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Stadthaus Arn­stadt – Wun­der­kammer des fein(sinnig)en Lebens

Am Pfarrhof 1, an einem malerischen Platz im historischen Kern von Arnstadt, steht ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble, das kontrastreicher nicht sein könnte: Ein 430 Jahre altes Fachwerkhaus mit kuriosem Lebenslauf und ein Industriegebäude von 1903.

von Britta Krämer im November 2017

Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv. Er ist im November 2017 erschienen, möglicherweise sind nicht mehr alle Details aktuell.

 Stadthaus Arn­stadt – Wun­der­kammer des fein(sinnig)en Lebens in  /

In diesen Bauten war 120 Jahre lang — von 1870 bis kurz nach der Wie­der­ver­ei­nigung — die Hand­schuh­fabrik Julius Möller unter­ge­bracht. Nach der Wende wurde die Pro­duktion ein­ge­stellt, das Ensemble stand 15 Jahre lang leer und verfiel, bis Judith Rüber und Jan Kobel es 2005 ent­deckten und sich in den rohen Indus­trie­cha­rakter und die hohen, licht­durch­flu­teten Nähsäle ver­liebten. Sie kauften die Möller’sche Fabrik und das Fach­werkhaus und sanierten beide Gebäude preis­ge­krönt behutsam.
2013 eröffnete das Hotel Stadthaus Arn­stadt seine Tore und beflügelt seine Gäste seitdem mit einem unkon­ven­tio­nellen Mix aus stim­miger Archi­tektur, feiner Küche und muße­voller Kul­tur­er­fahrung. Das Stadthaus gleicht dabei einer inter­dis­zi­pli­nären Wun­der­kammer und ent­zieht sich – Gott sei Dank — jeg­licher tou­ris­ti­schen Kate­go­ri­sierung. Schuld daran sind allein die Gast­geber und ihre Liebe zu den wahrhaft schönen Seiten des Lebens, von Bach bis Bauhaus.

Das Wesen eines Ortes

Jan Kobel ist Fotograf. Seine Bilder nehmen Szenen unter die Lupe, die auf den ersten Blick ganz unspek­ta­kulär sind. Indus­trie­bauten. Bauhaus-Flure, Venedig ohne Tauben. New Yorker Stra­ßen­szenen. Moment­auf­nahmen eines unge­schminkten, teils in die Jahre gekom­menen Alltags. Doch genau dadurch ent­steht eine über­zeugend ein­dring­liche Bild­sprache: Sie destil­liert die Essenz von Archi­tektur, macht das Wesen eines Ortes fühlbar und über­setzt Form und Patina in Poesie. Jan Kobels Foto­serien ver­mögen es, die leisen Zwi­schentöne eines Augen­blickes oder Motivs wahr­zu­nehmen und diese sichtbar zu machen.
In gemein­samer Arbeit mit seiner Frau Judith Rüber sind in den letzten Jahren ganz besondere Rei­se­bücher ent­standen, die Desti­na­tionen nicht auf wohl­ein­ge­tre­tenen Tram­pel­pfaden erkunden, sondern den Leser in der Kunst des Müßig­ganges und des acht­samen Wahr­nehmens schulen, um Venedig, New York oder Ibiza auf Neben­wegen und aus dem Blick­winkel seiner Bewohner zu erschließen. Slow Travel im wahrsten Sinne des Wortes. Jan Kobels Fotos und Judith Rübers Texte erzählen die Rei­se­ziele unge­filtert und aus nächster Nähe. Die kul­tu­relle Vielfalt, die ein­hei­mische Lebensart, Genuss und ganz all­täg­liche Rituale rücken in den Fokus der Betrachtung, werden unmit­telbar erfahrbar und hin­ter­lassen einen lange nach­klin­genden Ein­druck. Das Hotel Stadthaus Arn­stadt hat auf seine Besucher genau diese Wirkung.

