Der Totalkünstler: Auf den Spuren des Gestalters und Aktivisten César Manrique auf Lanzarote
Die Spuren des Visionärs, den die Lanzaroteños als Inselheiligen verehren, sind bleibend wie beispielhaft. Nachhaltige Entwicklung – baulich wie touristisch – lässt sich anhand seiner Interventionen immer noch lesen, studieren und genießen.
„Prohibida la entrada“. Der Totenkopf an der Schranke ist unmissverständlich: Der Zugang zur Residenz des teuflischen Barons de Lefouet ist strengstens verboten. Für die Serie Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen wurde 1979 auf Lanzarote gedreht. Bedrohlich gleitet die glitzernde Schurken-Limousine durch die bizarre Landschaft, die gern als Mondlandschaft beschrieben wird: karge, schwarze Lavafelder, mal fein gemahlen, mal zu steinigen Urzeitmonstern aufgetürmt, zwischen denen sich schweflig gelbe und orange Vulkankegel gut 600 Meter über den Meeresgrund erheben. Schwarz trägt auch der Baron, der Timm sein Lachen abgeluchst hat. Im Gegenzug gewinnt der Junge jede Wette. Ein goldgefasster Lavastein baumelt vor seiner Brust, während er mit wehendem Gewand durch die engen Gänge seiner unterirdischen Zentrale des Bösen schreitet – bis sich der Himmel plötzlich auf die traumhaft schöne, organisch-expressive, weiß-blaue Poollandschaft seiner Lavagrotte öffnet.

Anders als das in das Innere eines Vulkans gebaute Hauptquartier des bösen Ernst Stavro Blofeld, das James-Bond-Designer Ken Adam 1967 für Man stirbt nur zweimal entwarf, ist das fantastische Vulkan-Setting von Timm Thaler nicht in den britischen Pinewood Studios entstanden.


Die Jameos del Agua, die ebenso wie der Mirador del Rio oder das Hotel Salinas für die Weihnachtsserie mit Thomas Ohrner und Horst Frank als Drehorte genutzt wurden, sind keine Kulissen. Sie sind real: César Manrique schrieb seine filmreifen ober- und unterirdischen Räume, seine theatralischen Pools und Gärten der Topografie der Insel ein. Und natürlich wurden dort keine fiesen Pläne geschmiedet, sich die Welt untertan zu machen. Im Gegenteil: Manriques Baukunst setzte die Schönheit der Insel in Szene und sorgte so dafür, dass der Tourismus Lanzarote nicht überformte.



Eintritt erbeten: Täglich hat das Kulturzentrum Jameos del Agua – einst eine illegale Müllkippe in einem Lavatunnel – mit Konzerthöhle und Vulkanmuseum geöffnet und ist heute so faszinierend wie bei der Erstausstrahlung im ZDF. Nur das Baden im Pool ist verboten. Dieses Privileg hatte während der Dreharbeiten nur der junge Hauptdarsteller.


César Manrique war Lanzaroteño. Geboren wurde er 1919 in der Inselhauptstadt Arrecife, wo sich bis heute ein städtebaulicher Skandal manifestiert: ein 54 Meter hoher Hotelturm, der sich weithin sichtbar in den Himmel stemmt. Entstanden in seiner Abwesenheit, widerspricht er allem, wofür Manrique stand und kämpfte. Denn er war nicht nur Schöpfer grandioser Parallelwelten, kraftvoller oder auch filigran-beweglicher Windspiel-Skulpturen, raumgreifender Gemälde oder kunstvoller Murals. Er war zudem Visionär, Mahner, Aktivist. Er wurde zum Inselheiligen, weil ihm die Insel tatsächlich heilig war: Lange bevor der Begriff Übertourismus populär wurde, bevor Bilder von Demonstrationen verzweifelter und wütender Bewohner der Kanaren und Balearen durch die Nachrichten gingen, bevor Dubrovnik Rollkoffer verbot und Venedig Eintritt von Touristen verlangte, setzte er sich für eine nachhaltige Entwicklung Lanzarotes ein – ohne dass der Begriff Nachhaltigkeit damals schon genutzt worden wäre. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Pepín Ramírez Cerdá, der – welch glückliche Fügung! – als Inselpräsident nachhaltigen politischen Einfluss ausüben konnte, formulierte er das Maß aller Neubauten: Kein Gebäude sollte höher sein als eine ausgewachsene Palme. Immerhin: Das Hotel in Arrecife ist die einzige Ausnahme.
Sein Vater hatte ihn ursprünglich als Architekten gesehen. Doch Manriques Schaffenskraft wollte mehr: Er wechselte an die Akademie für Schöne Künste in Madrid, wo er von 1945 bis 1964 lebte, bis er nach New York zog. Pop Art und kinetische Kunst begeisterten den abstrakten Naturalisten, er lernte Andy Warhol kennen, Fotos mit Josephine Baker oder Nelson Rockefeller zeugen von seinem prominenten Netzwerk.



