Blaupausen des Unvorhersehbaren
Geheimnisvolles Licht und Dunkel treffen auf endlose Horizonte und Perspektiven. Trevarefabrikken, das Langzeitprojekt zweier norwegischer Brüderpaare auf den Lofoten, mag als Hotel oder Ort der Begegnung bezeichnet werden – doch es ist weit mehr als das.
Mutige, unbekümmerte Jugend! Als zwei befreundete Brüderpaare während eines Urlaubs beschlossen, eine alte Fabrik zu kaufen, muss etwas Besonderes geschehen sein. Im Fall von Martin Hjelle, Andreas „B“ Alfsen, Mats Alfsen und Andreas Hjelle – damals gerade einmal zwischen 22 und 26 Jahre alt – war es vermutlich eine Mischung aus der Liebe zur Architektur des Gebäudes, seiner Lage und landschaftlichen Einbettung, einer guten Portion jugendlicher Unbekümmertheit und vielleicht auch ein wenig visionärem Wahnsinn.

Nachdem sie 2014 ihr gesamtes Geld für den Kauf der ehemaligen Lebertranfabrik ausgegeben hatten, die heute unter dem Namen Trevare Fabrikken firmiert, blieb nichts mehr übrig, um mit der Sanierung zu beginnen. Das Projekt verlangte daher über viele Jahre hinweg enormen persönlichen Einsatz. Glücklicherweise boten Freunde, Familie und die hilfsbereite Nachbarschaft ihre Hilfe an. Diese Unterstützung – in manchen Fällen ursprünglich nur für ein paar Tage gedacht – hält bis heute an, so etwa bei Nikolai Alfsen, dem Onkel von „B“ und Mitbegründer des Osloer Büros lille frøen arkitekter.



Nachdem weltweit Covid-Beschränkungen verhängt worden waren, sahen wir uns gezwungen, das Konzept zu überdenken und umzugestalten.
Was eigentlich auf dem Weg war, sich zu einem lebendigen Kulturort zu entwickeln, wurde aus der Notwendigkeit heraus zu etwas Neuem: einem Ort für Remote Work, einem kreativen Hub – sogar zu einem Tonstudio.
Diese Jahre waren für uns der Auslöser, unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten für das Gebäude und den Aspekt der Gemeinschaft auszuloten.
Gründer von Trevarefabrikken: Martin Hjelle, Andreas ‘B’ Alfsen, Mats Alfsen und Andreas Hjelle

Weitere Unterkünfte, die nicht nur hübsch anzusehen sind, sondern Architektur als lebendiges Experiment offenbaren finden Sie in unserer Neuveröffentlichung Dream in Progress.
Das Buch ist eine Hommage an alle, die mutig genug sind, sich ins Unbekannte zu stürzen und auf den Zufall zu vertrauen. 16 Projekte zeigen ihre Geschichte der Verwandlung – und regen an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit einer limitierten Auflage der Künstlerin Jana Gunstheimer ist dieser verspielte Atlas eine ernst gemeinte Einladung: Träumen Sie mutig, genießen Sie die Reise!
Das Buch erhalten Sie in jeder Buchhandlung oder direkt in unserem Online-Shop.
Fragt man die Brüder nach all den Jahren des Umbaus, wann sie denn fertig sein werden oder ob es überhaupt jemals ein Ende geben wird, hört man entweder „wahrscheinlich nie“ oder „wir könnten locker noch weitere zehn Jahre daran arbeiten“. Ihre Begeisterung und ihr Mut sind ungebrochen – selbst nach mehr als einem Jahrzehnt.
Gleichzeitig entwickeln sich auch ihre Ambitionen weiter, einen Ort zu schaffen, an dem unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen aufeinandertreffen. Das oberste Geschoss des Hauptgebäudes wurde Ende 2025 fertiggestellt, Trevarefabrikken umfasst mittlerweile 21 Gästezimmer sowie ein Restaurant, eine Weinbar, einen Veranstaltungsraum, eine Sauna und eine Terrasse mit Meerblick. Doch vor allem besitzt der Ort – jenseits aller Räume und des sorgfältigen Designs – eine Seele und eine besondere Lebendigkeit. Sie sind das Ergebnis einer jugendlichen Vision, die nur scheinbar verrückt war.

