Aurora aeterna – das Seehotel am Neuklostersee

von Ulrich Stefan Knoll, Juli 2018

 

Wo einst Landwirtschaft betrieben wurde und ab 1975 DDR-Bürger als Feriengäste weilten, erholen sich im Seehotel am Neuklostersee nahe Wismar seit zweieinhalb Jahrzehnten kleine und große Gäste aus Nah und Fern. In seinerzeit zwei Gebäuden – dem Steinhaus, einem Backsteinhaus aus dem 20. Jahrhundert, sowie der reetgedeckten und aufwändig sanierten Kunstscheune aus dem 19. Jahrhundert – begannen Nalbach + Nalbach Architekten 1991 eher ungeplant ein Abenteuer, das bis heute fasziniert.

Foto rechts oben: Credit © Markus Tollhopf (Kunstscheune)

Wie alles begann – ein geplanter Zufall

Wasser und Bauernhöfe gehören schon seit jeher zu den absoluten Vorlieben von Johanne Nalbach. Dass es die gebürtige Österreicherin allerdings ausgerechnet an den Neuklostersee in Mecklenburg-Vorpommern verschlagen würde und dass die erfolgreiche Architektin auch noch eine routinierte Hotelière werden würde, hätte sie bei ihrer Ankunft in Berlin 1972 sicher selbst nicht gedacht.

»Bauernhöfe«, sagt Johanne Nalbach, »haben mich immer fasziniert. Es sind kluge, nachhaltige Bauten. Sie wurden mit den Erfahrungen aus Jahrhunderten errichtet.«

Ihr Ehemann Gernot, ebenfalls Architekt, war 1972 für eine Professur nach Berlin berufen worden. Dort erfolgte 1980 auch die Gründung von Nalbach + Nalbach Architekten. Das Büro hat seitdem immer wieder erfolgreich viele Hotels geplant – aber bis dahin eben für Auftraggeber. Bis Johanne Nalbach 1991 das Anwesen des heutigen Seehotels entdeckte und sich in den See, die Bauernhäuser sowie die wunderbare Landschaft verliebte.

Nakenstorf am Neuklostersee, die Heimstatt des heutigen Seehotels, war bis zum 30-jährigen Krieg ein großer Ort in der Gegend nahe Wismar. Traurige Kriegsreste waren sechs Bauernhäuser, darunter der so genannte „Birkenhof“. Er existierte bis weit in das 20. Jahrhundert fort und wurde 1975 in das Ferienheim LPG Morgenröte umgewandelt. Als die „Wende“ kam, stand das Anwesen zum Verkauf. Und Johanne Nalbach, die davon aus der Presse erfuhr, konnte einfach nicht widerstehen. Endlich ein eigener Bauernhof, ein Zufluchtsort für die Familie – raus aus Berlin an den Wochenenden, allesamt!

Vom Wochenend-Domizil zum Hotel

Bei der Besichtigung wurden schnell zwei Dinge klar: viel Arbeit wartete hier auf die Architekten. Die Gebäude hatten „Ost-Charme“, das Gelände war mit Betonwegen und zahlreichen Datschen zugebaut. Aber die Grundstruktur und der alte Baumbestand ließen bei Johanne Nalbach sofort Bilder entstehen, was diesen Ort im Kern ausmacht und was er wieder sein könnte. Bald stellte sich zudem heraus, dass das Anwesen eigentlich viel zu groß für ein reines Wochenenddomizil ist. Nur gut, dass das Betreiberpaar des ehemaligen Ferienheimbetriebes noch vor Ort war. So fiel, unerwartet und einigermaßen spontan die Entscheidung, einen eigenen Hotelbetrieb zu wagen und auch Gäste in den Genuss dieses magischen Ortes kommen zu lassen.

Und so startete die Architektenfamilie, allen voran Johanne Nalbach, in ein großes Abenteuer mit unbekanntem Ausgang: fern jeden Gedankens an den „return of investment“. Nur dank staatlicher Fördermöglichkeiten nahm das Seehotel seinerzeit überhaupt – zuerst gedanklich, im Weiteren baulich – Realität an. In der zweijährigen Umbauzeit bis zur Eröffnung 1993 wurde zuallererst die heutige Kunstscheune auf den Kopf gestellt. Bei der auf Feldsteinen gelagerten Scheune wurde 1991/92 das komplette Ständerwerk sowie das Dachtragwerk ausgetauscht. Im Inneren folgte auf die Entrümpelung der Ausbau. Eine Galerieebene wurde neu eingezogen, sie beherbergt seitdem eine große Maisonette-Suite. Dominiert wird die Kunstscheune seit dem Umbau von dem großen, offenen, zweigeschossigem Hauptraum mit Steinway-Flügel und einer ausgezeichneten Akustik, die auch die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern entdeckt haben und mit Ihren Konzerten aus der Reihe „Junge Elite“ zweimal jährlich bespielen.

