© Torsten Wiesner

Juwel zwischen Sandsteinfelsen: Schloss Prossen

Die Natur ist an diesem Ort lautlos und zugleich voller Klang. Still und befriedet fließt die Elbe vorüber. Ihre wilde Phase hat sie hier, kurz hinter der böhmisch-sächsischen Grenze, längst hinter sich gelassen. Hoch über dem Fluss grüßt der Lilienstein herüber. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den markanten Tafelberg treffen, hat ein Specht im Park am Refugium Schloss Prossen sein Tagwerk begonnen. Umso vernehmlicher, wenn das Rumoren der Zivilisation fern ist. Sein Hämmern ist so nah und vehement, dass es selbst durch die geschlossenen Fenster des 2019 eröffneten Hauses dringt. Gedämpft, hört es sich dort wie ein wohliges Atmen an. Die Laute der Umgebung verschmelzen zu einer betörenden Harmonie.

Lärm ist hier ein Fremdwort. Selbst das Geräusch vorbeifahrender Züge, dank derer die Gegend für Dresdner wie Prager zum Greifen nahe rückt, klingt für besänftigte Ohren anders. Zumal das Auge nicht minder verwöhnt und beglückt wird – im Herzen des Elbsandsteingebirges. In Prossen. Das Dorf, heute Ortsteil von Bad Schandau, kennt kaum Durchgangsverkehr. Es sonnt sich am Elbhang und folgt ein Stück nordwärts dem schattigen Tal, das der Gründelbach eingeschnitten hat.

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© Ingo Ulbricht
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© Jonas Klemm
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© Tom Schoper

Inspirationen und Träume finden zueinander

Das sinnliche Erlebnis beginnt schon beim Buchen des Feriendomizils, das drei großzügige Suiten nach Südwesten mit Elbblick sowie acht weitere Appartements auf drei Etagen umfasst. Was darf es sein: „Wiesengrund“ oder „Himmelszelt“? „Morgenlicht“ oder „Abendsonne“? „Waldesruh“ oder „Dorfidyll“? „Parksuite“ oder „Elbsuite“? Im Schloss Prossen klingen selbst die Namen der Wohnungen märchenhaft. Namen, die zum Teil bereits in der Bauphase mit Vorfreude vergeben worden sind und die den individuellen Charakter der Räume unterstreichen.

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© Till Schuster
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@ Till Schuster
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Vom Appartement für Zwei über eine ganze Etage für 10 bis 15 Personen bis zum kompletten Haus mit 35 Betten lässt sich alles mieten. Eine Wandergruppe aus Stuttgart etwa hatte die Räumlichkeiten des Dachgeschosses kombiniert. Zum Essen trafen sie sich in der Elbsuite mit dem markanten, kreisrunden Fenster – ein Blickfang von innen wie von außen. Mit seinen acht, sternförmig angeordneten Streben erinnert dieses Fenster an ein Steuerrad. Es ruht in einem Zwerchgiebel, einem der neuen Markenzeichen, mit dem sich das Haus zum Fluss hin präsentiert.

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© schoper.schoper Architekten
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@ Till Schuster

Schloss Prossen ist ein Unikat und von seinem Konzept eine Rarität in der Sächsischen Schweiz. Dabei folgt es dem internationalen Trend zur Ganzheitlichkeit. Urlauber begreifen nicht mehr nur eine Region als das Ziel, sondern schließen die Unterkunft bewusst mit ein. Als den Ort, an dem jeder Urlaubstag beginnt und endet. Dazu, vielleicht, als den Ort, wo sich ein Traum auf Zeit leben lässt.

Torsten Wiesner hegte ihn schon lange. Für den heutigen Schlossherrn beginnt dieser Traum gut ein Jahrzehnt früher, Konturen anzunehmen. Da verbringt der Dresdner Apotheker mit seiner Familie einen Urlaub in einem reizenden Château in den Pyrenäen. Ein Aussteigerpaar hatte dort schöne, alte Architektur in ein kleines Ferienziel verwandelt. Davon inspiriert, beginnt Torsten Wiesner, sich in der Sächsische Schweiz umzuschauen. Die Gegend kennt der gebürtige Westlausitzer von klein auf. Zusammen mit seinem Vater kletterte er auf unzählige Sandsteinfelsen und kehrte seitdem immer wieder in dieses Paradies zurück. Ihm war bewusst: Hochwertige Unterkünfte sind hier rar. Bei der Suche konzentriert er sich zunächst auf Bauernhöfe. Historische Bausubstanz sollte es auf jeden Fall sein, kein Neubau.

