Architektur ganzheitlich denken: Veronika Weiss
Neben der reinen Architektur geht es Veronika Weiss in ihren Projekten immer um die Resonanz auf die Nutzer. Wie Architektur-Psychologie dabei helfen kann und welche Aha-Effekte für sie maßgeblich waren, verrät sie im Interview.
Hallo Veronika. Schön, dich wiederzusehen! Und, wo schwitzt du heute?
Aktuell am Tegernsee. Das ist super, denn es fühlt sich fast wie Urlaub an, auch wenn ich arbeite. Heute früh war ich kurz zum Baden am Mangfall. Das ist perfekt, sofern man antizyklisch zu den Urlaubsgästen unterwegs ist. Ich habe hier am Tegernsee eine kleine Wohnung, die auch mein Studio ist, und viele Freunde und meine Familie leben in der Nähe.
Du beschäftigst dich zurzeit sehr intensiv mit dem Thema Architektur-Psychologie. Erzähl mal, was dich daran fasziniert.
Auch wenn ich mich noch relativ am Anfang der zweijährigen Ausbildung befinde: Das ist für mich der Missing Link, nach dem ich lange gesucht habe. Da geht es unter anderem um Umweltpsychologie und Neuroästhetik, also darum, wie unsere gebaute Umwelt auf unser Gehirn, unsere Gefühle und unseren Körper wirkt. Schon im Studium habe ich mich bei Projektarbeiten zuerst gefragt, wer das Gebäude nutzt, was diese Nutzung braucht und was der Ort selbst mitbringt. Ich habe sehr lange am Konzept gefeilt und erst kurz vor Abgabe den Entwurf ausformuliert und Modelle gebaut, während meine Kolleg:innen oft schon viel mehr produziert hatten.



Seit langem interessiere ich mich für Gesundheitsthemen, in meiner Familie gibt es einige Ärzte und Psychologen, ich setze mich auch mit Yoga und dem Nervensystem auseinander. Insofern ist die Architekturpsychologie für mich auch hier die Klammer zwischen der Architektur und weiteren Interessen: es geht um das Potential von Räumen, unser Wohlbefinden zu fördern, zu inspirieren, uns zu unterstützen und auch in gewisser Weise zu heilen. Dafür braucht es erst mal ein Hinterfragen der Anforderungen und dann entsprechende Methoden und Wissen zur räumlichen Übersetzung – und das bietet die Architekturpsychologie.
Wir werden als Architekt:innen im Studium und Beruf dazu getrimmt, zu funktionieren und lange Arbeitszeiten, Zeitdruck und Großraumbüros auszuhalten. Das passt meiner Meinung nach nicht dazu, dass wir eigentlich gute, angenehme, stimmige Räume für Menschen schaffen wollen. Mit meiner Selbständigkeit ist dieser Anspruch an meine Projekte viel mehr in Einklang gekommen mit meiner Idee, wie ich selbst arbeiten will: konzentriert, inspiriert, im Austausch mit interessanten Menschen; und mit einer gewissen Demut, nicht alles zu wissen und offen zu sein, Neues zu lernen.
Wo absolvierst du diese Ausbildung und wie läuft das ab?
Ich habe mich am Institut für Wohn- und Architekturpsychologie in Graz eingeschrieben. Die Ausbildung geht über zwei Jahre und findet größtenteils online statt. Das Spannende ist, dass die Teilnehmer:innen zur Hälfte Psycholog:innen und zur Hälfte Architekt:innen sind. Die Psycholog:innen nehmen die Erfahrungen mit in ihre Arbeit, etwa wenn es um Konfliktsituationen in Familien geht und wie man diese in konkreten Wohnsituationen verbessern kann. Für uns Architekt:innen ist es ein wertvolles Tool, um Bedürfnisse besser zu verstehen und lebenswertere Umgebungen für Menschen zu schaffen. In einer Zeit, in der wir permanent reizüberflutet werden, ist es besonders wichtig, dass Räume für die Menschen arbeiten und helfen, zu regulieren. Vielleicht könnte man sagen, dass reale Räume im digitalen Zeitalter noch mehr Relevanz haben.
Interessant. Wir hören ja auch oft von unseren Gästen, dass sich Familien- oder Beziehungskonstellationen im Urlaub ganz anders zusammenfügen, weil es das Ferienhaus mit andersartigen Räumen für Rückzug oder Gemeinschaft neu ermöglicht. Da herrscht oft eine andere Resonanz.
Genau. Und das Spannende ist, dass es dazu wissenschaftliche Erkenntnisse gibt. Natürlich ist jeder Mensch anders, aber unabhängig von irgendeinem Ästhetikempfinden gibt es Forschungsergebnisse, worauf wir positiv resonieren. Unser Gehirn ist letztlich nicht viel anders als das des Neandertalers. Unser Körper ist darauf ausgelegt, maximal schnell Reize wahrzunehmen und dann zu handeln, mit Stress und Flucht, mit Entspannung und so weiter. Das ist unsere Überlebensstrategie. Wir müssen uns orientieren, brauchen Schutz, Rückzug, Gemeinschaft und Identifikation, spüren mit unseren Sinnen und unser Nervensystem reagiert. Und wir erfahren das direkt. Einer der Sätze, der mir in meiner Ausbildung bisher am meisten klargemacht hat, ist: Wir sind fühlende Wesen, die auch denken können, und nicht umgekehrt. Räume können sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken, unsere Produktivität steigern und unsere Gesundheit fördern.


