Tropikalisierte Seebad-Moderne – enkeltauglich!
Bis zum Zweiten Weltkrieg war Royan ein mondänes Seebad. 1945 zerstörten Bomben die Stadt an der französischen Atlantikküste fast vollständig. Der Wiederaufbau brachte eine eigenständige Nachkriegsmoderne hervor, die bis vor Kurzem verkannt wurde.
Man sagt, der Krieg sei der große Beschleuniger der Geschichte. Fortschritt entstehe aus Zerstörung. Und man sagt auch, der Kapitalismus kenne keine Grenzen, nur Expansion – bis er sich mit seinen eigenen Mitteln zerstört. Royan ist ein Ort, an dem beide Thesen in gebauter Form greifbar werden. Das mag genügen als Prolog für einen Text über ein Wiederaufbauwunder, das sich fast selbst abgeschafft hätte.


Wer Glück hat, nähert sich Royan von Süden, bei Sonnenuntergang. Dann leuchten die weißen Fassaden dieses Ortes, über den man außerhalb Frankreichs erstaunlich wenig weiß. In zwanzig Minuten schaukelt die Fähre von Le Verdon an der Nordspitze der Weinbau-Halbinsel Médoc hinüber in die Charente-Maritime. Schon von weitem auszumachen ist der höchste Punkt der Stadt, der Turm der grauen Betonkirche. Aber sonst behält Royan seine heitere Eleganz noch für sich. Man war von den Bekannten aus der Region, als man von der Reise erzählte, gewarnt worden: Aber Royan, das ist doch hässlich! Und auch der Kellner im Strandcafé, kurz nach der Ankunft, hatte noch kommentiert, es gebe ja wohl schönere Orte als diesen hier.


Die Annäherung an die Geschichte beginnt im Souterrain des Kongresszentrums, im Centre d’Interprétation de l’Architecture et du Patrimoine – dem Interpretationszentrum für Architektur und bauliches Erbe, das 2023 eröffnete.

Der Ausstellungsraum hat zum Ziel, den Bürgern von Royan und den zahlreichen Sommergästen nahezubringen, wie Royan zu dem wurde, was es ist. Leiterin ist die promovierte Kunsthistorikerin Charlotte de Charette. Wenn sie Besucher begrüßt, merkt man schnell, dass Royan etwas Besonderes ist, etwas wofür man brennen kann. Sie hilft dabei mit, einen Wandel in der Wahrnehmung der tropikalisierten Seebad-Moderne zu schaffen, wie sie typisch ist für den Badeort an der Gironde-Mündung. Und das schaffen sie und das Informationszentrum auch mit einem Rückblick in die Zeit, als Royan noch ein Ort mit opulenter Badearchitektur vom Ende des 19. Jahrhunderts war.



Wie leicht hätte sie sich bewahren lassen! Royan war im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt, die hier ihren Atlantikwall bauten. Bis Januar 1945 war die Lage so ruhig, wie sie in einer besetzten Stadt sein kann – beide Seiten hofften, der Krieg würde in Royan relativ friedlich enden. Doch es kam anders. Die Alliierten hatten für Anfang 1945 zuerst einen Luftangriff für die Minenfelder und Bunker um die Stadt herum geplant, ihn dann aber doch abgesagt; das Zurückschlagen einer Gegeninitiative in den Ardennen hatte Priorität. Nur hatten die Briten das nicht mitbekommen und ließen an der Gironde-Mündung tausende Tonnen Bomben und erstmals auch Napalm fallen. Und zwar ausschließlich auf die Stadt selbst.

Am Morgen des 5. Januar 1945 zeigte das Thermometer an der Gironde-Mündung ‑10 Grad Celsuis und vom heiteren sommerlichen Seebad waren nur Ruinen übrig: nur 250 der ursprünglich 4000 Villen standen noch, rund 1500 Zivilisten waren tot – die Briten waren zudem irrtümlich davon ausgegangen, die Stadt sei vollkommen evakuiert worden. Von den etwa 5000 Wehrmachtskämpfern in der „Poche de Royan“ überlebte die Mehrheit unversehrt in den Bunkern. Auf denen man heute mit Atlantikblick picknicken kann. Die Deutschen kapitulierten erst nach einer zweiten Bombardierung und dem Vormarsch von Bodentruppen Mitte April.
Frankreich jedenfalls war vorbereitet, auf das, was folgen musste: Bereits 1944 hatte man in Vichy das Ministerium für Wiederaufbau und Städtebau (MRU) gegründet und schon im Juni 1945 wählte man für Royan den Architekten Claude Ferret als Chefplaner. Fortan befehligte der damals 38-Jährige an der Gironde-Mündung eine Équipe von 80, teils sehr jungen Mitarbeitenden und entwickelte einen Masterplan für die neue Stadt.
Im September 1945 meldete Le Figaro jedoch, dass Le Corbusier den Wiederaufbau übernehme. Der Meister dementierte einigermaßen pikiert, seine handschriftliche Notiz an den Chefredakteur ist im Informationszentrum ausgestellt. Tatsächlich muss Le Corbusier, so vermutet Charlotte de Charette, frustriert gewesen sein: Keine der Städte, die wiederaufgebaut werden mussten, durfte er planen.
Ferret und seine Architekten standen da bereits an den Zeichentischen; Louis Simon und André Morrisseau entwarfen schon 1945 erste Neubauten, die bis heute das Stadtbild prägen: Zwei Häuserzeilen, die den Boulevard zwischen Strand und zentraler Markthalle säumen und 1956 übergeben wurden, atmen noch deutlich den Geist des Art déco.


