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Der Total­künstler: Auf den Spuren des Gestalters und Akti­visten César Man­rique auf Lan­zarote

Die Spuren des Visionärs, den die Lanzaroteños als Inselheiligen verehren, sind bleibend wie beispielhaft. Nachhaltige Entwicklung – baulich wie touristisch – lässt sich anhand seiner Interventionen immer noch lesen, studieren und genießen.

von Katharina Matzig im April 2026

 Der Total­künstler: Auf den Spuren des Gestalters und Akti­visten César Man­rique auf Lan­zarote in  /

„Pro­hibida la entrada“. Der Totenkopf an der Schranke ist unmiss­ver­ständlich: Der Zugang zur Residenz des teuf­li­schen Barons de Lefouet ist strengstens ver­boten. Für die Serie Timm Thaler oder Das ver­kaufte Lachen wurde 1979 auf Lan­zarote gedreht. Bedrohlich gleitet die glit­zernde Schurken-Limousine durch die bizarre Land­schaft, die gern als Mond­land­schaft beschrieben wird: karge, schwarze Lava­felder, mal fein gemahlen, mal zu stei­nigen Urzeit­monstern auf­ge­türmt, zwi­schen denen sich schweflig gelbe und orange Vul­kan­kegel gut 600 Meter über den Mee­res­grund erheben. Schwarz trägt auch der Baron, der Timm sein Lachen abge­luchst hat. Im Gegenzug gewinnt der Junge jede Wette. Ein gold­ge­fasster Lava­stein baumelt vor seiner Brust, während er mit wehendem Gewand durch die engen Gänge seiner unter­ir­di­schen Zen­trale des Bösen schreitet – bis sich der Himmel plötzlich auf die traumhaft schöne, orga­nisch-expressive, weiß-blaue Pool­land­schaft seiner Lava­grotte öffnet.

Anders als das in das Innere eines Vulkans gebaute Haupt­quartier des bösen Ernst Stavro Blofeld, das James-Bond-Designer Ken Adam 1967 für Man stirbt nur zweimal entwarf, ist das fan­tas­tische Vulkan-Setting von Timm Thaler nicht in den bri­ti­schen Pinewood Studios ent­standen.

Die Jameos del Agua, die ebenso wie der Mirador del Rio oder das Hotel Salinas für die Weih­nachts­serie mit Thomas Ohrner und Horst Frank als Drehorte genutzt wurden, sind keine Kulissen. Sie sind real: César Man­rique schrieb seine film­reifen ober- und unter­ir­di­schen Räume, seine thea­tra­li­schen Pools und Gärten der Topo­grafie der Insel ein. Und natürlich wurden dort keine fiesen Pläne geschmiedet, sich die Welt untertan zu machen. Im Gegenteil: Man­riques Bau­kunst setzte die Schönheit der Insel in Szene und sorgte so dafür, dass der Tou­rismus Lan­zarote nicht über­formte.

Ein­tritt erbeten: Täglich hat das Kul­tur­zentrum Jameos del Agua – einst eine illegale Müll­kippe in einem Lava­tunnel – mit Kon­zert­höhle und Vul­kan­museum geöffnet und ist heute so fas­zi­nierend wie bei der Erst­aus­strahlung im ZDF. Nur das Baden im Pool ist ver­boten. Dieses Pri­vileg hatte während der Dreh­ar­beiten nur der junge Haupt­dar­steller.

César Man­rique war Lan­za­roteño. Geboren wurde er 1919 in der Insel­haupt­stadt Arrecife, wo sich bis heute ein städ­te­bau­licher Skandal mani­fes­tiert: ein 54 Meter hoher Hotelturm, der sich weithin sichtbar in den Himmel stemmt. Ent­standen in seiner Abwe­senheit, wider­spricht er allem, wofür Man­rique stand und kämpfte. Denn er war nicht nur Schöpfer gran­dioser Par­al­lel­welten, kraft­voller oder auch filigran-beweg­licher Wind­spiel-Skulp­turen, raum­grei­fender Gemälde oder kunst­voller Murals. Er war zudem Visionär, Mahner, Aktivist. Er wurde zum Insel­hei­ligen, weil ihm die Insel tat­sächlich heilig war: Lange bevor der Begriff Über­tou­rismus populär wurde, bevor Bilder von Demons­tra­tionen ver­zwei­felter und wütender Bewohner der Kanaren und Balearen durch die Nach­richten gingen, bevor Dubrovnik Roll­koffer verbot und Venedig Ein­tritt von Tou­risten ver­langte, setzte er sich für eine nach­haltige Ent­wicklung Lan­za­rotes ein – ohne dass der Begriff Nach­hal­tigkeit damals schon genutzt worden wäre. Gemeinsam mit seinem Jugend­freund Pepín Ramírez Cerdá, der – welch glück­liche Fügung! – als Insel­prä­sident nach­hal­tigen poli­ti­schen Ein­fluss ausüben konnte, for­mu­lierte er das Maß aller Neu­bauten: Kein Gebäude sollte höher sein als eine aus­ge­wachsene Palme. Immerhin: Das Hotel in Arrecife ist die einzige Aus­nahme.

