยญkommen und siziยญliaยญniยญsches Licht, Farben, Dรผfte und Stille zu tanken. Und es ist wahr: das Einยญgangstor des Anwesens marยญkiert den รbergang in eine andere Dimension, in welcher Kรถrper und Seele eine wunยญdersame Wandlung durchยญlaufen. Ein Gefรผhl heiยญterer Entยญspannung stellt sich ein, alle Sinne treten staunend in Aktion, und der Fokus auf das Wesentยญliche wird zur selbstยญverยญstรคndยญlichen Prรคยญmisse.
Alles an dem Bau ist irgendwie rund und geschwungen. Der offene Wohnโ, Ess- und Kochยญbeยญreich, die drei Schlafยญzimmer sowie die Gรคste-Depenยญdance verยญteilen sich auf drei nebenยญeinยญanยญderยญlieยญgende Bauten: Ihr Umriss โ unreยญgelยญmรครige Polygone โ zusammen mit den gekurvten Ecken und der leichten Inkliยญnation der Auรenยญwรคnde, geben dem Ensemble eine orgaยญnische Form, die sich harยญmoยญnisch in die Landยญschaft inteยญgriert. Der siziยญliaยญnische Architekt Mario Cutuli hat die Form eines Fossils, das auf dem Grundยญstรผck zu Tage kam, zur Urform des Baus gewรคhlt, die รผberall wieยญderยญkehrt.
Im Inneren domiยญnieren weiร verยญputze Wรคnde und Bรถden. Farbยญakยญzente setzen nur die Kunstยญwerke aus der rรถmiยญschen Galerie von Elena. Die monoยญchromen Archiยญtekยญturยญeleยญmente lassen ein ganzes Register an Sinยญnesยญeinยญdrรผcken zum Zuge kommen: Haptik, Licht, Schatten und das Gefรผhl von Geborยญgenheit in den hรถhยญlenยญarยญtigen Rรคumen, die dank der groรen, glรคยญsernen Schieยญbeยญtรผren und der Oberยญlichter dennoch lichte Weite verยญmitteln. Komยญmuยญniยญkaยญtives Herzยญstรผck der Villa ist die Pergola, die sich รผber die gesamte Lรคnge des Ensembles zieht. Von hier aus fรผhrt ein kleiner Weg durch dufยญtende Macchia zum etwas abseits geleยญgenen Poolยญbeยญreich mit Baumhaus. Bei Sonยญnenยญunยญtergang werden die weissen Hausยญmauern zur Proยญjekยญtiยญonsยญflรคche fรผr die Licht- und Schatยญtenยญspiele der Natur und die Dachยญterยญrasse ist der beste Logenยญplatz!
Das Haus fรผhrt seine Bewohner durch die jahrยญtauยญsendalte Geschichte der Insel, zitiert araยญbische und norยญmanยญnische Einยญflรผsse und die Archiยญtektur der traยญdiยญtioยญnellen Thunยญfischยญfangยญstellen. Die Archiยญtektur der Villa macht es den Siziยญlianern nach und besinnt sich auf das Wesentยญliche: Die Natur, die rurale Traยญdition und die ursprรผngยญlichen Kulยญturen der mediยญterยญranen Welt.
Gugliemo โ gebรผrยญtiger Palยญermiยญtaner โ mรถchte irgendwann seiner Wahlยญheimat Rom den Rรผcken kehren und auf seine Insel zurรผckยญkehren. Einen neuen Weinberg hat er gerade angeยญpflanzt, die Obstยญbรคume und der Gemรผยญseยญgarten werfen bereits reiche Frรผchte ab und das hausยญeigene Oliยญvenรถl schmeckt kรถstlich. Der fangยญfrische Fisch, den man am Hafen des naheยญgeยญleยญgenen รrtยญchens Portยญopalo di Capo Passero direkt vom Fischerboot weg erstehen kann, ist nicht nur ein Fest fรผr den Gaumen sondern auch eine wunยญderbare Geleยญgenheit, menschยญliche Interยญaktion ร la Siciยญliana zu erleben!