Feine Lebensart in all ihren Facetten

Google spuckt in Bezug auf das Suchwort „Arn­stadt“ zu allererst Johann Sebastian Bach, das Barock­zeit­alter und die erste urkund­liche Erwähnung der Thü­ringer Brat­wurst aus. Damit wird man dem Wesen der Stadt – wer hätte es gedacht — nicht einmal ansatz­weise gerecht. Arn­stadt ist eine alte Han­dels­stadt und damit seit jeher ein Ort, der sich den Ein­flüssen fremder Lebens­welten und neuen Per­spek­tiven öffnet. Das spürt man auch heute noch. Die lichte Weite seiner drei­eckigen Plätze, über­haupt die ganze Topo­grafie der Stadt, ist an allen Ecken und Enden auf Kom­mu­ni­kation und Inter­aktion aus­gelegt und schafft so anspre­chende Erleb­nis­räume. Arn­stadt liegt im Herzen von Thü­ringen und ist doch vom Flair medi­ter­raner Städte und ihrem Savoir-vivre durch­zogen. Und von Musik. Von Bach bis Jazz.

Die Liste der eins­tigen Bewohner des Stadt­hauses ist lang und kurios, doch es gibt einen roten Faden. Feine Lebensart – in all ihren Facetten: Gräf­liche Kalk­schneider, die Schwester eines kunst­sin­nigen Fürsten (Johann Sebastian Bachs Arbeit­geber), ein Kir­chen­pre­diger (noch immer sitzt Bach an der Orgel), Numis­ma­tiker, Rari­tä­ten­sammler, Geld­zähler, Mäd­chen­in­ter­nats­lehrer, die dazu­ge­hö­rigen Pri­ma­ne­rinnen und ein Hand­schuh­fa­brikant, der mit seinen Leder­krea­tionen die Köpfe der feinen Pariser Gesell­schaft ver­drehte.
Die Möller’sche Hand­schuh­fabrik hatte sich im 19. Jahr­hundert einen inter­na­tio­nalen Namen für feine thü­rin­gische Leder­hand­schuhe gemacht und im Edel­kaufhaus Lafayette stand man sich die Beine in den Bauch, um den letzten Schrei in Sachen Hand­schuhmode made in Arn­stadt zu erstehen. Nach 1990 schloss Julius Möller seine Pforten und es wurde zunächst einmal zap­pen­duster für das Haus­ensemble gegenüber der Ober­kirche (auch Johann Sebastian war ja schon länger – wenn auch nur vor­über­gehend — aus der Mode gekommen).

Work-flow und Genius Loci

Die Sanierung des Ensembles („Das Haus gab vor, was mit ihm pas­siert“) holte nicht nur alten Bau­be­stand behutsam ans Licht sondern auch seine einstige Funktion als urbaner Think Tank und Ort der Begegnung in Sachen Kunst, Kultur und feiner Lebensart. Im Stadthaus, in dem die Lebens­be­reiche Wohnen und Arbeiten seit jeher fließend inein­ander über­gehen, schließen sich muße­voller Urlaub und inspi­rierter Work-flow kei­neswegs aus und der aktuell viel zitierte Begriff „Bleisure“ ist hier kein Trend sondern vielmehr Teil des Genius Loci.
In den weit­läu­figen, licht­durch­flu­teten Näh­sälen der Fabrik ist die „Kul­tur­etage“ ent­standen und zieht – tech­nisch perfekt aus­ge­stattet und mit einem zen­tralen Steinway-Flügel – je nach Bedarf alle mög­lichen Nut­zungs­re­gister: Location für Work­shops und Seminare, Mode­shoo­tings und Pro­dukt­prä­sen­ta­tionen. Kon­zertsaal, Kunst­ga­lerie, Laufsteg, Foto­studio. Sehr zu emp­fehlen: Die Ver­an­stal­tungen im Rahmen des Arn­städter Bach:Sommers unter der künst­le­ri­schen Leitung von Joshua Rifkin. Wer im Stadthaus logiert, wird in der Kunst­etage viel Zeit ver­bringen wollen. Der rohe Indus­trie­cha­rakter ist nach wie vor ton­an­gebend und wenn man die Augen schließt, wird man sich dabei ertappen, dem gleich­mä­ßigen Rattern der Möller’schen Näh­ma­schinen nach­zu­horchen.

Wohnen im Denkmal, zeit­ge­nös­sisch durch­de­kli­niert.

In den schönen Gemein­schafts­räumen – Boh­len­stube und ehe­ma­liges Schwarz­kü­chen­ge­wölbe – sowie den sechs licht­durch­flu­teten Zimmern des alten Fach­werk­hauses wurde alter Bestand ans Licht geholt und stimmig in Szene gesetzt, neue Ele­mente inte­grieren sich har­mo­nisch und wohl dosiert, so dass der ursprüng­liche Cha­rakter des Hauses erfahrbar bleibt und doch nie das Gefühl von „Wohnen in alten Gemäuern“ auf­kommt. Es trieft hier vor Geschichte, doch sie hat nichts Alt­ba­ckenes oder Melan­cho­li­sches an sich. Im Stadthaus Arn­stadt ist Geschichte begehbar und erlebbar, aber aus einer durch und durch modernen Per­spektive. Wohnen im Denkmal, zeit­ge­nös­sisch durch­de­kli­niert. Mit feinstem Gespür für stimmige Raum­kon­zepte, himm­li­schen Genuss und ganz besondere Inhalte.

