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Archi­tektur ganz­heitlich denken: Veronika Weiss

Neben der reinen Architektur geht es Veronika Weiss in ihren Projekten immer um die Resonanz auf die Nutzer. Wie Architektur-Psychologie dabei helfen kann und welche Aha-Effekte für sie maßgeblich waren, verrät sie im Interview.

von Britta Krämer & Ulrich Stefan Knoll im Juli 2026

 Archi­tektur ganz­heitlich denken: Veronika Weiss in  /

Hallo Veronika. Schön, dich wie­der­zu­sehen! Und, wo schwitzt du heute?

Aktuell am Tegernsee. Das ist super, denn es fühlt sich fast wie Urlaub an, auch wenn ich arbeite. Heute früh war ich kurz zum Baden am Mangfall. Das ist perfekt, sofern man anti­zy­klisch zu den Urlaubs­gästen unterwegs ist. Ich habe hier am Tegernsee eine kleine Wohnung, die auch mein Studio ist, und viele Freunde und meine Familie leben in der Nähe.

Du beschäf­tigst dich zurzeit sehr intensiv mit dem Thema Archi­tektur-Psy­cho­logie. Erzähl mal, was dich daran fas­zi­niert.

Auch wenn ich mich noch relativ am Anfang der zwei­jäh­rigen Aus­bildung befinde: Das ist für mich der Missing Link, nach dem ich lange gesucht habe. Da geht es unter anderem um Umwelt­psy­cho­logie und Neu­ro­äs­thetik, also darum, wie unsere gebaute Umwelt auf unser Gehirn, unsere Gefühle und unseren Körper wirkt. Schon im Studium habe ich mich bei Pro­jekt­ar­beiten zuerst gefragt, wer das Gebäude nutzt, was diese Nutzung braucht und was der Ort selbst mit­bringt. Ich habe sehr lange am Konzept gefeilt und erst kurz vor Abgabe den Entwurf aus­for­mu­liert und Modelle gebaut, während meine Kolleg:innen oft schon viel mehr pro­du­ziert hatten.

Seit langem inter­es­siere ich mich für Gesund­heits­themen, in meiner Familie gibt es einige Ärzte und Psy­cho­logen, ich setze mich auch mit Yoga und dem Ner­ven­system aus­ein­ander. Insofern ist die Archi­tek­tur­psy­cho­logie für mich auch hier die Klammer zwi­schen der Archi­tektur und wei­teren Inter­essen: es geht um das Potential von Räumen, unser Wohl­be­finden zu fördern, zu inspi­rieren, uns zu unter­stützen und auch in gewisser Weise zu heilen. Dafür braucht es erst mal ein Hin­ter­fragen der Anfor­de­rungen und dann ent­spre­chende Methoden und Wissen zur räum­lichen Über­setzung – und das bietet die Archi­tek­tur­psy­cho­logie.

Wir werden als Architekt:innen im Studium und Beruf dazu getrimmt, zu funk­tio­nieren und lange Arbeits­zeiten, Zeit­druck und Groß­raum­büros aus­zu­halten. Das passt meiner Meinung nach nicht dazu, dass wir eigentlich gute, ange­nehme, stimmige Räume für Men­schen schaffen wollen. Mit meiner Selb­stän­digkeit ist dieser Anspruch an meine Pro­jekte viel mehr in Ein­klang gekommen mit meiner Idee, wie ich selbst arbeiten will: kon­zen­triert, inspi­riert, im Aus­tausch mit inter­es­santen Men­schen; und mit einer gewissen Demut, nicht alles zu wissen und offen zu sein, Neues zu lernen.

Wo absol­vierst du diese Aus­bildung und wie läuft das ab?

