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Bau­kultur in Nord­grie­chenland: Eine Reise durch Epochen

Von modernen Konzerthallen über antike Stätten bis zu zeitgenössischen Museen: Eine Tour durch die Architekturwelt Thessalonikis und Verginas im Norden Griechenlands zeigt, wie Alt und Neu harmonisch zusammengehören.

von Jan Dimog im Oktober 2024

 Bau­kultur in Nord­grie­chenland: Eine Reise durch Epochen in  /

Die ständige Inter­aktion zwi­schen Ver­gan­genheit und Gegenwart zeigt sich in Thes­sa­loniki vom eklek­ti­zis­ti­schen, neuen Rathaus bis zur Kon­zert­halle Megaro Mou­sikis eines Pritzker-Preis­trägers. Die Bau­werke erzählen nicht nur von Macht und Religion, sondern auch vom kul­tu­rellen Reichtum und der Fähigkeit der Stadt, sich neu zu erfinden. Dabei ist die Archi­tektur nicht nur Kulisse, sondern prägt das kol­lektive Gedächtnis und die Iden­tität der nach der Haupt­stadt Athen zweit­größten Stadt Grie­chen­lands.

Als euro­päische Kul­tur­haupt­stadt erlebte Thes­sa­loniki 1997 einen glanz­vollen Höhe­punkt. Dieser Titel war eine Wür­digung der reichen Geschichte und eine Chance, die die Stadt nutzte, um ihre his­to­rische Archi­tektur, ihre Museen und ihr Kul­tur­leben ins Ram­pen­licht zu rücken. Zahl­reiche Reno­vie­rungs- und Restau­rie­rungs­pro­jekte wurden initiiert, um das archi­tek­to­nische Erbe ent­spre­chend zu prä­sen­tieren. Die Rotunde des Galerius, die byzan­ti­ni­schen Kirchen und das Weiße Turm-Museum erstrahlten in neuem Glanz.

Sowohl zum Kul­tur­haupt­stadtjahr als auch nach 2000 wurden neue Pro­jekte vor­an­ge­trieben, die auch auf die Ver­bes­serung der Lebens­qua­lität der Bewohner zielte. „Nea Paralia“ (Neues Ufer) ist eine Park­anlage, die auf 3,5 km Länge das Stadt­zentrum mit dem Stadtteil Kala­maria ver­bindet. Der Gewin­ner­entwurf von Niki­fo­ridis-Cuomo Archi­tekten wurde von 2006 bis 2014 umge­setzt. Die Pro­menade zeichnet sich durch ihre modernen archi­tek­to­ni­schen Ele­mente, eine groß­zügige Grün­fläche und viel­fältige Frei­zeit­an­gebote aus. Der Gang am „Neuen Ufer“ ähnelt einer Zeit­reise: der Weiße Turm wurde vom osma­ni­schen Groß­ar­chi­tekten Sinan im 16. Jahr­hundert gebaut, daneben befindet sich das Alex­ander-der-Große-Denkmal, ein monu­men­tales Rei­ter­standbild des Bild­hauers Evan­gelos Moustakas (1974).

In der Nähe streben die „Schirme“ von George Zon­go­lo­poulos gen Himmel – eine 13 Meter hohe Skulptur aus schräg auf­ge­stellten, ver­ti­kalen Stahl­stangen und sehr „insta­grammable“, ein bei Ein­hei­mi­schen wie Tou­risten beliebtes Foto­motiv.

Das „Hotel Make­donia Palace“, nur wenige Minuten von den Schirmen ent­fernt, ist ein Fünf­ster­ne­hotel und Vor­zei­gebau der späten Moderne Grie­chen­lands. Kon­stan­tinos A. Doxiadis (1913–1975) entwarf einen elf­stö­ckigen, recht­eckigen Bau mit Ras­ter­fas­saden, der nach einer Kom­plett­sa­nierung 2017 neu eröffnet wurde. Der Stadt­planer und Architekt gehörte zu den pro­fi­lier­testen Bau­meistern Grie­chen­lands mit über 100 Pro­jekten sowohl in seiner Heimat als auch in Pakistan, Bra­silien, Irak, den USA.

Am anderen Ende der Nea Paralia steht die Kon­zert­halle „Megaro Mou­sikis“. Der Komplex für dar­stel­lende Künste, Tagungen und Kon­gresse besteht aus den Gebäuden M1 (Entwurf: Vas­silis Sgoutas) und M2 (Entwurf: Arata Isozaki). Ers­teres hat eine Zie­gel­stein­fassade und zitiert in seiner Gestaltung die byzan­ti­nische Bau­tra­dition (Rund­bögen, Kup­pel­bauten). M1 wurde 2000 fer­tig­ge­stellt, M2 im Jahr 2010. Der Entwurf des japa­ni­schen Pritzker-Preis­trägers Isozaki (1931–2022) stellt archi­tek­to­nisch und mit seinen klaren, geo­me­tri­schen Linien einen Kon­trast zur Neo-Moderne des M1 dar.

Wie Klarheit, Linien und Byzanz mit­ein­ander ver­woben werden können, zeigte der von der Insel Samos stam­mende Architekt Kyriakos Krokos. Er entwarf das Gebäude des Museums für Byzan­ti­nische Kultur, das zeit­ge­nös­sische For­men­sprache mit byzan­ti­ni­schen Ele­menten ver­bindet und 1994 eröffnet wurde. In der Nähe steht das „Archäo­lo­gische Museum“ von Patroklos Karan­tinos (1903–1976). Der Architekt der klas­si­schen Moderne entwarf einen Atri­umbau. Der Komplex wurde um einen zen­tralen Hof errichtet. Schmale Rund­säulen tragen das domi­nie­rende Flachdach. Das Museum wurde 1962 eröffnet und seitdem mehrfach moder­ni­siert und umgebaut, ins­be­sondere die Innen­räume.

