Hausflüsterer – Das Kuća-Projekt des kroatischen Designers Boris Kajmak

Von Britta Krämer

Die spektakuläre Jadranska Magistrala beginnt in Italien in der Nähe von Triest und schlängelt sich an der Ostküste der Adria entlang bis nach Montenegro. Mehr als die Hälfte der Wegstrecke liegt in Kroatien und zählt zu den schönsten Küstenstraßen der Erde. Ab und an säumen verschlafene Fischerdörfer die Route, die oftmals nur wenige Meter vom Wasser entfernt verläuft. Doch die meiste Zeit fährt man durch eine atemberaubend archaische und menschenleere Küstenszenerie: Steil, steinig, schroff, karg, zerklüftet und verkarstet sind hier die Klippen und die unzähligen Inseln, die wie Mondlandschaften inmitten des tiefblau funkelnden Meeres liegen. Dreht man den Kopf zur anderen Straßenseite, erhebt sich die wilde Bergwelt des Naturparks Velebit und lässt den Blick über einen gigantischen botanischen Garten und die imposante Silhouette des gleichnamigen Gebirgsmassivs schweifen. Die unmittelbare Nachbarschaft von Meer und Bergen ist eindrucksvoll und ihre Kontraste verschmelzen zu einer kontemplativen Weite.

© Boris Kajmak
© Boris Kajmak
© Boris Kajmak
© Boris Kajmak

Diese beeindruckende Berglandschaft im Rücken, versteckt sich an den Ufern eines abgelegenen Fjords das dalmatinische Novigrad: ein malerischer 542-Seelen-Ort, bekannt für seinen Fisch- und Muschelfang und dafür, dass er in Wirklichkeit nicht sonderlich berühmt ist. Die Straße, die nach Novigrad führt, endet hier und wer hierher kommt, tut es um des Ortes Willen. Novigrad hat keinen Durchlauftourismus, es versteckt sich klug vor den Massen und behütet sein beschauliches Leben innerhalb der alten Stadtmauern. Novigrad hat einen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Es liest sich wie ein Geschichtsbuch zur älteren und neueren Historie der Region. Wie ein Zeitreisender springt man auf der Zeitleiste der Ereignisse nach vorne oder nach hinten, je nachdem, in welche Gasse man einbiegt, durch welche Türe man schlüpft oder welche Steinstufen man erklimmt.

Entlang der Uferpromenade ducken sich kleine Steinhäuschen neben verfallene Herrenhäuser. Viele Fassaden zeigen noch heute die Spuren des Krieges der 1990er Jahre, der den Fischerort hart getroffen hat. Wer nach dem Krieg hierher zurückkehrte, hatte nur ein Bedürfnis: die schnellstmögliche Wiederherstellung des normalen Lebens, was viele Bewohner zu provisorischen Reparaturen veranlasste, die nicht unbedingt der Ästhetik und dem Augenmerk auf die lokale Bauhistorie gezollt waren. So entwickelte sich das Ortsbild zu einem suggestiven Flickenteppich aus alten Steinhäusern und seltsamen neuen Architekturen.

© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay

Von September bis April döst Novigrad geruhsam vor sich hin und nur die Winde – der heiße, von Süden kommende Scirocco und die eiskalte Bora – pusten ihn von Zeit zu Zeit gehörig durch und enthüllen ein Stück der Seele dieses Landstrichs. Während der warmen Monate versprüht Novigrad quirlige kroatische Lebensart. Die wenigen ausländischen Reisenden, die man hier antrifft, sind auf der Suche nach den authentischen Winkeln Kroatiens und nach Begegnungen mit Menschen, die es vermögen, die besondere Aura ihrer Heimat fühlbar zu machen. Boris Kajmak ist so ein Mensch.

1980 in Zadar geboren und aufgewachsen, führten ihn Studium und Beruf(-ung) rund um den Globus. Er selbst definiert sich als „interdisziplinären Künstler und Designer, dessen Werke soziale Bereiche durch Material, Spiel und Sprache erforschen.“ Seine Skulpturen, Designobjekte und architektonischen Arbeiten sind seit 1999 in internationalen Ausstellungen zu sehen.

