Inmitten der Elemente
Was passiert, wenn man dem ständigen Getriebensein des Alltags entkommt und die Anspannung sich löst wie ein Knoten im Faden? Inmitten einer fast mystischen Natur, herzlicher Menschen und zeitloser Elemente folgt Fowlescombe Farm in der Grafschaft Devon den Spuren ihrer Geschichte und dem Rhythmus der Natur.
LUFT
Aufsteigender Nebel und dampfender Tee legen feine Schleier über die klare Morgenluft. Auf der frisch fertiggestellten Bruchsteinmauer wurde eine Tischdecke ausgebreitet, gedeckt mit frischem Gebäck. Mark lässt den Blick zufrieden über das Werk schweifen und bedankt sich bei seinen Helfern – vier Gästen der Fowlescombe Farm, die sich frühmorgens gemeinsam mit dem Steinmetzmeister daran gemacht hatten, einige der charakteristischen Natursteinmauern des Anwesens instand zu setzen. Sie wollten mehr über das traditionelle Handwerk der Region erfahren und gleichzeitig ihre eigenen Spuren in dieser sich ständig wandelnden Landschaft hinterlassen. Hand in Hand, Stein auf Stein – das Material stammt aus dem Steinbruch der Farm.


STEIN
Barry schläft noch. Für eine Schleiereule ist es selbst hier noch zu früh, auch wenn sie der von Efeu überwucherten Ruine eine gewisse zauberhafte Note verleiht. Inmitten eines Mosaiks aus Feldern und Wäldern gelegen, bietet sie einen dramatischen Anblick, den man von einigen der Suiten der Fowlescombe Farm aus sehen kann. Das imposante Herrenhaus wurde 1537 von Thomas Fowell erbaut, dessen einflussreiche Familie große Teile des Dartmoor besaß. Errichtet aus Stein aus dem eigenen Steinbruch des Anwesens, soll es sogar Sir Arthur Conan Doyle als Inspiration für seinen Roman „Der Hund von Baskerville“ gedient haben. Nachdem das Gebäude 1907 niederbrannte, eroberte die Natur es zurück. Heute ist es ein Ort voller Geschichte und Geschichten – ebenso wie die viktorianische Farm mit ihren Steinscheunen, die 300 Meter weiter oben im Tal als Fowlescombe Farm weiterlebt.


Der Beitrag erschien zunächst in unserer Buchveröffentlichung „Dream in Progress“.
Das Buch ist eine Hommage an alle, die mutig genug sind, sich ins Unbekannte zu stürzen und auf den Zufall zu vertrauen. 16 Projekte zeigen ihre Geschichte der Verwandlung – und regen an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit einer limitierten Auflage der Künstlerin Jana Gunstheimer ist dieser verspielte Atlas eine ernst gemeinte Einladung: Träumen Sie mutig, genießen Sie die Reise!
Das Buch erhalten Sie in jeder Buchhandlung oder direkt in unserem Online-Shop.
WASSER
„Wenn man hier unten im Tal ist, verschwindet die Welt völlig“, sagt Caitlin Owens, die heutige Eigentümerin. Mit seinen alten Bäumen, Wäldern, Vögeln und Teichen liegt dieser abgeschiedene Ort eingebettet in die Ausläufer des Dartmoor National Park. „Es ist wunderschön hier. Selbst das Licht verändert sich ständig. Und dabei sind wir nur wenige Kilometer von den wilden Stränden und spektakulären Klippen der Küste entfernt.“ Gerade verstaut sie Decken und Picknickkörbe in einem Kleinbus. Gemeinsam mit einer Freundin aus London und einigen Gästen möchte sie den Morgen mit einem Ausflug zum Bigbury Beach beginnen. Das Gefühl von Freiheit, das Caitlin in Fowlescombe wiedergefunden hat, möchten sie, ihr Lebensgefährte Paul Glade und die außergewöhnlichen Menschen ihres Teams an andere weitergeben.
Manchmal lässt sich nur schwer erklären, warum die Atmosphäre eines Hotels so lange in Erinnerung bleibt. Liegt es an der Tür oder an der Teetasse, am Tee selbst oder an der Art, wie er serviert wird? Für mich entsteht Architektur aus dem Zusammenspiel all dieser Elemente.

