Mediterranean Acropolis – Cherubino Gambardellas Hommage an den Mythos des Mediterranen

Von Britta Krämer

Italien ist übersät von Ruinen. Von jenen antiken, auf welchen das kulturelle Erbe des Landes aufbaut und welche alljährlich Touristenströme nach Paestum, Pompei und Agrigent ziehen. Dieselben alten Steine bereiten in regelmäßigen Abständen dem Denkmalschutz Fundfreude und den Stadtverwaltungen Kopfzerbrechen, wenn man beim Ausbau einer Metrolinie auf eine antike Säule stößt, die es vermag, ein ganzes Bauprojekt für Monate oder gar Jahre zu stoppen. Ruinen steht man in Italien daher ambivalent gegenüber, je nachdem, zu welcher Interessensgruppe man sich zählt. Zu den Bewahrern oder den Modernisierern.

Vor allem der Mezzogiorno, der sonnige Süden Italiens, lebt seit langem auch mit einer anderen, moderneren Form der Ruine: Nie fertiggestellte Betonkonstruktionen, die an Stränden, inmitten von Weideland oder auf idyllischen Hügeln in die Landschaft ragen wie die versteinerten Skelette verdursteter Mammuts. In diesem Falle ist es schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der Position bezieht für diese grauen Relikte abrupt eingeschlafener Bauvorhaben und einer chronisch gewordenen, devastierenden Bauspekulation.

Für den neapolitanischen Architekten und Architekturtheoretiker Cherubino Gambardella jedoch birgt das Unfertige dieser Betonskelette ein immenses Potential, es stellt die Blaupause für eine gänzlich neue Existenz dar, die es zu erahnen, zu imaginieren und in Körperlichkeit zu übersetzen gilt. Das Unfertige ist ein spazio in attesa, ein Raum in Erwartungshaltung, in dem alles möglich werden kann: eine Metamorphose, eine Wiedergeburt, die Fortsetzung einer Erzählung.

In unserem Gespräch skizziert Cherubino Gambardella sein architektonisches Schaffen:„Ich habe eine seltsame Art zu arbeiten. Ich nähere mich einem neuen Projekt auf vielerlei Ebenen an: Forschungsarbeit, kulturelle Strategie, Skizzen, Collagen. Die eigentliche Projektentwicklung übernimmt meine Frau Simona. Dies macht uns zu einem sehr besonderen Team und verleiht unserer Arbeit beides, Autorschaft und Professionalität und ergänzt sie um ein mir sehr wichtiges Element: Die Emotion.“

Itri. Ein kleiner Ort im südlichen Latium. Gelegen zwischen dem Golf von Sperlonga und dem Golf von Gaeta, stets in Blickkontakt mit dem Meer, stets durchzogen vom Duft der mediterranen Macchia. Auf einem weitläufigen Hanggrundstück ruhen zwei schlichte weiße Baukörper statuenhaft in der Landschaft. Ihre Form ist geheimnisvoll, kaum zu entschlüsseln aber unmissverständlich mediterran: Villa Due Pini und Villa Capri.

Wie Phoenix aus der Asche haben sich die beiden Häuser über ihr vormaliges Dasein als Betonskelette erhoben, wurden neu erdacht und angekleidet Dank der visionären Ideen und der behutsamen Hände von Cherubino Gambardella und seiner Frau und Schaffenskollegin Simona Ottieri. Das Architektenduo blickt auf ein beeindruckendes Portfolio dieser reanimierten Betonkadaver zurück, die in einem Schaffensprozess, der mehr dem eines Künstlers, Kunsthandwerkers oder Schneiders gleicht, in ihre neue Daseinsform gebracht wurden und nun friedlich und souverän mit ihrer Umgebung dialogisieren. Eine Collage, die Gambardella im Laufe des Entwurfsprozesses für das Projekt in Itri angefertigte, trägt den Titel Mediterranean Acropolis und bringt die Vision des Architekten eindrucksvoll vielschichtig zum Ausdruck: Dieses Projekt ist ein Spiegel der Identität eines Territoriums, eine Hommage an das mediterraneo imperfetto, an Giò Ponti, Sottsass und Le Corbusier.

Villa Due Pini ist zeitlos, introvertiert, pur. Seine Silhouette hat dem Haus Spitznamen wie White bunker pumpkin house oder White Elephant eingebracht. Die Fassade, die vollständig mit glänzend weißer craquelé-Keramik eingekleidet ist, legt sich wie ein schützender Panzer um das Gebäude, das aber niemals in Verteidigungshaltung geht. Das Haus strahlt eine schlichte, unprätentiöse Eleganz und eine fast meditative Ruhe aus. Man erahnt die Idee des apulischen Trullo oder der sardischen Nuraghe, die zeitgenössisch durchdekliniert wurde.

