Das Leben ist ein Strand

Rasmus Johnsen und Anders Petersen sind urbane Seelen mit Surferherzen. Die wilde Weite von Thy an Dänemarks Nordwestküste wurde für sie zum kreativen Katalysator lokaler Projekte mit kosmopolitischem Spirit: ein Co-Working-Kollektiv aus achtsamen Wellenreiter:innen und zwei Ferienhäuser, die zur Leichtigkeit des Seins verführen.

„Wir haben uns entschieden, mit unseren Familien in Klitmøller zu leben und von hier aus zu arbeiten – wegen des Meeres, der Brandung, des Lichts und der Menschen“

Rasmus Johnsen

Klitmøller, Cold Hawaii

In Thy, an der nordwestlichen Spitze Dänemarks, ist der Himmel endlos und das Licht hat eine betörende Kraft. Die Natur zeigt ihre Schönheit in immer neuen Szenarien – von den windgepeitschten Dünen entlang rauer Küsten und weiter Sandstrände bis hin zu sanft geschwungenen, grasbedeckten Hügeln und Heideland. Das kleine Fischerdorf Klitmøller genießt einen wahren Logenplatz inmitten dieses Naturschauspiels: Es sitzt buchstäblich auf dem Strand, just zwischen der tosenden Nordsee und der reizvollen Stille des Nationalparks Thy. Der Ort ist eher unbekannt, unter Surfbegeisterten gilt er hingegen als der Nabel von „Cold Hawaii“, einem der besten ganzjährigen (Wind-)Surfspots Nordeuropas. Wer lieber festen Boden unter den Füßen hat, findet grandiose Wanderwege und Mountainbikestrecken – oder blickt einfach nur aufs Meer und staunt.

Verwitterte Fischerboote zieren frühmorgens den langen, menschenleeren Strand von Klitmøller und kontemplieren – Seite an Seite mit den Möwen – den Rhythmus der Wellen, die mit glatten Fronten und steilen Kämmen ans Ufer rollen. Unter einem weiten hellblauen Morgenhimmel beobachtet eine kleine Gruppe von Frühaufsteher:innen in Neoprenanzügen konzentriert den Horizont, um sich dann urplötzlich bäuchlings auf ihre Surfbretter zu werfen und auf das Meer hinaus zu paddeln. Sie fliegen mit dem Wind und spüren den Rausch der Freiheit – begleitet vom Tuckern der Fischkutter, die auslaufen, um ihren täglichen Fang an Kabeljau und Scholle, Krabben und Hummern zu ergattern.

Während Klitmøller zu Zeiten des Windsurfbooms in den 1990er Jahren ein wahrer Hotspot war, ist es heute erstaunlich ruhig hier, doch einige der besten Surfschulen Dänemarks sind geblieben und mit ihnen ein paar leidenschaftliche Wellenreiter:innen aus aller Welt. Im Laufe der Zeit hat sich das Gewebe des Dorfes zu einem internationalen Patchwork aus Locals und Menschen entwickelt, die nicht hier geboren wurden, aber ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit empfinden. Und das hat seinen Grund: Klitmøller ist von einer ganz besonderen Atmosphäre durchdrungen, hat seinen ganz eigenen Puls, und wer zu Besuch kommt, spürt ihn mit Seele und Sinnen, taucht ein und tanzt mit dem Wesen dieses Ortes: mit dem Licht, der Weite, den tosenden Wellen, dem weichen Sand unter nackten Füßen und der warmherzigen Natur seiner Menschen.

Idylle

Auch die langjährigen Freunde Rasmus Johnson und Anders Petersen verfielen diesem magischen Ort. „Wir haben uns entschieden, mit unseren Familien in Klitmøller zu leben und von hier aus zu arbeiten – wegen des Meeres, der Brandung, des Lichts und der Menschen. Wir sind beide, aber jeder auf seine Weise, in dieser Gegend verwurzelt. Sie ist die Grundlage für das Leben, das wir führen, und die Möglichkeiten, die wir suchen“, erklärt Rasmus, der Unternehmer mit einem Master in Philosophie und Inhaber einer Beratungsfirma für innovative Projekte ist. 