Die Kriegserfahrung in jungen Jahren hat sich auf vielschichtige Weise niedergeschlagen und wurde zu einem kraftvollen Katalysator: Boris Kajmak ist ein Kulturnomade, ein Grenzgänger, ein Querdenker, ein kluger Beobachter voller Wortwitz und (Selbst-)Ironie. Am stärksten wahrnehmbar ist sein unstillbarer Drang nach Bewegung, nach Entwicklung und inspirierendem Austausch. Und dann ist da – allgegenwärtig – die Liebe, eine bedingungslose, loyale doch durchaus kritikfähige Liebe zu den Menschen und den Orten, die seine Wurzeln und seine Kindheitserinnerungen beherbergen: die suggestive Küstenstadt Zadar und … Novigrad.

Seit 2011 pendelt er zwischen dem hektischen Trubel seiner Wahlheimat Berlin (aktuell München) und der kontemplativen Ruhe des kleinen Ortes am Fjord hin und her, angetrieben von einem visionären Renovierungsprojekt, das mit einem geerbten alten Haus seinen Anfang nahm und mittlerweile weite Kreise gezogen hat: das Kuća-Projekt.

© Steve Bielschowsky
© Tom de Gay

Haus Nr. 1: Kuća Kamena – das Steinhaus

Was tun mit einem verfallenen alten Gebäude inmitten eines abgelegenen, unbekannten Städtchens, das nach dem einschneidenden Kriegsintermezzo noch immer damit beschäftigt ist, seine Identität wiederzufinden? Die Ärmel hochkrempeln, sich in den (bürokratischen) Gegenwind stellen und Stein um Stein ein Haus entstehen lassen, das dafür bestimmt ist, eine ganz besondere Zielgruppe von Gästen zu beherbergen. Weit weg von den Massen, ganz nah am Wesen dieses Ortes.

Die Renovierung des Steinhauses aus dem 16. Jahrhundert erfolgte unter den strengen Vorschriften für alten Baubestand in der Altstadt von Novigrad. Oberste Prämisse war es, alle Elemente der dalmatinischen Bauweise zu erhalten. So kamen traditionelle Techniken und lokale Materialien, größtenteils aus dem alten Bestand, zum Einsatz. Dabei definierte der künstlerische Ansatz die Architektur und die zeitgenössischen Designinterventionen. Boris Kajmaks besonderes Augenmerk galt den Geräuschen, Gerüchen und Formen, die das alte Steinhaus durchdringen. „Indem ich diese immateriellen Elemente der Architektur bewahrte, ist es mir gelungen, einige meiner nachhaltigsten Kindheitserinnerungen zu konservieren.“

© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay

Haus Nr. 2: Kuća Fotografa – das Fotografenhaus

Hier wohnte und arbeitete zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg der Novigrader
Fotograf Nikica Karavida mit seiner Frau Zorka. Boris Kajmak kaufte das stark beschädigte Haus und widmete es thematisch dem kreativen Schaffen seines Vorbesitzers. Die Kuća zeigt sich introvertiert und kommunikativ zugleich: Innen intimes Nest, öffnet sich die Terrasse zu den umliegenden Häusern und wird zum nachbarschaftlichen Treffpunkt.

© Zeljko Karavida
© Zeljko Karavida

Boris Kajmak ist ein Hausflüsterer. Als hätte er eigens Antennen dafür, nimmt er die verfallenen Steinhäuser mit allen Sinnen wahr. Er lauscht ihren Geräuschen, fühlt ihre Oberflächen und erschließt ihre Struktur. Mit der Akkuratesse und der fast kindlichen Begeisterung eines Archäologen legt er Schicht für Schicht die Historie der alten Gemäuer frei. Er gräbt, kratzt und entkernt. Er recherchiert, diskutiert, scannt und zeichnet. Er öffnet Türen, findet Schätze und zaubert Spuren und Objekte einer längst verloren geglaubten Zeit zu Tage. Dabei erwachen die Räume von einst vor dem geistigen Auge zum Leben, ihre Bewohner werden so greifbar, als wäre man in einem Schwarz-Weiß-Film gelandet. Aus all dem erwachsen die neuen Architektur- und Designkonzepte der Steinhäuser, die ihren Hut vor dem Vergangenen ziehen, und doch durch und durch für die Gegenwart gemacht sind.

