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Inmitten der Ele­mente

Was passiert, wenn man dem ständigen Getriebensein des Alltags entkommt und die Anspannung sich löst wie ein Knoten im Faden? Inmitten einer fast mystischen Natur, herzlicher Menschen und zeitloser Elemente folgt Fowlescombe Farm in der Grafschaft Devon den Spuren ihrer Geschichte und dem Rhythmus der Natur.

von Julia Hauch im August 2026

 Inmitten der Ele­mente in  /

LUFT

Auf­stei­gender Nebel und damp­fender Tee legen feine Schleier über die klare Mor­genluft. Auf der frisch fer­tig­ge­stellten Bruch­stein­mauer wurde eine Tisch­decke aus­ge­breitet, gedeckt mit fri­schem Gebäck. Mark lässt den Blick zufrieden über das Werk schweifen und bedankt sich bei seinen Helfern – vier Gästen der Fow­les­combe Farm, die sich früh­morgens gemeinsam mit dem Stein­metz­meister daran gemacht hatten, einige der cha­rak­te­ris­ti­schen Natur­stein­mauern des Anwesens instand zu setzen. Sie wollten mehr über das tra­di­tio­nelle Handwerk der Region erfahren und gleich­zeitig ihre eigenen Spuren in dieser sich ständig wan­delnden Land­schaft hin­ter­lassen. Hand in Hand, Stein auf Stein – das Material stammt aus dem Stein­bruch der Farm.

STEIN

Barry schläft noch. Für eine Schlei­ereule ist es selbst hier noch zu früh, auch wenn sie der von Efeu über­wu­cherten Ruine eine gewisse zau­ber­hafte Note ver­leiht. Inmitten eines Mosaiks aus Feldern und Wäldern gelegen, bietet sie einen dra­ma­ti­schen Anblick, den man von einigen der Suiten der Fow­les­combe Farm aus sehen kann. Das impo­sante Her­renhaus wurde 1537 von Thomas Fowell erbaut, dessen ein­fluss­reiche Familie große Teile des Dartmoor besaß. Errichtet aus Stein aus dem eigenen Stein­bruch des Anwesens, soll es sogar Sir Arthur Conan Doyle als Inspi­ration für seinen Roman „Der Hund von Bas­ker­ville“ gedient haben. Nachdem das Gebäude 1907 nie­der­brannte, eroberte die Natur es zurück. Heute ist es ein Ort voller Geschichte und Geschichten – ebenso wie die vik­to­ria­nische Farm mit ihren Stein­scheunen, die 300 Meter weiter oben im Tal als Fow­les­combe Farm wei­terlebt.

Der Beitrag erschien zunächst in unserer Buch­ver­öf­fent­li­chung „Dream in Pro­gress.

Das Buch ist eine Hommage an alle, die mutig genug sind, sich ins Unbe­kannte zu stürzen und auf den Zufall zu ver­trauen. 16 Pro­jekte zeigen ihre Geschichte der Ver­wandlung – und regen an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit einer limi­tierten Auflage der Künst­lerin Jana Gunst­heimer ist dieser ver­spielte Atlas eine ernst gemeinte Ein­ladung: Träumen Sie mutig, genießen Sie die Reise!

Das Buch erhalten Sie in jeder Buch­handlung oder direkt in unserem Online-Shop.

WASSER

„Wenn man hier unten im Tal ist, ver­schwindet die Welt völlig“, sagt Caitlin Owens, die heutige Eigen­tü­merin. Mit seinen alten Bäumen, Wäldern, Vögeln und Teichen liegt dieser abge­schiedene Ort ein­ge­bettet in die Aus­läufer des Dartmoor National Park. „Es ist wun­der­schön hier. Selbst das Licht ver­ändert sich ständig. Und dabei sind wir nur wenige Kilo­meter von den wilden Stränden und spek­ta­ku­lären Klippen der Küste ent­fernt.“ Gerade ver­staut sie Decken und Pick­nick­körbe in einem Kleinbus. Gemeinsam mit einer Freundin aus London und einigen Gästen möchte sie den Morgen mit einem Ausflug zum Bigbury Beach beginnen. Das Gefühl von Freiheit, das Caitlin in Fow­les­combe wie­der­ge­funden hat, möchten sie, ihr Lebens­ge­fährte Paul Glade und die außer­ge­wöhn­lichen Men­schen ihres Teams an andere wei­ter­geben.

