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Sakral, radikal, phä­no­menal: Der­neburg

Einst das uneinnehmbare Reich des Malerfürsten Georg Baselitz, entwickelt sich Schloss Derneburg in Niedersachsen heute zu einem der größten privaten Museen für zeitgenössische Kunst in Europa.

von Katharina Matzig im Juni 2026

 Sakral, radikal, phä­no­menal: Der­neburg in  /

„Achtung, bis­siger Hund.“ Ein ver­schlos­senes Tor, undurch­dring­liche Hecken, vier hohe Wehr­türme: Schloss Der­neburg, östlich von Hil­desheim gelegen, wirkte jahr­zehn­telang, als hüte es ein fins­teres Geheimnis. Dabei herrschte hier kein Raub­ritter, sondern ein Maler­fürst – meist mit Mütze, gern mit Zigarre. Emp­fangen wurden aller­dings nur jene, die er emp­fangen wollte: Gale­risten, Sammler, befreundete Künstler. Georg Baselitz, der bis 2006 rund 32 Jahre lang mit seiner Familie im Schloss lebte und arbeitete, wollte seine Ruhe, und das radikal. Die Der­ne­burger Nach­bar­schaft, die Bewohner von Holle, Luttrum, Heersum oder Sottrum – sie mussten leider draußen bleiben.

Heute ist das anders. Hunde sind im Kunst­museum Schloss Der­neburg ver­boten, Besucher dagegen aus­drücklich will­kommen. Aus der abge­schot­teten Künst­ler­festung ist ein offenes Haus für die Kunst geworden.

Wenn auch gerade nur samstags und sonntags und im Schloss nur mit Führung: Das his­to­rische Tragwerk im Nord­flügel, in dem bis Ende 2024 Aus­stel­lungs­flächen, Café und Tee-Salon zum Besuch luden, hielt der neuen Nutzung nicht stand und muss nun denk­mal­ge­recht ertüchtigt werden. Der redu­zierte Publi­kums­verkehr während der lau­fenden Arbeiten ist ein Kom­promiss – jedoch besser als eine Schließung und im Sinne der neuen Schloss­herr­schaft Andrew und Christine Hall und ihrer Hall Art Foun­dation, deren Anspruch es ist, Kunst öffentlich zugänglich zu machen. 5000 Qua­drat­meter Aus­stel­lungs­fläche werden momentan bespielt, weitere 4000 sind geplant. Das Museum in Der­neburg – 2017 wurde zudem die Hall Art Foun­dation in Reading, Vermont eröffnet – wird nach Abschluss der Sanierung zu den größten pri­vaten Museen für zeit­ge­nös­sische Kunst in Europa zählen, ver­teilt auf Schloss und Neben­ge­bäude.

Die Geneh­migung für die erste Bau­phase eines Restau­rants ist, so Geschäfts­führer Alex­ander Haviland, nach langem Zögern inzwi­schen erteilt. “Was das geplante Hotel oder Gäs­tehaus betrifft, ist die Zukunft unge­wisser. Wie dies aus­sehen wird oder wann die Arbeiten beginnen, können wir gerade nicht beant­worten.” Dabei sei alles vor­handen, meint Martin Ganzkow kopf­schüt­telnd, während er eine sechs­köpfige Gruppe durch die Park­anlage führt und en passant die His­torie lebendig werden lässt: eine räum­liche Vision, aus­rei­chend Mittel und ein aus­ge­prägter gestal­te­ri­scher Wille. Wenn nur der Denk­mal­schutz nicht wäre…

Die Zukunft ist also ver­hei­ßungsvoll, doch auf­regend ist auch die Geschichte dieses Ortes. Aus einer Mord­sühne ging das Anwesen hervor: Ein Markgraf von Win­zenburg ver­an­lasste 1130 die Ermordung eines Grafen, sein Sohn stiftete zur Buße ein Non­nen­kloster, das 1213 von Augus­ti­ne­rinnen bezogen wurde. Nachdem diese dem Abt offenbar zu unfolgsam geworden waren, über­nahmen die Zis­ter­zi­enser. Ora et labora: Die Mönche ent­wi­ckelten die Anlage zu einer land­wirt­schaft­lichen Domäne, zeit­weise bewirt­schaf­teten 100 Brüder und ebenso viele Bauern den Betrieb. Sie erschlossen einen Sand­stein­bruch, hielten Vieh, legten Fisch­teiche an, bauten eine Mühle, brauten Bier und beteten, bis Napoleon dem Klos­ter­leben ein Ende setzte und die Anlage zur Kaserne umfunk­tio­nierte.