Stichwort inspirierende Räume: Du hast ja quasi ins Rosso „eingeheiratet“…
Wie fällt dein Blick auf das Haus aus, an dessen Design du nicht beteiligt warst?
Ich glaube, Christian (Anmerkung der Redaktion: Christian Müller, Betreiber des Rosso, das seit 2021 Partnerhaus von URLAUBSARCHITEKTUR ist) hat es geschafft, ganz viele Kriterien zu erfüllen, damit der Gast sich wohlfühlen kann und genügend Anreize findet. Konzeptionell hat er sich am Prinzip des Wabi Sabi orientiert, mit der Schönheit des Unperfekten und vielen natürlichen Materialien und Farben, wie man es aus dem Biophilic Design kennt. Das spricht unsere Grundbedürfnisse nach Naturverbundenheit und Geborgenheit an, deshalb reagieren wir Menschen darauf positiv.






Bist du im Rosso in den operativen Betrieb eingestiegen oder in anderer Form involviert?
Christian macht schon das Meiste, die Gäste-Check-ins und Check-outs sowie die ganze Korrespondenz, da kann er seine ganze Leidenschaft als Gastgeber ausleben. Ich bin aber immer mehr involviert und kümmere mich um die Kreativdirektion und Gestaltungsthemen im und ums Haus. Und natürlich tauschen wir uns generell viel aus und planen gemeinsam. Momentan überlegen wir etwa, mehr Tagesevents anzubieten, da wir ja das Atelier haben und Spaß daran haben, Menschen zusammenzubringen. Wir haben eine sehr gute Arbeitsteilung: Christian ist und bleibt der Frontmann und ich bin eher im Hintergrund tätig und bringe meine konzeptionellen Stärken ein. Auch von unserer Wesensart her ergänzen wir uns bestens. Er ist der Macher, ich hingegen schlafe gerne über eine Entscheidung. Das führt dazu, dass wir nicht auf der Stelle treten, aber auf der Suche nach der besten Option alles aus verschiedenen Blickwinkeln reflektiert haben.
Würdest du dich in unserer Einschätzung wiederfinden, dass du Architektur nicht einfach nur entwirfst, sondern die ganzheitliche Beschäftigung mit der Materie für dich eine Grundbedingung ist?
Absolut, ja. Denn über die reine Architektur hinaus betrifft es die Fragen, wie wir sind als Menschen und was wir brauchen und wollen. Zu diesem Themenspektrum lese ich sehr viel. Verschiedene Menschen haben unterschiedliche Voraussetzungen und Erfahrungen, bei aller grundsätzlichen Ähnlichkeit. Es geht also für mich nicht um Architektur per se, sondern um das Menschsein in seiner Umwelt.