Ich habe mich am Institut für Wohn- und Archi­tek­tur­psy­cho­logie in Graz ein­ge­schrieben. Die Aus­bildung geht über zwei Jahre und findet größ­ten­teils online statt. Das Span­nende ist, dass die Teilnehmer:innen zur Hälfte Psycholog:innen und zur Hälfte Architekt:innen sind. Die Psycholog:innen nehmen die Erfah­rungen mit in ihre Arbeit, etwa wenn es um Kon­flikt­si­tua­tionen in Familien geht und wie man diese in kon­kreten Wohn­si­tua­tionen ver­bessern kann. Für uns Architekt:innen ist es ein wert­volles Tool, um Bedürf­nisse besser zu ver­stehen und lebens­wertere Umge­bungen für Men­schen zu schaffen. In einer Zeit, in der wir per­manent reiz­über­flutet werden, ist es besonders wichtig, dass Räume für die Men­schen arbeiten und helfen, zu regu­lieren. Viel­leicht könnte man sagen, dass reale Räume im digi­talen Zeit­alter noch mehr Relevanz haben.

Inter­essant. Wir hören ja auch oft von unseren Gästen, dass sich Familien- oder Bezie­hungs­kon­stel­la­tionen im Urlaub ganz anders zusam­men­fügen, weil es das Feri­enhaus mit anders­ar­tigen Räumen für Rückzug oder Gemein­schaft neu ermög­licht. Da herrscht oft eine andere Resonanz.

Genau. Und das Span­nende ist, dass es dazu wis­sen­schaft­liche Erkennt­nisse gibt. Natürlich ist jeder Mensch anders, aber unab­hängig von irgend­einem Ästhe­tik­emp­finden gibt es For­schungs­er­geb­nisse, worauf wir positiv reso­nieren. Unser Gehirn ist letztlich nicht viel anders als das des Nean­der­talers. Unser Körper ist darauf aus­gelegt, maximal schnell Reize wahr­zu­nehmen und dann zu handeln, mit Stress und Flucht, mit Ent­spannung und so weiter. Das ist unsere Über­le­bens­stra­tegie. Wir müssen uns ori­en­tieren, brauchen Schutz, Rückzug, Gemein­schaft und Iden­ti­fi­kation, spüren mit unseren Sinnen und unser Ner­ven­system reagiert. Und wir erfahren das direkt. Einer der Sätze, der mir in meiner Aus­bildung bisher am meisten klar­ge­macht hat, ist: Wir sind füh­lende Wesen, die auch denken können, und nicht umge­kehrt. Räume können sich positiv auf unser Wohl­be­finden aus­wirken, unsere Pro­duk­ti­vität steigern und unsere Gesundheit fördern.

Stichwort inspi­rie­rende Räume: Du hast ja quasi ins Rosso „ein­ge­hei­ratet“…
Wie fällt dein Blick auf das Haus aus, an dessen Design du nicht beteiligt warst?

Ich glaube, Christian (Anmerkung der Redaktion: Christian Müller, Betreiber des Rosso, das seit 2021 Part­nerhaus von URLAUBSARCHITEKTUR ist) hat es geschafft, ganz viele Kri­terien zu erfüllen, damit der Gast sich wohl­fühlen kann und genügend Anreize findet. Kon­zep­tionell hat er sich am Prinzip des Wabi Sabi ori­en­tiert, mit der Schönheit des Unper­fekten und vielen natür­lichen Mate­rialien und Farben, wie man es aus dem Bio­philic Design kennt. Das spricht unsere Grund­be­dürf­nisse nach Natur­ver­bun­denheit und Gebor­genheit an, deshalb reagieren wir Men­schen darauf positiv.

Bist du im Rosso in den ope­ra­tiven Betrieb ein­ge­stiegen oder in anderer Form invol­viert?