Manchmal lässt sich nur schwer erklären, warum die Atmo­sphäre eines Hotels so lange in Erin­nerung bleibt. Liegt es an der Tür oder an der Tee­tasse, am Tee selbst oder an der Art, wie er ser­viert wird? Für mich ent­steht Archi­tektur aus dem Zusam­men­spiel all dieser Ele­mente.

ZEIT

Fow­les­combe Farm ist eine offene Ein­ladung. Aus­schlafen, tief und fest, denn die Luft scheint hier irgendwie klarer und bele­bender zu sein. Im Bade­mantel lange auf der Ter­rasse ein gemüt­liches Früh­stück genießen. Frisch geba­ckenes Brot mit Honig von den eigenen Bienen der Farm genießen – zusammen mit vielen wei­teren Zutaten aus Garten und Land­wirt­schaft, lie­bevoll zube­reitet von Elly und ser­viert im „The Refectory“, dem Restaurant der Fow­les­combe Farm. Wer lieber den Tau auf den Wiesen spüren möchte, macht sich früh auf den Weg entlang der dicht bewal­deten Wege des Dartmoor – einer der ein­samsten Gegenden Eng­lands, voller sel­tener Pflanzen und Tiere, ganz zu schweigen von Hexen­ge­schichten und Legenden. Und dann ist da dieser besondere Rhythmus, der dazu einlädt, selbst mit anzu­packen: sei es, um Neil beim Füttern der Hühner zu helfen, George auf den Feldern, Ruby beim Trocknen von Kräutern und Blüten für Tees oder Shelley beim Binden von Wild­blu­men­sträußen.

ZUHAUSE

Ob bei der täg­lichen Arbeit auf dem Hof oder beim Yoga im Gewächshaus, bei einem Ausflug zum Blu­men­sammeln für den abend­lichen Gin oder beim Stand-up-Paddling zum nächsten Pub – in Fow­les­combe ergeben sich die Dinge ganz natürlich und sehen jeden Tag ein wenig anders aus. Die Erleb­nisse hier wechseln, ebenso wie die Jah­res­zeiten, das Wetter, die Land­schaft und die Gäste. Anstatt ein künstlich zusam­men­ge­stelltes Pro­gramm für gestresste Groß­städter anzu­bieten, drehen sich die Akti­vi­täten und Erleb­nisse hier schlicht um das, was für den Betrieb der Farm not­wendig ist. Man macht mit und wird Teil davon – so, als wäre man zuhause.

„Meine Familie hat Fow­les­combe 2018 gekauft, um den bestehenden Betrieb auf rege­ne­rative Land­wirt­schaft umzu­stellen. Dann kam der Lockdown, und ich wollte raus aus London, wo ich damals für eine große Unter­neh­mens­be­ratung gear­beitet habe. Also zog ich zu meinen Eltern, die in der Nähe wohnen, und ver­brachte gemeinsam mit Paul viel Zeit auf der Farm. Wir haben während der Ablamm­saison mit­ge­holfen“, erzählt Caitlin, die noch immer spürbar begeistert ist. „Damals wurde mir klar, dass ich weder nach London noch in meinen alten Job zurück­kehren wollte. Diese intensive Zeit in der Natur hat uns so viel gegeben – und wir wussten, dass dieser Ort auch anderen Men­schen etwas anzu­bieten hat.“