ZEIT
Fowlescombe Farm ist eine offene Einladung. Ausschlafen, tief und fest, denn die Luft scheint hier irgendwie klarer und belebender zu sein. Im Bademantel lange auf der Terrasse ein gemütliches Frühstück genießen. Frisch gebackenes Brot mit Honig von den eigenen Bienen der Farm genießen – zusammen mit vielen weiteren Zutaten aus Garten und Landwirtschaft, liebevoll zubereitet von Elly und serviert im „The Refectory“, dem Restaurant der Fowlescombe Farm. Wer lieber den Tau auf den Wiesen spüren möchte, macht sich früh auf den Weg entlang der dicht bewaldeten Wege des Dartmoor – einer der einsamsten Gegenden Englands, voller seltener Pflanzen und Tiere, ganz zu schweigen von Hexengeschichten und Legenden. Und dann ist da dieser besondere Rhythmus, der dazu einlädt, selbst mit anzupacken: sei es, um Neil beim Füttern der Hühner zu helfen, George auf den Feldern, Ruby beim Trocknen von Kräutern und Blüten für Tees oder Shelley beim Binden von Wildblumensträußen.



ZUHAUSE
Ob bei der täglichen Arbeit auf dem Hof oder beim Yoga im Gewächshaus, bei einem Ausflug zum Blumensammeln für den abendlichen Gin oder beim Stand-up-Paddling zum nächsten Pub – in Fowlescombe ergeben sich die Dinge ganz natürlich und sehen jeden Tag ein wenig anders aus. Die Erlebnisse hier wechseln, ebenso wie die Jahreszeiten, das Wetter, die Landschaft und die Gäste. Anstatt ein künstlich zusammengestelltes Programm für gestresste Großstädter anzubieten, drehen sich die Aktivitäten und Erlebnisse hier schlicht um das, was für den Betrieb der Farm notwendig ist. Man macht mit und wird Teil davon – so, als wäre man zuhause.
„Meine Familie hat Fowlescombe 2018 gekauft, um den bestehenden Betrieb auf regenerative Landwirtschaft umzustellen. Dann kam der Lockdown, und ich wollte raus aus London, wo ich damals für eine große Unternehmensberatung gearbeitet habe. Also zog ich zu meinen Eltern, die in der Nähe wohnen, und verbrachte gemeinsam mit Paul viel Zeit auf der Farm. Wir haben während der Ablammsaison mitgeholfen“, erzählt Caitlin, die noch immer spürbar begeistert ist. „Damals wurde mir klar, dass ich weder nach London noch in meinen alten Job zurückkehren wollte. Diese intensive Zeit in der Natur hat uns so viel gegeben – und wir wussten, dass dieser Ort auch anderen Menschen etwas anzubieten hat.“


GLEICHGEWICHT
„Die Sanierung des Anwesens orientiert sich an den Prinzipien von Schönheit und Zweckmäßigkeit“, erklärt Paul, der das gesamte Projekt als Creative Director begleitet. Der gebürtige Schweizer lernte die Britin Caitlin in Cambridge kennen, wo er Architektur studierte und sie Französisch und Deutsch. Seitdem ist Fowlescombe zum idealen Ausdruck ihrer sich ergänzenden Stärken geworden. „Manchmal lässt sich nur schwer erklären, warum die Atmosphäre eines Hotels so lange in Erinnerung bleibt. Liegt es an der Tür oder an der Teetasse, am Tee selbst oder an der Art, wie er serviert wird? Für mich entsteht Architektur aus dem Zusammenspiel all dieser Elemente.“ Im ersten Schritt wurde das Bauernhaus zurückgebaut, das durch Beton, Farbe und wuchtige Marmortreppen verunstaltet worden war. „Wir haben das Innere des Hauses wie ein Lego-Set auseinandergenommen, damit das Gebäude sein Gleichgewicht wiederfinden und seine Geschichte weiterführen kann.“

Wir haben das Innere des Hauses wie ein Lego-Set auseinandergenommen, damit das Gebäude sein Gleichgewicht wiederfinden und seine Geschichte weiterführen kann.


AUTHENTIZITÄT
Gleichzeitig sollte die Funktion des Hofes sichtbar bleiben. „Es ist nicht nur ein Hotel, sondern auch ein produktiver Ort, dessen Zweckmäßigkeit und Schlichtheit wir bewusst feiern wollten“, erklärt der Architekt. Dasselbe gilt für die Menschen, die hier arbeiten und allesamt eine wichtige Rolle spielen. Manche sind eher zufällig hier gelandet – und wollten einfach nicht mehr weg. Denn Fowlescombe funktioniert wie eine große Familie, wie ein Kosmos, in den man eintauchen kann, und wie ein Rhythmus, mit dem man in Einklang kommt – sei es für ein paar Tage oder für längere Zeit.

