Sakral, radikal, phänomenal: Derneburg
Einst das uneinnehmbare Reich des Malerfürsten Georg Baselitz, entwickelt sich Schloss Derneburg in Niedersachsen heute zu einem der größten privaten Museen für zeitgenössische Kunst in Europa.
„Achtung, bissiger Hund.“ Ein verschlossenes Tor, undurchdringliche Hecken, vier hohe Wehrtürme: Schloss Derneburg, östlich von Hildesheim gelegen, wirkte jahrzehntelang, als hüte es ein finsteres Geheimnis. Dabei herrschte hier kein Raubritter, sondern ein Malerfürst – meist mit Mütze, gern mit Zigarre. Empfangen wurden allerdings nur jene, die er empfangen wollte: Galeristen, Sammler, befreundete Künstler. Georg Baselitz, der bis 2006 rund 32 Jahre lang mit seiner Familie im Schloss lebte und arbeitete, wollte seine Ruhe, und das radikal. Die Derneburger Nachbarschaft, die Bewohner von Holle, Luttrum, Heersum oder Sottrum – sie mussten leider draußen bleiben.




Heute ist das anders. Hunde sind im Kunstmuseum Schloss Derneburg verboten, Besucher dagegen ausdrücklich willkommen. Aus der abgeschotteten Künstlerfestung ist ein offenes Haus für die Kunst geworden.
Wenn auch gerade nur samstags und sonntags und im Schloss nur mit Führung: Das historische Tragwerk im Nordflügel, in dem bis Ende 2024 Ausstellungsflächen, Café und Tee-Salon zum Besuch luden, hielt der neuen Nutzung nicht stand und muss nun denkmalgerecht ertüchtigt werden. Der reduzierte Publikumsverkehr während der laufenden Arbeiten ist ein Kompromiss – jedoch besser als eine Schließung und im Sinne der neuen Schlossherrschaft Andrew und Christine Hall und ihrer Hall Art Foundation, deren Anspruch es ist, Kunst öffentlich zugänglich zu machen. 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden momentan bespielt, weitere 4000 sind geplant. Das Museum in Derneburg – 2017 wurde zudem die Hall Art Foundation in Reading, Vermont eröffnet – wird nach Abschluss der Sanierung zu den größten privaten Museen für zeitgenössische Kunst in Europa zählen, verteilt auf Schloss und Nebengebäude.
Die Genehmigung für die erste Bauphase eines Restaurants ist, so Geschäftsführer Alexander Haviland, nach langem Zögern inzwischen erteilt. “Was das geplante Hotel oder Gästehaus betrifft, ist die Zukunft ungewisser. Wie dies aussehen wird oder wann die Arbeiten beginnen, können wir gerade nicht beantworten.” Dabei sei alles vorhanden, meint Martin Ganzkow kopfschüttelnd, während er eine sechsköpfige Gruppe durch die Parkanlage führt und en passant die Historie lebendig werden lässt: eine räumliche Vision, ausreichend Mittel und ein ausgeprägter gestalterischer Wille. Wenn nur der Denkmalschutz nicht wäre…



Die Zukunft ist also verheißungsvoll, doch aufregend ist auch die Geschichte dieses Ortes. Aus einer Mordsühne ging das Anwesen hervor: Ein Markgraf von Winzenburg veranlasste 1130 die Ermordung eines Grafen, sein Sohn stiftete zur Buße ein Nonnenkloster, das 1213 von Augustinerinnen bezogen wurde. Nachdem diese dem Abt offenbar zu unfolgsam geworden waren, übernahmen die Zisterzienser. Ora et labora: Die Mönche entwickelten die Anlage zu einer landwirtschaftlichen Domäne, zeitweise bewirtschafteten 100 Brüder und ebenso viele Bauern den Betrieb. Sie erschlossen einen Sandsteinbruch, hielten Vieh, legten Fischteiche an, bauten eine Mühle, brauten Bier und beteten, bis Napoleon dem Klosterleben ein Ende setzte und die Anlage zur Kaserne umfunktionierte.
1814 fiel das verwilderte Anwesen an Ernst Graf zu Münster, als Dank für seine Verhandlungskünste auf dem Wiener Kongress. Repräsentativ leben ließ es sich dort zunächst allerdings nicht. Erst sein in London aufgewachsener Sohn beauftragte zwischen 1846 und 1848 den hannoverschen Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves, die Gemäuer in ein Schloss im englisch-gotischen Tudorstil umzubauen, samt angemessenem Landschaftsgarten mit dorischem Tempel und einer gut zehn Meter hohen ägyptischen Steilpyramide. Die barocke Klosterkirche wurde zum Rittersaal, in dem der Graf bereits Kunst an die hohen Wände hängte, vier schlanke Wehrtürme setzen fortan dekorative Akzente. Im Zweiten Weltkrieg diente der Adelssitz als Lazarett, später als Flüchtlingslager und Altenheim.