Torsten Wiesner hegte ihn schon lange. Für den heutigen Schlossherrn beginnt dieser Traum gut ein Jahrzehnt früher, Konturen anzunehmen. Da verbringt der Dresdner Apotheker mit seiner Familie einen Urlaub in einem reizenden Château in den Pyrenäen. Ein Aussteigerpaar hatte dort schöne, alte Architektur in ein kleines Ferienziel verwandelt. Davon inspiriert, beginnt Torsten Wiesner, sich in der Sächsische Schweiz umzuschauen. Die Gegend kennt der gebürtige Westlausitzer von klein auf. Zusammen mit seinem Vater kletterte er auf unzählige Sandsteinfelsen und kehrte seitdem immer wieder in dieses Paradies zurück. Ihm war bewusst: Hochwertige Unterkünfte sind hier rar. Bei der Suche konzentriert er sich zunächst auf Bauernhöfe. Historische Bausubstanz sollte es auf jeden Fall sein, kein Neubau.
Tom Schoper und Torsten Wiesner. © Uwe Schirmer

Ort atmet Geschichte und erzählt Geschichten

2013 entdecken Jutta und Torsten Wiesner das Rittergut Prossen. Reichlich heruntergekommen steht es bei einem Immobilienportal zum Verkauf. Wiesners nehmen es in Augenschein. Ihr erster Eindruck: Das Haus überzeugt mit seiner Ausstrahlung, aber, ja, es ist stark sanierungsbedürftig. Und vermutlich über 300 Jahre alt. Zweifel kommen auf, ob sie der Herausforderung gewachsen sind, daraus ein attraktives Ferienobjekt entstehen zu lassen. „Nach den Erfahrungen, die wir bei der bisherigen Suche gemacht haben, war uns fachlicher Rat gleich am Anfang sehr wichtig“, erinnert sich Torsten Wiesner. Er zieht Henrike und Tom Schoper hinzu, die in Dresden das Büro schoper.schoper Architekten führen. Die promovierten Schopers helfen, den Aufwand abzuschätzen, gemeinsam werden erste Ideen entwickelt. Wiesners werden noch im Jahr der Entdeckung neue Eigentümer. Eigentümer eines Herrenhauses samt Grundstück und Nebengebäuden, weitaus größer als der ursprüngliche Traum. Ralf-Peter Pinkwart vom Landesamt für Denkmalpflege wird schon im Jahr darauf schwärmen und das fast vergessene Rittergut symbolisch zum Schloss erheben: „Nach dem adligen Charakter sollte man das so bezeichnen“, sagt er und findet nichts Vergleichbares zwischen Pillnitz bei Dresden und dem tschechischen Děčín.

schloss prossen um 1850
Prossen um 1850. Druck L. Blau & Co., Leipzig. Aus: G.A. Poenicke: Meissner Kreis.
In: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Leipzig, Band 2, S.149f.
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© schoper.schoper Architekten
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© Maximilian Schäffer

Das Rittergut Prossen kann eine sechs Jahrhunderte umspannende Geschichte erzählen, die wechselvoll und ähnlich kurvenreich verläuft wie die Elbe in dieser Landschaft. Es diente der Adelsfamilie von Bünau als Herrenhaus, war Sitz der Gerichtsbarkeit. Verleger Friedrich Brockhaus wohnte hier und es wurde sogar Bier gebraut. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Gemeindeverwaltung, Schule und Kindergarten ein. Im Haus wohnten weiterhin Mieter, ein Raum für Feriengäste wurde eingerichtet. Zuletzt stand es leer und litt weiter. Sein gänzlicher Verfall wäre ein Trauerspiel gewesen. Fast jeder Prossener hat eine Bindung zum heutigen Schloss. Ein Tag der offenen Tür noch in der Bauphase zeigte die Resonanz eindrücklich. Gertraud Liebsch, im Dorf geboren, feierte kurz nach der Fertigstellung des Umbaus ihren 95. Geburtstag und war tief gerührt, was aus dem Haus geworden ist, in dem sie einst wohnte. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, zitiert die Dame Joseph von Eichendorff. Und fügt überschwänglich hinzu: „Oder besser ins Schloss Prossen.“

schloss prossen
@ Till Schuster
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© Till Schuster

