Denkmalschutz – der Staat kann nicht alles richten
Viele Erfolge gehen in Europa auf private Organisationen und Stiftungen zurück. Welche Strategien diese verfolgen, was am erfolgversprechendsten ist und welche Schwächen die Modelle aufweisen, beleuchtet unsere Autorin Anneke Bokern.
Beim Stichwort Denkmalschutz denken die meisten zunächst, das sei Sache staatlicher Instanzen. Um die Erfassung und den Erhalt schützenswerter Gebäude kümmert sich doch der Staat, das Land oder die Kommune? Dafür gibt es doch Gesetze und Förderprogramme? Stimmt, aber staatliche Instrumente haben Grenzen: Sie greifen nur dort, wo Gebäude bereits erfasst und gelistet sind. Was durch das staatliche Sieb fällt, ist auf private Initiative angewiesen.
In Europa sind zahlreiche private Organisationen und Stiftungen aktiv, die die staatlichen Instrumente ergänzen und in manchen Fällen sogar ersetzen. Das tun sie entweder durch Projektförderung, durch Lobbyarbeit oder durch den Ankauf von Gebäuden. Aber welcher Ansatz ist am wirksamsten?
Am sichtbarsten ist Lobbyarbeit – denn schließlich ist das ihr Ziel. Kampagnen und Publikationen sollen bedrohte Bauten ins Scheinwerferlicht rücken und oft auch politischen Druck erzeugen. Zu den bekanntesten Organisationen, die auf diese Art arbeiten, gehört die britische Twentieth Century Society. Sie setzt sich für Gebäude ein, die wenig gesellschaftliche Akzeptanz haben. Bei der Gründung 1979 betraf das noch vor allem die Vorkriegsmoderne (weshalb sie anfänglich Thirties Society hieß), bald kamen jedoch auch Nachkriegsbauten hinzu. Zahlreiche Gebäude konnten bereits dank Medienkampagnen gerettet werden. Das gelingt aber nicht immer, etwa bei Robin Hood Gardens in London: Für den Erhalt des legendären, 1972 fertiggestellten Wohnkomplexes von Alison und Peter Smithson startete die Organisation eine der größten Kampagnen in der Architekturdenkmalpflege, unterstützt von prominenten Architekten wie Richard Rogers und Zaha Hadid. Schließlich unterlag sie jedoch politischen Prioritäten und finanziellem Druck: Der letzte Teil von Robin Hood Gardens wurde im März 2025 abgerissen. Denn so einflussreich Öffentlichkeitsarbeit sein mag, bleibt ihr Effekt doch immer von externen Entscheidungsträgern abhängig.




Ein anderes Modell ist die gezielte Förderung von Projekten. Prominentestes Beispiel in Europa ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz – eine private, spendenfinanzierte Stiftung, die den jährlichen Tag des offenen Denkmals organisiert, vor allem aber rund 600 Projekte jährlich unterstützt. Über 7500 Baudenkmale haben bereits Finanzspritzen erhalten. Der Haken: In Betracht kommen nur Gebäude, die bereits Denkmalstatus haben. Damit baut die Stiftung auf dem staatlichen Denkmalschutz auf, kann aber keine Bauten schützen, die durch das staatliche Sieb fallen – und gerade die haben oft die meiste Hilfe nötig.
Sowohl Lobbyarbeit als auch Projektförderung tragen demnach eher indirekt zum Erhalt bei, denn die Organisationen entscheiden nicht selbst über den Umgang mit Bestandsbauten. Will man direkten Einfluss darauf haben, welche Gebäude erhalten werden, dann bleibt nur eins: Man muss sie kaufen.

Inzwischen gibt es einige Stiftungen, die sich darauf spezialisiert haben, schützenswerte Gebäude zu erwerben, zu restaurieren und zu verwalten. Am Anfang stand wiederum eine britische Organisation: der 1895 gegründete National Trust, ein gemeinnütziger Verein ohne staatliche Trägerschaft, der heute etwa 500 historische Anwesen aller Epochen besitzt, dazu Gärten, Industrie- und Infrastrukturdenkmäler sowie 250.000 Hektar Land. Was aber macht man mit all diesen Besitztümern? Es reicht nicht aus, sie sein Eigen zu nennen, man sollte sie auch nutzen. Dementsprechend vermietet der National Trust etwa 5000 Häuser und Cottages als Wohnraum und etwa 400 als Ferienhäuser – von winzigen Schmugglerhütten bis hin zu kompletten Landgütern. Neben historischen Bauten gehören auch ein paar moderne Villen zur Sammlung, wie das Haus Chert aus den 1970er Jahren auf der Isle of Wight.
Die Ferienvermietung ist nicht ganz unumstritten, denn viele reguläre Mieter des National Trust – der zu den größten Vermietern des Landes gehört – beschweren sich darüber, dass immer mehr Anwesen in lukrative Ferienhäuser umgewandelt und so dem Wohnungsmarkt ebenso wie ihrem sozialen Kontext entzogen werden. Dennoch hat das Prinzip, Denkmäler über Ferienvermietung zu finanzieren, international Schule gemacht.