Die Brüder haben den Menschen vor Ort bereits viel zurückgegeben. Die von ihnen angestoßene Wiederbelebung des schrumpfenden Fischerdorfs Henningsvær ist einer der Gründe, weshalb junge Menschen heute wieder in diese abgelegene Region Norwegens ziehen. Sie haben nicht nur ein Festival gegründet; auch Veranstaltungen wie Quizabende, Discos oder Yogaangebote, die gemeinsam mit den Einheimischen entwickelt wurden, bereichern das Leben vor Ort.
Was selbst nach der – zumindest vorerst – letzten größeren Bauphase bleiben wird, ist viel ungenutzter Raum für scheinbar nie endende Ideen. Im Nebengebäude könnten beispielsweise Wohnungen entstehen, eine Kletterhalle oder sogar ein Kino. Vielleicht wird auch ein alter Materialschuppen mit neuem Leben gefüllt – wer weiß? Die Zeit wird es zeigen. Sicher ist nur: Vor Veränderung hat man hier keine Angst.
Wenn man die außergewöhnliche Möglichkeit hat, solche Ausblicke zu genießen, ist es leicht, sich von ihrer Schönheit überwältigen zu lassen und sie ständig präsentieren zu wollen.
Im Laufe der Jahre haben wir erkannt, dass man solche Dinge sehr langsam und behutsam offenbaren muss. Der Weg dorthin kann genauso spannend sein wie der eigentliche Moment.
Jonathan Tuckey (Tuckey Design Studio)
Einer der Partner der ersten Stunde des Projekts war der in London und der Schweiz tätige Designer Jonathan Tuckey, Inhaber des Tuckey Design Studio.

Es ist ein weiter Weg dorthin. Wir mussten mit drei Flugzeugen anreisen.
Sobald man auf den Lofoten ankommt, hat man sofort das Gefühl, an einem sehr abgelegenen Ort von unglaublicher Schönheit zu sein.Wir waren während der dunklen Jahreszeit dort. Vier Tage lang lebten wir in der Dämmerung. Es fühlte sich beinahe an, als wäre man unter Wasser – schön und geheimnisvoll. Wir gingen im Dunkeln in das Gebäude, weil es zu dem Zeitpunkt keinen Strom gab – ein heftiger Sturm hatte das Gebäude überflutet. Von den Betonwänden hallte polnischer Techno wider, den die Bauarbeiter hörten,
während sich das Dämmerlicht im Wasser auf dem Boden spiegelte.
Eine ziemlich außergewöhnliche Ankunft. Zu wissen, dass daraus ein Hotel werden sollte, löste eine Mischung aus Beklommenheit, Begeisterung, Enthusiasmus und Wahnsinn aus.
Jonathan Tuckey
Tuckey erzählt von einer besonderen Form der Zusammenarbeit und von seinem ersten Eindruck des Ortes, den Besonderheiten des Projekts sowie den speziellen Lichtverhältnissen des hohen Nordens und deren Bedeutung für das architektonische Konzept.
„Die Brüder kontaktierten mich erstmals 2019, nachdem sie in einem Hotel übernachtet hatten, das wir in Berlin realisiert hatten – dem Michelberger. Obwohl Kreuzberg und die Lofoten geografisch kaum unterschiedlicher sein könnten, hatten sie etwas in der Art und Weise erkannt, wie wir mit dieser alten Zigarettenfabrik umgegangen waren. Mich haben sofort ihr Charisma, ihr Enthusiasmus und das Abenteuer angezogen, auf das sie sich eingelassen hatten.



Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten sie bereits seit mehreren Jahren auf der Baustelle. Die Hilfe, die sie von uns brauchten, bestand also weniger in konkreten Plänen, sondern vielmehr in weiteren Parametern. Sie waren sehr visionär und überzeugt von dem, was möglich war. Sie brauchten lediglich Orientierung. Wir mussten sicherstellen, dass unser Entwurf an die unvermeidlichen Gegebenheiten eines Bestandsgebäudes angepasst werden konnte. Deshalb entwickelten wir Strategien für den Umgang mit Wänden, Fenstern, Decken und Bädern, die flexibel genug waren, um einen gewissen Spielraum zuzulassen. Das Erdgeschoss war bereits in eine Bar und einen Veranstaltungsraum umgebaut worden. Wir konzentrierten uns auf das erste Obergeschoss, in dem sich heute die Gästezimmer, die Weinbar und das Restaurant befinden.
Martin, Andreas „B“, Mats und Andreas erkannten das Potenzial eines Gebäudes, eines Ortes, einer Landschaft und einer Gemeinschaft, lange bevor dies fast irgendjemand anderes tat. Sie haben zu einem enormen Wandel in der Region beigetragen.