Wie das Rosso ist auch Maybe October ein UA-Partnerhaus. Hier warst du die Architektin, außerdem war es dein erstes Projekt im Ausland. Wie waren deine Erfahrungen – auch in Bezug auf bürokratische, kulturelle oder klimatische Voraussetzungen?
Das war tatsächlich anders als meine bisherigen Projekte. Auch schon deswegen, weil ich mit den Bauherren befreundet bin und wusste, dass sie sich selbst viel mit dem Projekt auseinandersetzen und häufig vor Ort sein werden und sich auch selbst um die Bauleitung kümmern. Ich war zu Besprechungen per Video zugeschaltet.





Sowohl das Baurecht als auch die Bauweise in Portugal sind anders. In unserem Fall reden wir von 50 Zentimeter starken Lehmwänden und das Material dafür stammt vom Grundstück selbst. Unter Freunden kann man natürlich vereinbaren, dass man nicht nach DIN-Normen plant und wir sind das Ganze eher experimentell angegangen. In anderen Projekten wäre ein derartiges Agreement nicht möglich. Es gab auch keinen Bauzeitenplan. Die Materialbeschaffung war nicht immer einfach und vor allem zeitlich nicht kalkulierbar. Wenn jemand gefragt hat, haben wir als voraussichtliche Fertigstellung gesagt: Maybe October. So entstand auch der Projektname. Es hat viel Spaß gemacht, mit baubegeisterten Freunden und viel Leichtigkeit diesen Ort neu zu erfinden. In einem nächsten Schritt planen wir gerade ein kleines Studio im anderen Gebäudeteil.


Gab es Material, mit dem du dich zum ersten Mal wirklich tiefergehend beschäftigt hast?
Lehm als Baustoff war schon sehr dominant. Damit beschäftige ich mich schon eine ganze Weile und habe mich gefreut, dass wir hier vieles ausprobieren konnten. In Deutschland ist das schwieriger umzusetzen, gerade als tragendes Bauteil. Ansonsten gab es verschiedene Hölzer, mit denen wir gearbeitet haben und die bei uns nicht zum Einsatz kommen, z.B. Eukalyptus.
Das Haus bekommt durch die Materialverwendung eine sehr haptische Qualität. Dazu die Texturen und natürlichen Farbtöne – es scheint zu leben und zu atmen…
Ja, das ist tatsächlich die besondere Eigenschaft von Lehm. Die Raumwirkung ist sehr natürlich und beeinflusst das Raumklima durch die Aufnahme und Abgabe von Feuchtigkeit positiv. Wir setzen Lehminnenputz gerade in einer denkmalgeschützten Villa in München ein, auch diese Räume weisen gleich eine andere Qualität auf. Das Thema ist auch in Deutschland stark im Kommen, allerdings zunächst eine höhere Investition als in konventioneller Bauweise. Wer sich mit ressourcenschonendem und schadstoffarmen Bauen auseinandersetzt, merkt aber schnell, dass es die gesundheitlichen und nachhaltigen Vorteile und die angenehme Raumwirkung wert sind.