Christian macht schon das Meiste, die Gäste-Check-ins und Check-outs sowie die ganze Kor­re­spondenz, da kann er seine ganze Lei­den­schaft als Gast­geber aus­leben. Ich bin aber immer mehr invol­viert und kümmere mich um die Krea­tiv­di­rektion und Gestal­tungs­themen im und ums Haus. Und natürlich tau­schen wir uns generell viel aus und planen gemeinsam. Momentan über­legen wir etwa, mehr Tages­e­vents anzu­bieten, da wir ja das Atelier haben und Spaß daran haben, Men­schen zusam­men­zu­bringen. Wir haben eine sehr gute Arbeits­teilung: Christian ist und bleibt der Frontmann und ich bin eher im Hin­ter­grund tätig und bringe meine kon­zep­tio­nellen Stärken ein. Auch von unserer Wesensart her ergänzen wir uns bestens. Er ist der Macher, ich hin­gegen schlafe gerne über eine Ent­scheidung. Das führt dazu, dass wir nicht auf der Stelle treten, aber auf der Suche nach der besten Option alles aus ver­schie­denen Blick­winkeln reflek­tiert haben.

Würdest du dich in unserer Ein­schätzung wie­der­finden, dass du Archi­tektur nicht einfach nur ent­wirfst, sondern die ganz­heit­liche Beschäf­tigung mit der Materie für dich eine Grund­be­dingung ist?

Absolut, ja. Denn über die reine Archi­tektur hinaus betrifft es die Fragen, wie wir sind als Men­schen und was wir brauchen und wollen. Zu diesem The­men­spektrum lese ich sehr viel. Ver­schiedene Men­schen haben unter­schied­liche Vor­aus­set­zungen und Erfah­rungen, bei aller grund­sätz­lichen Ähn­lichkeit. Es geht also für mich nicht um Archi­tektur per se, sondern um das Menschsein in seiner Umwelt.

Wie das Rosso ist auch Maybe October ein UA-Part­nerhaus. Hier warst du die Archi­tektin, außerdem war es dein erstes Projekt im Ausland. Wie waren deine Erfah­rungen – auch in Bezug auf büro­kra­tische, kul­tu­relle oder kli­ma­tische Vor­aus­set­zungen?

Das war tat­sächlich anders als meine bis­he­rigen Pro­jekte. Auch schon des­wegen, weil ich mit den Bau­herren befreundet bin und wusste, dass sie sich selbst viel mit dem Projekt aus­ein­an­der­setzen und häufig vor Ort sein werden und sich auch selbst um die Bau­leitung kümmern. Ich war zu Bespre­chungen per Video zuge­schaltet.

Sowohl das Bau­recht als auch die Bau­weise in Por­tugal sind anders. In unserem Fall reden wir von 50 Zen­ti­meter starken Lehm­wänden und das Material dafür stammt vom Grund­stück selbst. Unter Freunden kann man natürlich ver­ein­baren, dass man nicht nach DIN-Normen plant und wir sind das Ganze eher expe­ri­mentell ange­gangen. In anderen Pro­jekten wäre ein der­ar­tiges Agreement nicht möglich. Es gab auch keinen Bau­zei­tenplan. Die Mate­ri­al­be­schaffung war nicht immer einfach und vor allem zeitlich nicht kal­ku­lierbar. Wenn jemand gefragt hat, haben wir als vor­aus­sicht­liche Fer­tig­stellung gesagt: Maybe October. So ent­stand auch der Pro­jektname. Es hat viel Spaß gemacht, mit bau­be­geis­terten Freunden und viel Leich­tigkeit diesen Ort neu zu erfinden. In einem nächsten Schritt planen wir gerade ein kleines Studio im anderen Gebäu­deteil.

Gab es Material, mit dem du dich zum ersten Mal wirklich tie­fer­gehend beschäftigt hast?

Lehm als Bau­stoff war schon sehr dominant. Damit beschäftige ich mich schon eine ganze Weile und habe mich gefreut, dass wir hier vieles aus­pro­bieren konnten. In Deutschland ist das schwie­riger umzu­setzen, gerade als tra­gendes Bauteil. Ansonsten gab es ver­schiedene Hölzer, mit denen wir gear­beitet haben und die bei uns nicht zum Einsatz kommen, z.B. Euka­lyptus.