Sie stehen, silbern gerahmt, in seinem Haus in Haría, wo er von 1988 bis zu seinem Tod lebte. Denn die Heimat und ihre Zukunft ließen den charismatischen Mann, der sich gern in Badehose fotografieren ließ und dessen Chilabas und Kimonos im Ankleideschrank hinter Glas zu besichtigen sind, nicht los: „Künstler müssen sich mit Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Tischlerei, Filmkunst, Literatur usw. usw. beschäftigen.“. Und genau das tat er nach seiner Rückkehr aus Amerika: Er veränderte nicht nur die Insel, sondern den Blick ihrer Bewohner. Er schwärmte ihnen so lange vor, in welchem Paradies sie leben, bis sie es selbst glaubten. „Er gab uns Augen“, beschreibt ihn die Galeristin Elvira Gonzalez. „Er bewies, dass das Unmögliche möglich ist“, meint Schriftsteller Juan Cruz. Und das nachhaltig: Manriques Corporate Design ist vielen in Fleisch und Blut übergegangen, die meisten Häuser sind frisch gekalkt, statt Autoreifen und Gasflaschen wachsen Geranien und Kakteen in den Vorgärten. Dass Lanzarote 1993 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde, ist auch Manriques Kampf gegen den Massentourismus zu verdanken.
Lanzarote ist die nordöstlichste der Kanaren, vor gut 15 Millionen Jahren wuchs die vulkanische Insel über die Meeresoberfläche. Das Land war fruchtbar, bis massive Ausbrüche zwischen 1730 und 1736 rund ein Viertel der Insel unter Lava begruben. „In dieser von Asche gezeichneten Landschaft mitten im Atlantik geboren zu sein, reicht aus, um jeden etwas sensibel zu machen.“. Wobei César Manrique mit „etwas sensibel“ etwas untertrieb. Konzeptionell und baulich gestaltete er die touristische Infrastruktur bis ins Detail: Museen und deren Ausstellungsstücke, Aussichtsorte und deren Bars, Kreisverkehre und deren Kunst, Gärten und deren Bepflanzung, Restaurants und deren Innenarchitektur. Natürlich trägt der Flughafen heute seinen Namen, die Autovermietung Cabrera Medina wirbt mit einem von Manrique gestalteten Logo. Tragisch endete sein Leben 1992 bei einem Autounfall – ausgerechnet an einer Kreuzung ohne Kreisverkehr.


Er kam damals von einem Baustellenbesuch: Sein 1966 entworfenes Domizil in Tahiche sollte zu seinem Stiftungssitz und zum Museum werden. Das 30.000 Quadratmeter große Grundstück, das komplett von Lavaströmen bedeckt war, hatte er, damals gerade aus New York zurück, geschenkt bekommen: Der Eigentümer hielt es für wertlos.



Oberirdisch noch traditionell kanarisch, mit Innenhof, weiß getünchten Wänden und Dächern und grünen Holztüren und Fenstern, schuf Manrique eine mondäne Unterwelt, in der sich fünf Lavablasen zu spektakulär exzentrischen Wohn(t)räumen verbinden: mit Sitzlandschaften, Grillstelle, Atelier, Tanzfläche und natürlich einem Pool, um den sich heute noch zwei Bubble und Pastil Chairs von Eero Aarnio lümmeln.



Damals wurde – davon zeugen Fotos und Artikel aus deutschen Boulevardblättern – nicht nur fest gearbeitet, sondern auch fest gefeiert. The party is over: Seit 1992 hegt, pflegt und nutzt die Fundación César Manrique das glamouröse Anwesen, es gibt ein Café und einen Shop. Manriques Gemälde und seine Sammlung finden dort ebenso Platz wie sein politisches Engagement in Ton und Bild. Die Eröffnung hat der aktivistische Bau-Künstler zwar nicht mehr erlebt, die Umgestaltung seines Hauses hatte er jedoch selbst noch übernommen.
Glaubt man den Berechnungen des Historikers Iván Tibor Berend, stiegen die Gewinne des spanischen Tourismussektors in nur 14 Jahren, zwischen 1959 und 1974, um 2043 %. In dieser Zeit entstanden zwanzigstöckige Bauten an den Stränden und der Bürgermeister von Benidorm fuhr mit der Vespa nach Madrid, um die Legalisierung des Bikinis zu erwirken. 1970 öffnete der Flughafen in Arrecife für internationale Flüge.

Seither werden im kreisförmigen Restaurant El Diablo im Nationalpark Timanfaya inmitten der Montañas del Fuego die Hendl über dem Dampf eines aktiven Vulkans gegrillt. 1973 baute Manrique mit dem Architekten Eduardo Cáceres und dem Künstler Jesús Soto den Mirador del Rio auf dem Famarakliff. 1977 waren die Jameos del Agua komplett fertiggestellt, mit Platz für 550 Auditoriumsbesucher und unzähligen endemischen blinden Albino-Krebsen in einem Salzsee. Die Liste der Manrique-Bauten ist lang, radikal konfrontierte er die Touristen mit der Einzigartigkeit ihres Urlaubsziels. Kunst-Natur/Natur-Kunst nannte er seine ästhetische Vision, er sprach von der „totalen Kunst“, in der sich Bilder, Skulpturen, Städtebau und Baukunst in die Natur und nicht zuletzt auch in die Gesellschaft einbetten.



