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Gut Fergitz — Kul­tu­reller Schmelz­tiegel mit See­blick

Ein gelungener Dreiklang aus geradlinigem Baustil, feinsinniger Ästhetik und wilder Natur - ein Ort der kulturellen Begegnung in der Uckermark.

von Ilona Kálnoky und Ferdinand von Hohenzollern im März 2021

Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv. Er ist im March 2021 erschienen, möglicherweise sind nicht mehr alle Details aktuell.

 Gut Fergitz — Kul­tu­reller Schmelz­tiegel mit See­blick in  /

Nur eine Auto­stunde von Berlin ent­fernt liegt Gut Fergitz am Ufer des Obe­ru­ckersees bei Gers­walde in der Uckermark. Der Architekt Fer­dinand von Hohen­zollern und die Künst­lerin Ilona Kálnoky haben das Anwesen nach und nach reno­viert und einen gelun­genen Drei­klang aus gerad­li­nigem Baustil, fein­sin­niger Ästhetik und wilder Natur geschaffen. Das Bewusstsein für Nach­hal­tigkeit im Bio­sphä­ren­re­servat Schorf­heide-Chorin zu stärken ist dem Paar ein Her­zens­an­liegen, ein wei­teres ist die Kunst: Gut Fergitz ist ein inspi­rie­render Ort der kul­tu­rellen Begegnung. In der Park­scheune findet u.a. das UM-Fes­tival für zeit­ge­nös­sische Kunst, Musik und Lite­ratur statt, in jeder Feri­en­wohnung stehen und hängen Werke nam­hafter Künstler:innen.

Unbe­kanntes Paradies

Zur Jahr­tau­send­wende war die Uckermark über­re­gional noch wenig bekannt, sie galt vor allem den (Ost-) Ber­linern als Refugium für Kunst­schaf­fende, im Rest des Landes wurde sie eher mit Arbeits­lo­sigkeit und Abwan­derung ver­bunden. In den dar­auf­fol­genden 20 Jahren wurde der Blick durch eine ucker­mär­kische Bun­des­kanz­lerin und den Zuzug vieler Men­schen aus dem Krea­tiv­be­reich auf die schöne Region im Nord­osten der Republik gelenkt. Viele der Zuge­zo­genen haben wie wir ihren Lebens­mit­tel­punkt in die Uckermark verlegt.

Hier haben wir 2001 unser Paradies gefunden: die einsame Uckermark war für uns als öster­rei­chische Künst­lerin und süd­west­deut­schen Archi­tekten völ­liges Neuland. Die Region erschloss sich uns erst, als wir für Bekannte ein Feri­enhaus in der Nähe planten und bald auf Fergitz stießen, in dessen leer­ste­henden Gutshof am See wir uns sofort ver­liebten. Die seen­reiche, hügelige End­mo­rä­nen­land­schaft und einsame Weite der Uckermark, Scheunen und Kirchen aus grauem Gra­nit­feld­stein oder aus rotem Ziegel öff­neten neue Seh­ge­wohn­heiten und Mög­lich­keiten. Für einen jungen Archi­tekten, der in einem von Archi­tekten über­flu­teten Berlin der 1990er Jahre arbeitete, erschloss sich ein neues Arbeitsfeld.

Oberhalb des ver­lo­ckenden Obe­ru­ckersees lag das Grund­stück, welches auf uns zu warten schien: drei riesige ver­lassene Feld­stein­scheunen mit einem Mel­kerhaus, das zusam­men­ge­stürzte ehe­malige Ver­wal­terhaus sowie zwei her­un­ter­ge­wohnte Sied­ler­häuser aus der Nach­kriegszeit – eine ideale Aufgabe für einen Archi­tekten!

© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern

Urwald und Struktur

Zunächst mussten erst einmal die Alt­lasten der vor­ma­ligen LPG ent­sorgt und ent­siegelt, der Urwald gebändigt und das Grund­stück erschlossen werden. Die im eng­li­schen Somerset ansäs­sigen Land­schafts­ar­chi­tekten Kalnoky Wood Land­scape Design erstellten uns ein Gar­ten­konzept aus Hecken und Obst­bäumen, um dem offenen Gelände eine räum­liche Struktur zu ver­leihen und es in private und öffent­liche Bereiche zu gliedern.