So erwirbt auch die niederländische Stiftung Hendrick de Keyser erhaltenswerte Gebäude, um sie entweder als Ferienhäuser oder als permanenten Wohn- oder Arbeitsraum zu vermieten. Ihr Fokus liegt auf einzelnen Häusern aller Epochen, vom 17. Jahrhundert bis zur Nachkriegsmoderne, die oft mitten in der Stadt stehen und nur an einem kleinen, blauen Schild als Eigentum der Stiftung zu erkennen sind.



Gelegentlich gehen Häuser auch vom Ferien- in den Dauervermietungsbestand über oder umgekehrt, etwa das Haus van Ravesteyn in Utrecht. Das 1932 vom gleichnamigen Architekten entworfene Haus konnte man in manchen Perioden für Kurzaufenthalte mieten, in anderen als Museumshaus besuchen. Aber der Ertrag ließ zu wünschen übrig, weshalb es nun dauerhaft vermietet ist. „Um unsere Sammlung zukunftsbeständig zu machen, müssen wir Prioritäten setzen“, sagt die Vereinigung.
Dauerhafte Vermietung ist dagegen keine Option für den britischen Landmark Trust, denn er nimmt sich bewusst kleiner, unbequemer oder isoliert gelegener historischer Bauten an, für die es keine tragfähige reguläre Nutzung gäbe. Die Ferienvermietung ist ihre Rettung, und die Mieteinnahmen fließen direkt in die Instandhaltung. Dabei erwirbt der Landmark Trust die Bauten nur selten: In der Regel einigt er sich mit Eigentümern, die ein Gebäude nicht aus eigener Kraft retten können, auf eine andere Form der Zusammenarbeit.




Zum Portfolio gehört sogar eine komplette Insel: Lundy Island vor der Küste von Devon, das einmal ein illegaler Freistaat war und inzwischen 23 Ferienunterkünfte in einem Schloss und verschiedenen Cottages bietet. Eigentümer ist der National Trust.


Eine Grundfrage des Trusts bei der Auswahl von Gebäuden ist: „Ist es ein schöner Ort für Urlaub – können wir es nach der Sanierung finanziell tragfähig betreiben?“. Gleichzeitig findet sich auf der Website der Hinweis: „Wir sind in erster Linie eine gemeinnützige Organisation für Denkmalschutz und keine Agentur für Ferienvermietungen.“. Offenbar ist das Balancieren zwischen Wohltätigkeit und Finanzierungsmodell nicht immer einfach, und ständig lauert der Vorwurf, die Ferienvermietung werde zum Selbstzweck.

Solche Hinweise kann sich die Schweizer Stiftung Edith Maryon sparen, denn ihr sozialer Anspruch steht außer Frage. Sie arbeitet nicht primär im Denkmalschutz, sondern als Boden- und Immobilienstiftung, die sich über Schenkungen, Spenden und Vermächtnisse finanziert. Grundstücke und Gebäude werden übernommen und dem spekulativen Markt entzogen, um eine dauerhafte sozial- und gesellschaftsverträgliche Nutzung zu sichern. Erst 1990 von drei Idealisten mit einem Stiftungskapital von gerade einmal 12.000 Franken gegründet, besitzt die Stiftung heute ein millionenschweres Immobilienportefeuille mit etwa 170 Liegenschaften.




Das sind nicht nur, aber auch historische Gebäude, die auf diesem Weg ohne eigentlichen Denkmalschutz geschützt werden. Viele sind regulär vermietet, aber einige stehen auch Urlaubern offen: so etwa das 400 Jahre alte Melchior Schiner Hus im Wallis oder das Hotel Krafft in Basel.



