Architekturwanderung: Stille Baukunst in Bayern
Wer geht, hat Zeit. Zum Betrachten, Wahrnehmen, Auf- und Annehmen. Ob Natur, Architektur, visionäre Ideen oder sich selbst. In einem ersten Anlauf in Oberbayern wandern wir von Bad Aibling nach Bayrischzell. Überraschendes garantiert.
In der Ferne zeichnet sich das Mangfallgebirge ab, in pastellfarbenen Schattierungen, als hätte jemand mit dem Radiergummi über den Himmel gewischt. Es ist früh, die Luft noch frisch und das Licht weich. Bis zu den ersten Hügeln der Alpenkette liegt noch ein Stück Weg. Mehr braucht es nicht, schließlich hat man sich entschlossen zu wandern. Keine Bergtour, auf der es Gratwanderungen zu passieren oder Gipfel in Apps zu markieren gilt, sondern schlicht und einfach von Etappe zu Etappe. Des Weges wegen.
Spätestens dann, wenn die Reisevorbereitungen zu komplex, der Koffer zu schwer oder der Stau zu lang waren, dürfte die eine oder der andere schon mal darüber nachgedacht haben: Warum nicht einfach losgehen? Ohne viel Aufwand und Gepäck. Pergere heißt der lateinische Ursprung, was so viel bedeutet wie sich auf den Weg machen. Seit 20 Jahren erlebt das Pilgern eine Renaissance, auch ohne religiösen Beweggrund. Loslassen vom Alltag, im Schritttempo entschleunigen, dem eigenen Rhythmus folgen und die Landschaft bewusst erleben. Je weniger passiert, desto mehr kommt man zu sich selbst. Wer auf dieser sanften Reise nicht nur Körper und Seele zur Ruhe kommen lassen, sondern auch der Inspiration Raum geben will und zwischendurch die ein oder andere Entdeckung einbauen möchte, ist mit der Erwanderung außergewöhnlicher Architektur abseits von Insta-Hotspots und Menschenschlangen in bester Begleitung. Das funktioniert auch im touristisch beliebten Bayern.

Wir starten am Rande des Chiemgaus in Bad Aibling, einem charmanten Kurort im Mangfalltal, bekannt für sein „Schwarzes Gold“. Wer möchte, kann hier in Bayerns ältestem Moorheilbad schon mal prophylaktisch für Muskelentspannung und frischen Wanderteint sorgen. Denn dank des königlich bayerischen Gerichtsarzt Dr. Desiderius Beck wurde in Aibling 1845 die erste Sole- und Moorschlamm-Badeanstalt eröffnet. Darüber hinaus erwartet Besucher:innen des Städtchens eine Reise durch Zeit und Raum. Angefangen bei den barocken Bürgerhäusern mit ihren aufwendigen figuralen Lüftlmalereien bis hin zur beeindruckenden Dichte an historischen Villen, die eng mit der Blütezeit des Kurbetriebs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verknüpft sind – von herrschaftlichen Wohnhäusern für Ärzte und wohlhabende Kurgäste bis hin zu exklusiven Kurpensionen. Bis heute finden sich zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten, um der architektonischen Pilgerreise den passenden Auftakt zu verleihen. Ob für einen, zwei oder gleich mehrere Tage, denn zu entdecken gibt es viel und zwei der Sehenswürdigkeiten liegen direkt vor der Tür.
Geschichte weiterspinnen
Spaziert man an der Mangfall entlang Richtung Rosenheim, erreicht man nach etwa einer Stunde das imposante Hauptgebäude der Alten Spinnerei in Kolbermoor – ein Industriedenkmal, das mit seiner typischen roten Sichtziegelfassade, dem markanten Uhrturm, den Stichbogenfenstern und Risaliten bis heute von seiner Vergangenheit erzählt.