Die Nachbarschaft ist klein, aber fein: eine Gruppe von aufgeschlossenen Individualist:innen mit einem sinnstiftenden Lebensstil. Einige sind aus Kopenhagen oder Århus hierhergezogen, andere von der gegenüberliegenden Seite des Globus; manche wurden hier geboren oder haben familiäre Bindungen, die sie dazu bewegten, in diese äußerste Ecke Dänemarks zurückzukehren – umgeben von Kiefernwäldern, Sümpfen und der spektakulären Weite Thys. Kinder schlendern den Strand entlang, Erwachsene sitzen entspannt zusammen und plaudern bei einer heißen Tasse Kaffee oder dänischem Tee. Kraniche tanzen und trompeten in den Teichen. Es ist fast zu idyllisch, um wahr zu sein.

2017 schlossen sich Anders und Rasmus zusammen, um einem gemeinsamen Traum Leben einzuhauchen: Ferienhäuser zu schaffen, welche die stille Wildheit von Thy respektieren und reflektieren – zeitlose Refugien, deren harmonische Architektur die Seele zum Schwingen bringt. Ihr Name ist Programm: Recharge Houses. Das erste wurde im nahe gelegenen Agger gebaut, das zweite in Klitmøller.

Dazugehören

Das Projekt der Recharge Houses war von einer starken Vision getrieben: Bauen und Wohnen mit dem allgegenwärtigen Blick auf die Natur. Und: den Gästen ermöglichen, in einen authentischen Kontakt mit dem Ort zu treten. „Wir gehören hierher und möchten unseren Gästen ebenfalls dieses Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, während sie hier sind“, sagt Rasmus. „Die Häuser sind unser Geschenk an alle, die uns besuchen. Wir wünschen uns, dass sie den Rahmen für Urlaubserlebnisse schaffen, die ehrlich, einfach, großartig und gemütlich zugleich sind.“

Der Bauprozess war eine echte Team-Handarbeit von Rasmus und Anders, dem in Agger ansässigen Architekten Søren Sarup von Puras Architecture und einer kleinen Gruppe von versierten lokalen Handwerkern. „Wir haben jedes Detail gut durchdacht, haben mit bloßen Händen zugepackt, waren bei Wind und Wetter, Tag und Nacht, an Wochenenden und Wochentagen vor Ort. Wir haben getan, was wir konnten, um Räume mit einer sehr menschlichen Dimension zu schaffen“, betont Anders, der beruflich Wohnprojekte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen koordiniert, darunter ein Rehabilitationszentrum für Soldaten mit posttraumatischem Stresssyndrom. 

Die Recharge Houses – für jeweils bis zu sechs Gäste – sind Anders‘ und Rasmus’ beherztes commitment zu achtsamen und authentischen Lebens- und Reisekonzepten, um Thy und „Cold Hawaii“ vor einer zu touristischen, zu überlaufenen, zu klischeehaft hyggeligen Zukunft zu bewahren.

Raum, Licht und Harmonie

Südlich des gleichnamigen Hafenörtchens blickt das Recharge House Agger auf den 485 Hektar großen Flachwassersee Flade Sø. Seine artenreiche Gras- und Sumpflandschaft wird im Frühjahr und Herbst zu einem geschützten Paradies für seltene Stelzvögel.

Die Nordseestrände liegen 600 Meter weiter westlich, gleich hinter den windgekämmten Dünen. Riesige Panoramafenster lassen das Gebäudeensemble – ein Haupthaus und eine Dependance – mit der Natur verschmelzen und bringen See und Heide in die warmen, lichtdurchfluteten Räume. Das Innere der Häuser lebt von der Reduktion und dem Zusammenspiel von Licht, Material und Landschaft. Wenige, aber hochwertige und höchst komfortablen Wohnelemente prägen das Interieur. Außer dem gemütlich knisternden Feuer im Kamin lenkt nichts vom Blick in die Natur ab, die das Haus je nach Jahreszeit, Wetter und Sonnenstand in immer neue Stimmungen taucht. Aus der Hitze der Sauna geht der Blick in die grüne Wildnis, draußen wartet – gut versteckt – die kalte Dusche. 