Projektförderung und Lobbyarbeit für den Denkmalschutz sind wichtig und haben eine große Reichweite, aber der beste Garant für dauerhaften Erhalt bleibt Eigentümerschaft – auch wenn sie die kostspieligste Variante ist. Darum spielt die Nutzung der Bauten eine wichtige Rolle. Im Idealfall werden so mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Gebäude, die (noch) nicht unter den staatlichen Denkmalschutz fallen, bleiben erhalten und gewinnen durch die nicht-museale Nutzung obendrein einen gesellschaftlichen Mehrwert.
Weitere europäische Organisationen und Stiftungen
Schweizer Heimatschutz (Schweiz)
Der Schweizer Heimatschutz setzt sich für das gebaute Erbe sowie wertvolle städtische und ländliche Räume ein – durch politisches Engagement, Öffentlichkeitsarbeit und Bildung, aber auch durch seine Tochterorganisation Ferien im Baudenkmal, die bedrohte Baudenkmäler als Ferienobjekte rettet und vermietet.
Initiative Denkmalschutz (Österreich)
Der gemeinnützige Verein setzt sich durch öffentliche Stellungnahmen, Kampagnen und politischen Druck für den Erhalt gefährdeter Kulturgüter in Österreich ein und versteht sich als breite zivilgesellschaftliche Vertretung von Fachexperten und interessierten Laien.
Irish Georgian Society (Irland)
Die von zwei Mitgliedern der Familie Guinness gegründete Organisation fördert die Erhaltung herausragender Architektur und angewandter Kunst aller Epochen in Irland – durch Bildungsprogramme, Stipendien, Restaurierungsförderung, Planungsbeteiligung und Lobbying.
Fortidsminneforeningen (Norwegen)
Die älteste Denkmalschutzorganisation Norwegens setzt sich für den Erhalt von Kulturdenkmälern aller Epochen ein, verwaltet 40 eigene Liegenschaften – darunter acht der weltweit letzten Stabkirchen – und nimmt eine aktive politische Kontrollfunktion gegenüber staatlichen Denkmalschutzbehörden wahr.
Realdania (Dänemark)
Die mitgliederbasierte philanthropische Vereinigung besitzt eine Sammlung historischer Gebäude, die fünf Jahrhunderte dänischer Baugeschichte repräsentieren, vermietet sie an Privatpersonen und Unternehmen und investiert darüber hinaus in innovative Neubauten und städtebauliche Entwicklungsprojekte.
French Heritage Society (Frankreich)
Eine amerikanische gemeinnützige Organisation, die französisches Architektur- und Kulturerbe in Frankreich und den USA schützt – durch Restaurierungsförderung und Bildungsprogramme.
Fondation du Patrimoine (Frankreich)
Die private gemeinnützige Organisation fördert den Erhalt des französischen Kulturerbes durch Spendenaktionen, Unternehmenspartnerschaften und das „Loto du Patrimoine“.
Fondo per l’Ambiente Italiano (Italien)
Nach dem Vorbild des britischen National Trust gegründet, erwirbt und restauriert die Organisation historische Gebäude, Gärten und Landschaften in ganz Italien und öffnet sie der Öffentlichkeit.
Hispania Nostra (Spanien)
Die Organisation schützt und fördert das kulturelle und natürliche Erbe Spaniens durch Kampagnen, Preise, eine Rote Liste gefährdeter Stätten und internationale Vernetzung über Europa Nostra.
APRUPP (Portugal)
Die portugiesische Vereinigung fördert und verbreitet das Konzept der urbanen Rehabilitation als Instrument zur Sicherung des gebauten Erbes – durch Wissenstransfer, Ausbildung und die Vernetzung von Fachleuten.
Monumenta (Griechenland)
Die gemeinnützige Organisation setzt sich für den Schutz des natürlichen und architektonischen Erbes in Griechenland und Zypern ein. Zu ihren Aktivitäten gehören Interventionen zum Schutz gefährdeter Denkmäler und historischer Gebäude, Forschungs- und Bildungsprogramme sowie Öffentlichkeitsarbeit.
Czech National Trust (Tschechien)
Die nach britischem Vorbild gegründete Organisation fördert den Schutz und die Erhaltung tschechischen Kulturerbes durch Sponsoring und ehrenamtliche Arbeit und zielt darauf ab, eine Kultur des zivilgesellschaftlichen Engagements für Denkmalpflege aufzubauen.
New Heritage Foundation (Polen)
Die Stiftung widmet sich dem Erhalt historischer Herrenhäuser und Schlösser in Polen – durch Konservierungsprojekte, ein Netzwerk von Experten und Handwerkern sowie den Einsatz von Freiwilligen.
Text: Anneke Bokern
Bildnachweise: Landmark Trust: Lundy Island, Hanmers: © Jill Tate (Titelfoto), Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Radarstation Teufelsberg © Alexander Gütter (1), Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Kirche Hohenzollernplatz, Berlin-Wilmersdorf © Claus Boeckh (2–4), National Trust: Scotney Castle, Lamberhurst, Kent, UK © Steve Payne / Unsplash (5), Hendrick de Keyser: Huis Slegers. Baujahr 1955, Architekt: Gerrit Rietveld.
Foto: © Elise Borsboom (6/7), Hendryk de Keyser: Huis Van Ravesteyn © Anneke Bokern © Herman van Heusden (8–10), Landmark Trust: Lundy Island, Luftbild © Landmark Trust (11), Landmark Trust: Lundy Island, Hanmers: © Jill Tate (12–14), Landmark Trust: Lundy Island, Old Lighthouse © Jill Tate (15/16), Stiftung Edith Maryon: Hotel Krafft, Basel © Krafft Gruppe (17–21), Stiftung Edith Maryon: Melchior Schiner Haus, Wallis © Samuel Riggenbach (22–24)
Ein Kommentar
Danke für diesen spannenden Beitrag!