Hier finden außerdem ganzjährig Theateraufführungen, Lesungen, Konzerte und Feste statt. Und auch Küchenchef Alexander Stoye und sein Team, die 2018 zum zweiten Mal in Folge mit einem Bib Gourmand des Guide Michelin ausgezeichnet wurden, kredenzen hier mehrmals im Jahr Ihren „Chef´s Table“.

Die Kunstscheune und ihre architektonische Entwicklung – im Zeitraffer rückwärts


Innenansichten der Kunstscheune – heute & einst

Der angebaute Schuppen wurde 2008 zur Gänsebar und ist seitdem nicht nur Treffpunkt für den Genuss hochwertiger Getränke und erlesener Rauchwaren, sondern auch eine feinsinnige Reminiszenz an die ehemaligen Hofgänse, die hier während der Vogelgrippe hausieren mussten. Das subtile Spiel mit dem „Gänsehimmel“ wie auch den in der Vitrine ausgestellten Gans, Fuchs und Habicht, schlägt sowohl die Brücke zur Vergangenheit als auch zu den natürlichen Kreisläufen der umgebenden Natur.

Gänsebar, einst – heute

Im Steinhaus wurde ebenfalls kräftig umgebaut. Die ehemals sieben Zimmer wurden in nunmehr sechs moderne Räume umgewandelt, aus dem einstigen Speisesaal wurde ein modernes, preisgekröntes Restaurant. 2003 folgte ein Wintergarten aus Stahl und Glas, der die Restaurantgäste wie auch das Küchenpersonal seitdem gleichermaßen mit der Natur und den kulinarischen Genuss mit wunderbaren Ausblicken verbindet.

Steinhaus – Das Restaurant und sein Küchenchef sowie Außen- und Innenansichten von einst und heute

Alt und Neu im Dialog

Auf dem Gelände der alten Datschen entstand 2004 mit der Badescheune ein Neubau. Das Gebäude nimmt den Dialog mit der gegenüberliegenden Kunstscheune auf, deren historische Fachwerkelemente hier durch die horizontalen Cortenstahl-Träger interpretiert wurden. Die Verwendung heimischer Materialien, wie Lärche und Efeu im Außenbereich und im Inneren Einbauten aus Eichen-, Kirsch- wie Nussholz sowie das Spiel mit den vier Grundelementen sind tragende Grundgedanken.

Wer hier schwimmt, blickt hinaus auf die Birken oder auf das Feuer im Kamin am Ende des Schwimmbeckens und erholt sich danach im angrenzenden Spa-Bereich. Im Obergeschoss des Gebäudes sind seinerzeit elf Maisonette-Suiten mit Wohn- und Schlafgalerie entstanden, die die Angebotspalette komplettieren. Jede Suite hat ihr eigenes Blumenthema – Mohn, Rose und Dahlie weisen in kleinen Vitrinen im Flur den Weg.

Die Badescheune

Als „Kind“ der Badescheune wurde 2010 nebenan auf dem Keller einer alten Datsche das Wohlfühlhaus realisiert, ebenfalls ein Bau aus Lärchenholz. Hier können sich Gäste seitdem mit kosmetische Behandlungen und Massagen verwöhnen lassen.

Das Wohlfühlhaus

Drei der elf ehemaligen Datschen auf dem Gelände sind erhalten geblieben und wurden komplett umgebaut. Die von Heckenovalen umschlossenen Ferienhäuser sind wunderbar in das Gesamtensemble eingebettet – Durchblicke wie auch Durchgänge wurden hier derart geschickt integriert, dass die Häuser gleichzeitig „privat“ und doch deutlich im Raum wahrnehmbar sind.

Für Kinder ist das gesamte Gelände ein kleines Paradies und bietet ausreichend Raum und Möglichkeiten für Entdeckungen und Beschäftigung. Zwei Highlights haben sich die Nalbachs dennoch einfallen lassen, die den Ort gerade für Kinder zu einem einzigartigen Erlebnis machen.

Im Jahr 2010 hat Gernot Nalbach ein ehemaliges Trafohäuschen in ein „Kinderhotel“ umgebaut. Hier können Groß und Klein die Welt entdecken: Ein Hörtrichter verstärkt Vogelstimmen, ein Windrad erleuchtet eine Fahrradleuchte, durch eine Camera Obscura sieht man die Welt auf dem Kopf, und auf den mit Schafwolle gefüllten Kissen unter dem Dach des Turmes lässt es sich wunderbar träumen, während die kleinen Spieluhren Werke von Mozart, Beethoven und Strauß spielen. An der Außenwand des Turmes hängen Nistkästen für Schmetterlinge, Maikäfer, Wildbienen und Fledermäuse. Auf der Schaukel schwebt man über Baum und See, und im Sand lässt es sich wunderbar spielen. Mutige können hier sogar übernachten – letzteres allerdings nur in Begleitung eines Erwachsenen.