Nikica Karavida © Boris Kajmak
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay
© Tom de Gay

Dream-Team

Anfangs war das Kuća-Projekt eine One-Man-Show, mittlerweile hat Boris Kajmak eine kleine Gruppe von guten Freunden involviert: eine internationale, interdisziplinäre Crew aus Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, deren Talente sich aber perfekt ergänzen. Sieht man den Jungs bei der Arbeit zu, merkt man schnell, dass sich hier ein unschlagbares Dream-Team zusammengefunden hat.

Jadran Anzulović: Der Hüter von Novigrad
„Kein anderer ist stärker mit der Geschichte dieses Ortes verwoben, er kennt buchstäblich jeden Stein hier. Offiziell ist er der Kulturbeauftragte für Novigrad und leitet das örtliche Museum. Er ist ganz nebenbei auch mein Cousin … Was soll ich noch sagen über einen Typ, der Geschichten zu allem in diesem kleinen Ort sammelt und seine Nächte damit verbringt, alte Kamine originalgetreu nachzuzeichnen?! Natürlich besitzt er einen Weinberg und macht Wein, aber er trinkt keinen Alkohol.“

Joško Dujić: Macho man und tragende Säule
„Joško ist ehemaliger Profihandballer und gelernter Bauhandwerker. Seiner Weiterbildung zum Bauingenieur geboten zwei Umstände Einhalt: die Schürzenjagd und der Krieg. Wir sind uns in allem einig, aber das würde er niemals zugeben. Ohne ihn wäre das gesamte Projekt undenkbar, es basiert auf seinen grandiosen Kenntnissen und Fähigkeiten im Bauwesen. Es ist ziemlich cool zu sehen, wie die beiden Jungs sich gegenseitig respektieren. Joško und Jadran sind zwei wahre Schulmeister!“

Tim Stolzenburg: Meister des Designs
„Er ist ein großartiger Designer. Wir haben in London zur gleichen Zeit am selben College studiert, ohne uns zu kennen. Ich studierte bildende Künste, er Produktdesign. Tim liebt es, im Winter nach Novigrad zu kommen, um Ziegel und Steine herumzuschleppen, aber vor allem entwirft er mit mir zusammen das Gestaltungskonzept der Steinhäuser. Seine architektonische Erfahrung ist eine große Bereicherung für meine Ausgangsideen und sein Einfluss ist wirklich entscheidend. Er rundet meine Einfälle perfekt ab.“

Joško & Boris © Steve Bielschowsky
© Lara Kajmak

Haus Nr. 3: Kuća Plavca – das Bootshaus

Das architektonische wie thematische Konzept des dritten Steinhauses Kuća Plavca, das nur wenige Meter vom Fjord entfernt liegt, stellt ein für die hiesigen Bewohner bis heute existenzielles Objekt in den Fokus: das Boot. Boris Kajmak dekliniert hier die traditionelle Symbiose von Mensch und Wasser in zeitgenössischer Manier durch, und so werden verschiedene handgefertigte Kajaks zum festen Inventar des sich aktuell im Rohbau befindlichen Hauses gehören. Die zukünftigen Gäste dürfen sich darauf freuen, das smaragdgrüne Wasser des Novigrader Meeres zu durchpaddeln und die spektakuläre Landschaft aus einer ganz neuen Perspektive zu genießen.

Neues Mitglied der Kaj(m)ak-Crew ist der Berliner Bootsbauer Lutz Berger. Er ist die treibende Kraft hinter Berger-Boote, einer kleinen, aber feinen Berliner Manufaktur für Bootsbausätze. Mit Boris Kajmak teilt er die Passion für hochwertiges Handwerk, für das Wasser und die Sicht, die man vom Boot aus auf die Welt hat. Seine Bootsbau-Workshops stoßen auf ein begeistertes Echo, auch wenn er eigentlich nicht so gerne spricht. Stille Wasser sind tief.