Klare Konturen und zurückhaltende Schlichtheit zeichnen das Recharge House Klitmøller aus, das nur 450 Meter vom Strand des Ortes entfernt liegt. Das L-förmige, mit Zedernholz verkleidete Haus ist von den traditionellen Bauernhäusern Westjütlands inspiriert. Ruhiges Weiß und sanfte Töne durchziehen alle Räume und vermitteln ein Gefühl von friedlicher Harmonie. Der offene Wohnbereich ist bis hoch in den Giebel komplett verglast und die Seele weitet sich, wenn die Natur das Ambiente durchdringt und ihre heilsame Kraft verströmt. Schlafzimmer und Sauna sind intime Rückzugsorte in ständigem Dialog mit der Natur, das Oberlicht im Bad holt den Sternenhimmel ins Haus. 

In beiden Recharge Houses harmonieren die Gegensätze meisterhaft: Rückzug und Verbundenheit, Hightech und High Sky, weiter Blick und warmes Nest. Übrigens: Die Häuser verfügen über eine blitzschnelle Internetverbindung und sind kraftvolle Impulsgeber für kreative Prozesse. Wer also (ein bisschen) zu arbeiten hat, muss sich eine andere Ausrede einfallen lassen, um in den Alltag zurückzufahren. Die Häuser schenken ihren Gästen alle Zeit der Welt – und machen ihrem Namen alle Ehre: Sie sind wunderbare Refugien, um Kraft und Inspiration zu schöpfen und wieder in Kontakt zu kommen mit der Natur – vor allem aber mit sich selbst.

Lebenswert

Zusammen mit Gleichgesinnten hat Rasmus Cowork Klitmøller ins Leben gerufen – einen Co-Working-Space für einheimische oder pendelnde Freelancer, Klein- und Kleinunternehmer:innen aus „Cold Hawaii“, mit Meerblick, High-Speed-Internet und dem Recht auf unerhört viel Kaffee. Fernarbeitende Gäste sind herzlich eingeladen mitzumachen. Sie bleiben so lange, wie sie möchten, und zahlen entsprechend. Manchmal kommt es vor, dass sie ein bisschen länger bleiben … „Unser Cowork ist ein kreativer Treffpunkt, ein inspirierender Ort, um sich auszutauschen, zu vernetzen, zu diskutieren und gemeinsam coole Sachen zu machen. Remote Work ist Tagesroutine, aber der persönliche Kontakt und die Interaktion bleiben der schönste und wichtigste Aspekt“, erklärt Rasmus, der das Projekt leitet. „Wir wollen die persönlichen, beruflichen und sozialen Vorteile eines starken Netzwerks und einer kompetenten Gemeinschaft nutzen, um erfolgreiches Business mit maximaler Freiheit und Zeithoheit zu verbinden. Ich schätze, ,familiär‘ ist wohl der treffendste Begriff, um den Spirit hier zu beschreiben.” Derzeit hat Cowork Klitmøller 14 Mitglieder. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, doch (fast) alle surfen und alle verbindet eine tiefe Liebe zum Meer und zu Thy. Da ist die Fotografin Mette Johnson, Rasmus’ Frau, deren poetische Bilder das Wesen des Moments einfangen. Da ist Outwest Production – Martin und Rebecca Sindal la Cours kleine, stilbewusste Filmproduktionsfirma. Modeschöpferin Benthe Boesen und Grafiker Troels Schwarz haben die nachhaltige Marke Slow Works ins Leben gerufen und glauben an Entschleunigung, um der eigenen Zeit ihre Würde zurückzugeben.

Es wird immer deutlicher, dass es einen roten Faden gibt, der diesen einzigartigen kleinen Melting Pot inmitten der dänischen Dünen durchwebt: die feste Überzeugung, dass Zeit heilig ist und dass unser Umgang damit offenbart, um was es uns im Leben geht. Ganz sicher um Liebe und Achtsamkeit. Um gegrillten Hummer und Gelächter am Lagerfeuer. Es geht um Sehnsucht und Zugehörigkeit, um Träume und Zweifel. Es geht darum, ganz und gar in die Energie eines Ortes, eines Menschen einzutauchen. Es geht um stille Wasser und tosende Wellen, um Morgenröte und Abendlicht. In Klitmøller ist das Leben ein Strand.


Text: Britta Krämer
Fotos: © Mette Johnsen
Quelle: Der Beitrag ist Teil unserer Veröffentlichung Raum & Zeit ⎜Space & Time


Recharge House Klitmøller

Recharge House Agger

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