Wie war der Ausgangszustand von Maybe October vor der Sanierung?
Das beziehungsweise die ruralen Gebäude sind etwa 120 Jahre alt. Historisch gesehen lebte dort eine Familie, die die umliegenden Felder bewirtschaftete und Tierhaltung betrieb. Immer, wenn die Familie Zuwachs bekommen hat, wurde angebaut. Die Gebäude folgen dem Geländeniveau, diese Entwicklung ist nach wie vor ablesbar. Neben den Wohnräumen gab es noch einen Stall. Das war alles sehr bescheiden seinerzeit.
Du hast ein großes Faible für das Bauen im Bestand. Reizt es dich, der bestehenden Geschichte noch neue Kapitel hinzuzufügen?
Ich finde es immer spannend zu sehen, was schon da ist und gehe gerne in Resonanz. Als Studentin habe ich im Bauarchiv Innsbruck gearbeitet und Pläne archiviert, außerdem bin ich Mitherausgeberin des Architekturführer Innsbruck. Mich begeistern alte Gebäude und es ist spannend zu sehen, was sich im Laufe der Zeit etabliert. Wir brauchen Baukultur mit langfristig qualitätsvollen Bauwerken. Vielleicht habe ich aber auch nicht genug Fantasie, ein komplettes Haus zu entwerfen (schmunzelt). Nein, im Ernst: In einem Zusammenspiel mit existierender Architektur arbeite ich gerne, Co-Kreation macht mir unglaublich Spaß.
Und das Thema Nachhaltigkeit ist mir sehr wichtig. Wir können nicht weiterhin ständig Fläche versiegeln und auf der grünen Wiese Einfamilienhäuser bauen – das kann auf Dauer nicht der richtige Weg sein. Im Bestand steckt so viel Potenzial. Auch von der reinen Bauaufgabe her finde ich Bestandsbauten reizvoll. Man weiß nie ganz genau, was da zum Vorschein kommt, und es ist toll zu sehen, wie sich Räume durch eine einfühlsame Gestaltung mit guter Beleuchtung, Akustik und einer passenden Material- und Farbwahl verändern können.
Apropos Geschichte: BLYB.Hotel ein anderes Projekt von dir, trägt viel Historie in sich — darunter auch sehr dunkle Kapitel. Heinrich Himmler hat dort eine Zeitlang gewohnt. Wie geht man damit um?
Das war für uns ein großes Thema. Wir haben uns als Gründungs- und Bauteam im Projektverlauf intensiver mit der Geschichte des Nationalsozialismus im Tegernseer Tal auseinandergesetzt und viel Neues gelernt, obwohl wir größtenteils hier aufgewachsen sind. Denn wir haben schnell gemerkt, dass wir mit dem Projekt eine nicht unerhebliche Verantwortung tragen.



Das hat dann auch gestalterische Konsequenzen gehabt. Bestimmte Elemente sind bewusst roh erhalten und nicht repariert oder überstrichen worden. Etwa die Eichenböden und Natursteine, die wir großflächig unter PVC-Belägen gefunden haben. Da gibt es teilweise Macken und Dellen. Wir fanden es passend, bewusst Spuren der Abnutzung zu zeigen, um das Bewusstsein zu schärfen, dass dies ein Ort mit Geschichte ist. Es darf an manchen Stellen auch ein Unbehagen auslösen oder zum Nachdenken anregen.


Der Architekturhistoriker Prof. Dr. Winfried Nerdinger hat sich mit der Frage “Haben Steine ein Gewissen?” über die moralische Aussagekraft von Bauwerken des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und liefert einige Denkanstöße. Er sieht die Verantwortung nicht bei den Gebäuden, sondern bei den Menschen und fordert aktive Aufklärung und eine historische Kontextualisierung. Klar ist, dass dies bei einem Hospitality-Projekt herausfordernd ist und es Mut fordert, sich dem anzunehmen.




