Frei wie Oscar

Der Südtiroler Architekt Martin Gruber lässt seine Gedanken fliegen, verrückt den Horizont und trifft Oscar Niemeyer an der Copacabana. Eine Ode an die Schöpferkraft der Fantasie.

„Die neuen Werte in der Architektur sind Leidenschaft, Empathie, Fantasie und Freiheit. Wir sollten lieben, was wir tun. Die Zeit spüren, damit richtig haushalten, die Menschen inspirieren und Sinn stiften.“

Martin Gruber

Flugversuche

Als Kind wollte ich immer Seiltänzer werden. Genau genommen, war ich einer: Ich liebte es, auf dem Bordstein hinter unserem Haus zu balancieren und tat dies täglich auf dem Weg zur Schule, während ich mir ausmalte, links und rechts klaffe ein 100 Meter tiefer Abgrund. Ich schaffte es, mir mit meiner Fantasie ein sehr reales Schwindelgefühl einzujagen und so sah ich beim Balancieren nicht mehr auf den Boden, sondern breitete die Arme aus, als wären es Flügel, meinen Blick fest auf den Horizont gerichtet. So fühlte ich mich frei. Auf einem Randstein.

Gleichgewicht und Horizont hängen zusammen. Im rechten Winkel dazu wirkt die Schwerkraft. Sie ist eine permanente Konstante im Leben, besonders beim Bauen. Sie ist es, die Konstruktion bewirkt. Hinzu kommen Material und Funktion, soweit die bekannten Parameter des archaischen Bauens. Die neuen Werte in der Architektur sind Leidenschaft, Empathie, Fantasie und Freiheit. Wir sollten lieben, was wir tun. Die Zeit spüren, damit richtig haushalten, die Menschen inspirieren und Sinn stiften.

Meine Heimat ist Verdings. In den Bergen zu leben, bedeutet, der Schwerkraft mehr ausgesetzt zu sein als anderswo: ob auf dem Fahrrad oder auf dem Rodel – es geht entweder bergauf oder bergab. Mühevoll oder wie von selbst. Der Schwerkraft hat es die Bewohnerschaft der Berge zu verdanken, dass sie an jedem nutzbaren Quadratmeter Bodens förmlich hängt. Sie hat eine starke Bindung zum Ort – vielleicht ist dies einer der Gründe, warum es mich immer wieder nach Hause zog. Die Geschichte meines Ortes und seines einzigartigen Horizonts handelt von der Unverwechselbarkeit: dem Dialekt, dem Schlag Menschen, den Wolken über dem Dorf, der Silhouette der Steinriesen, dort, wo der Himmel beginnt.

Über meinen persönlichen Horizont hinaus gebracht hat mich der Sport: Als 14-Jähriger qualifizierte ich mich im geschichtsträchtigen Jahr 1989 für die Europameisterschaft im Naturbahnrodeln in Murmansk, oberhalb des nördlichen Polarkreises in Russland. Diese erste große Reise – ich war vorher noch nie geflogen – löste meine bis dato bekannte Horizontlinie auf, gab ihr einen anderen Maßstab, eine neue Tiefe. In jenem annus mirabilis brach das Sowjetimperium zusammen. Die Armut, das Chaos und das Dunkel Russlands haben in mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich werde nie vergessen, wie ich einem gleichaltrigen Jungen in Kandalakscha eine Orange schenkte und dieser begann, sie samt Schale zu essen.

Treffen mit dem Meister

15 Jahre und ein paar Medaillen später war ich Coach des brasilianischen Olympiateams im Viererbob. Wir hatten uns für die Olympischen Spiele 2006 in Turin qualifiziert. Soweit der Plan für das Wintersemester. Der Sommer hingegen war meiner großen Liebe vorbehalten: Architektur. Weich und sinnlich. Organisch und selbstbewusst, stark, betörend und „unbesitzbar“. Während eines Trainingslagers der Bobmannschaft in Rio de Janeiro besuchte ich Niemeyers Casa das Canoas. Weißer Beton im dunkelgrünen Dschungel, über einen Stein, über einen Pool geschwungen. Schwerelos und frei. Es war schwül, das Hemd klebte mir auf der feuchten Haut, dann setzte der Regen ein. Oscars Sekretärin und spätere Frau, Vera Lúcia Cabreira, beobachtete mich vom Fenster aus und sah, wie sehr mich das Haus in seinen Bann zog. Sie schlug mir ein Treffen mit dem Meister vor.