GLEICHGEWICHT

„Die Sanierung des Anwesens ori­en­tiert sich an den Prin­zipien von Schönheit und Zweck­mä­ßigkeit“, erklärt Paul, der das gesamte Projekt als Creative Director begleitet. Der gebürtige Schweizer lernte die Britin Caitlin in Cam­bridge kennen, wo er Archi­tektur stu­dierte und sie Fran­zö­sisch und Deutsch. Seitdem ist Fow­les­combe zum idealen Aus­druck ihrer sich ergän­zenden Stärken geworden. „Manchmal lässt sich nur schwer erklären, warum die Atmo­sphäre eines Hotels so lange in Erin­nerung bleibt. Liegt es an der Tür oder an der Tee­tasse, am Tee selbst oder an der Art, wie er ser­viert wird? Für mich ent­steht Archi­tektur aus dem Zusam­men­spiel all dieser Ele­mente.“ Im ersten Schritt wurde das Bau­ernhaus zurück­gebaut, das durch Beton, Farbe und wuchtige Mar­mor­treppen ver­un­staltet worden war. „Wir haben das Innere des Hauses wie ein Lego-Set aus­ein­an­der­ge­nommen, damit das Gebäude sein Gleich­ge­wicht wie­der­finden und seine Geschichte wei­ter­führen kann.“

Wir haben das Innere des Hauses wie ein Lego-Set aus­ein­an­der­ge­nommen, damit das Gebäude sein Gleich­ge­wicht wie­der­finden und seine Geschichte wei­ter­führen kann.

AUTHENTIZITÄT

Gleich­zeitig sollte die Funktion des Hofes sichtbar bleiben. „Es ist nicht nur ein Hotel, sondern auch ein pro­duk­tiver Ort, dessen Zweck­mä­ßigkeit und Schlichtheit wir bewusst feiern wollten“, erklärt der Architekt. Das­selbe gilt für die Men­schen, die hier arbeiten und allesamt eine wichtige Rolle spielen. Manche sind eher zufällig hier gelandet – und wollten einfach nicht mehr weg. Denn Fow­les­combe funk­tio­niert wie eine große Familie, wie ein Kosmos, in den man ein­tauchen kann, und wie ein Rhythmus, mit dem man in Ein­klang kommt – sei es für ein paar Tage oder für längere Zeit.

FREUNDSCHAFT

Auch die Zusam­men­arbeit mit dem Schweizer Archi­tek­turbüro Studio Gugger war ein glück­licher Zufall. Paul begegnet Harry Gugger, seinem frü­heren Chef, uner­wartet im Zug nach Devon. Aus dieser kurzen Begegnung sind große Ver­än­de­rungen ent­standen. Gemeinsam mit Studio Gugger sowie dem Lon­doner Archi­tekten Ryan Cook und seinem Büro Channel wird das Anwesen neu gedacht und das Ver­hältnis zwi­schen Mensch und Tier neu orga­ni­siert. Die alten Stein­scheunen werden zu Gäs­te­suiten umgebaut, und der Hof wird durch neue Stal­lungen und ein Gewächshaus ergänzt.

STILLE

Oak, der Hofhund, läuft über den Innenhof, vorbei an Hühnern und einem Paar, das seit Stunden auf der Ter­rasse Scrabble spielt. Auf den ersten Blick wirkt er groß und ein­schüch­ternd, doch nun schmiegt er sich an Caitlin. „Anfangs war er sehr nervös und miss­trauisch, weil seine vor­he­rigen Besitzer ihn nicht gut behandelt haben. Heute ist er ein rich­tiger Schmu­sehund“, sagt sie lächelnd. Viel­leicht ist auch das eine Folge des ent­schleu­nigten Lebens auf dem Hof. Wie Oak durch­laufen auch die Gäste und Mit­ar­bei­tenden von Fow­les­combe ihre eigenen Wand­lungen: Gäste ver­längern spontan ihren Auf­enthalt, Men­schen mit gesund­heit­lichen Beschwerden fühlen sich von Tag zu Tag besser, ein Bag­ger­fahrer schlägt beruflich einen neuen Weg ein, und Kinder ent­decken die Vielfalt der Natur mit allen Sinnen. „Die meisten Gäste kommen ziemlich gestresst hier an. Und plötzlich kehrt Ruhe ein. Als würde man tief durch­atmen.“