Sein Vater hatte ihn ursprünglich als Archi­tekten gesehen. Doch Man­riques Schaf­fens­kraft wollte mehr: Er wech­selte an die Aka­demie für Schöne Künste in Madrid, wo er von 1945 bis 1964 lebte, bis er nach New York zog. Pop Art und kine­tische Kunst begeis­terten den abs­trakten Natu­ra­listen, er lernte Andy Warhol kennen, Fotos mit Jose­phine Baker oder Nelson Rocke­feller zeugen von seinem pro­mi­nenten Netzwerk.

Sie stehen, silbern gerahmt, in seinem Haus in Haría, wo er von 1988 bis zu seinem Tod lebte. Denn die Heimat und ihre Zukunft ließen den cha­ris­ma­ti­schen Mann, der sich gern in Badehose foto­gra­fieren ließ und dessen Chi­labas und Kimonos im Anklei­de­schrank hinter Glas zu besich­tigen sind, nicht los: „Künstler müssen sich mit Stadt­planung, Land­schafts­ar­chi­tektur, Tisch­lerei, Film­kunst, Lite­ratur usw. usw. beschäf­tigen.“. Und genau das tat er nach seiner Rückkehr aus Amerika: Er ver­än­derte nicht nur die Insel, sondern den Blick ihrer Bewohner. Er schwärmte ihnen so lange vor, in welchem Paradies sie leben, bis sie es selbst glaubten. „Er gab uns Augen“, beschreibt ihn die Gale­ristin Elvira Gon­zalez. „Er bewies, dass das Unmög­liche möglich ist“, meint Schrift­steller Juan Cruz. Und das nach­haltig: Man­riques Cor­porate Design ist vielen in Fleisch und Blut über­ge­gangen, die meisten Häuser sind frisch gekalkt, statt Auto­reifen und Gas­fla­schen wachsen Geranien und Kakteen in den Vor­gärten. Dass Lan­zarote 1993 von der UNESCO zum Bio­sphä­ren­re­servat erklärt wurde, ist auch Man­riques Kampf gegen den Mas­sen­tou­rismus zu ver­danken.

Lan­zarote ist die nord­öst­lichste der Kanaren, vor gut 15 Mil­lionen Jahren wuchs die vul­ka­nische Insel über die Mee­res­ober­fläche. Das Land war fruchtbar, bis massive Aus­brüche zwi­schen 1730 und 1736 rund ein Viertel der Insel unter Lava begruben. „In dieser von Asche gezeich­neten Land­schaft mitten im Atlantik geboren zu sein, reicht aus, um jeden etwas sen­sibel zu machen.“. Wobei César Man­rique mit „etwas sen­sibel“ etwas unter­trieb. Kon­zep­tionell und baulich gestaltete er die tou­ris­tische Infra­struktur bis ins Detail: Museen und deren Aus­stel­lungs­stücke, Aus­sichtsorte und deren Bars, Kreis­ver­kehre und deren Kunst, Gärten und deren Bepflanzung, Restau­rants und deren Innen­ar­chi­tektur. Natürlich trägt der Flug­hafen heute seinen Namen, die Auto­ver­mietung Cabrera Medina wirbt mit einem von Man­rique gestal­teten Logo. Tra­gisch endete sein Leben 1992 bei einem Auto­unfall – aus­ge­rechnet an einer Kreuzung ohne Kreis­verkehr.