Bis 1975 ein Mann dem standhaften Anwesen seine Geschichte einschrieb: Georg Baselitz. 1938 im sächsischen Deutschbaselitz als Hans-Georg Bruno Kern geboren, 1957 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Ost-Berliner Kunsthochschule verwiesen und ein Jahr später in den Westen geflohen, kaufte das Schloss für 300.000 Mark – Berlin war ihm zu eng, zu voll, zu laut geworden. 1963 hatte die Staatsanwaltschaft sein Debüt beschlagnahmt, „Die große Nacht im Eimer“ galt als unzüchtig. Fünf Jahre später begann er, seine Motive auf den Kopf zu stellen – ein radikaler Perspektivwechsel, der zu seinem Markenzeichen wurde. Während die Kollegen im Umzug ins niedersächsische Abseits das Ende seiner Karriere sahen, war er vom Gegenteil überzeugt. Und sollte Recht behalten: Raum und Ruhe, sie taten seiner Kunst gut. Heute zählt Baselitz zu den bedeutendsten Nachkriegskünstlern.
Dass die Gemeinde Holle jedoch im nahen Dorfbegegnungshaus feierte und der Laves-Kulturpfad seit 1988 Besucher anzog – „billiger Tourismus“ –, passte dem Künstler gar nicht. Not in his backyard, nicht rund um sein Schloss. Drinnen arbeitete er, in Ateliers im Rittersaal und in der ehemaligen Schlossküche. Die Skizzen, die er dort an die Wände warf, sind heute hinter Glas geschützte Reliquien, davor sein übermannshohes Selbstbildnis mit Mütze, daneben der überfraugroße gelbe Bronzekopf seiner Frau Elke. Aus einem Stück kreissägte Baselitz seine Skulpturen. Als die Baumstämme nicht mehr durch die engen Flure passten, ließ er sich 1995 von den Basler Architekten Wilfried und Katharina Steib im Park einen neuen Werkraum bauen, in dem seit 2023 „Baselitz im Atelier“ zu sehen ist.

Dem unnahbaren Menschen Baselitz kommt man allerdings auch hier nicht mehr nah: Persönliche Spuren des Künstlers und der Familie sind weitgehend entfernt, Werkzeuge und Farben, Bücher und Möbel haben die Räume verlassen. In Derneburg geht es heute um Kunst, nicht um Kult. Das Atelier, außen expressiv horizontal verschalt und angemessen patiniert, ist innen ein strahlend weißer Raum, auf drei Seiten fensterlos, von oben belichtet. „Ich finde, ich bin ein Bürger. Ich hab’ eine Frau, zwei Kinder, führe ein braves Leben“, sagte Baselitz einmal. „Aber wenn ich Bilder male, bin ich außerhalb der Gesellschaft.“ Das war keine Koketterie, sondern Geschäftsgrundlage. Die Isolation war Bedingung, nicht Beiwerk. Wäre Picasso hier eingezogen, mutmaßt Schlossführer Martin Ganzkow, hätte man sicher zusammen gefeiert und getrunken. Baselitz ging man besser aus dem Weg.
Rund drei Jahrzehnte lebte er im Schloss. Im Winter war es kalt, irgendwo war immer Baustelle, dazu die vielen Treppen – mit Ende Sechzig verließ er Derneburg. Sein Plan eines eigenen Museums scheiterte an Bund und Land, die nicht konnten oder nicht wollten. Andrew Hall dagegen konnte und wollte: Der anglo-amerikanische Hedgefonds-Manager erwarb zunächst Baselitz’ Sammlung, 260 Kunstwerke. Oft waren er und seine Frau Christine vorher zu Gast bei der Familie. Als der Maler fragte: „Andy, warum kaufst du nicht gleich das Schloss?“, übernahm Hall 2006 auch das Anwesen, samt Pyramide und Dornröschenhecken. Think big, size matters. Baselitz zog an den Ammersee, in ein Ensemble von Herzog & de Meuron, von dem sich keine professionellen Fotos finden lassen. Ruhig wird es auch dort gewesen sein. Zugig vermutlich nicht.
Seit 2007 also wächst in Derneburg, Jahr für Jahr und Raum für Raum, eines der größten privaten Museen für zeitgenössische Kunst in Europa heran. Mehrere tausend Werke umfasst die Sammlung, jährlich kommen zahlreiche Werke hinzu.



