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Neue Urlaubs­ar­chi­tektur: Andrea Gebhard im Gespräch

Welche Rolle können Ferienhäuser in Krisenzeiten spielen und wie kann eine „neue“ Urlaubsarchitektur möglicherweise aussehen? Wir haben uns hierüber mit Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer unterhalten. Und nebenbei erfahren, was für sie wahres Urlaubsglück bedeutet.

von Ulrich Stefan Knoll im November 2022

 Neue Urlaubs­ar­chi­tektur: Andrea Gebhard im Gespräch in  /

Frau Gebhard, Architekt:innen stehen in Zeiten von Ener­gie­wende und Kli­ma­wandel vor mas­siven Her­aus­for­de­rungen und tragen eine große gesell­schaft­liche Ver­ant­wortung. Kann das Feri­enhaus „als Labor der Archi­tektur“ in diesen Zusam­men­hängen aus Ihrer Sicht eine nen­nens­werte Rolle in der Wei­ter­ent­wicklung und Anpassung spielen?

Andrea Gebhard: Ob Urlaubs­ar­chi­tektur eine nen­nens­werte Rolle bei der Bewäl­tigung der Kli­ma­ka­ta­strophe spielen kann, ist auf den ersten Blick nicht offen­sichtlich. Auf alle Fälle können in Feri­en­häusern neue Ideen aus­pro­biert werden, und auch gerade gebrauchte Mate­rialien her­vor­ragend ein­ge­setzt werden. Auch die Erprobung unter­schied­lichster Grund­risse und das Zusam­men­schalten ver­schie­dener Woh­nungs­größen ist oft eine groß­artige Mög­lichkeit, neue kom­pakte Wohn­formen zu erfahren. Wenn es gelingt, diese Erfah­rungen dann zu ska­lieren und in der Breite umzu­setzen, wäre das sicherlich ein Beitrag. 

Wo genau sehen Sie Chancen, dass Besitzer:innen und Architekt:innen von Feri­en­im­mo­bilien in Zukunft ver­mehrt einen Beitrag zur Kri­sen­be­wäl­tigung leisten können?

Andrea Gebhard: Der Beitrag ist neben den oben genannten Aspekten das Auf­brechen von Gewohn­heiten. Mich erstaunt ja immer wieder, wie wenig kom­for­tabel Men­schen im Urlaub ihre Zeit auf Cam­ping­plätzen und im Wohn­mobil ver­bringen, aber der Kom­fort­an­spruch in der eigenen Wohnung hoch­ge­schraubt wird, so dass wir immer mehr Normen im Woh­nungsbau zu beachten haben.
Ich sehe große Chancen in der ein­fachen Schlichtheit, die Urlaubs­ar­chi­tektur ver­mitteln kann.

Wäre nicht gerade der Feri­en­haus­be­reich die per­fekte „Spiel­wiese“ für die Erprobung des geplanten, neuen Gebäu­detyps E*?  Mehr Spielraum und Inno­vation beim Planen und Bauen durch eine ver­rin­gerte Anzahl an Normen, Richt­linien und Anfor­de­rungen hört sich für uns auf jeden Fall grund­sätzlich ver­hei­ßungsvoll an…

Andrea Gebhard: Selbst­ver­ständlich würde ich es sehr begrüßen, wenn Urlaubs­ar­chi­tektur hier gute Bei­spiele ent­wi­ckelt und die „Neue Urlaubs­ar­chi­tektur“ mög­lichst von dem Umbau vor­han­dener Struk­turen ausgeht und dadurch Gebäu­de­be­stand auch auf­werten kann.

Bauen ist aktuell nicht nur teuer, komplex und es fehlen oft schlicht die Handwerker:innen. Unserer Beob­achtung nach kommt erschwerend hinzu, dass gerade in Metro­pol­re­gionen Immo­bi­li­en­knappheit und hor­rende Preise herr­schen – während auf dem Land vie­lerorts nach wie vor der Leer­stand eines der großen Themen ist. Müssen sich Stadt­planung und Archi­tektur neu jus­tieren, um mit­tel­fristig die Flucht auf’s Land ein­zu­dämmen? Oder ist diese viel­leicht sogar eher eine gesell­schaft­liche Chance?

Andrea Gebhard: Unsere Chance als Gesell­schaft liegt in dem not­wen­digen Ver­ständnis von Stadt und Land als räum­liches Kon­tinuum. Nur, wenn wir ver­stehen, dass sowohl die Stadt mit dem Land und umge­kehrt nur ver­schränkt funk­tio­niert, können wir die Krisen, vor denen wir stehen, bewäl­tigen. Dazu gehört auch, mit klugen Mobi­li­täts­an­ge­boten und effek­tiver Digi­ta­li­sierung, die vor­han­denen Schätze an Woh­nungs­be­stand im länd­lichen Raum zu heben und es somit den Men­schen ermög­lichen, auch in länd­lichen Kom­munen zu leben und zu arbeiten.
Ich würde derzeit nicht von einer Flucht auf das Land sprechen, sondern von der Chance, den Men­schen unter­schied­liche Lebens­standorte anbieten zu können.

Last, but not least: Wenn Sie selbst in den Urlaub fahren — worauf legen Sie Wert und was ist bei einer Unter­kunft aus Ihrer Sicht explizit ein “No go“?

Andrea Gebhard: Mir ist die Schönheit sowohl der Umgebung als auch des Hotels bezie­hungs­weise der Feri­en­wohnung extrem wichtig. Lieber ist der Urlaub kurz, aber Unter­kunft und Land­schaft, respektive Stadt wun­derbar. 
Auch der Komfort im Hin­blick auf Service hat für mich einen hohen Stel­lenwert. 

Der absolute Traum war ein Haus in Italien, das wir zu elft mieten konnten und eine Köchin aus der Nach­bar­schaft uns immer ein herr­liches, ganz ein­faches Essen zube­reitet hat.
Es war wie in der Kindheit: Ferien bei der Groß­mutter… den ganzen Tag am Fluss schwimmen und daheim dann köst­lichstes Essen genießen. Und vor allem, man musste sich um nichts kümmern – Erholung pur!

Ein No Go ist ein hässlich ein­ge­rich­tetes Feri­enhaus oder ein Hotel mit unfreund­lichem Per­sonal oder an einer lauten Straße. Ich ziehe dann sofort um.

* E wie „ein­faches Bauen“ bzw. „expe­ri­men­telles Bauen“. Weitere Infor­ma­tionen


Andrea Gebhard ist seit Mai 2021 Prä­si­dentin der Bun­des­ar­chi­tek­ten­kammer. Die Land­schafts­ar­chi­tektin und Stadt­pla­nerin hat sich bereits zuvor lang­jährig und vielfach berufs­po­li­tisch enga­giert.

Das Gespräch führte Ulrich Stefan Knoll im Oktober 2022.

Introbild: © Lau­rence Cha­peron

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