Ich erreichte das Penthouse in der Avenida Atlântica 3940 – mit Blick auf den Zuckerhut und die Copacabana – überpünktlich. Niemeyers Assistent stellte mir eine Audienz von maximal 5 Minuten in Aussicht. Es wurden 60 Minuten daraus und wir lachten viel, denn auf einige der flotten Bemerkungen des 97-Jährigen zum Thema Rundungen war ich – damals Mittdreißiger – nicht gefasst. Meine Frage zur Bedeutung von Symmetrie in seinen Bauten beantwortete er mit dem Gleichgewicht der Kräfte. Und in der Tat: Konstruktion lügt nicht. Wer einmal unter den kühn auskragenden Gebäuden Niemeyers in Curitiba oder Niterói steht, dürfte ihre außergewöhnliche konstruktive Dimension spüren. Bauwerk ist Gleichgewicht. Spiegelbildliche Kräfte kompensieren sich, die Gravitation ist scheinbar aufgehoben. Das daraus entstehende Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit zeigt auf die schönste Weise, dass Architektur die Gesamtheit aus Proportion, Material und Idee sein kann.

In kristallklarer Erinnerung geblieben ist mir Niemeyers Argument gegen die geistige Schwerkraft, jene Macht der Gewohnheit, der wir am besten mit Persönlichkeit und Einfallsreichtum beikommen: „Die Architektur besteht aus Traum, Fantasie, Kurven und leeren Räumen.“ Von diesem großmeisterlichen Lehrsatz und der Leichtigkeit der brasilianischen Moderne beflügelt wollte ich fortan Räume entwerfen, die inspirieren, frei sind und sich wie selbstverständlich in Landschaft und Kultur integrieren.

Die Welt einladen

Mit dieser tief greifenden Erfahrung im Gepäck und in der Seele kehrte ich nach Verdings
zurück, hinter jenen Horizont, den ich auswendig nachzeichnen kann. Dorthin, wo mein Großvater meinem Vater den Hof übergab und dieser ihn mir. Ich durfte den Bauernhof auch architektonisch im Heute verankern und das weise Gestern weiterwirken lassen. Ich studierte die jahrhundertealten Bauregeln des Eisacktales – funktional bewährt und unserer Bergwelt entwachsen – mit Vordach und Mauerdienst.

frei wie oscar

Alles war klar, stimmig und richtig. Aber es fehlte ein Teil. Ein Teil „meiner“ neuen Welt jenseits des Horizonts: die salzige Brise des Meeres, die fremde Vielfalt, die Leichtigkeit der brasilianischen Moderne … Die Idee zu einem Gästehaus kam ganz plötzlich und aus dem Bauch heraus. Meine Frau, gebürtige Münchnerin, und ich dachten sie gemeinsam weiter. Wir wollten die weite Welt zu uns nach Hause holen – Freundinnen und Freunde, Bekannte, Persönlichkeiten. Und mit ihnen interessante Gespräche, wertvolle Momente.

Unser Hof ist als Mehrgenerationenhaus konzipiert. Wir gestalten unseren Lebensraum durch familiären Zusammenhalt, wertschätzende Interaktion mit Mensch, Tier und Natur – eingebettet in einen bereichernden, nachbarschaftlichen Kontext. Architektur und Natur, rurale Lebensweise und Gastfreundschaft befruchten und beflügeln sich auf unserem Hof gegenseitig. Das macht den Ort für Außenstehende zu einem heilsamen, inspirierenden Erholungs- und Entfaltungsraum.