Totale Kunst ist auch im 1977 eröffneten Hotel Salinas in Costa Teguise zu spüren, das heute Paradisus by Meliá Salinas Lanzarote heißt und als Fünf-Sterne-All-Inclusive-Adults-Only-Resort geführt wird. Geschaffen wurde der brutalistische Bau mit drei terrassierten Fingern, die dafür sorgen, dass jedes der 282 Zimmer Meerblick hat und der Blick von der Straße aufs Wasser möglichst wenig verbaut wird, von Fernando Higueras. Berühmt und ausgezeichnet wurde der 1930 geborene Madrilene für seine Malereien ebenso wie für seine Bauten: 1966 setzte die sogenannte „Dornenkrone“ für das Institut für das spanische Kulturerbe, die er mit Antonio Miró Valverde und Rafael Moneo entwarf, eine markante Landmarke in die spanische Hauptstadt. „Weniger ist weniger, und mehr ist mehr“ war sein Motto, das er der „Aseptik von Mies van der Rohe“ entgegensetzte.



In seinem Freund César Manrique fand er den kongenialen Partner im künstlerischen und architektonischen Schaffen: Manrique begrünte, ach was, „bedschungelte“ das zentrale, offene Atrium des Hotels mit über 300 Pflanzenarten, bearbeitete die Wände in der Lobby und im Hauptrestaurant und verwandelte den Garten in eine 1800 Quadratmeter große Pool-Lava-Brücken-Liegelandschaft. 1998 wurde das Hotel zum Kunst- und Kulturerbe der Insel Lanzarote erklärt, auf dem Wochenplan der 2023 sanierten Herberge der ganz besonderen Art steht donnerstags um 16 Uhr – nach SUP Pilates im Pool und vor dem Beatles Tribute in der Ginger Bar – die César Manrique Tour auf dem Programm.



„Ich war schon immer voller Energie. Ich bin sehr positiv eingestellt und habe eine große Lebensfreude.“ Ob er heute noch glücklich wäre auf Lanzarote? Sein donnerndes Mahnen, mit dem er sein Manifiesto por la sostenibilidad de Lanzarote per Megafon erschallen ließ, hat seine Relevanz nicht verloren. Duty-free-Shops, Supermercados, Irish Pubs und indische Restaurants reihen sich an der Costa Teguise, einem der drei massentauglichen Hot-Spots, entlang der von Kakteen und Palmen gesäumten Promenade an der Playa de Las Cucharas auf. In Heidruns Surf Corner werden Paulaner, Franziskaner, Schöfferhofer und German Filter Coffee angeboten. Für sein Haus in Haría hatte er noch Umbau- und Erweiterungspläne. Sein in einem Nebengebäude untergebrachtes Atelier wirkt, als habe er es nur kurz verlassen: Pigmente, Dosen mit Acryllacken, Werkzeuge und Fundstücke stehen bereit. Er „verließ die Insel halb fertig, so wie sein Haus“, ist dort zu hören.
Ich habe mir jedenfalls ein Set mit drei kleinen Kakteen aus dem Jardín de Cactus mitgebracht, für 9,20 Euro. Bei guter Pflege können sie bis zu 200 Jahre alt werden. Ich bin da sehr positiv eingestellt. Schließlich hat Timm Thaler sein Lachen zurückbekommen und Heilige wirken über ihren Tod hinaus.
Text: Katharina Matzig
Fotos: Mirador del Rio © Fundación César Manrique (Titelfoto), Hotel Paradisus by Meliá Salinas Lanzarote, Ausblick © Hotel Paradisus by Meliá Salinas Lanzarote (1), Mirador del Rio © Fundación César Manrique (2/3), Jameos del Agua © Fundación César Manrique (4–6), César Manrique © Fundación César Manrique (7/8), Casa-Museo César Manrique, Haría © Fundación César Manrique (9–11), Fundación César Manrique (Casa del Volcán). © Fundación César Manrique (Titelfoto, 12–19), Nationalpark Timanfaya © Katharina Matzig (20/23), Nationalpark Timanfaya, Restaurant El Diablo © Fundación César Manrique (21/22), Hotel Paradisus by Meliá Salinas Lanzarote © Hotel Paradisus by Meliá Salinas Lanzarote (24–29).
Zur Autorin
Mit elf Jahren hat sich Katharina Matzig in Timm Thaler verliebt, die Entscheidung, Architektur zu studieren, hat aber – vermutlich – nicht ursächlich etwas mit den Drehorten zu tun. Anders als die Begeisterung für Timm hält die Liebe zur fantastischen Baukunst Manriques und der Landschaft Lanzarotes an. Und als Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Architektenkammer beeindruckt sie die nachhaltige Weitsicht und politische Power des Visionärs.
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