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Blau­pausen des Unvor­her­seh­baren

Geheimnisvolles Licht und Dunkel treffen auf endlose Horizonte und Perspektiven. Trevarefabrikken, das Langzeitprojekt zweier norwegischer Brüderpaare auf den Lofoten, mag als Hotel oder Ort der Begegnung bezeichnet werden – doch es ist weit mehr als das.

von Ulrich Stefan Knoll im Juni 2026

 Blau­pausen des Unvor­her­seh­baren in  /

Mutige, unbe­küm­merte Jugend! Als zwei befreundete Brü­der­paare während eines Urlaubs beschlossen, eine alte Fabrik zu kaufen, muss etwas Beson­deres geschehen sein. Im Fall von Martin Hjelle, Andreas „B“ Alfsen, Mats Alfsen und Andreas Hjelle – damals gerade einmal zwi­schen 22 und 26 Jahre alt – war es ver­mutlich eine Mischung aus der Liebe zur Archi­tektur des Gebäudes, seiner Lage und land­schaft­lichen Ein­bettung, einer guten Portion jugend­licher Unbe­küm­mertheit und viel­leicht auch ein wenig visio­närem Wahnsinn.

Nachdem sie 2014 ihr gesamtes Geld für den Kauf der ehe­ma­ligen Leber­tran­fabrik aus­ge­geben hatten, die heute unter dem Namen Trevare Fabrikken fir­miert, blieb nichts mehr übrig, um mit der Sanierung zu beginnen. Das Projekt ver­langte daher über viele Jahre hinweg enormen per­sön­lichen Einsatz. Glück­li­cher­weise boten Freunde, Familie und die hilfs­be­reite Nach­bar­schaft ihre Hilfe an. Diese Unter­stützung – in manchen Fällen ursprünglich nur für ein paar Tage gedacht – hält bis heute an, so etwa bei Nikolai Alfsen, dem Onkel von „B“ und Mit­be­gründer des Osloer Büros lille frøen arki­tekter.

Nachdem weltweit Covid-Beschrän­kungen ver­hängt worden waren, sahen wir uns gezwungen, das Konzept zu über­denken und umzu­ge­stalten.

Was eigentlich auf dem Weg war, sich zu einem leben­digen Kul­turort zu ent­wi­ckeln, wurde aus der Not­wen­digkeit heraus zu etwas Neuem: einem Ort für Remote Work, einem krea­tiven Hub sogar zu einem Ton­studio.

Diese Jahre waren für uns der Aus­löser, unter­schied­liche Nut­zungs­mög­lich­keiten für das Gebäude und den Aspekt der Gemein­schaft aus­zu­loten.

Gründer von Tre­vare­fa­brikken: Martin Hjelle, Andreas ‘B’ Alfsen, Mats Alfsen und Andreas Hjelle

Weitere Unter­künfte, die nicht nur hübsch anzu­sehen sind, sondern Archi­tektur als leben­diges Expe­riment offen­baren finden Sie in unserer Neu­ver­öf­fent­li­chung Dream in Pro­gress

Das Buch ist eine Hommage an alle, die mutig genug sind, sich ins Unbe­kannte zu stürzen und auf den Zufall zu ver­trauen. 16 Pro­jekte zeigen ihre Geschichte der Ver­wandlung – und regen an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit einer limi­tierten Auflage der Künst­lerin Jana Gunst­heimer ist dieser ver­spielte Atlas eine ernst gemeinte Ein­ladung: Träumen Sie mutig, genießen Sie die Reise!

Das Buch erhalten Sie in jeder Buch­handlung oder direkt in unserem Online-Shop.

Fragt man die Brüder nach all den Jahren des Umbaus, wann sie denn fertig sein werden oder ob es über­haupt jemals ein Ende geben wird, hört man ent­weder „wahr­scheinlich nie“ oder „wir könnten locker noch weitere zehn Jahre daran arbeiten“. Ihre Begeis­terung und ihr Mut sind unge­brochen – selbst nach mehr als einem Jahr­zehnt.

Gleich­zeitig ent­wi­ckeln sich auch ihre Ambi­tionen weiter, einen Ort zu schaffen, an dem unter­schied­liche kul­tu­relle Aus­drucks­formen auf­ein­an­der­treffen. Das oberste Geschoss des Haupt­ge­bäudes wurde Ende 2025 fer­tig­ge­stellt, Tre­vare­fa­brikken umfasst mitt­ler­weile 21 Gäs­te­zimmer sowie ein Restaurant, eine Weinbar, einen Ver­an­stal­tungsraum, eine Sauna und eine Ter­rasse mit Meer­blick. Doch vor allem besitzt der Ort – jen­seits aller Räume und des sorg­fäl­tigen Designs – eine Seele und eine besondere Leben­digkeit. Sie sind das Ergebnis einer jugend­lichen Vision, die nur scheinbar ver­rückt war.