Das Haus bekommt durch die Mate­ri­al­ver­wendung eine sehr hap­tische Qua­lität. Dazu die Tex­turen und natür­lichen Farbtöne – es scheint zu leben und zu atmen…

Ja, das ist tat­sächlich die besondere Eigen­schaft von Lehm. Die Raum­wirkung ist sehr natürlich und beein­flusst das Raum­klima durch die Auf­nahme und Abgabe von Feuch­tigkeit positiv. Wir setzen Leh­min­nenputz gerade in einer denk­mal­ge­schützten Villa in München ein, auch diese Räume weisen gleich eine andere Qua­lität auf. Das Thema ist auch in Deutschland stark im Kommen, aller­dings zunächst eine höhere Inves­tition als in kon­ven­tio­neller Bau­weise. Wer sich mit res­sour­cen­scho­nendem und schad­stoff­armen Bauen aus­ein­an­der­setzt, merkt aber schnell, dass es die gesund­heit­lichen und nach­hal­tigen Vor­teile und die ange­nehme Raum­wirkung wert sind. 

Wie war der Aus­gangs­zu­stand von Maybe October vor der Sanierung?

Das bezie­hungs­weise die ruralen Gebäude sind etwa 120 Jahre alt. His­to­risch gesehen lebte dort eine Familie, die die umlie­genden Felder bewirt­schaftete und Tier­haltung betrieb. Immer, wenn die Familie Zuwachs bekommen hat, wurde angebaut. Die Gebäude folgen dem Gelän­de­niveau, diese Ent­wicklung ist nach wie vor ablesbar. Neben den Wohn­räumen gab es noch einen Stall. Das war alles sehr bescheiden sei­nerzeit.

Du hast ein großes Faible für das Bauen im Bestand. Reizt es dich, der bestehenden Geschichte noch neue Kapitel hin­zu­zu­fügen?

Ich finde es immer spannend zu sehen, was schon da ist und gehe gerne in Resonanz. Als Stu­dentin habe ich im Bau­archiv Inns­bruck gear­beitet und Pläne archi­viert, außerdem bin ich Mit­her­aus­ge­berin des Archi­tek­tur­führer Inns­bruck. Mich begeistern alte Gebäude und es ist spannend zu sehen, was sich im Laufe der Zeit eta­bliert. Wir brauchen Bau­kultur mit lang­fristig qua­li­täts­vollen Bau­werken. Viel­leicht habe ich aber auch nicht genug Fan­tasie, ein kom­plettes Haus zu ent­werfen (schmunzelt). Nein, im Ernst: In einem Zusam­men­spiel mit exis­tie­render Archi­tektur arbeite ich gerne, Co-Kreation macht mir unglaublich Spaß.
Und das Thema Nach­hal­tigkeit ist mir sehr wichtig. Wir können nicht wei­terhin ständig Fläche ver­siegeln und auf der grünen Wiese Ein­fa­mi­li­en­häuser bauen – das kann auf Dauer nicht der richtige Weg sein. Im Bestand steckt so viel Potenzial. Auch von der reinen Bau­aufgabe her finde ich Bestands­bauten reizvoll. Man weiß nie ganz genau, was da zum Vor­schein kommt, und es ist toll zu sehen, wie sich Räume durch eine ein­fühlsame Gestaltung mit guter Beleuchtung, Akustik und einer pas­senden Material- und Farbwahl ver­ändern können.

Apropos Geschichte: BLYB.Hotel ein anderes Projekt von dir, trägt viel His­torie in sich — dar­unter auch sehr dunkle Kapitel. Heinrich Himmler hat dort eine Zeitlang gewohnt. Wie geht man damit um?