Es gab ein paar besondere Elemente, die zum Vorschein kamen: Etwa einen Bunker, der Ende des Zweiten Weltkrieges von Zwangsarbeitern gebaut wurde. Bisher war er zugemauert und nur durch ein Loch für Inspektionen zugänglich. Unsere erste Idee war, ihn für künstlerische Interaktionen zu nutzen. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass wir dazu noch keine finale Haltung haben, weil das Thema hochsensibel ist. Das Motto von BLYB ist ja passenderweise ‘Almost There’. Wir haben nicht alle Antworten und sind noch nicht fertig. Wir sind weiterhin im Dialog und im Prozess und offen, bisherige Meinungen zu revidieren.
Ich glaube, diese Ambivalenz und das Aushalten von Kontrasten spiegelt ziemlich gut die Zeit wider, in der wir gerade leben. Es gibt oft keine klare Orientierung mehr, was gut und richtig und was falsch ist, weil es sehr komplexe Zusammenhänge gibt. Wir müssen das aushalten und brauchen gleichzeitig ein gutes Wertesystem und eine positive, offene Grundhaltung.
Kommen wir zu einem anderen Thema. Du engagierst dich sehr intensiv für den Austausch von Frauen in der Baubranche. Was treibt dich um, was muss sich noch ändern?
Es hilft enorm, sich mit anderen Kolleginnen auszutauschen. Denn ich merke, oft sitzen wir im selben Boot und erfahren, dass immer wieder ein Unterschied gemacht wird, ob du weiblich oder männlich bist in unserem Berufsfeld. Manchmal subtil und manchmal weniger. Oft passt auch die Arbeitsrealität überhaupt nicht mit der Lebensrealität zusammen, vor allem für Mütter. Daher ist es wichtig, in Austausch zu gehen und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir haben hier ein kleines Architektinnen-Netzwerk am Tegernsee, in dem wir uns auch ganz praktisch zu Entwurfsfragen austauschen oder gegenseitig nach Handwerkern fragen oder auch gemeinsam Projekte realisieren. Es tut gut, sich gegenseitig zu unterstützen, statt zu konkurrieren.
Momentan träume ich davon, ein Architektinnen-Retreat im Rosso anzubieten. Einige Tage, an denen man sich austauscht, aber vielleicht auch ganz praktisch arbeitet und lernt, zum Beispiel gemeinsam mit einem lokalen Lehmbauer oder Schlosser…
Gibt es ein Gebäude oder Erlebnis, das bei dir einen Aha-Effekt ausgelöst hat?
Tatsächlich habe ich mich – quasi aus einem begeisterten Impuls heraus – für das Architekturstudium entschieden, nachdem ich in London eine Barragán-Ausstellung gesehen habe. 2008 war ich für ein Jahr in einem Architekturbüro in Mexico City und habe mir dort viele Bauten von Luis Barragán vor Ort angesehen. Ich liebe die klassische Moderne sehr, da sie über das reine Bauen hinausgeht und viele Themen ganzheitlich gedacht sind. Sehr beeindruckt hat mich in seiner Konsequenz und Lage auch das Vipp Shelter in Schweden.
An welchen Projekten arbeitest du aktuell?
Gerade in der Fertigstellung ist eine denkmalgeschützte Villa in München. Das Projekt realisiere ich mit dem Büro BAND ARCHITEKTUR, bei dem ich vorher angestellt war. Da sind wir gerade in einer spannenden Phase: der ganze Schutt und Staub ist weg und man sieht nun bereits, wie die Räume fast fertig wirken und dass das, was man lange gemeinsam erarbeitet hat und sich gedanklich vorgestellt hat, gut wird und Form annimmt.