Er kam damals von einem Bau­stel­len­besuch: Sein 1966 ent­wor­fenes Domizil in Tahiche sollte zu seinem Stif­tungssitz und zum Museum werden. Das 30.000 Qua­drat­meter große Grund­stück, das kom­plett von Lava­strömen bedeckt war, hatte er, damals gerade aus New York zurück, geschenkt bekommen: Der Eigen­tümer hielt es für wertlos.

Ober­ir­disch noch tra­di­tionell kana­risch, mit Innenhof, weiß getünchten Wänden und Dächern und grünen Holz­türen und Fenstern, schuf Man­rique eine mondäne Unterwelt, in der sich fünf Lav­ab­lasen zu spek­ta­kulär exzen­tri­schen Wohn(t)räumen ver­binden: mit Sitz­land­schaften, Grill­stelle, Atelier, Tanz­fläche und natürlich einem Pool, um den sich heute noch zwei Bubble und Pastil Chairs von Eero Aarnio lümmeln.

Damals wurde – davon zeugen Fotos und Artikel aus deut­schen Bou­le­vard­blättern – nicht nur fest gear­beitet, sondern auch fest gefeiert. The party is over: Seit 1992 hegt, pflegt und nutzt die Fund­ación César Man­rique das gla­mouröse Anwesen, es gibt ein Café und einen Shop. Man­riques Gemälde und seine Sammlung finden dort ebenso Platz wie sein poli­ti­sches Enga­gement in Ton und Bild. Die Eröffnung hat der akti­vis­tische Bau-Künstler zwar nicht mehr erlebt, die Umge­staltung seines Hauses hatte er jedoch selbst noch über­nommen.

Glaubt man den Berech­nungen des His­to­rikers Iván Tibor Berend, stiegen die Gewinne des spa­ni­schen Tou­ris­mus­sektors in nur 14 Jahren, zwi­schen 1959 und 1974, um 2043 %. In dieser Zeit ent­standen zwan­zigstö­ckige Bauten an den Stränden und der Bür­ger­meister von Benidorm fuhr mit der Vespa nach Madrid, um die Lega­li­sierung des Bikinis zu erwirken. 1970 öffnete der Flug­hafen in Arrecife für inter­na­tionale Flüge.

Seither werden im kreis­för­migen Restaurant El Diablo im Natio­nalpark Tim­anfaya inmitten der Mon­tañas del Fuego die Hendl über dem Dampf eines aktiven Vulkans gegrillt. 1973 baute Man­rique mit dem Archi­tekten Eduardo Cáceres und dem Künstler Jesús Soto den Mirador del Rio auf dem Fama­ra­kliff. 1977 waren die Jameos del Agua kom­plett fer­tig­ge­stellt, mit Platz für 550 Audi­to­ri­ums­be­sucher und unzäh­ligen ende­mi­schen blinden Albino-Krebsen in einem Salzsee. Die Liste der Man­rique-Bauten ist lang, radikal kon­fron­tierte er die Tou­risten mit der Ein­zig­ar­tigkeit ihres Urlaubs­ziels. Kunst-Natur/­Natur-Kunst nannte er seine ästhe­tische Vision, er sprach von der „totalen Kunst“, in der sich Bilder, Skulp­turen, Städ­tebau und Bau­kunst in die Natur und nicht zuletzt auch in die Gesell­schaft ein­betten.

Totale Kunst ist auch im 1977 eröff­neten Hotel Salinas in Costa Teguise zu spüren, das heute Para­disus by Meliá Salinas Lan­zarote heißt und als Fünf-Sterne-All-Inclusive-Adults-Only-Resort geführt wird. Geschaffen wurde der bru­ta­lis­tische Bau mit drei ter­ras­sierten Fingern, die dafür sorgen, dass jedes der 282 Zimmer Meer­blick hat und der Blick von der Straße aufs Wasser mög­lichst wenig verbaut wird, von Fer­nando Higueras. Berühmt und aus­ge­zeichnet wurde der 1930 geborene Madrilene für seine Male­reien ebenso wie für seine Bauten: 1966 setzte die soge­nannte „Dor­nen­krone“ für das Institut für das spa­nische Kul­turerbe, die er mit Antonio Miró Val­verde und Rafael Moneo entwarf, eine mar­kante Land­marke in die spa­nische Haupt­stadt. „Weniger ist weniger, und mehr ist mehr“ war sein Motto, das er der „Aseptik von Mies van der Rohe“ ent­ge­gen­setzte.