La melaยญgrana
Nur wenige Kiloยญmeter weiter, steht, inmitten einer wild-archaiยญschen Landยญschaft, ein hochยญmoยญderner Bau auf Stelzen. Hier findet die Maiยญlรคnยญderin Federica Cimatti ihren stillen Zufluchtsort, wenn ihr die lomยญbarยญdische Metropole zu laut wird: la melaยญgrana (it. fรผr Graยญnatยญapfel) heiรt der Bau, dessen Konzept und Chaยญrakter ebenso rigoros und genial ist wie seine โErfinยญderinโ. Die vielfach ausยญgeยญzeichnete siziยญliaยญnische Archiยญtektin Maria Giuยญseppina Grasso Canยญnizzo. Dieses Jahr zum dritten Mal auf der Archiยญtekยญturยญbiยญennale in Venedig verยญtreten, erhielt sie 2012 sie auf der Triยญennale in Mailand eine Goldยญmeยญdaille fรผr ihr Lebenswerk. Zweimal war sie fรผr den Mies van der Rohe-Preis nomiยญniert und fรผr la melaยญgrana erhielt sie den โRIBA Award for Archiยญtecยญtural Excelยญlenceโ.
Maria Giuยญsepยญpinas Proยญjekte bewegen sich im Spanยญnungsยญverยญhรคltnis zwiยญschen Straยญtegie und Fanยญtasie. Am Beginn ihres Entยญwurfsยญproยญzesses steht eine behutsame Analyse der Rahยญmenยญbeยญdinยญgungen, des Konยญtexts und der Wรผnsche und Vorยญstelยญlungen der Bauยญherren. So konยญseยญquent, komยญproยญmisslos und oftmals radikal ihre Proยญjekte sind, so senยญsibel ist ihr Umgang mit Raum, Material und Licht und mit dem Ort, seiner Geschichte und den Lebensยญgeยญwohnยญheiten der Bewohner.
La melaยญgrana ist von einer entยญwaffยญnenden Schlichtheit und gleichยญzeitig ein wahres Wunder der Wanยญdelยญbarkeit. Eine herยญmeยญtisch geschlossene Holzbox im geschlosยญsenen Zustand oder aber ein lufยญtiges Feriยญenhaus mit viel Platz und Priยญvatยญsphรคre fรผr 6 Perยญsonen. Der Bau besteht aus zwei vonยญeinยญander unabยญhรคnยญgigen und doch mitยญeinยญander interยญagieยญrenden Gebรคuยญdeยญteilen: das Haupthaus und ein bewegยญlicher Bauยญkรถrper, der als Gรคsยญteยญtrakt funยญgiert. Dieser liegt in geschlosยญsenem Zustand wie eine schรผtยญzende Wand vor der groรen Glasยญfront des Hauptยญhauses und kann zur Seite geschwenkt werden. Dann รถffnet sich der Zugang zur Terยญrasse, von der man eine weite Ausยญsicht in die Natur genieรt. Der mobile Gebรคuยญdeteil bewegt sich auf Schienen, die in dem Unterbau aus Beton verยญankert sind und verยญรคndert je nach Position den Chaยญrakter des Hauses und die Blickยญperยญspekยญtiven vollยญkommen. Die lamelยญlenยญarยญtigen รffยญnungen der Terยญrasse garanยญtieren ausยญreiยญchend Luftยญzirยญkuยญlation und schenken abwechsยญlungsยญreiche Ausยญsichten รผber die mediยญterrane Macchia bis hin zum Meer.
Das Meer und immer wieder das Meer.
Diesem unendยญlichen, blauen Konยญtinuum hรคlt Sizilien seit Anbeginn der Zeiten die Treue. Aus ihm nรคhrt sich die Insel, aus ihm ziehen die Siziยญlianer ihren Sinn fรผr das Wesentยญliche, ihre Idenยญtitรคt und die unzรคhยญligen Schichten ihrer Kultur: Und so hat der Blick, der von unseren so unterยญschiedยญlichen Hรคusern aus รผber die Landยญschaft schweift, ein und dasยญselbe Ziel: โu mariโ.
Le Tamerici
Wir rรผcken noch ein Stรผck nรคher an die blaue Weite heran, genauer gesagt stellen wir uns direkt an den Strand des kleinen Fischerยญortes Punta Secca, nur wenige Kiloยญmeter von den magiยญschen Stรคdten Ragusa, Modica und Scicli entยญfernt.