Die Brüder haben den Men­schen vor Ort bereits viel zurück­ge­geben. Die von ihnen ange­stoßene Wie­der­be­lebung des schrump­fenden Fischer­dorfs Hen­ningsvær ist einer der Gründe, weshalb junge Men­schen heute wieder in diese abge­legene Region Nor­wegens ziehen. Sie haben nicht nur ein Fes­tival gegründet; auch Ver­an­stal­tungen wie Quiz­abende, Discos oder Yoga­an­gebote, die gemeinsam mit den Ein­hei­mi­schen ent­wi­ckelt wurden, berei­chern das Leben vor Ort.

Was selbst nach der – zumindest vorerst – letzten grö­ßeren Bau­phase bleiben wird, ist viel unge­nutzter Raum für scheinbar nie endende Ideen. Im Neben­ge­bäude könnten bei­spiels­weise Woh­nungen ent­stehen, eine Klet­ter­halle oder sogar ein Kino. Viel­leicht wird auch ein alter Mate­ri­al­schuppen mit neuem Leben gefüllt – wer weiß? Die Zeit wird es zeigen. Sicher ist nur: Vor Ver­än­derung hat man hier keine Angst.

Wenn man die außer­ge­wöhn­liche Mög­lichkeit hat, solche Aus­blicke zu genießen, ist es leicht, sich von ihrer Schönheit über­wäl­tigen zu lassen und sie ständig prä­sen­tieren zu wollen.

Im Laufe der Jahre haben wir erkannt, dass man solche Dinge sehr langsam und behutsam offen­baren muss. Der Weg dorthin kann genauso spannend sein wie der eigent­liche Moment.

Jonathan Tuckey (Tuckey Design Studio)

Einer der Partner der ersten Stunde des Pro­jekts war der in London und der Schweiz tätige Designer Jonathan Tuckey, Inhaber des Tuckey Design Studio.

Es ist ein weiter Weg dorthin. Wir mussten mit drei Flug­zeugen anreisen.
Sobald man auf den Lofoten ankommt, hat man sofort das Gefühl, an einem sehr abge­le­genen Ort von unglaub­licher Schönheit zu sein.

Wir waren während der dunklen Jah­reszeit dort. Vier Tage lang lebten wir in der Däm­merung. Es fühlte sich beinahe an, als wäre man unter Wasser – schön und geheim­nisvoll. Wir gingen im Dunkeln in das Gebäude, weil es zu dem Zeit­punkt keinen Strom gab – ein hef­tiger Sturm hatte das Gebäude über­flutet. Von den Beton­wänden hallte pol­ni­scher Techno wider, den die Bau­ar­beiter hörten,
während sich das Däm­mer­licht im Wasser auf dem Boden spie­gelte.

Eine ziemlich außer­ge­wöhn­liche Ankunft. Zu wissen, dass daraus ein Hotel werden sollte, löste eine Mischung aus Beklom­menheit, Begeis­terung, Enthu­si­asmus und Wahnsinn aus.

Jonathan Tuckey

Tuckey erzählt von einer beson­deren Form der Zusam­men­arbeit und von seinem ersten Ein­druck des Ortes, den Beson­der­heiten des Pro­jekts sowie den spe­zi­ellen Licht­ver­hält­nissen des hohen Nordens und deren Bedeutung für das archi­tek­to­nische Konzept.

„Die Brüder kon­tak­tierten mich erstmals 2019, nachdem sie in einem Hotel über­nachtet hatten, das wir in Berlin rea­li­siert hatten – dem Michel­berger. Obwohl Kreuzberg und die Lofoten geo­gra­fisch kaum unter­schied­licher sein könnten, hatten sie etwas in der Art und Weise erkannt, wie wir mit dieser alten Ziga­ret­ten­fabrik umge­gangen waren. Mich haben sofort ihr Cha­risma, ihr Enthu­si­asmus und das Aben­teuer ange­zogen, auf das sie sich ein­ge­lassen hatten.

Zu diesem Zeit­punkt arbei­teten sie bereits seit meh­reren Jahren auf der Bau­stelle. Die Hilfe, die sie von uns brauchten, bestand also weniger in kon­kreten Plänen, sondern vielmehr in wei­teren Para­metern. Sie waren sehr visionär und über­zeugt von dem, was möglich war. Sie brauchten lediglich Ori­en­tierung. Wir mussten sicher­stellen, dass unser Entwurf an die unver­meid­lichen Gege­ben­heiten eines Bestands­ge­bäudes ange­passt werden konnte. Deshalb ent­wi­ckelten wir Stra­tegien für den Umgang mit Wänden, Fenstern, Decken und Bädern, die fle­xibel genug waren, um einen gewissen Spielraum zuzu­lassen. Das Erd­ge­schoss war bereits in eine Bar und einen Ver­an­stal­tungsraum umgebaut worden. Wir kon­zen­trierten uns auf das erste Ober­ge­schoss, in dem sich heute die Gäs­te­zimmer, die Weinbar und das Restaurant befinden.