Jeder Rückblick mildert Erlebtes ab. Jedes Erinnern färbt weiter, macht selbst beschwerliche Wege im Nachhinein leichter und schwächt selbst die Wirkung von Fakten ab. Etwa die vielen Tonnen Schutt und Abfall, die vor dem Umbau auf die Bauherren und ihre Gewerke gewartet haben. Wer soll ahnen, dass es so viel werden würde? Klar ist am Anfang nur: Nie und nimmer kann das Haus im vorgefundenen Zustand genutzt werden. Hier gibt es Provisorien, da halbherzige Erneuerungen. Der Bau befindet sich an manchen Stellen in höchst desolatem Zustand und es gleicht einem Wunder, dass er überhaupt so lange halten konnte.
Während der Arbeiten, insbesondere beim Entfernen nachträglicher Einbauten, reißt die Kette von Überraschungen nicht ab. Es gibt böse und beglückende. Freude und Frustration trennen manchmal nur wenige Zentimeter. Ein Beispiel sind die Stuckdecken im Südteil des Hauses. In einigen Räumen sind sie zunächst hinter einer abgehängten Decke verborgen. Denkmalpfleger werden die wertvollste davon später auf das Jahr 1693 datieren und zu den am besten erhaltenen des sächsischen Hochbarock zählen. Doch die Freude muss warten. Es ist ein Pendeln zwischen Hoffen und Bangen. Im heutigen Kaminsaal in der ersten Etage geht es zunächst darum, den Stuck zu retten. Denn die ihn haltende Decke zum Dachgeschoss war nach einem lange zurückliegenden Wasserschaden marode geworden, an manchen Stellen sogar eingebrochen. „Letztlich mussten wir fast jeden Balken anfassen“, erinnert sich Torsten Wiesner. Die Sanierung ist von Beginn an ein Vabanquespiel, eiserner Wille ist gefragt. Jede Überraschung lässt den Zeitplan durcheinander geraten.

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© Tom Schoper
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© Till Schuster

Sanierung fordert Opfer und fördert Schätze zutage

Wände und Böden werden geöffnet, um den bis zu dreifach geteilten Räumen ihre ursprüngliche Größe und Würde zurückzugeben. Immer wieder tritt dabei Wertvolles zutage. So finden die Handwerker im Mittelgeschoss unter zwei Parkettschichten eine Dielung aus dem 17. Jahrhundert. Ausgebaut, aufbereitet und wieder eingesetzt, prägt dieser Fußboden nun den Charakter des Kaminsaals. Epochen finden hier harmonisch zusammen.

In der Parksuite nebenan bezaubert nicht nur der Blick auf Schlosspark, Elbe, Königstein und Lilienstein. Schon die Wände des Raums sind ein Blickfang. Hinter einem abgebrochenen Kachelofen sowie Schichten von Farben und Tapeten schlummerte über Jahrhunderte eine Wandbemalung, die an Tapisserien erinnert. Auch beim Aufbrechen zweier zugemauerter Fenster wird sie auf deren Bogenlaibungen gefunden. Für die Architekten ist das Impuls genug, den ganzen Raum in dieser Art auszukleiden. Restauratoren haben die Gestaltung glänzend umgesetzt – bis hin zu Spuren handwerklicher Pinselführung. Die Bauherren sind stets mit einem weinenden und einem lachenden Auge unterwegs. Um den Dachstuhl, die Krone des Baudenkmals, wird gekämpft – bis die bittere Einsicht kommt, dass keiner seiner Flügel zu retten ist und komplett neu gebaut werden muss. Die Architekten Schoper nehmen dies als Chance, ihr Sanierungskonzept konsequent weiter zu verfolgen. Das erneuerte Schloss Prossen ist als Ganzes Ergebnis der „analogen Kultur des Weiterdenkens“.