Man darf davon ausgehen, dass die Dinge in Ferrets Vorkriegsstil weitergegangen wären – hätten er und sein Team nicht im September 1947 die aktuelle Ausgabe des Magazins L’Architecture d’Aujourd’hui in die Hände bekommen, mit einem Dossier zu Oscar Niemeyers brasilianischer Moderne. Während des Krieges beschäftigten französische Architekten vermutlich eher andere Themen als aktuelle stilistische Entwicklungen. Und so dürfte der Anblick der leichten, weißen Werke aus den Tropen für Ferrets Équipe eine neue Welt eröffnet haben. Doch um ihr Erstaunen wirklich zu verstehen, muss man sich nicht nur die Trümmerreste und eilig hergestellten Notunterkünfte vor Augen halten, die ihren Alltag prägten. Sondern auch die Tatsache, dass gedruckte Zeitschriften das einzige Medium waren, das über neue Entwicklungen informierte. Ferret und seine Mitarbeiter suchten in ihrer Begeisterung jedenfalls nach einem Weg, diese heitere brasilianische Bauweise an die Gegebenheiten auf ihrer Seite des Atlantiks umzudeuten.



Bis etwa 1958 erschufen sie auf den Ruinen des Seebads eine moderne Stadt für wenige Bewohner im Winter und viele Feriengäste im Sommer. Es entstanden nicht nur Villen, Wohnkomplexe, Hotels und Ferienapartments, sondern auch öffentliche Bauten wie eine Markthalle, ein Kongresszentrum, Schulen, ein Postgebäude und eine Kirche.



Nicht alles blieb bis heute erhalten – manches wurde abgerissen. So zum Beispiel der Portique, der „Balkon über dem Meer“, eine markante Galerie, die die beiden Schenkel der Wohn- und Gewerbebauten an der Bucht verband. Den Royannais und ihren Besuchern diente sie als Flaniermeile. Oder auch das Casino an der Bucht, das Mitte der 1980er Jahre – also nur 26 Jahre nach seinem Bau – bereits wieder verschwand. Ein Bewohner aus der Nähe von Royan erinnert sich: „Als Kind und Jugendlicher hat mich das Innere dieses Baus unglaublich fasziniert. Aber ich habe nie verstanden, warum genau.“
Angesichts dieser Abrisswut überrascht es kaum, dass selbst Erhaltenes nur mit geringer Achtsamkeit behandelt wurde. Optimierung ging vor Erhalt. Nicht nur Privatleute „verschönerten“ ihre Häuser, setzten Glasaufbauten auf Terrassen oder fanden sich selbst sehr fortschrittlich, wenn sie ihre in die Jahre gekommene Haustür durch ein Modell aus dem Baumarkt ersetzten. Die Stadt selbst lebte die Missachtung des baulichen Erbes lange vor. Wo die Arkadengänge des „Front de Mer“ ursprünglich in Grünflächen und Café-Terrassen übergingen, schuf man in den 1990er Jahren Platz für Souvenirshops, Bars und Restaurants – und zwar in Form von Pavillonreihen mit Wellendach direkt vor den Arkaden. Die Pavillonbänder besetzten nahezu allen Platz zwischen Gebäude und Straße – die einstigen Freiräume und damit die Heiterkeit des Ensembles waren heißen Waffeln, Strandblüschen, Luftmatratzen und Meeresfrüchteplatten gewichen.
Dass das bauliche Erbe noch rechtzeitig Wertschätzung erfuhr, ist auch einer Initiative des französischen Kulturministeriums zu verdanken, das in den 2000er-Jahren die Nachkriegsarchitektur besonders zu würdigen begann. Aber wohl auch der Tatsache, dass ein gewisser Didier Quentin 2008 Bürgermeister von Royan wurde. Quentin war in besonderer Weise mit dem Wiederaufbau aufgewachsen; sein Vater Marc war Freier Architekt mit eigenem Büro in der Stadt. Während Quentins Amtszeit bewarb sich Royan erfolgreich um das Label „Ville d’Art et d’Histoire“, und zahlreiche Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt – zuvor hatten diesen Status nur die emblematischsten Bauten wie die Kathedrale und die Markthalle. In den 2010er-Jahren wurde die Zone für den Ensembleschutz erweitert und die Bemühungen in Sachen Architekturvermittlung intensiviert.
Deren Dreh- und Angelpunkt ist heute das Informationszentrum im Souterrain der renovierten Kongresshalle. Schnell bekommt man von Charlotte de Charette mehrere der Broschüren in der Hand, die die Stadt für Bauherrschaften und Handwerker entwickelt hat. Sie zeigen Details der 1950er-Jahre-Bauten von Royan – historische Fenster, Absturzsicherungen, Treppenhäuser oder Haustüren – und schaffen Wertschätzung für den Bestand: Denn dank der kleinen Hefte lernt man jene Details sehen, die die Schönheit der Bauten ausmachen. Aber auch andere Kräfte tun ihr Möglichstes, so der Dokumentarfilmer Jean-Marie Bertineau: 2019 vermittelte eine 50-minütige Fernsehdokumentation mit dem Titel L’architecture du soleil auch einem breiteren Publikum, welchen Wert Royans Architektur besitzt. Diverse Coffee-Table-Books mit großformatigen Architekturfotos machen es mittlerweile möglich, dass Reisende die Royaner Moderne im Gepäck mit nach Hause nehmen.
Dankenswerterweise haben sich auch einige Architekt:innen dem ganz praktischen Erhalt von Royans baulichem Erbe verschrieben. Florence Deau, in der Region aufgewachsen, widmet sich verstärkt der Sanierung und einer achtsamen Innenarchitektur.