Die Lage im Land­schafts­schutz­gebiet des Bio­sphä­ren­re­servats Schorf­heide-Chorin ist für uns eine Ver­pflichtung, der wir sowohl baulich wie auch gesell­schaftlich Rechnung tragen wollen, weshalb wir das Gut mit dem Einsatz von erneu­er­baren Energien und nach­hal­tigen Bau­ma­te­rialien geprägt haben.

Zunächst nahmen wir das frühere Mel­kerhaus in Angriff, welches wir wegen der Feld­stein­fassade Steinhaus genannt haben. Wir brachen die engen Kammern auf und ließen den Innenraum sich in Breite und Höhe ent­falten. Alte und neue Balken blieben sichtbar und es ent­stand eine Sym­biose aus Alt und Neu, aus ver­ti­kalem und hori­zon­talem Raum.
Die Nähe zum See inspi­rierte Ilona, kera­mische Fliesen in Fischform für Küche und Kaminbank her­zu­stellen.

© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern
© Fer­dinand von Hohen­zollern

Alter Keller, neue Kuben

Das ehe­malige Ver­wal­terhaus oberhalb des See­ufers bildete die nächste Bau­stufe. Es war jedoch leider in sich zusam­men­ge­fallen, so dass wir uns ent­scheiden mussten: bauen wir das Haus wieder auf oder schaffen wir etwas Neues? Der Feld­stein­sockel mit dem Gewöl­be­keller konnte noch gerettet werden, aber die oberen Geschosse mussten abge­tragen werden und eröff­neten Freiraum für etwas Neues: Der Kel­ler­sockel wurde zur Basis für zwei neue Kuben, die darauf ver­setzt über­ein­an­der­ge­stapelt wurden. Der Erd­ge­schoss­kubus erlaubt groß­zügige Blicke auf den See und lässt durch die umlau­fende Ter­rasse Drinnen und Draußen ver­schwimmen.

© Fer­dinand von Hohen­zollern

Nachdem wir das Steinhaus bereits erfolg­reich ver­mietet hatten und die Region immer attrak­tiver wurde, wollten wir weitere Feri­en­woh­nungen schaffen. Die vor­han­denen Sied­ler­häuser waren wirt­schaftlich nicht zu erhalten. So konnten wir zwei neue Häuser mit jeweils zwei Feri­en­woh­nungen errichten und sie zum See aus­richten. Die Häuser sind L‑förmig ange­ordnet und bilden mit der Scheu­nen­ruine eine Hof­si­tuation.
Da das Land­leben vielfach im Freien statt­findet, planten wir die Häuser ein­ge­schossig und erlaubten damit einen Aus­tritt aus allen Wohn- und Schlaf­räumen ins Freie und älteren Men­schen, sich bar­rie­refrei zu bewegen. Zugang, Bäder und Küchen sind zum Hof hin ori­en­tiert, so man sich dort gemein­schaftlich treffen oder auf die zum See und den Feldern hin gewandten Seiten zurück­ziehen kann.

In die flachen Bau­körper wurden Kuben gesteckt, welche die Wohn­zimmer mit grö­ßerer Raumhöhe ent­halten und von Ter­rassen umrahmt sind. Die orts­üb­lichen Mate­rialien Ziegel, Putz und Holz sowie Feld­stein finden sich bei unseren neuen Häusern wieder und ver­binden die kubi­schen Bau­formen mit der Mate­ria­lität des Dorfes.

© Bernd Bor­chardt
© Bernd Bor­chardt
© Bernd Bor­chardt
© Fer­dinand von Hohen­zollern

Kultur leben

Die mächtige Park­scheune dient der Künst­lerin als Atelier und ermög­licht Work­shops sowie kul­tu­relle Ver­an­stal­tungen. In der nächsten Bau­stufe soll die zweite, am See gelegene Scheune aus­gebaut werden und weitere Gäs­te­zimmer sowie einen mit einem Atelier ver­bun­denen Semi­narraum erhalten, da zunehmend Gruppen und Unter­nehmen aus der Stadt nach Räumen für Work­shops auf dem Land fragen.
Dort wollen wir unseren Besucher:innen auch ermög­lichen, sich inten­siver mit öko­lo­gi­schen Themen zu beschäf­tigen. In einer Werk­statt­küche wollen wir Kochen mit Pro­dukten aus der Region und dem eigenen Garten anbieten und mit Work­shops im Atelier mit hand­werk­lichen und hap­ti­schen Erleb­nissen ergänzen. Damit hoffen wir, auch in der Region Interesse in Schulen, Unter­nehmen und bei Pri­vat­per­sonen zu wecken. Die Ruine der Feld­scheune soll schließlich Open-Air-Ver­an­stal­tungen einen attrak­tiven Rahmen bieten.