Einen weiteren Rückzugsraum speziell für Kinder bietet auch das „Vogelnest“. Auch können die Sprösslinge ungestört miteinander wispern, Geheimisse teilen, Pläne schmieden, träumen oder unbeobachtet beobachten, was sich rundherum auf dem Gelände und in der Natur tut. Da möchte man gerne selbst wieder Kind sein!

Kinderhotel und Vogelnest

Da das heutige Seehotel lange Zeit ein Bauernhof war, gibt es auch heute noch tierische Mitbewohner: die Katzen und die Schafe Pflaume und Zwetschke begegnen einem sicher das eine oder andere Mal.

Detail matters

Nur die Gänse sind dem Fuchs und den Auflagen der Vogelgrippe irgendwann zum Opfer gefallen. Aber auch sie haben ja mit der „Gänsebar“ ein würdiges Gedenken erhalten und leben in der Erinnerung fort. Woran man einmal mehr sieht, wie sehr hier auf Details geachtet und mit ihnen bewusst umgegangen wird.

Dementsprechend erachtet Johanne Nalbach für die Zukunft momentan keinerlei bauliche Ergänzungen mehr für nötig. Mit viel Gespür und Liebe an den Details zu arbeiten, ist ihr eine stete und willkommene Aufgabe. Regelmäßig selbst im direkten Bezug mit dem eigenen Hotel zu sein, ist ihr und der Familie wichtig – trotz aller Herausforderungen in Berlin.

Wie bringt man das Anwesen noch mehr zum Leuchten, was schätzen die Gäste? Oder, mit gutem Instinkt: wie würde ich mich hier selbst noch wohler fühlen und was ist dazu erforderlich? Man merkt schnell, dass auch nach 25 Jahren kein „business as usual“ eingetreten ist.

Familie Nalbach (links; © Renate Gombert) und Hotelleiterin Manuela Hampe (rechts)

Irgendwann wird übrigens Sohn Moritz das Kommando im Haus übernehmen und das Paradies in die Zukunft führen. Der studierte Kultur- und Tourismusmanager übernimmt dann ein gewachsenes Ensemble und kann ganz auf die Fähigkeiten der Hotelleiterin Manuela Hampe und ihr eingespieltes Team setzen. Ein schweres Erbe? Eher eine wunderbare Herausforderung, würde ich denken.

Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

Mein Aufenthalt im Seehotel ist noch während der Planungsphase von einem verlängerten Wochenende zu einem ganzen Wochenprogramm angewachsen. Und das, obwohl ich mich bis dato noch nicht einmal mit den Sehenswürdigkeiten der Region befasst hatte. Weder mit Schwerin, wo es unter anderem eine der größten Duchamp-Sammlungen zu sehen gibt, noch mit Wismar, Rostock, Heiligendamm, Güstrow und anderen Orten der nahe gelegenen „Europäischen Route der Backsteingotik“. Mein Gefühl sagt schon jetzt, dass der Facettenreichtum des Hauses und der Gegend schlicht zu vielfältig für einen Kurzbesuch sind.

Der Maxime folgend, dass vor allem der Moment mit all seinen Überraschungen zählt, heißt das für mich: einfach erst mal ankommen. Das Seehotel seine Wirkung entfalten zu lassen. Und dann: Cool down, folks!

Denn, wie schon der STERN 2006 treffend festgestellt hat: »Das Besondere dieser Herberge liegt im vermeintlich Nebensächlichen. Sie lebt, sie atmet, in jedem Winkel gibt es etwas Schönes zu entdecken.«

Ein Übersicht über den „Gesamtkosmos“ des Seehotels finden Sie übrigens hier.

Ebenfalls eine Reise wert ist das 100 km südöstlich gelegene, ebenfalls von Nalbach + Nalbach Architekten betriebene Kavaliershaus Schloss Blücher. Das klassizistische Gutshaus am Finckener See, welches in seiner wechselhaften Geschichte auch schon als Dorfschule diente, wurde ebenfalls aufwändig zu einem kleinen Hotel umgebaut und bietet seit 2010 mit einem Zimmer und elf Suiten individuelle Übernachtungsmöglichkeiten.

Fotos, sofern nicht anders ausgewiesen: © Nalbach Architekten, Berlin


1 Kommentare

Wolfgang Schultes sagt:

Wir waren schon wiederholt hier – wie Sie schreiben: es ist ein wunderbar entschleunigter Ort, um entspannt und sorglos mit Kindern/Enkeln Urlaub zu machen, an den man – auch wegen der freundlichen Begegnung mit anderen Gästen und wegen der ausgezeichneten Küche – jederzeit gern zurückkehrt !

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