Ihre Arbeit verbindet originale Elemente mit zeitgenössischer Interpretation und trägt maßgeblich zur Wertschätzung des lokalen Erbes bei.
Ebenfalls engagiert ist Pierre Ferret, Sohn von Chefplaner Claude Ferret, der gemeinsam mit Chatillon Architectes die Sanierung des Palais des Congrès leitete und es ab 2017 sensibel an den Originalzustand der 1950er-Jahre heranführte.
Schräg gegenüber vom Kongresszentrum, auf der anderen Seite des Strandes von Foncillon, hat das Erbe der Nachkriegszeit nicht überlebt. Hier lockte ein öffentliches Meerwasserbecken vom Anfang der 1960er-Jahre zum Baden – nur schon davon zu sprechen lockt vielen älteren Royan-Kennern ein Lächeln auf die Lippen. Doch die Piscine war marode und der Stadt fehlte das Geld für die Sanierung, der Abriss stand im Raum. Die Royannais protestierten vehement. Es nützte nichts: An gleicher Stelle liess ein Investor und Mäzen aus der Region – unter teilweisem Erhalt des Bestandes – eine Apartmentanlage mit Privatpool errichten.


Mancher Irrtum lässt sich glücklicherweise später korrigieren – und wird auch korrigiert: Die Stadt selbst investiert seit 2025 rund 10 Millionen Euro am Front de Mer: Die 90er-Jahre-Wellendach-Vorbauten sind gewichen, es entstehen große Café-Terrassen und eine Flaniermeile. “Die meisten Menschen freuen sich sehr über diese Veränderung, auch wenn man wissen muss, dass es ein städtebauliches Projekt ist und kein architektonisches“, kommentiert Charlotte de Charette die Tatsache, dass man den „Balkon über dem Meer“ nicht wieder hergestellt hat.


Die Begeisterung von Gastronomen und Souvenirhändlern dagegen muss noch hier und da wachsen, schließlich verlieren sie überdachte Flächen und dürfen zudem in den Sommermonaten die feilgebotenen Strandkleidchen, Schippen und Hemden nicht mehr draußen aufhängen. Doch auch das steht für Royan, das kein Freilichtmuseum der Nachkriegsarchitektur ist, sondern eine Stadt, in der gelebt wird. In der gestorben, gelernt und geliebt wird. Jeden Tag. Und im besten Fall eine Stadt, die mit ihrem Erbe so umgeht, dass kommende Generationen diesen Wert erkennen – und bewahren. Das trüge der Aussage Rechnung, die Chefplaner Ferret gegenüber den Royannais getätigt haben soll: „Ich habe diese Stadt nicht für Euch gebaut, sondern für Eure Enkel.“
Redaktioneller Hinweis: Eine passende Unterkunft aus unserem Portfolio finden Sie mit La Ferme de Brouage in 25 Kilometer Entfernung.
Text: Barbara Hallmann
Bildnachweise: Front de Mer © Raymond Riehl (Titelfoto), Luftbild Royan © Thierry Avan (1), Stadtansicht vom Meer © Thierry Avan (2), Plage Grande Conche und 1950er Jahre-Bau © Thierry Avan (3, 4), Kongresshalle (Palais de Congrès) © Raymond Riehl (5), Vorkriegsansichten © Musée de Royan (6–8), Kriegsschäden © Musée de Royan (9), Markthalle und Boulevard © Ville de Royan (10), © Denis Bibbal / Artgrafik (11), Casino und Front de Mer © Ville de Royan (12–14), Église Notre-Dame de Royan © Raymond Riehl (15, 16), © JP Dumont / Ville de Royan (17), Sanierung der Villa 1953 von Architekt M. Quentin durch Florence Deau © Florence Deau / www.flodeau.com (18–23), Neugestaltung Front de Mer © Raymond Riehl /24–27)
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