Dann habe ich soeben den Umbau einer Arztpraxis in München abgeschlossen. Das war ein schneller Wurf, weil die Ärzte kurzfristig aus den alten Räumen raus mussten. Ich genoss viel Vertrauen und hatte freie Hand bei der Gestaltung, und gemeinsam mit guten Handwerkerfirmen haben wir das Beste daraus gemacht in der kurzen Bauzeit.
Seit ich selbstständig bin, mache ich gerne auch kleinere Umbauten komplett mit der Innenarchitektur. Das macht vor allem beim Bestand Sinn und vereint mein Wissen als Architektin mit meinem ganzheitlichen Ansatz und meiner Freude an Gestaltung.
Ganz neu ist ein Mini-Projekt direkt an der Mangfallbrücke in Gmund, wo wir einen Kiosk renovieren und ein neues Gastrokonzept planen. Da habe ich jetzt gerade die ersten Grundrissvarianten gemacht und wir sind in der Entwicklung des Konzepts gemeinsam mit der Markenentwicklung. Das Ganze hat vielleicht insgesamt 40 Quadratmeter. Aber die Größe ist für mich nicht entscheidend: denn ich suche mir Projekte eher danach aus, ob ich sie spannend finde und wie die Bauherr:innen drauf sind.
Auch Friends and Family-Projekte gibt es weiterhin: Meine Schwester und ihr Partner bauen gerade in Österreich am Wolfgangsee mit einem lokalen Architekten. Da bin ich beratend dabei und für das Interior zuständig. Der Architekt hat Erfahrung mit einfachem und experimentellem Bauen und ist für mich sehr inspirierend, weil er mit einer großen Ruhe und einem künstlerischen und nachhaltigen Ansatz herangeht. Es wird diskutiert, was in Eigenleistung oder mit Studenten als Anschauungsprojekt realisiert werden kann, zum Beispiel ein Stampflehmboden. Meine Schwester und ihre Familie möchte kein klassisches Architektenhaus, sondern einen eher freien Grundriss, der flexible Möglichkeiten bietet und spannende Raumbezüge und in dem frei gelebt werden kann. Sozusagen eine Villa Kunterbunt, aber minimalistisch, skandinavisch – mit japanischer Note. Das ist wieder eine neue Herausforderung und ich empfinde es aufgrund meiner Architekturpsychologie-Weiterbildung gerade als sehr befreiend, dass es nicht nur um Ästhetik geht, sondern um die Frage: Wie wollen wir leben? Und um deren räumliche Übersetzung.
Und: die Co-Kreation bewirkt, dass ich deutlich schneller weiter komme, als wenn ich in meinem eigenen Kämmerchen vor mich hin schmore. Ich glaube, es braucht neben den klassischen Architekturbüros mit mehreren Angestellten neue, flexiblere Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit, die den digitalen Entwicklungen aber auch den Lebensrealitäten mehr entspricht und ich versuche das, für mich selbst zu gestalten.
Viel Erfolg, liebe Veronika und danke für das Gespräch! Wir sind gespannt, was noch so alles aus deiner Feder kommt.
Veronika Weiss studierte Architektur an der Universität Innsbruck. Als Studentin arbeitete sie im Bauarchiv Innsbruck, mit welchem sie danach auch den Architekturführer Innsbruck verfasste.
2008 arbeitete sie in Mexiko-Stadt bei Tatiana Bilbao, deren Entwürfe stark aus der Untersuchung von Ort, lokalen Materialien und einem ganzheitlichen Konzept entstehen. Es folgten mehrere Jahre in Büros in München, am Tegernsee und in Berlin, darunter fünf Jahre bei Andreas Erlacher Architekt in Rottach-Egern und zuletzt bei BPM Büro Philipp Möller, heute BAND ARCHITEKTUR, wo sie bis 2021 angestellt war.
Seit 2022 arbeitet Veronika Weiss selbständig mit ihrem eigenen Studio in Gmund am Tegernsee. Sie teilt ihre Zeit zwischen Tegernsee und Allgäu, wo sie mit ihrem Partner das Farmhouse Retreat ROSSO betreibt. Ihr Fokus liegt auf dem Bauen im Bestand, mit dem Anspruch, Architektur und Innenarchitektur ganzheitlich zu denken und in interdisziplinärer Co-Creation besondere Orte zu schaffen.
Text: Das Gespräch führten Britta Krämer und Ulrich Stefan Knoll.
Fotos: Veronika Weiss © Thomas Oberniedermaier (Titelfoto), Seminarhof Vissum — Konzept, Planung und Ausführung als Mitarbeiterin von BAND ARCHITEKTUR © 8AM Studio (1–3), Das Rosso © Gina Wäcker © CC Soulsister Photography © 8AM Studio © Charlotte Tornow © Isabel Pyc © Wim Jansen (4–11), Maybe October — Skizzen/Pläne © Studio Veronika Weiss (12, 18), Maybe October — Fotos © Daniel Oechsler / 8AM Studio © Anna Fichtner (13–17, 19–21), BLYB Hotel © 8AM Studio (23–25, 27–30), BLYB Hotel — Vorher-Foto © Veronika Weiss, Praxis T31 — Skizze / Visualisierung © Studio Veronika Weiss (31/32)
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