Freiform

Vor diesem Hintergrund und mit dieser Wertepalette habe ich die Freiform gezeichnet, habe sie leicht und beschwingt aus dem Handgelenk entworfen. Entstanden ist ein Hybrid zwischen Gästehaus und Naturwarte, eine begehbare Raumskulptur, die erst nach ihrer Fertigstellung ihre wahren Qualitäten und ihre meditative Wirkung entfaltete. Der Boden und die Decke wurden formgleich in Beton gegossen, innen dominieren massive Eiche und Loden. Eine 20 Meter lange Glasfassade umfasst den organischen Bau und es scheint, als fließe die Landschaft durch ihn hindurch. Der Innenraum wirkt neutral und entbehrt eines vorgegebenen Nutzungskonzeptes. Das schafft den Freiraum, um individuelle Bedürfnisse und Prioritäten zu orten und die Urlaubszeit bewusst zu gestalten. Wir stupsen die Gäste lediglich dadurch an, dass wir alles weggelassen haben, was den unmittelbaren Dialog zwischen Mensch und Natur stören könnte. Einen Fernseher werden sie in der Freiform vergeblich suchen, in die Weite blicken können sie jedoch zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Freiform ist Ausdruck unserer Lebenshaltung und wir sind froh und dankbar, dass mit unseren Gästen Menschen zu uns finden, die wie wir selbst in Resonanz mit dem Ort, mit seiner Tiefe und Ursprünglichkeit gehen. Wir schätzen die Begegnung auf Augenhöhe, es entstehen Sympathien, Synergien, Freundschaften. Wir sinnieren gemeinsam über die Zusammenhänge zwischen Wetter und Bienentracht, über alte Apfelsorten und die Tücken und Freuden der Selbstbestimmung, um das zu tun, was wir lieben. Wir sitzen auf der Terrasse, tauschen Blickpunkte und Sichtweisen aus und genießen gemeinsam einen guten Weißwein aus der Gegend. Die Welt kommt zu uns. Das sind die wirklich heiligen Momente: wenn sich Hof und Welt begegnen

Nun lebe ich im inneren Gleichgewicht inmitten „meiner“ Berge , wenn ich auf den Horizont blicke, fühle ich weder Heim- noch Fernweh, alle Teile sind beisammen. Ich selbst habe mich über die Jahre besser kennengelernt, was mich auch professionell reifen ließ. Von meinen Erfahrungen und Begegnungen im Ausland und vom Austausch mit den Gästen inspiriert, formen sich Erkenntnisse und geistige Konzepte, die ich als Architekt aufgreife und in neue Entwürfe konvertiere.

Ich denke gerne an das vielfältige Leben jenseits des Horizonts – stelle mir manchmal die Frage, was wohl gerade in diesem Moment, in der Gleichzeitigkeit – in Rio, Moskau oder Peking – passiert. Dabei spüre ich beides, die globale Dimension und eine große Demut vor dem Genius Loci. All das lasse ich in meine aktuellen Projekte einfließen und empfinde die schöpferische Freiheit als das größte Privileg des Architektendaseins.
War es Zufall, dass mich mein aktueller Auftrag auf den Ploseberg brachte, auf 1850 Meter Höhe, dahin, wo der Horizont wieder flach erscheint, fast als würde man den Ozean vor Ipanema sehen? Die Fernsicht nähert die Berggipfel in ihrer Höhe untereinander an.

Bei der ersten Besichtigung des Bauplatzes zeichnete ich Baukörper in die Luft, wie ein Dirigent, der zum Streichorchester spricht. Ich spürte die Harmonie, den Geist des Ortes – fragil und vergänglich – unmittelbar und absolut. Es war der Versuch, Landschaft und Bauwerk gleichzeitig zu berühren, meine Hand geöffnet, um diesen flüchtigen Moment, die Vision des Projekts zu greifen. Ganz automatisch breitete ich meine Arme aus, streckte sie der Schönheit und Sehnsucht entgegen, und für einen Augenblick fühlte es sich wieder so an, als würde ich auf dem Bordstein balancieren und … fliegen.


Autor: Martin Gruber, Jahrgang 1975, ist für seine markanten Hotelbauten und architektonisch anspruchsvollen Entwürfe bekannt. Gemeinsam mit seiner Frau Anita Stare betreibt er den familieneigenen Biobauernhof sowie das Gästehaus Freiform im Südtiroler Bergdorf Verdings.

Fotos: © Tobias Kaser (alle, außer Casa das Canoas – © Martin Gruber)

Quelle: Der Beitrag ist Teil unserer Veröffentlichung Raum & Zeit ⎜Space & Time


Freiform

Anders

2 Kommentare

  1. Wäre ich frei wie ein Vogel, dann wäre das mein perfektes Nest! Wahnsinn Komplimente an Martin👌
    Schöne Story Vielleicht darf ich mir einmal persönlich vorbeikommen. Lg
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  2. Die Renaissance war vielleicht eine schöne Zeit, ist aber nach allem dem Formulierer dieses Satzes Bekannten, vorbei – und mit ihr der sinnstiftende Anspruch der Architekten, der fatal, weil sich nicht als dienend begreifend, auch durch die Zeilen dieses schönen Beitrags, wie kaschiert immer, schimmert.
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