Dank Eisenbahnanschluss und Wasserkraft kam die Baumwollspinnerei der J. P. Bemberg AG 1863 mit 11.000 Spindeln ins Rollen. Eine Zahl, die sich schnell vervierfachte, bis 1898 ein Großbrand das Hauptgebäude vollständig zerstörte. Der heute dreistöckige Spinnereineubau wurde in zwei Abschnitten wiederaufgebaut: der östliche Teil 1899 in klassischer Industriearchitektur mit Gusseisensäulen und Kappendecken, der westliche Teil 1908 in moderner Stahlbetonbauweise als Zeugnis des architektonischen Wandels um die Jahrhundertwende, ergänzt durch ein Kessel- und Turbinenhaus, ein Batteurgebäude, das Ballenmagazin und die Färberei sowie ein Verwaltungs- und Pförtnerhaus.
Nach dunklen Kriegsjahren, in denen ein Teil der Spinnerei für die Rüstungsindustrie genutzt wurde, folgte 1993 die Stilllegung und der langsame Verfall. Um das inzwischen denkmalgeschützte Ensemble zu retten, begann Anfang des neuen Jahrhunderts eine umfassende Revitalisierung durch die Unternehmerfamilie Werndl, wobei die historische Bausubstanz so weit wie möglich bewahrt wurde. Heute ist das ca. 200.000 Quadratmeter große Spinnerei-Areal ein lebendiges Stadtquartier, das Wohnen, Arbeiten und Kultur vereint – und als preisgekröntes Beispiel für gelungene Denkmalsanierung und moderne Nachnutzung gilt. Ob man in der freien Akademie der Bildenden Künste eine Ausstellung besucht, direkt am Kanal speist, um den Spinnereiweiher flaniert oder die moderne Architektur im Park besichtigt, der Ausflug zwischen Vergangenheit und Gegenwart lohnt sich auf unterschiedlichste Weise. Wer noch ein paar Schritte weiter spaziert, erreicht die historische Arbeitersiedlung Kolbermoor – ein ebenfalls denkmalgeschütztes, bayernweit einzigartiges Ensemble des Werkswohnungsbaus, das ab 1862 für die Baumwollspinnerei errichtet wurde.
Vom Militärgelände zur Modellstadt
Zurück in Bad Aibling. Vielleicht kurz durchatmen, vielleicht eine Moorpackung, vielleicht endlich losgehen. Schließlich sind wir bisher noch nicht weit gekommen auf unserem Weg. Doch bevor es Richtung Natur und Bergpanorama geht, lohnt sich ein weiterer Abstecher. Diesmal mit topsecret Vergangenheit und einem wichtigen Beitrag für unsere Zukunft: Wie riesige weiße Golfbälle liegen die neun ikonischen Radome in der Voralpenlandschaft am Rand von Bad Aibling, einer historischen Militärbasis. Einst Teil der Abhörstation der NSA sowie des weltweiten Echelon-Systems, gehören sie heute zur Satellitenerfassungsstelle des BND.



Direkt daneben entsteht offen und einladend zukunftsweisende Architektur. Die visionäre Transformation startete 2005, als die B&O Gruppe ein etwa 70 Hektar großes Areal der Militärbrache erwarb, um daraus ein Quartier für nachhaltige Architektur und innovative Bauprozesse zu entwickeln. Heute ist das B&O Bau ForschungsQuartier ein Pionierprojekt, das Wohnen, Arbeiten und Leben mit ökologischem Anspruch vereint und zugleich als Reallabor dient.

Im Mittelpunkt stehen moderne Holzbauarchitektur, renaturierte Grünflächen samt altem Baumbestand, Bach und Blühwiesen sowie ein durchdachtes Energiekonzept, das das Viertel zur Nullenergiestadt macht. Schulen und Kindergärten sind über kurze Wege mit Arbeitsplätzen, Freizeitangeboten und Gemeinschaftsgärten vernetzt. Darüber hinaus gibt es ein Hotel- und Tagungszentrum sowie einen Technologiepark, der die Forschung vorantreibt. Die Entwicklung des Quartiers wurde von Beginn an wissenschaftlich durch Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten begleitet. So realisierte beispielsweise der Münchner Architekt Florian Nagler gemäß dem Prinzip „Einfach Bauen“ unterschiedliche Forschungshäuser in Holz, Ziegel, Beton und Lehm, deren Energieverbrauch und Raumklima über die Zeit beobachtet werden.


Neben der Heizikone von Matteo Thun, einem kleinen Biomasse-Heizhaus in Form einer mit Lärchenholzschindeln gedeckten Kapelle, oder Holz 8, das in nur drei Wochen errichtet wurde und zu seiner Bauzeit 2011 das höchste Holzhaus Deutschlands war, gibt es zahlreiche weitere wegweisende Projekte auf dem parkähnlichen Gelände zu entdecken.



Stille
Endlich Weg. Über Willing und Berbling geht es hinaus Richtung Au, unter schattigen Alleen, vorbei an weiten Feldern, Kühen und Kapellen. Die oberbayerische Voralpenkulisse samt Wendelstein immer im Blick – sofern das Wetter mitspielt, versteht sich. Im Dörfchen Au angekommen, hat man die Wahl: Genießer:innen zweigen ab und übernachten in Bad Feilnbach – aufgrund seines milden Klimas auch „bayerisches Meran“ genannt und berühmt für seine Obstbrennereien und den jährlichen Apfelmarkt. Wer noch Kraft hat, wandert direkt weiter. Allerdings erst mal bergauf, zum Auerberg. Ob auf asphaltierter Straße oder über kleine, steile Pfade, die Anstrengung wird auf jeden Fall belohnt, denn das Ziel ist die ökumenische Jakobskapelle, entworfen von keinem Geringeren als einem der prägendsten Architekten unserer Zeit, Michele de Lucchi.