In seinem Freund César Man­rique fand er den kon­ge­nialen Partner im künst­le­ri­schen und archi­tek­to­ni­schen Schaffen: Man­rique begrünte, ach was, „bedschun­gelte“ das zen­trale, offene Atrium des Hotels mit über 300 Pflan­zen­arten, bear­beitete die Wände in der Lobby und im Haupt­re­staurant und ver­wan­delte den Garten in eine 1800 Qua­drat­meter große Pool-Lava-Brücken-Lie­ge­land­schaft. 1998 wurde das Hotel zum Kunst- und Kul­turerbe der Insel Lan­zarote erklärt, auf dem Wochenplan der 2023 sanierten Her­berge der ganz beson­deren Art steht don­nerstags um 16 Uhr – nach SUP Pilates im Pool und vor dem Beatles Tribute in der Ginger Bar – die César Man­rique Tour auf dem Pro­gramm.

„Ich war schon immer voller Energie. Ich bin sehr positiv ein­ge­stellt und habe eine große Lebens­freude.“ Ob er heute noch glücklich wäre auf Lan­zarote? Sein don­nerndes Mahnen, mit dem er sein Mani­fiesto por la sos­teni­bilidad de Lan­zarote per Megafon erschallen ließ, hat seine Relevanz nicht ver­loren. Duty-free-Shops, Super­mer­cados, Irish Pubs und indische Restau­rants reihen sich an der Costa Teguise, einem der drei mas­sen­taug­lichen Hot-Spots, entlang der von Kakteen und Palmen gesäumten Pro­menade an der Playa de Las Cucharas auf. In Heidruns Surf Corner werden Pau­laner, Fran­zis­kaner, Schöf­fer­hofer und German Filter Coffee ange­boten. Für sein Haus in Haría hatte er noch Umbau- und Erwei­te­rungs­pläne. Sein in einem Neben­ge­bäude unter­ge­brachtes Atelier wirkt, als habe er es nur kurz ver­lassen: Pig­mente, Dosen mit Acryl­lacken, Werk­zeuge und Fund­stücke stehen bereit. Er „verließ die Insel halb fertig, so wie sein Haus“, ist dort zu hören.

Ich habe mir jeden­falls ein Set mit drei kleinen Kakteen aus dem Jardín de Cactus mit­ge­bracht, für 9,20 Euro. Bei guter Pflege können sie bis zu 200 Jahre alt werden. Ich bin da sehr positiv ein­ge­stellt. Schließlich hat Timm Thaler sein Lachen zurück­be­kommen und Heilige wirken über ihren Tod hinaus.


Text: Katharina Matzig

Fotos: Mirador del Rio © Fund­ación César Man­rique (Titelfoto), Hotel Para­disus by Meliá Salinas Lan­zarote, Aus­blick © Hotel Para­disus by Meliá Salinas Lan­zarote (1), Mirador del Rio © Fund­ación César Man­rique (2/3), Jameos del Agua © Fund­ación César Man­rique (4–6), César Man­rique © Fund­ación César Man­rique (7/8), Casa-Museo César Man­rique, Haría © Fund­ación César Man­rique (9–11), Fund­ación César Man­rique (Casa del Volcán). © Fund­ación César Man­rique (Titelfoto, 12–19), Natio­nalpark Tim­anfaya © Katharina Matzig (20/23), Natio­nalpark Tim­anfaya, Restaurant El Diablo © Fund­ación César Man­rique (21/22), Hotel Para­disus by Meliá Salinas Lan­zarote © Hotel Para­disus by Meliá Salinas Lan­zarote (24–29).

Zur Autorin

Mit elf Jahren hat sich Katharina Matzig in Timm Thaler ver­liebt, die Ent­scheidung, Archi­tektur zu stu­dieren, hat aber – ver­mutlich – nicht ursächlich etwas mit den Dreh­orten zu tun. Anders als die Begeis­terung für Timm hält die Liebe zur fan­tas­ti­schen Bau­kunst Man­riques und der Land­schaft Lan­za­rotes an. Und als Lei­terin der Öffent­lich­keits­arbeit der Baye­ri­schen Archi­tek­ten­kammer beein­druckt sie die nach­haltige Weit­sicht und poli­tische Power des Visionärs.

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