Villa Due Pini © Cherubino Gambardella
Villa Due Pini © Cherubino Gambardella

Imposant, mit einer akzentuierteren Expressivität als das Vorgängerprojekt und in jeder Hinsicht akropolisch zeigt sich Villa Capri. Den Auftrag zu diesem zweiten Projekt erhielt Gambardella 2014 im Rahmen der Biennale in Venedig. Die Auftraggeber wünschten sich für das Folgeprojekt einen Bau mit klassischen, fast palladianischen Anklängen und einem klaren Bezug zur Architektur von Capri. So inspiriert sich denn auch der Name des Hauses an Alberto Savinios „Capri“ von 1926.

Beiden Villen gemein ist der Einsatz elementarer, fast banaler Elemente – Fenster, Türen, Geländer – deren Zusammenspiel und kompositorische Synthese eine elegante und zugleich leicht zugängliche Wirkung hervorruft. Die Fassade setzt die stark betonten, polychromen Fensterrahmungen spielerisch in Szene, bricht so die Banalität des elementaren Baukörpers auf und vermeidet Wiederholungen. Dasselbe passiert im Innenbereich, dessen schlichte Raumaufteilung durch die Struktur des Betonskeletts bestimmt ist: Fenster und Wandnischen geben den Innenwänden ein Gesicht, Öffnungen schaffen eine Kontinuität der Räume und eine freie Sicht zwischen Innen und Außen.

Während die craquelé-Fassade der Villa Due Pini an den geschlossenen Panzer eines Tieres erinnert, multiplizieren die luftigen Vorbauten und Überdachungen aus Schilfrohr der Villa Capri die Räume des Hauses und führen sie im Außenbereich fort.

Elemente, die das nicht Perfekte, das nicht Präzise repräsentieren, liebt Gambardella. „Gewollte Dissonanzen, eine kontrollierte falsche Grammatik und auch eine gute Portion Ironie so wie im Falle der Villa Capri, die ironisch mit Klischees von Reichtum und Luxus spielt, so wie die in unregelmäßigen Abständen positionierten Säulen, aus welchen Bougainvilleas wachsen …“. Seine Häuser sind der Beweis dafür, dass Kontraste nicht nur koexistieren sondern eine kraftvolle Synthese eingehen können: Eindringlich und doch leise. Imposant und dennoch bescheiden. Nackt und verkleidet. Glatt und haptisch herausfordernd. Pure Essenz und mannigfache Wandelbarkeit.

Villa Due Pini und Villa Capri stehen in direktem Blickkontakt mit dem Meer, und so durchströmt sein Charakter die Gebäude in all seinen Formen. Farbe, Kontraste, Licht, wechselhafte Horizonte und der Duft der macchia mediterranea. Das mediterrane Weiß der Baukörper wird zur Bühne und Projektionsfläche für die Licht- und Schattenspiele auf der glatten Oberfläche, die eine einzigartige, unerwartete Dynamik entwickeln. Überhaupt erfahren beide Häuser am Übergang von Tag zu Nacht eine Metamorphose ihrer Aura und werden zum Spiegel der Stimmungen der Natur. Eine Synthese der Elemente, eine beeindruckende Komposition der Wechselwirkungen von Licht und Schatten. Harmonie und Anmut des Mediterranen, eingefangen, durchdekliniert und meisterhaft in Architektur übersetzt von Cherubino Gambardella und Simona Ottieri: Genius Loci und der Mythos des Mediterranen.

Cherubino Gambardella ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Architekten Italiens auf internationalem Parkett. Als Architekturtheoretiker sowie Professor und Fakultätschef der 2. Architekturfakultät von Neapel ist er Verfasser zahlreicher Bücher zum Thema des Mediterranen und hat mit seinen Architekturprojekten und künstlerischen Arbeiten an mehreren Biennalen in Venedig (Kunst und Architektur) teilgenommen. Cherubino Gambardella, dessen Idee der demokratischen Schönheit – la bellezza democratica – unter anderem den sozialen Wohnungsbau Neapels mutig auf den Kopf gestellt und um eine große Portion Menschlichkeit bereichert hat, ist manch einem cineastisch bewanderten Leser sicher nicht ganz unbekannt: Er stand als Alter Ego Pate für den Protagonisten Jep Gambardella in Paolo Sorrentinos Film „La grande bellezza“ , der 2013 mit einem Oskar ausgezeichnet wurde.


Text: Britta Krämer, Juli 2016

Alle Autorenrechte der Collagen, Skizzen und Grundrisse liegen bei Cherubino Gambardella. Bildrechte: Cherubino Gambardella, Hans Jaeger, Peppe Maisto

Die Häuser

6 Kommentare

  1. due pini is a wonderful exceptional place to stay with magical views across the bay, designed and decorated with a wonderful clean modern and spacious esthetic an altogether roomy place. and many special and different spots for family and friends to hang out.great for family vacation and not so overwhelming for a couple or a few friends.
    and of course the architecture is very special and original
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  2. love it… so nice to read about Due Pini
    having been a quest and soaked up the ambience of this house / piece of objet-art its been a joy to relive the place through the feature.
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  3. This article does great justice to both Due Pini and Villa Capri. As a guest at Due Pini, I was swept away by the graceful architecture, thoughtful design and spectacular views of the Mediterranean. An ideal family vacation destination.
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