Die Gärten werden seit 2020 als Biopark mit Wildblumen gepflegt. „Viele Menschen sind von Kunst eingeschüchtert, besonders von zeitgenössischer“, weiß Andrew Hall. „Wir machen es ihnen leicht.“ Sie kommen des Kreuzgangs und des Parks wegen, sagen: „Schön ist es hier“, und schauen sich dann „dieses Zeug“ eben doch an. So, meint Hall, kriegt man die Leute.
Die Nonnen und ihre Zellen, die Mönche und ihre Teiche, die Grafen und ihre Gärten, der Maler und seine Ateliers, der Sammler und seine Säle: Geistliches, Weltliches und Künstlerisches, all das ist heute wieder lebendig in Derneburg. Was wohl Georg Baselitz dazu sagen würde, der am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren in Salzburg starb? „Ich möchte mir nicht selbst ein Denkmal setzen. Aber ich freue mich, wenn es jemand für mich tut.“
Als Skulptur begrüßt er heute die Besucher im Park, gemeinsam mit seiner Frau. Die beiden befinden sich in guter Gesellschaft – zwischen Werken von Antony Gormley, Erwin Wurm, Ulrich Rückriem, Julian Schnabel, Richard Long oder Tracey Emin. „Konferenz“ heißt die Ausstellung der vier Freunde Baselitz, Immendorff, Lüpertz und Penck, seit Mitte Juni sind Arbeiten von Daniel Buren, Michael Craig-Martin, Marcia Hafif, Carmen Herrera, Robert Indiana, KAWS, Imi Knoebel, Dóra Maurer oder Kenneth Noland im Schloss zu sehen. Baselitz’ ehemalige Festung im ehemaligen niedersächsischen Grenzgebiet entwickelt sich zum Wallfahrtsziel für Kunstpilger. Und nein: Ein schimpfendes Schlossgespenst mit Mütze und Zigarre ist hier bislang niemandem begegnet.
Das Kunstmuseum Schloss Derneburg ist von März bis Oktober samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Kunstausstellungen im Schloss können momentan nur mit Führung besucht werden, der Skulpturenpark, das neue Atelier und die Ausstellung in der ehemaligen Schafscheune sind individuell zugänglich.
Text: Katharina Matzig
Von ihrem Studienort Braunschweig aus wäre es für Katharina Matzig nur ein Katzensprung nach Derneburg gewesen. Die Anreise aus München war bedeutend länger – doch jeder einzelne der knapp 600 Kilometer hat sich gelohnt: landschaftlich, architektonisch, historisch, kunsthistorisch. Für den Laves-Kulturpfad blieb leider keine Zeit. Doch das ist eine andere Geschichte…
Fotografie: Antony Gormley, SLEEPING FIELD, 2015–2016 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. © Künstler, Foto: Heinrich Hecht (Titelbild), Nicole Eisenman, Inhaling Object Symbol Guy, 2024 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Collection. Hall Art Foundation. © Künstlerin, Foto: Franziska Lenferink (1), Kunstmuseum Schloss Derneburg. © Hall Art Foundation, Foto: Franziska Lenferink (2), Antony Gomley, BLOCK II, 2017 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Art Foundation. © Künstler, Foto: Franziska Lenferink (3), Skulpturenpark, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. © Hall Art Foundation, Foto: Franziska Lenferink (4–6), Nicole Eisenman, Schloss Lyfe, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. © Hall Art Foundation, Foto: Roman März (7), Georg Baselitz, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. © Hall Art Foundation, Foto: Roman März (8–10), Konferenz: Baselitz, Immendorff, Lüpertz, Penck, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. © Hall Art Foundation, Foto: Roman März (11), Jeppe Hein, ALL AROUND YOU I, 2017 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Collection. © Künstler, Foto: Franziska Lenferink (12), Erwin Wurm, Big Step, 2023 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Collection. Hall Art Foundation. © Künstler, Foto: Franziska Lenferink (13), Julian Schnabel, Joe, 1983 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Art Foundation. © Künstler, Foto: Franziska Lenferink (14), Dan Graham, Anamorphic Surfaces / 2‑way mirror / perforated steel, 2007–2008 [Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg]. Hall Collection. Hall Art Foundation. © Künstler, Foto: Franziska Lenferink (15)
Ein Kommentar
unbedingt hinfahren !