Das war für uns ein großes Thema. Wir haben uns als Grün­dungs- und Bauteam im Pro­jekt­verlauf inten­siver mit der Geschichte des Natio­nal­so­zia­lismus im Tegernseer Tal aus­ein­an­der­ge­setzt und viel Neues gelernt, obwohl wir größ­ten­teils hier auf­ge­wachsen sind. Denn wir haben schnell gemerkt, dass wir mit dem Projekt eine nicht uner­heb­liche Ver­ant­wortung tragen. 

Das hat dann auch gestal­te­rische Kon­se­quenzen gehabt. Bestimmte Ele­mente sind bewusst roh erhalten und nicht repa­riert oder über­strichen worden. Etwa die Eichen­böden und Natur­steine, die wir groß­flächig unter PVC-Belägen gefunden haben. Da gibt es teil­weise Macken und Dellen. Wir fanden es passend, bewusst Spuren der Abnutzung zu zeigen, um das Bewusstsein zu schärfen, dass dies ein Ort mit Geschichte ist. Es darf an manchen Stellen auch ein Unbe­hagen aus­lösen oder zum Nach­denken anregen.

Der Archi­tek­tur­his­to­riker Prof. Dr. Win­fried Ner­dinger hat sich mit der Frage “Haben Steine ein Gewissen?” über die mora­lische Aus­sa­ge­kraft von Bau­werken des Natio­nal­so­zia­lismus aus­ein­an­der­ge­setzt und liefert einige Denk­an­stöße. Er sieht die Ver­ant­wortung nicht bei den Gebäuden, sondern bei den Men­schen und fordert aktive Auf­klärung und eine his­to­rische Kon­tex­tua­li­sierung. Klar ist, dass dies bei einem Hos­pi­tality-Projekt her­aus­for­dernd ist und es Mut fordert, sich dem anzu­nehmen. 

Es gab ein paar besondere Ele­mente, die zum Vor­schein kamen: Etwa einen Bunker, der Ende des Zweiten Welt­krieges von Zwangs­ar­beitern gebaut wurde. Bisher war er zuge­mauert und nur durch ein Loch für Inspek­tionen zugänglich. Unsere erste Idee war, ihn für künst­le­rische Inter­ak­tionen zu nutzen. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass wir dazu noch keine finale Haltung haben, weil das Thema hoch­sen­sibel ist. Das Motto von BLYB ist ja pas­sen­der­weise ‘Almost There’. Wir haben nicht alle Ant­worten und sind noch nicht fertig. Wir sind wei­terhin im Dialog und im Prozess und offen, bis­herige Mei­nungen zu revi­dieren.

Ich glaube, diese Ambi­valenz und das Aus­halten von Kon­trasten spiegelt ziemlich gut die Zeit wider, in der wir gerade leben. Es gibt oft keine klare Ori­en­tierung mehr, was gut und richtig und was falsch ist, weil es sehr kom­plexe Zusam­men­hänge gibt. Wir müssen das aus­halten und brauchen gleich­zeitig ein gutes Wer­te­system und eine positive, offene Grund­haltung. 

Kommen wir zu einem anderen Thema. Du enga­gierst dich sehr intensiv für den Aus­tausch von Frauen in der Bau­branche. Was treibt dich um, was muss sich noch ändern?

Es hilft enorm, sich mit anderen Kol­le­ginnen aus­zu­tau­schen. Denn ich merke, oft sitzen wir im selben Boot und erfahren, dass immer wieder ein Unter­schied gemacht wird, ob du weiblich oder männlich bist in unserem Berufsfeld. Manchmal subtil und manchmal weniger. Oft passt auch die Arbeits­rea­lität über­haupt nicht mit der Lebens­rea­lität zusammen, vor allem für Mütter. Daher ist es wichtig, in Aus­tausch zu gehen und sich gegen­seitig zu unter­stützen. Wir haben hier ein kleines Archi­tek­tinnen-Netzwerk am Tegernsee, in dem wir uns auch ganz prak­tisch zu Ent­wurfs­fragen aus­tau­schen oder gegen­seitig nach Hand­werkern fragen oder auch gemeinsam Pro­jekte rea­li­sieren. Es tut gut, sich gegen­seitig zu unter­stützen, statt zu kon­kur­rieren.