1814 fiel das ver­wil­derte Anwesen an Ernst Graf zu Münster, als Dank für seine Ver­hand­lungs­künste auf dem Wiener Kon­gress. Reprä­sen­tativ leben ließ es sich dort zunächst aller­dings nicht. Erst sein in London auf­ge­wach­sener Sohn beauf­tragte zwi­schen 1846 und 1848 den han­no­ver­schen Hof­bau­meister Georg Ludwig Friedrich Laves, die Gemäuer in ein Schloss im eng­lisch-goti­schen Tudorstil umzu­bauen, samt ange­mes­senem Land­schafts­garten mit dori­schem Tempel und einer gut zehn Meter hohen ägyp­ti­schen Steil­py­ramide. Die barocke Klos­ter­kirche wurde zum Rit­tersaal, in dem der Graf bereits Kunst an die hohen Wände hängte, vier schlanke Wehr­türme setzen fortan deko­rative Akzente. Im Zweiten Welt­krieg diente der Adelssitz als Lazarett, später als Flücht­lings­lager und Altenheim.

Bis 1975 ein Mann dem stand­haften Anwesen seine Geschichte ein­schrieb: Georg Baselitz. 1938 im säch­si­schen Deutsch­baselitz als Hans-Georg Bruno Kern geboren, 1957 wegen „gesell­schafts­po­li­ti­scher Unreife“ von der Ost-Ber­liner Kunst­hoch­schule ver­wiesen und ein Jahr später in den Westen geflohen, kaufte das Schloss für 300.000 Mark – Berlin war ihm zu eng, zu voll, zu laut geworden. 1963 hatte die Staats­an­walt­schaft sein Debüt beschlag­nahmt, „Die große Nacht im Eimer“ galt als unzüchtig. Fünf Jahre später begann er, seine Motive auf den Kopf zu stellen – ein radi­kaler Per­spek­tiv­wechsel, der zu seinem Mar­ken­zeichen wurde. Während die Kol­legen im Umzug ins nie­der­säch­sische Abseits das Ende seiner Kar­riere sahen, war er vom Gegenteil über­zeugt. Und sollte Recht behalten: Raum und Ruhe, sie taten seiner Kunst gut. Heute zählt Baselitz zu den bedeu­tendsten Nach­kriegs­künstlern.

Dass die Gemeinde Holle jedoch im nahen Dorf­be­geg­nungshaus feierte und der Laves-Kul­turpfad seit 1988 Besucher anzog – „bil­liger Tou­rismus“ –, passte dem Künstler gar nicht. Not in his backyard, nicht rund um sein Schloss. Drinnen arbeitete er, in Ate­liers im Rit­tersaal und in der ehe­ma­ligen Schloss­küche. Die Skizzen, die er dort an die Wände warf, sind heute hinter Glas geschützte Reli­quien, davor sein über­manns­hohes Selbst­bildnis mit Mütze, daneben der über­frau­große gelbe Bron­zekopf seiner Frau Elke. Aus einem Stück kreis­sägte Baselitz seine Skulp­turen. Als die Baum­stämme nicht mehr durch die engen Flure passten, ließ er sich 1995 von den Basler Archi­tekten Wil­fried und Katharina Steib im Park einen neuen Werkraum bauen, in dem seit 2023 „Baselitz im Atelier“ zu sehen ist.

Dem unnah­baren Men­schen Baselitz kommt man aller­dings auch hier nicht mehr nah: Per­sön­liche Spuren des Künstlers und der Familie sind weit­gehend ent­fernt, Werk­zeuge und Farben, Bücher und Möbel haben die Räume ver­lassen. In Der­neburg geht es heute um Kunst, nicht um Kult. Das Atelier, außen expressiv hori­zontal ver­schalt und ange­messen pati­niert, ist innen ein strahlend weißer Raum, auf drei Seiten fens­terlos, von oben belichtet. „Ich finde, ich bin ein Bürger. Ich hab’ eine Frau, zwei Kinder, führe ein braves Leben“, sagte Baselitz einmal. „Aber wenn ich Bilder male, bin ich außerhalb der Gesell­schaft.“ Das war keine Koket­terie, sondern Geschäfts­grundlage. Die Iso­lation war Bedingung, nicht Beiwerk. Wäre Picasso hier ein­ge­zogen, mutmaßt Schloss­führer Martin Ganzkow, hätte man sicher zusammen gefeiert und getrunken. Baselitz ging man besser aus dem Weg.

Rund drei Jahr­zehnte lebte er im Schloss. Im Winter war es kalt, irgendwo war immer Bau­stelle, dazu die vielen Treppen – mit Ende Sechzig verließ er Der­neburg. Sein Plan eines eigenen Museums schei­terte an Bund und Land, die nicht konnten oder nicht wollten. Andrew Hall dagegen konnte und wollte: Der anglo-ame­ri­ka­nische Hedge­fonds-Manager erwarb zunächst Baselitz’ Sammlung, 260 Kunst­werke. Oft waren er und seine Frau Christine vorher zu Gast bei der Familie. Als der Maler fragte: „Andy, warum kaufst du nicht gleich das Schloss?“, übernahm Hall 2006 auch das Anwesen, samt Pyramide und Dorn­rös­chen­hecken. Think big, size matters. Baselitz zog an den Ammersee, in ein Ensemble von Herzog & de Meuron, von dem sich keine pro­fes­sio­nellen Fotos finden lassen. Ruhig wird es auch dort gewesen sein. Zugig ver­mutlich nicht.