TRANSFORMATION

Die rege­ne­rative Land­wirt­schaft der Farm gibt dem Boden Nähr­stoffe zurück. „Die Rege­ne­ration unserer Gäste liegt uns ebenso am Herzen“, sagt Caitlin. „Man ver­bindet sich mit der Natur, mit den Jah­res­zeiten und mit­ein­ander. Man genießt die Ruhe, die Suiten, die fan­tas­tische sai­sonale Küche und die herz­liche Gast­freund­schaft. Aber die Ver­än­derung geht tiefer als das: Etwas beginnt Wurzeln zu schlagen, wächst weiter und ver­ändert Dinge.“ Trans­for­mation findet im Kleinen wie im Großen statt. Die Archi­tektur schafft dafür den pas­senden Rahmen.

Luxus bedeutet, dass Dinge geschehen, ohne dass ich darüber nach­denken muss.

GESCHICHTE

Das ver­putzte vik­to­ria­nische Bau­ernhaus mit Lounge-Bar und Rezeption bildet das Zentrum des Anwesens. Die meisten der zehn Suiten befinden sich jedoch ebenso wie das Restaurant „The Refectory“ und die Bibliothek „The Map Room“ in den umge­bauten Scheunen. Große und kleine Fenster, niedrige Decken und unge­wöhn­liche Türen ver­weisen auf frühere Bau­weisen und Pro­por­tionen. Manche Räume öffnen sich unter frei­ge­legten Dach­balken bis in beein­dru­ckende Höhen, andere Bereiche wirken klein und geborgen. „Wir wollten nichts ver­ein­heit­lichen“, erklärt Paul. „Manchmal muss man sich bücken, um in einen besonders großen Raum zu gelangen.“
Fow­les­combe Farm bleibt seiner Geschichte treu. Sie zeigt sich selbst in den kleinsten Details und bleibt eng mit der Land­schaft ver­bunden, die durch jedes Fenster präsent ist.

EICHE & WOLLE

„Wir haben nur eine sehr kleine Mate­ri­al­pa­lette ver­wendet. Da ist zum Bei­spiel der Stein aus unserem eigenen Stein­bruch, den wir teil­weise poliert haben, um daraus Bänke, Tische oder Wasch­becken zu fer­tigen. Auch das Eichenholz für Fenster und Wand­ver­klei­dungen war bereits vor­handen – aller­dings in einer grö­beren Form. Wir wollten keine neuen Mate­rialien ergänzen, sondern lieber bereits Vor­han­denes ver­feinern.“ Vor­hänge und Tex­tilien aus Wolle greifen die Farben der Land­schaft auf – von Grün über Blau bis hin zu Violett – und lassen zugleich die Wärme wie auch die Rauheit der Region spürbar werden. Selbst die Matratzen ent­halten Wolle von den eigenen Manx-Loaghtan-Schafen der Farm, einer alten Schaf­rasse, die hier zusammen mit Rindern, Schweinen und Ziegen lebt.

FEUER

„Luxus bedeutet, dass Dinge geschehen, ohne dass ich darüber nach­denken muss“, sagt Caitlin und ver­sucht damit den beson­deren Zauber von Fow­les­combe Farm zu beschreiben – einem Ort, der auf jede Form von Prunk und Über­fluss ver­zichtet. Selbst Fern­seher scheint hier niemand zu ver­missen. Statt­dessen schwirren Libellen über den Teich, während die Abend­sonne Wiesen, Felder und Obst­gärten in ein glü­hendes Rot taucht. Wer möchte, kann auf einer kleinen Steinbank sitzen und auf den Ster­nen­himmel warten – und viel­leicht auf Barry. Spek­ta­ku­lärer könnte es kaum sein.


Text: Julia Hauch

Fotos: © Laura Edwards, Jon Tonks, Matthew Hague, Paul Glade

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