Momentan träume ich davon, ein Archi­tek­tinnen-Retreat im Rosso anzu­bieten. Einige Tage, an denen man sich aus­tauscht, aber viel­leicht auch ganz prak­tisch arbeitet und lernt, zum Bei­spiel gemeinsam mit einem lokalen Lehm­bauer oder Schlosser…

Gibt es ein Gebäude oder Erlebnis, das bei dir einen Aha-Effekt aus­gelöst hat?

Tat­sächlich habe ich mich – quasi aus einem begeis­terten Impuls heraus – für das Archi­tek­tur­studium ent­schieden, nachdem ich in London eine Bar­ragán-Aus­stellung gesehen habe. 2008 war ich für ein Jahr in einem Archi­tek­turbüro in Mexico City und habe mir dort viele Bauten von Luis Bar­ragán vor Ort ange­sehen. Ich liebe die klas­sische Moderne sehr, da sie über das reine Bauen hin­ausgeht und viele Themen ganz­heitlich gedacht sind. Sehr beein­druckt hat mich in seiner Kon­se­quenz und Lage auch das Vipp Shelter in Schweden.

An welchen Pro­jekten arbeitest du aktuell?

Gerade in der Fer­tig­stellung ist eine denk­mal­ge­schützte Villa in München. Das Projekt rea­li­siere ich mit dem Büro BAND ARCHITEKTUR, bei dem ich vorher ange­stellt war. Da sind wir gerade in  einer span­nenden Phase: der ganze Schutt und Staub ist weg und man sieht nun bereits, wie die Räume fast fertig wirken und dass das, was man lange gemeinsam erar­beitet hat und sich gedanklich vor­ge­stellt hat, gut wird und Form annimmt. 

Dann habe ich soeben den Umbau einer Arzt­praxis in München abge­schlossen. Das war ein schneller Wurf, weil die Ärzte kurz­fristig aus den alten Räumen raus mussten. Ich genoss viel Ver­trauen und hatte freie Hand bei der Gestaltung, und gemeinsam mit guten Hand­wer­ker­firmen haben wir das Beste daraus gemacht in der kurzen Bauzeit.
Seit ich selbst­ständig bin, mache ich gerne auch kleinere Umbauten kom­plett mit der Innen­ar­chi­tektur. Das macht vor allem beim Bestand Sinn und vereint mein Wissen als Archi­tektin mit meinem ganz­heit­lichen Ansatz und meiner Freude an Gestaltung. 

Ganz neu ist ein Mini-Projekt direkt an der Mang­fall­brücke in Gmund, wo wir einen Kiosk reno­vieren und ein neues Gas­tro­konzept planen. Da habe ich jetzt gerade die ersten Grund­riss­va­ri­anten gemacht und wir sind in der Ent­wicklung des Kon­zepts gemeinsam mit der Mar­ken­ent­wicklung. Das Ganze hat viel­leicht ins­gesamt 40 Qua­drat­meter. Aber die Größe ist für mich nicht ent­scheidend: denn ich suche mir Pro­jekte eher danach aus, ob ich sie spannend finde und wie die Bauherr:innen drauf sind.