Der Milchhof. Bauhaus 2019.

Das Hote­lierspaar Rüber-Kobel hat ein Faible für ver­lassene Indus­trie­bauten und für das Potential, das in ihnen als Orte erleb­nis­ori­en­tierter Archi­tektur- und Kul­tur­er­fahrung schlummert. 2014 erwarb Jan Kobel mit einem Partner den Milchhof Arn­stadt (1928) des Archi­tekten Martin Schwarz als Mit­ge­sell­schafter der Bau­denkmal Milchhof Arn­stadt GmbH. Das Ziel: Den Milchhof als ein her­aus­ra­gendes Bei­spiel der Bauhaus-Archi­tektur denk­mal­ge­recht zu sanieren und ihn als mul­ti­funk­tio­nales Kunst- und Kul­tur­zentrum zu eta­blieren. Dabei skiz­ziert Jan Kobel den zukünf­tigen Milchhof ganz im Sinne der Bauhaus-Phi­lo­sophie: „Eine Archi­tektur, die nicht nur schlicht und schön ist, sondern auch Arbeits­ab­läufe opti­miert, Kosten mini­miert, Licht ins Haus lässt und über­haupt die Inter­essen der Men­schen, die in ihr leben und arbeiten, reflek­tiert.“ Es kommt also nicht von ungefähr, dass der Milchhof Teil des vom Bauhaus Verbund 2019 kon­zi­pierten Jubi­lä­ums­pro­gramms 100 jahre bauhaus sein wird. Bisher wurde das Erd­ge­schoss des Milch­hofes soweit saniert, dass dort bereits Ver­an­stal­tungen und Archi­tek­touren statt­finden können. Die Gäste des Stadt­hauses pilgern sonntags gemeinsam mit den Bau­herren zum Milchhof und merken schnell: dieser Ort hat es in sich.

In der Rede zur Ver­leihung des Thü­rin­gi­schen Denk­mal­schutz­preises nannte der Lan­des­kon­ser­vator das Stadthaus einen „wich­tigen städ­te­bau­lichen und kul­tu­rellen Nucleus für die Ent­wicklung Arn­stadts“. In der Tat scheint es, als habe das Stadthaus (und auch seine Gast­geber!) die Funktion eines Pendels über­nommen, das sich seines Zen­trums und Schwer­punkts wohl bewusst ist und dennoch die Beweg­lichkeit und den Antrieb hat, stetig in alle Rich­tungen aus­zu­schlagen um andere Sphären und Wir­kungs­kreise zu berühren und dort Ent­wick­lungen anzu­stoßen. Man darf gespannt sein…


Text: Britta Krämer, November 2017

Alle Bild­rechte liegen bei Jan Kobel.

Das Hotel

5 Kommentare

Danke für die Story, in der sich ein an und für sich schon schönes Haus zu einem ganzen Kosmos öffnet. Der “Blick hinter die Fassade” war sehr auf­schluss­reich und macht Lust gleich auf­zu­brechen — auf nach Arn­stadt!

suedwester sagt:

…wenn ich es nicht mit eigenen Augen, Ohren, Geschmacks­nerven und sons­tigen Sinnen erlebt hätte…ich würde es für Schön­ma­lerei halten. Die Fotos sind toll! Die Wirk­lichkeit ist besser.

Sabine Wirth sagt:

… tolle Wür­digung einer tollen Leistung!

Klaus Häßner sagt:

danke an die home­sto­rytellers ‑eigentlich seid Ihr ja Per­len­taucher

AUF nach ARNSTADT!
oder gibt es nach diesen foto­gra­fi­schen Augen- und Ein­blicken noch jemanden der nicht voller Hoch­achtung für und Neugier auf diese visio­nären und mutigen Pro­jekte wäre ?

parkchâlet potsdam sagt:

Gran­dioses Projekt! Die Photos — einfach Klasse…

Gabriele Pagels sagt:

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