Seit 2007 also wächst in Der­neburg, Jahr für Jahr und Raum für Raum, eines der größten pri­vaten Museen für zeit­ge­nös­sische Kunst in Europa heran. Mehrere tausend Werke umfasst die Sammlung, jährlich kommen zahl­reiche Werke hinzu.

Die Gärten werden seit 2020 als Biopark mit Wild­blumen gepflegt. „Viele Men­schen sind von Kunst ein­ge­schüchtert, besonders von zeit­ge­nös­si­scher“, weiß Andrew Hall. „Wir machen es ihnen leicht.“ Sie kommen des Kreuz­gangs und des Parks wegen, sagen: „Schön ist es hier“, und schauen sich dann „dieses Zeug“ eben doch an. So, meint Hall, kriegt man die Leute.

Die Nonnen und ihre Zellen, die Mönche und ihre Teiche, die Grafen und ihre Gärten, der Maler und seine Ate­liers, der Sammler und seine Säle: Geist­liches, Welt­liches und Künst­le­ri­sches, all das ist heute wieder lebendig in Der­neburg. Was wohl Georg Baselitz dazu sagen würde, der am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren in Salzburg starb? „Ich möchte mir nicht selbst ein Denkmal setzen. Aber ich freue mich, wenn es jemand für mich tut.“

Als Skulptur begrüßt er heute die Besucher im Park, gemeinsam mit seiner Frau. Die beiden befinden sich in guter Gesell­schaft – zwi­schen Werken von Antony Gormley, Erwin Wurm, Ulrich Rückriem, Julian Schnabel, Richard Long oder Tracey Emin. „Kon­ferenz“ heißt die Aus­stellung der vier Freunde Baselitz, Immendorff, Lüpertz und Penck, seit Mitte Juni sind Arbeiten von Daniel Buren, Michael Craig-Martin, Marcia Hafif, Carmen Herrera, Robert Indiana, KAWS, Imi Knoebel, Dóra Maurer oder Kenneth Noland im Schloss zu sehen. Baselitz’ ehe­malige Festung im ehe­ma­ligen nie­der­säch­si­schen Grenz­gebiet ent­wi­ckelt sich zum Wall­fahrtsziel für Kunst­pilger. Und nein: Ein schimp­fendes Schloss­ge­spenst mit Mütze und Zigarre ist hier bislang nie­mandem begegnet.


Das Kunst­museum Schloss Der­neburg ist von März bis Oktober samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Kunst­aus­stel­lungen im Schloss können momentan nur mit Führung besucht werden, der Skulp­tu­renpark, das neue Atelier und die Aus­stellung in der ehe­ma­ligen Schaf­scheune sind indi­vi­duell zugänglich.

www.sdmuseum.de

Text: Katharina Matzig

Von ihrem Stu­di­enort Braun­schweig aus wäre es für Katharina Matzig nur ein Kat­zen­sprung nach Der­neburg gewesen. Die Anreise aus München war bedeutend länger – doch jeder ein­zelne der knapp 600 Kilo­meter hat sich gelohnt: land­schaftlich, archi­tek­to­nisch, his­to­risch, kunst­his­to­risch. Für den Laves-Kul­turpfad blieb leider keine Zeit. Doch das ist eine andere Geschichte…

Foto­grafie: Antony Gormley, SLEEPING FIELD, 2015–2016 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. © Künstler, Foto: Heinrich Hecht (Titelbild), Nicole Eisenman, Inhaling Object Symbol Guy, 2024 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Coll­ection. Hall Art Foun­dation. © Künst­lerin, Foto: Fran­ziska Len­ferink (1), Kunst­museum Schloss Der­neburg. © Hall Art Foun­dation, Foto: Fran­ziska Len­ferink (2), Antony Gomley, BLOCK II, 2017 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Art Foun­dation. © Künstler, Foto: Fran­ziska Len­ferink (3), Skulp­tu­renpark, Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg. © Hall Art Foun­dation, Foto: Fran­ziska Len­ferink (4–6), Nicole Eisenman, Schloss Lyfe, Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg. © Hall Art Foun­dation, Foto: Roman März (7), Georg Baselitz, Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg. © Hall Art Foun­dation, Foto: Roman März (8–10), Kon­ferenz: Baselitz, Immendorff, Lüpertz, Penck, Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg. © Hall Art Foun­dation, Foto: Roman März (11), Jeppe Hein, ALL AROUND YOU I, 2017 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Coll­ection. © Künstler, Foto: Fran­ziska Len­ferink (12), Erwin Wurm, Big Step, 2023 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Coll­ection. Hall Art Foun­dation. © Künstler, Foto: Fran­ziska Len­ferink (13), Julian Schnabel, Joe, 1983 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Art Foun­dation. © Künstler, Foto: Fran­ziska Len­ferink (14), Dan Graham, Ana­mo­rphic Sur­faces / 2‑way mirror / per­fo­rated steel, 2007–2008 [Aus­stel­lungs­an­sicht, Kunst­museum Schloss Der­neburg]. Hall Coll­ection. Hall Art Foun­dation. © Künstler, Foto: Fran­ziska Len­ferink (15)

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