Über unsere Tätig­keiten als Künst­lerin, Architekt und Ver­mieter von Feri­en­woh­nungen hinaus wollen wir einen kul­tu­rellen Beitrag für die Region leisten, welcher Kunst, Musik und Lite­ratur als ver­bin­dende Ele­mente mit Gesell­schaft, Wirt­schaft und Natur eta­bliert. Gemeinsam mit ucker­mär­ki­schen Freund:innen aus dem krea­tiven Bereich haben wir 2007 das UM-Fes­tival gegründet, welches wir alle zwei Jahre in Fergitz und den benach­barten Dörfern Pinnow und Gers­walde ver­an­stalten.
Gut Fergitz ist ein Ort der Kunst und der Archi­tektur geworden.

Ilona Kálnoky © Christian Kerber

Kunst/art: Sonja Alhäuser, Dennis Fed­dersen © Csaba Szalay

Ilona Kálnoky, F. von Hohen­zollern © Simon Annand
Kunst/art: Dennis Fed­dersen © Csaba Szalay
© Simon Annand
Kunst/art: Johannes Buss © Fer­dinand von Hohen­zollern
Kunst/art: David Moises © Csaba Szalay
Musik/music: Blech Potzlow © Fer­dinand von Hohen­zollern

Nach­haltige Inter­aktion

Mitt­ler­weile hat sich die Uckermark als beliebtes Nah­erho­lungsziel eta­bliert. Zunehmend werden Bau­ern­häuser, Scheunen und Her­ren­häuser zu Feri­en­woh­nungen und Semi­nar­häusern auf hohem archi­tek­to­ni­schem Niveau aus­gebaut. Seit über 20 Jahren planen wir in der Region Um- und Neu­bauten, viele davon sind denk­mal­ge­schützt. Neben dem Gut Fergitz sind der Gutshof Fre­den­walde und das Feri­enhaus St. Unterholz in Kraatz bei URLAUBSARCHITEKTUR zu finden.

Die Region hat uns in den ver­gan­genen Jahren sehr geprägt und uns zu Ucker­märkern werden lassen. Wir beschäf­tigen uns zunehmend mit dem Leben im Bio­sphä­ren­re­servat und der sozialen und wirt­schaft­lichen Ent­wicklung auf dem Land, haben Netz­werke auf­gebaut und nehmen nach­haltige Kon­zepte in unseren Betrieb auf. Mit unseren Kolleg:innen in der Tou­ristik pflegen wir regel­mä­ßigen Aus­tausch, besonders mit den UA-Partner:innen der Region.
Wir wollen die regio­nalen Kräfte stärken und einen Beitrag zu einer zukunfts­fä­higen und lebens­werten Region zwi­schen Berlin und Stettin leisten.

© Fer­dinand von Hohen­zollern

Text: Ilona Kálnoky und Fer­dinand von Hohen­zollern, März 2021

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Gut Fergitz

3 Kommentare

Danke! wir freuen uns über euer kommen. Die Uckermark ist das ganze Jahr spannend.

Ilona Kálnoky sagt:

Ich habe selten eine so gelungene Reno­vierung und Neu­ge­staltung gesehen. So geschmackvoll und dennoch gemütlich. Chapeau!

Marina Watteck sagt:

Das ist wun­der­schön, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin muss ich mal einen Abstecher in diese Gegend machen; wir reno­vieren zur Zeit einen Bau­ernhof in den ita­lie­ni­schen Marken und können uns vor­stellen wie anspruchsvoll Euer Projekt war..Congratulations! Grüße aus Pullach, Hansjörg Schütz und Familie

Hansjörg Schütz sagt:

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