Völlig unerwartet steht der zierliche, 15 Quadratmeter große, schlichte Bau auf einer Wiese mit Alpenkettenblick. An klaren Tagen sieht man von hier bis zum Bayerischen Wald. Allein die Ansicht der Kapelle ist kontemplativ, ihr Besuch jedoch unerlässlich und ein spirituelles Erlebnis. So still, so sehr aufs Wesentliche gerichtet. Das Lichtspiel der kleinen, unterschiedlich strukturierten Holzfenster, das auf Stein und Tür fällt – fast magisch. Ein Ort der Stille und Naturverbundenheit, der berührt. Ganz egal, woran man glaubt.



Als ein Kunstliebhaber de Lucchis kleine, abstrakte Holzskulpturen zum Thema „Haus“ entdeckte, war er so fasziniert, dass er 2012 eine davon realisieren ließ. Versteckt am Hocheck und doch mitten auf dem Jakobsweg, exakt 2.347 Kilometer von Santiago de Compostela entfernt, verbindet die ökumenische Kapelle postmoderne Kunst mit der jahrhundertealten Tradition oberbayerischer Hofkapellen.
Als Materialien wählte de Lucchi traditionelle Nagelfluh-Blöcke (auch „Herrgottsbeton“ genannt), Bronze für Dach und Wettervordach sowie geöltes Eichenholz – allesamt Materialien, die ästhetisch altern und lange währen. Mit einem umlaufenden Sims auf Fensterhöhe, im Verhältnis 1:3 platziert, werden die Proportionen im Stil der Renaissancearchitektur betont. Im minimalistischen Inneren, das nur eine Bank, ein ewiges Licht, ein Wasserbecken und eine Schale mit Sand und feinen Kerzen enthält, führt eine Holztreppe zu einem erhöhten Andachtsbereich mit großem Rundfenster, das eine kosmologische Perspektive auf die Landschaft bietet. Zwischen den Bäumen ist sogar ein Kreuz zu sehen, auch wenn religiöse Symbole hier keine Rolle spielen. Denn de Lucchi geht es um eine neue Spiritualität, eng verwoben mit der Natur, die es zu respektieren und bewahren gilt.
Einkehr
Die Jakobskapelle hallt nach. Und lässt den Weg bis Niklasreuth verfliegen, wo ein versteckter Biergarten mit Panoramaaussicht, großen Sonnenschirmen und kühlen Getränken den perfekten Ort zur Reflexion und Stärkung bietet. Alternativ erreicht man rund zwei Kilometer später Wörnsmühl mit weiteren Möglichkeiten für eine Pause – ob zur Einkehr, zum Übernachten, einem kalten Fußbad in der Leitzach oder einem erfrischenden Vollbad im kleinen Naturbad am Waldrand. Eine Wiese, ein langer Pool, die Aufschrift „Freibad“ – unmittelbarer und entspannter geht es kaum. Wer wieder Energie für rund 7 Kilometer und 200 Höhenmeter gesammelt hat, meistert noch die nächste Etappe – teils durch schattenspendende Wälder mit kleinen Bachläufen, die es zu überqueren gilt – und übernachtet im Pförtner Penthouse in Hausham.




Einst der Eingang zum regionalen Pechkohle-Bergwerk ist das industriell anmutende Gebäude heute ein so ungewöhnlicher wie lässiger Rückzugsort, der sein brutalistisches Flair mit moderner Coolness und großer Behaglichkeit kombiniert. Im Zuge der Kernsanierung wurde das ehemalige Pförtnerhaus um einen Aufsatz aus lokalem Fichtenholz mit vier individuellen Ferienwohnungen erweitert, die zum Längerbleiben einladen. Hier findet sich nicht nur ausreichend Platz zum Dehnen und Durchatmen, sondern auch bester Weitblick.

Tretboote und Burgen
Bevor die letzten beiden Etappen beginnen – Sportliche dürfen natürlich auch gern zügiger vorankommen – sollte man nicht verpassen, in den Schliersee zu springen und die Gipfel des Mangfallgebirges samt der Insel Wörth im Breitformat auf sich wirken zu lassen. Während man im klaren Wasser treibt und die Kulisse aus Brecherspitz, Bodenschneid, Jägerkamp und Aiplspitz bestaunt, säumen im Hintergrund Cafés mit Retro-Markisen, quirlige Strandbäder und Tretboot-Verleihe die Uferpromenade des Ortes, der unverkennbar auf eine lange Tourismustradition zurückblickt. Zwischen jahrhundertealter Blockbaukunst, Sommerfrische-Architektur des späten 19. Jahrhunderts, oberbayerischem Landhausstil und einer lokalen Whisky-Destillerie geht es dann wieder hinaus auf grüne Wiesen Richtung Bayrischzell, dem Ziel der Wanderreise. Auch hier stehen unterschiedliche Varianten bereit – ob lieber mit gemäßigtem Anstieg und schattiger Waldlage oder auf steileren Wegen mit Seesicht. In diversen Apps findet hier jede:r die passende Strecke.