© Steve Bielschowsky
© Zeljko Karavida
© Zeljko Karavida
Lutz Berger © Dawin Meckel
© Zeljko Karavida
© Steve Bielschowsky

„Um den Schutz der ursprünglichen Struktur zu maximieren und eine technisch solide Verbindung zwischen alten und neuen Elementen herzustellen, mussten wir etwas mehr als ein Maßband verwenden. Das Messen von unregelmässigen Räumen, in denen die ursprünglichen Erbauer auf gerade Linien und rechte Winkel in jeder Richtung abzielten, aber diese nicht unbedingt erlangten, ist nie eine leichte Aufgabe. Um eine Vorstellung von der Größe, der Oberfläche oder dem Raumvolumen, den Lichtrichtungen, Höhen und Wandstärken zu bekommen, sind manuelle Methoden immer noch gut, wenn man sich Mühe gibt.
Um jedoch eine komplexe mehrstöckige Stahlkonstruktion zu bauen, die sich gut in die unebenen Steinmauern einpassen sollte, benötigten wir moderne Methoden. Aus diesem Grund haben wir ein 3D-Laserscanning des Hauses durchgeführt, sobald wir die Wände bis auf den nackten Stein abgetragen hatten. Dabei erhielten wir ein dreidimensionales Raster, das perfekt der tatsächlichen Situation im Haus entspricht, wobei jeder Stein auf dem Computermodell sichtbar ist. Auf diese Weise konnten wir die neue Stahlkonstruktion an jede Unebenheit der ursprünglichen Struktur anpassen.
Die vereinfachte Darstellung der Stahlstruktur zeigt den Grundriss mit seinen sieben Plattformen aus H-Trägern und den Treppen, die die Plattformen aus perforierten Stahlblechen verbinden. Obwohl einige Details noch geändert werden dürften, ist der allgemeine Grundriss nun festgelegt.“

© Tim Stolzenburg
© Tim Stolzenburg
© Tim Stolzenburg

3 Häuser, jedes mit einer ureigenen Atmosphäre, Gestaltungskonzept und einem individuellen Anliegen. Der gemeinsame Nenner der drei kuće liegt offensichtlich in der Balance zwischen dem traditionellen Erbe Novigrads und einer zeitgenössischen, minimalistischen Ästhetik. Doch Boris Kajmaks Steinhäuser sind auch durch einen unsichtbaren roten Faden miteinander verbunden: Von seiner Liebe zu einem Ort und dessen Menschen, Steinen, Geschichten, Schicksalen und Geschicken. Von seiner Liebe zum Wasser, vor allem aber zu den grauen Steinriesen, die sich am Horizont abzeichnen. “Eigentlich will ich, dass die Menschen wegen dieser Berge nach Novigrad kommen, aber das Meer hat im Tourismus-Marketing die Nase vorn”, sagt Boris und wendet seinen Blick nicht ab von der Silhouette des Velebit. “Hier liegt die Seele dieser Gegend begründet und hier kann man ihr wirklich begegnen.”

Auch Haus Nr. 4 ist bereits in der Mache. Diesmal (und erstmals) restaurieren Boris Kajmak und seine Crew für Dritte, Auftraggeber aus München, die sich in das Kuća-Projekt und den Kajmak-Stil verliebt haben. Weil die Fassade des verlassenen Turmhauses aktuell noch ein aparter 60er Jahre-Putz ziert, hat Boris’ kleine Tochter es schon einmal vor-getauft: Kuća Lila.


Text: Britta Krämer, Mai 2020

Der Artikel „Hausflüsterer“ ist Teil unseres 2020 erschienenen Buches mit Magazin „Häuser & Menschen“. Es ist im Buchhandel sowie online  im URLAUBSARCHITEKTUR Shop erhältlich.

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Die Häuser

Ein Kommentar

  1. Sehr fein, wenn sich ein kreativer Geist mit gutem Stil und gutem Handwerk bewegen kann. Die Ergebnisse schauen dann so aus, als müssten sie so sein. Wunderbar, der gute Geschmack ist noch nicht verloren.
    Schönen Gruß vom Kollegen
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