Was wir entworfen haben, sollten sie bauen. Und wenn etwas nicht umsetzbar war, passten wir die Pläne an, damit es realisierbar wurde. Wir haben sehr unkompliziert und flexibel zusammengearbeitet.
Jonathan Tuckey


Viele unserer Gestaltungsideen leiteten sich daraus ab, dass das Gebäude nach der Schließung der ursprünglichen Lebertranfabrik als Tischlerei genutzt worden war. Deshalb verwendeten wir viel Holz – als Verweis auf diesen Abschnitt seiner Geschichte.
Wir wollten, dass die Zimmer auf die Extreme von Winter und Sommer reagieren. Deshalb war es wichtig, dass die Fensterläden im Sommer das Licht nahezu vollständig aussperren und nur einen schmalen Lichtstreifen hindurchlassen – so dass man das Gefühl hat, eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Uns reizte die Vorstellung, Licht als Baumaterial zu verwenden: es mal einzuschränken, mal hereineinzulassen. Wir haben viele kleine Eingriffe vorgenommen, um das Erlebnis spezifisch für diese Region zu machen. Die Flure funktionieren auf ähnliche Weise. Wir wollten, dass sie sehr dunkel sind, wie das norwegische Meer bei Nacht. Tagsüber fühlt es sich ein wenig an wie in einer Kapelle, einer U‑Bahn-Station oder unter Wasser.
Wenn man das Zimmer betritt und die Fensterläden öffnet, ist es, als würde man in wenigen Schritten von Nacht zu Tag wechseln. Dadurch beginnen die Gäste, die Textur von Beton und Holz wahrzunehmen und das Licht selbst als Material zu begreifen.

Es ist meine erste Nacht in den neuen Zimmern. Ich wache früh auf und erinnere mich mit Freude daran, wo ich bin. Es ist stockdunkel, und es dauert eine Weile, bis sich meine Augen daran gewöhnen.
Als die Morgendämmerung hinter den Fensterläden anbricht, wandern lange, schmale Lichtstrahlen – zunächst blau, dann weiß – über den schalungsrauen Beton.
Wir haben so viele Dinge in diesem Raum geplant, aber das hier war vollkommen ungeplant – und ist wunderschön.
Jonathan Tuckey



Die Brüder hatten klare Ziele hinsichtlich der Architektur. Sie waren von dem großen Betonraum begeistert und befürchteten, dass ein Umbau seine rohe Schönheit zunichtemachen könnte. Deshalb war es wichtig, die Betonelemente als wesentlichen Bestandteil des Materialkanons zu begreifen und sicherzustellen, dass Räume wie der Flur, in dem die gesamte Länge des Gebäudes erfahrbar wird, erhalten bleiben.
Auch die Verglasungen oberhalb der Badezimmer lassen möglichst viel von den Betonträgern sichtbar, bringen gleichzeitig Licht in die Räume und erhalten so ein Maximum der bestehenden Bausubstanz. Die Entscheidung, das Gebäude ausschließlich von außen zu dämmen, trug ebenfalls dazu bei, diesen Charakter zu bewahren.
Dieses Projekt hat ganz sicher unsere Begeisterung für Dunkelheit und für den Kontrast zwischen hell und dunkel geweckt. Die Erfahrungen, die wir dort gemacht haben, begleiten uns bis heute und fließen in viele andere Projekte ein.“

Text: Ulrich Stefan Knoll
Fotos: Andrea Gjestvang, Max Emanuelson, Fanny Holmström, Elin Fröderberg, Privatarchiv von Alf Per Johansen (ehem. Besitzer)
Skizzen: Tuckey Design Studio
Der Beitrag erschien erstmals in unserer Buchveröffentlichung „Dream in Progress“. Das Buch kann in unserem Shop erworben werden.
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