Wer den Weg auf der Westflanke des Leitnerbergs Richtung Neuhaus wählt, passiert auf rund 200 Metern über dem See die Burgruine Hohenwaldeck aus dem 13. Jahrhundert. Die sehenswerten Mauerfragmente sind der ideale Aussichtspunkt für eine Brotzeitpause mit Zeitreise. Noch ein letzter Blick über den See, bevor es wieder bergab ins Tal geht. Unten angekommen bieten sich erneut verschiedene Routen an: Bewegungsfreudige meistern in einem Schwung die letzten rund 15 Kilometer durch das Obere Leitzach-Tal mit seinen bewaldeten Hängen und idyllischen Wiesen entlang des Bachs bis nach Bayrischzell. Müde Beine steigen in Neuhaus oder Hammer bei Fischbachau einfach in die kleine Regionalbahn und fahren gemütlich durchs Postkartenpanorama. Und wer noch einen weiteren Zwischenstopp einlegen möchte, bleibt über Nacht in Fischbachau, einem traditionsreichen Örtchen, in dem man neben dem bekannten Wallfahrtsort Maria Birkenstein oder dem Martinsmünster auch zu legendär großen Tortenstücken im Café Winklstüberl pilgern kann. Schlangestehen an Feiertagen nicht ausgeschlossen.


Wesentlich werden
Fast geschafft. Egal auf welchem Weg man sich dem Luftkurort Bayrischzell unterhalb des Wendelsteins nähert, man darf sich freuen. Und ja, definitiv stolz sein. Schließlich liegen ordentlich Strecke und viel Erlebtes hinter einem. Wer auf dieser entschleunigten Reise durch die Landschaft und zu sich selbst noch eine Stufe tiefer gehen möchte, spaziert am besten schnurstracks zum Tannerhof, der naturverbundene Architektur mit gesundheitlichen Aspekten kombiniert und wie eine logische Konsequenz den Weg beschließt. Samt kreativ-regionaler Kulinarik (schon allein der Kuchen ist ein Fest!), Entspannungsangebot und Kulturprogramm.




Selbst Florian Nagler schließt hier den Kreis und zeichnet verantwortlich für die Hüttentürme, die Orangerie und die Badeharpfe. Ein schlichter, lichterfüllter Regenerationsraum in Form eines landwirtschaftlichen Langbaus, in dem man den vergangenen Tagen – zwischen muskelentspannendem Saunaaufguss und ein paar Bahnen im kalten Naturpool – nachspüren kann. „Mensch, werde wesentlich“, heißt die Vision dieses besonderen Kosmos. Mehr kann man sich von dieser Reise eigentlich nicht wünschen.
Text: Julia Hauch
Fotos: Jakobskapelle von Michele de Lucchi © Thomas Koller (Titelbild); Bad Aibling Innenstadt © AIB Kur GmbH; Alte Spinnerei © Xaver Bühler; B&O Bau ForschungsQuartier © B&O Bau ForschungsQuartier; Forschungshäuser © Sebastian Schels; Wandaufbau-Forschungshäuser © B&O Bau ForschungsQuartier; B&O Bau ForschungsQuartier © Sebastian Schels; Heizwerk B&O Bau ForschungsQuartier © Matthias Aust; B&O Bau ForschungsQuartier © B&O Bau ForschungsQuartier; Berbling Kirche außen © Andreas Jacob, AIB Kur GmbH; Berbling Hof © Andreas Jacob, AIB Kur GmbH; Willing Kirche © Andreas Jacob, AIB Kur GmbH; Jakobskapelle von Michele de Lucchi © Thomas Koller; Pförtner Penthouse © Sofie Latour; Blick auf den Schliersee © Julia Hauch; Burgruine Hohenwaldeck © Julia Hauch; Bayrischzell © Dietmar Denge; Tannerhof Alte Tann © Rainer Hoffmann; Tannerhof Hüttenturm © Hansi Heckmair; Tannerhof Interior © Rainer Hoffmann; Tannerhof Badeharpfe © Sebastian-Schels
Mehr über Florian Nagler
0 Kommentare