Das Fischerdorf blickt auf eine lange Geschichte von Belaยญgeยญrungen zurรผck: Griechen, Byzanยญtiner, Araber und Norยญmannen legten an diesem Stรผck Kรผste an, von dem aus es nach Afrika nicht mehr weit ist. Die Araber nannten den Ort ?Ayn al-Qasab, daraus wurde im Laufe der Zeit โCapo Scaยญlambriโ: dieser Name ist bis heute der offiยญzielle Name von Punta Secca auf geoยญgraยญphiยญschen und nauยญtiยญschen Karten und bezieht sich auf den schlichten aber majesยญtรคยญtiยญschen Saraยญzeยญnenturm, die โtorre Scaยญlambriโ, der die Bucht domiยญniert.
1766 wurde in Punta Secca eine Reihe von Lagerยญhรคusern fรผr die Einยญlaยญgerung des Fischยญfangs gebaut. Und damit der Himmel den Fischern weiยญterhin wohlยญgeยญsonnen blieb, errichtete man gleich darauf die kleine Kirche Santa Maria di Porto Salvo.
Das vielยญleicht schรถnste und in seiner Form am ursprรผngยญlichsten gebliebene Haus am Strand von Punta Secca โ Le Tamerici โ war frรผher Teil eines lรคndยญlichen Gebรคuยญdeยญenยญsembles, das Ende des 18. Jahrยญhunยญderts auf den Lieยญgenยญschaften des Prinzen Starยญrabba di Giarยญdiยญnelli errichtet worden war. Der grรถรte Teil wurde Anfang des 19. Jahrยญhunยญderts verยญkauft und zum Somยญmersitz einer wohlยญhaยญbenden Familie der Gegend umgebaut โ in diese wurde in den 1950er Jahren Maria Giuยญseppina Grasso Canยญnizzo hinยญeinยญgeยญboren.
Von franยญzรถยญsiยญschen Tameยญrisken flanยญkiert, รถffnet sich Le Tamerici zur mal indiยญgoยญblauen, mal jadeยญgrรผnen Weite des Meeres, lรคsst sich von seiner Brise durchยญwehen und blickt dorthin, wo sich der afriยญkaยญnische Konยญtinent erahnen lรคsst. Hier atmet man in lichtยญdurchยญfluยญteten Rรคumen die authenยญtische Atmoยญsphรคre eines siziยญliaยญniยญschen Somยญmerยญhauses des beginยญnenden 19. Jahrยญhunยญderts. Die Archiยญtektin hat ihren Teil des Hauses mit grรถรter Rรผckยญsicht auf den alten Bestand behutsam moderยญniยญsiert, der ursprรผngยญliche Chaยญrakter blieb unanยญgeยญtastet: hohe Decken, rohe Steinยญwรคnde, traยญdiยญtioยญnelle Majolika-Fliesen und ein stimยญmiges Nebenยญeinยญander von antiken Mรถbeln und moderยญnisยญtiยญschen Stรผcken.
Auch hier waren die Geschichte des Hauses und der Genius loci der Ausยญgangsยญpunkt fรผr die extrem behutsame, archiยญtekยญtoยญnische Interยญvention. Die stillen Wohnยญrรคume und der รผberยญdachte Patio laden dazu ein, der siziยญliaยญniยญschen Lebensart nachยญzuยญspรผren, die sich im Spanยญnungsfeld zwiยญschen Komยญmuยญniยญkation und Konยญtemยญplation entยญfaltet. Das Haus von Maria Giuยญseppina schรคrft die Sinne fรผr die Wahrยญnehmung und Erfahrung dieses Ortes und seiner Geschichte und schafft kraftยญvolle Wechยญselยญwirยญkungen zwiยญschen dem Raum, den Objekten und dem Menยญschen.
โItalien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlรผssel zu allem.โ (Johann Wolfgang von Goethe, Itaยญlieยญnische Reise II, 13. April 1787)
Text: Britta Krรคmer, April 2018
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Ein Kommentar
Wunยญderbar geschrieben, mein Komยญpliment, ich kann mich nur anschlieรen, Italien ist immer wieder ein Traum