Am Dachstuhl wird die Umsetzung dieser Architekturtheorie besonders anschaulich. Der ist bis zu seiner Erneuerung im 19. Jahrhundert ein barockes Walmdach mit Gauben. Dann erhält der Dachstuhl Mansardenwohnungen und muss deren Fußböden statisch mittragen. Der Dachstuhl von heute ist weder so gebaut wie der letzte, was der gewünschten Raumgestaltung widersprochen hätte, noch haben Schopers etwas völlig Neues aufgesetzt, was Gefahr liefe, beliebig zu wirken. Vielmehr haben die Architekten versucht, „den ursprünglichen Entwurf für das Dachgeschoss aus dem vermeintlichen Denken des 19. Jahrhunderts heraus neu zu entwickeln.“

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© schoper.schoper Architekten
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© schoper. schoper Architekten

Henrike und Tom Schoper erklären: „Dies ist der ‚analoge‘ Schritt, den wir unternommen haben: das Haus selbst verstehen zu lernen – strukturell und konstruktiv –, um es mit den ihm vertrauten Mitteln zu ergänzen und es so im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen.“

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© schoper.schoper Architekten
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© Karsten Blüthgen
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© Till Schuster
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© Till Schuster

Da ist es angekommen, mitsamt seinen Möglichkeiten für Begegnung und Entspannung. Neben dem Kaminsaal bietet es mit dem Gartensaal im Erdgeschoss einen weiteren Gemeinschaftsraum. Dazu eine Sauna im Gewölbe der alten Schlossküche. Auch die Kultur soll einziehen: Gedacht sind Kammerkonzerte, Lesungen oder Filmabende im Schlossgarten. Eine geniale Entwurfslösung ist das angebaute Treppenhaus. Innen wie außen verzichtet es auf harsche Kontraste, die anderswo bewusst gesetzt werden. Und doch sorgt der neue Anbau im Erdgeschoss, wo er an die Empfangshalle mit einem niedrigen Deckengewölbe aus der Renaissance grenzt, für den größten Zeitsprung im Schloss Prossen.

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© Till Schuster
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© Till Schuster
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© Torsten Wiesner

Denkmal tritt in einen Dialog mit seinen Gästen

Torsten Wiesner wollte ursprünglich selbst einmal Architektur studieren. Mit Schloss Prossen, das zu Recht den Untertitel „Refugium“ trägt, ist für ihn daher eine besondere Vision wahr geworden. Von puristischen Maximen wie Rationalisierung, Reduktion und Wirtschaftlichkeit, nach denen heute in aller Welt entworfen und gebaut wird, hebt sich dieses Objekt wohltuend ab.
Den Architekten Schoper erscheint die Varianz, die Abweichung vom Erwarteten „als ein Privileg der Denkmal-Pflege“, ohne damit Restauration zu meinen. Sie fragen: „Wo, wenn nicht im Denkmal und noch mehr in der Nutzung einer Ferienresidenz als einem ‚Wohnen auf Zeit‘, hat man die Möglichkeit, den Grundzügen des Bauens und des Wohnens in ihrem Kern nachzugehen?“ Schloss Prossen, in dem kein Raum dem anderen gleicht, gibt auf diese Kernfrage eine besondere, überzeugende Antwort. Ein Juwel an der Elbe, das den Fluss der Zeit spiegelt und den Gruß vom Lilienstein stolz erwidern kann.

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© Torsten Wiesner

Text: Karsten Blüthgen, Juni 2021

Autoreninfo: Karsten Blüthgen beschäftigt sich als freier Journalist und Konzertdramaturg seit vielen Jahren in erster Linie mit Aufbau und Wirkung von Musik. Der studierte Akustiker und Musikwissenschaftler hat ein Faible für artverwandte Künste wie die Architektur und ging schon in seiner Magisterarbeit der speziellen Beziehung von Musik und Raum auf den Grund. An Schloss Prossen fasziniert ihn, wie historische Architektur beispielgebend wiederauferstanden und dabei ganz im Heute angekommen ist. In den Sälen und Foyers dürften Renaissancelaute und barockes Spinett, moderner Flügel und Jazz gleichermaßen gut wirken.

Das Schloss

2Kommentare

  1. Eine traumhafte Idylle, die man selbst als passionierter Hotelier nicht nur genießen, sondern auch gerne als Gastgeber seinen Gäste erlebbar machen möchte. Wir kommen auf alle Fälle bald einmal aus Berlin für ein langes Wochenende oder gar eine Woche.
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