Martin, Andreas „B“, Mats und Andreas erkannten das Potenzial eines Gebäudes, eines Ortes, einer Land­schaft und einer Gemein­schaft, lange bevor dies fast irgend­jemand anderes tat. Sie haben zu einem enormen Wandel in der Region bei­getragen.

Was wir ent­worfen haben, sollten sie bauen. Und wenn etwas nicht umsetzbar war, passten wir die Pläne an, damit es rea­li­sierbar wurde. Wir haben sehr unkom­pli­ziert und fle­xibel zusam­men­ge­ar­beitet.

Jonathan Tuckey

Viele unserer Gestal­tungs­ideen lei­teten sich daraus ab, dass das Gebäude nach der Schließung der ursprüng­lichen Leber­tran­fabrik als Tisch­lerei genutzt worden war. Deshalb ver­wen­deten wir viel Holz – als Verweis auf diesen Abschnitt seiner Geschichte.

Wir wollten, dass die Zimmer auf die Extreme von Winter und Sommer reagieren. Deshalb war es wichtig, dass die Fens­ter­läden im Sommer das Licht nahezu voll­ständig aus­sperren und nur einen schmalen Licht­streifen hin­durch­lassen – so dass man das Gefühl hat, eine Son­nen­fins­ternis zu beob­achten. Uns reizte die Vor­stellung, Licht als Bau­ma­terial zu ver­wenden: es mal ein­zu­schränken, mal her­ein­ein­zu­lassen. Wir haben viele kleine Ein­griffe vor­ge­nommen, um das Erlebnis spe­zi­fisch für diese Region zu machen. Die Flure funk­tio­nieren auf ähn­liche Weise. Wir wollten, dass sie sehr dunkel sind, wie das nor­we­gische Meer bei Nacht. Tagsüber fühlt es sich ein wenig an wie in einer Kapelle, einer U‑Bahn-Station oder unter Wasser.
Wenn man das Zimmer betritt und die Fens­ter­läden öffnet, ist es, als würde man in wenigen Schritten von Nacht zu Tag wechseln. Dadurch beginnen die Gäste, die Textur von Beton und Holz wahr­zu­nehmen und das Licht selbst als Material zu begreifen.

Es ist meine erste Nacht in den neuen Zimmern. Ich wache früh auf und erinnere mich mit Freude daran, wo ich bin. Es ist stock­dunkel, und es dauert eine Weile, bis sich meine Augen daran gewöhnen.

Als die Mor­gen­däm­merung hinter den Fens­ter­läden anbricht, wandern lange, schmale Licht­strahlen – zunächst blau, dann weiß – über den scha­lungs­rauen Beton.

Wir haben so viele Dinge in diesem Raum geplant, aber das hier war voll­kommen unge­plant – und ist wun­der­schön.

Jonathan Tuckey

Die Brüder hatten klare Ziele hin­sichtlich der Archi­tektur. Sie waren von dem großen Betonraum begeistert und befürch­teten, dass ein Umbau seine rohe Schönheit zunich­te­machen könnte. Deshalb war es wichtig, die Beton­ele­mente als wesent­lichen Bestandteil des Mate­ri­al­kanons zu begreifen und sicher­zu­stellen, dass Räume wie der Flur, in dem die gesamte Länge des Gebäudes erfahrbar wird, erhalten bleiben.
Auch die Ver­gla­sungen oberhalb der Bade­zimmer lassen mög­lichst viel von den Beton­trägern sichtbar, bringen gleich­zeitig Licht in die Räume und erhalten so ein Maximum der bestehenden Bau­sub­stanz. Die Ent­scheidung, das Gebäude aus­schließlich von außen zu dämmen, trug eben­falls dazu bei, diesen Cha­rakter zu bewahren.

Dieses Projekt hat ganz sicher unsere Begeis­terung für Dun­kelheit und für den Kon­trast zwi­schen hell und dunkel geweckt. Die Erfah­rungen, die wir dort gemacht haben, begleiten uns bis heute und fließen in viele andere Pro­jekte ein.“


Text: Ulrich Stefan Knoll

Fotos: Andrea Gjes­tvang, Max Ema­nu­elson, Fanny Holm­ström, Elin Frö­derberg, Pri­vat­archiv von Alf Per Johansen (ehem. Besitzer)
Skizzen: Tuckey Design Studio

Der Beitrag erschien erstmals in unserer Buch­ver­öf­fent­li­chung „Dream in Pro­gress“. Das Buch kann in unserem Shop erworben werden.

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