Im gleichen Quartier wie die Krokos-Karan­tinos-Bauten ent­stand das neue Rathaus von Thes­sa­loniki. Die Pla­nungen dafür begannen in den 1980er-Jahren, 2009 wurde es fer­tig­ge­stellt. Die Archi­tekten Ana­stasios und Dimi­trios Mpiris ent­warfen einen Komplex aus Riegeln, Kanten und Drei­ecken, aus Glas, Beton und Was­ser­flächen, die sie um einen großen Rat­haus­platz grup­pierten. Das Areal ist auch nach den Öff­nungs­zeiten im Erd­ge­schoss und teil­weise auch in den oberen Bereich frei zugänglich. Die scharf­kantige Beton-Gestaltung ist eigen, wirkt dennoch offen und zur Stadt mit den benach­barten Museen und der nahen Nea Paralia zuge­wandt.

Außerhalb Thes­sa­lo­nikis hat besonders ein Kul­turbau in Vergina für Furore gesorgt. Die Eröffnung Ende 2022 war ein Staatsakt, an dem Pre­mier­mi­nister Kyriakos Mit­so­takis und andere hoch­rangige Amts­träger teil­nahmen. Etwa eine Stunde Auto­fahrt ent­fernt steht das „Poly­zen­trische Museum von Aigai“ der grie­chi­schen Archi­tektin und Hoch­schul­leh­rerin Alkmini Paka.

Aigai war die poli­tische Wiege des antiken Reichs der Make­donen, hier regierte die Familie von Philipp II. (382 v. Chr.–336 v. Chr.) und Alex­ander des Großen über drei Jahr­hun­derte. Viele Jahr­hun­derte war die Bedeutung des geschichts­träch­tigen Gebietes ver­gessen. Erst 1977 stieß der Archäologe und Hoch­schul­lehrer Manolis Andro­nikos bei Aus­gra­bungen auf bedeu­tende Schätze. Ein Sen­sa­ti­onsfund, der die Geschichte Make­do­niens neu schrieb. Als UNESCO-Welterbe beher­bergt die archäo­lo­gische Stätte die Über­reste der antiken Stadt und des Königs­pa­lastes sowie die Gräber meh­rerer make­do­ni­scher Könige, dar­unter das Grab von Philipp II.

Das zen­trale Muse­ums­ge­bäude von Aigai wurde als Ver­bindung dieser Stätten geschaffen. Die aus Thes­sa­loniki stam­mende Paka entwarf große Fens­ter­fronten und offene Räume, die es den Besu­chern ermög­lichen, visuell mit der umge­benden Land­schaft ver­bunden zu bleiben. Die Farb­gebung der hellen Fassade lässt es trotz der Gebäu­de­größe mit der sand­far­benen Umgebung ver­schmelzen. Mehrere Aus­stel­lungs­be­reiche beleuchten unter­schied­liche Aspekte der make­do­ni­schen Geschichte und Kultur. Muse­ums­lei­terin Angeliki Kot­taridi erklärt das Konzept mit einer Art Pforte: Das neue Museum bilde ein umfas­sendes Portal in die antike Ver­gan­genheit Make­do­niens. Dazu gehörten, so Kot­taridi, die Geschichten der Ver­stor­benen, ihre All­tags­ge­gen­stände, Bräuche und Wünsche. Das Poly­zen­trische Museum von Aigai: Eine Zeit­reise mittels Expo­naten, Archi­tektur und dieser beson­deren Atmo­sphäre der zen­tral­ma­ke­do­ni­schen Tief­ebene und den Aus­läufern des Vermio-Gebirges.

Text: Jan Dimog

Fotos: Kunst­in­stal­lation „Schirme“, Thes­sa­loniki (Titelbild, 4, 5), Rotunde des Galerius, Thes­sa­loniki (1,2), Neues Ufer, Thes­sa­loniki (3), Hotel Make­donia Palace, Thes­sa­loniki (6), Kon­zert­halle „Megaro Mou­sikis“, Kon­zertsaal M1 (7), Kon­zert­halle „Megaro Mou­sikis“, Kon­zertsaal M2 (8), Museum für Byzan­ti­nische Kultur, Thes­sa­loniki (9 – 11), Archäo­lo­gi­sches Museum, Thes­sa­loniki (12, 13), Neues Rathaus Thes­sa­loniki (14 – 16), Poly­centric Museum of Aigai (Aegae), Vergina (17 – 19)

Bild­nach­weise: © Hendrik Bohle und Jan Dimog / thelink.berlin


Autoreninfo


Der Jour­nalist Jan Dimog betreibt gemeinsam mit dem Archi­tekten Hendrik Bohle ein Digi­tal­ma­gazin zur Bau­kultur. Auf thelink.berlin erzählen sie seit Jahren von ihren Ent­de­ckungen in Europa, spe­ziell von den Ver­bin­dungen zwi­schen Mensch und Archi­tektur.
Wenn sie nicht unterwegs sind, kura­tieren sie u.a. hoch­rangige Aus­stel­lungen, etwa die Wan­der­aus­stellung zur Archi­tektur von Arne Jacobsen.

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