Auch Friends and Family-Pro­jekte gibt es wei­terhin: Meine Schwester und ihr Partner bauen gerade in Öster­reich am Wolf­gangsee mit einem lokalen Archi­tekten. Da bin ich beratend dabei und für das Interior zuständig. Der Architekt hat Erfahrung mit ein­fachem und expe­ri­men­tellem Bauen und ist für mich sehr inspi­rierend, weil er mit einer großen Ruhe und einem künst­le­ri­schen und nach­hal­tigen Ansatz her­angeht. Es wird dis­ku­tiert, was in Eigen­leistung oder mit Stu­denten als Anschau­ungs­projekt rea­li­siert werden kann, zum Bei­spiel ein Stampf­lehm­boden. Meine Schwester und ihre Familie möchte kein klas­si­sches Archi­tek­tenhaus, sondern einen eher freien Grundriss, der fle­xible Mög­lich­keiten bietet und span­nende Raum­bezüge und in dem frei gelebt werden kann. Sozu­sagen eine Villa Kun­terbunt, aber mini­ma­lis­tisch, skan­di­na­visch – mit japa­ni­scher Note. Das ist wieder eine neue Her­aus­for­derung und ich emp­finde es auf­grund meiner Archi­tek­tur­psy­cho­logie-Wei­ter­bildung gerade als sehr befreiend, dass es nicht nur um Ästhetik geht, sondern um die Frage: Wie wollen wir leben? Und um deren räum­liche Über­setzung. 

Und: die Co-Kreation bewirkt, dass ich deutlich schneller weiter komme, als wenn ich in meinem eigenen Käm­merchen vor mich hin schmore. Ich glaube, es braucht neben den klas­si­schen Archi­tek­tur­büros mit meh­reren Ange­stellten neue, fle­xi­blere Formen der inter­dis­zi­pli­nären Zusam­men­arbeit, die den digi­talen Ent­wick­lungen aber auch den Lebens­rea­li­täten mehr ent­spricht und ich ver­suche das, für mich selbst zu gestalten.

Viel Erfolg, liebe Veronika und danke für das Gespräch! Wir sind gespannt, was noch so alles aus deiner Feder kommt.


Veronika Weiss stu­dierte Archi­tektur an der Uni­ver­sität Inns­bruck. Als Stu­dentin arbeitete sie im Bau­archiv Inns­bruck, mit welchem sie danach auch den Archi­tek­tur­führer Inns­bruck ver­fasste.
2008 arbeitete sie in Mexiko-Stadt bei Tatiana Bilbao, deren Ent­würfe stark aus der Unter­su­chung von Ort, lokalen Mate­rialien und einem ganz­heit­lichen Konzept ent­stehen. Es folgten mehrere Jahre in Büros in München, am Tegernsee und in Berlin, dar­unter fünf Jahre bei Andreas Erlacher Architekt in Rottach-Egern und zuletzt bei BPM Büro Philipp Möller, heute BAND ARCHITEKTUR, wo sie bis 2021 ange­stellt war.
Seit 2022 arbeitet Veronika Weiss selb­ständig mit ihrem eigenen Studio in Gmund am Tegernsee. Sie teilt ihre Zeit zwi­schen Tegernsee und Allgäu, wo sie mit ihrem Partner das Farm­house Retreat ROSSO betreibt. Ihr Fokus liegt auf dem Bauen im Bestand, mit dem Anspruch, Archi­tektur und Innen­ar­chi­tektur ganz­heitlich zu denken und in inter­dis­zi­pli­närer Co-Creation besondere Orte zu schaffen.

Text: Das Gespräch führten Britta Krämer und Ulrich Stefan Knoll.

Fotos: Veronika Weiss © Thomas Ober­nie­der­maier (Titelfoto), Semi­narhof Vissum — Konzept, Planung und Aus­führung als Mit­ar­bei­terin von BAND ARCHITEKTUR © 8AM Studio (1–3), Das Rosso © Gina Wäcker © CC Soul­sister Pho­to­graphy © 8AM Studio © Char­lotte Tornow © Isabel Pyc © Wim Jansen (4–11), Maybe October — Skizzen/Pläne © Studio Veronika Weiss (12, 18), Maybe October — Fotos © Daniel Oechsler / 8AM Studio © Anna Fichtner (13–17, 19–21), BLYB Hotel © 8AM Studio (23–25, 27–30), BLYB Hotel — Vorher-Foto © Veronika Weiss, Praxis T31 — Skizze / Visua­li­sierung © Studio Veronika Weiss (31/32)

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