FREUNDSCHAFT
Auch die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Architekturbüro Studio Gugger war ein glücklicher Zufall. Paul begegnet Harry Gugger, seinem früheren Chef, unerwartet im Zug nach Devon. Aus dieser kurzen Begegnung sind große Veränderungen entstanden. Gemeinsam mit Studio Gugger sowie dem Londoner Architekten Ryan Cook und seinem Büro Channel wird das Anwesen neu gedacht und das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu organisiert. Die alten Steinscheunen werden zu Gästesuiten umgebaut, und der Hof wird durch neue Stallungen und ein Gewächshaus ergänzt.


STILLE
Oak, der Hofhund, läuft über den Innenhof, vorbei an Hühnern und einem Paar, das seit Stunden auf der Terrasse Scrabble spielt. Auf den ersten Blick wirkt er groß und einschüchternd, doch nun schmiegt er sich an Caitlin. „Anfangs war er sehr nervös und misstrauisch, weil seine vorherigen Besitzer ihn nicht gut behandelt haben. Heute ist er ein richtiger Schmusehund“, sagt sie lächelnd. Vielleicht ist auch das eine Folge des entschleunigten Lebens auf dem Hof. Wie Oak durchlaufen auch die Gäste und Mitarbeitenden von Fowlescombe ihre eigenen Wandlungen: Gäste verlängern spontan ihren Aufenthalt, Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden fühlen sich von Tag zu Tag besser, ein Baggerfahrer schlägt beruflich einen neuen Weg ein, und Kinder entdecken die Vielfalt der Natur mit allen Sinnen. „Die meisten Gäste kommen ziemlich gestresst hier an. Und plötzlich kehrt Ruhe ein. Als würde man tief durchatmen.“

TRANSFORMATION
Die regenerative Landwirtschaft der Farm gibt dem Boden Nährstoffe zurück. „Die Regeneration unserer Gäste liegt uns ebenso am Herzen“, sagt Caitlin. „Man verbindet sich mit der Natur, mit den Jahreszeiten und miteinander. Man genießt die Ruhe, die Suiten, die fantastische saisonale Küche und die herzliche Gastfreundschaft. Aber die Veränderung geht tiefer als das: Etwas beginnt Wurzeln zu schlagen, wächst weiter und verändert Dinge.“ Transformation findet im Kleinen wie im Großen statt. Die Architektur schafft dafür den passenden Rahmen.
Luxus bedeutet, dass Dinge geschehen, ohne dass ich darüber nachdenken muss.
GESCHICHTE
Das verputzte viktorianische Bauernhaus mit Lounge-Bar und Rezeption bildet das Zentrum des Anwesens. Die meisten der zehn Suiten befinden sich jedoch ebenso wie das Restaurant „The Refectory“ und die Bibliothek „The Map Room“ in den umgebauten Scheunen. Große und kleine Fenster, niedrige Decken und ungewöhnliche Türen verweisen auf frühere Bauweisen und Proportionen. Manche Räume öffnen sich unter freigelegten Dachbalken bis in beeindruckende Höhen, andere Bereiche wirken klein und geborgen. „Wir wollten nichts vereinheitlichen“, erklärt Paul. „Manchmal muss man sich bücken, um in einen besonders großen Raum zu gelangen.“
Fowlescombe Farm bleibt seiner Geschichte treu. Sie zeigt sich selbst in den kleinsten Details und bleibt eng mit der Landschaft verbunden, die durch jedes Fenster präsent ist.



EICHE & WOLLE
„Wir haben nur eine sehr kleine Materialpalette verwendet. Da ist zum Beispiel der Stein aus unserem eigenen Steinbruch, den wir teilweise poliert haben, um daraus Bänke, Tische oder Waschbecken zu fertigen. Auch das Eichenholz für Fenster und Wandverkleidungen war bereits vorhanden – allerdings in einer gröberen Form. Wir wollten keine neuen Materialien ergänzen, sondern lieber bereits Vorhandenes verfeinern.“ Vorhänge und Textilien aus Wolle greifen die Farben der Landschaft auf – von Grün über Blau bis hin zu Violett – und lassen zugleich die Wärme wie auch die Rauheit der Region spürbar werden. Selbst die Matratzen enthalten Wolle von den eigenen Manx-Loaghtan-Schafen der Farm, einer alten Schafrasse, die hier zusammen mit Rindern, Schweinen und Ziegen lebt.


FEUER
„Luxus bedeutet, dass Dinge geschehen, ohne dass ich darüber nachdenken muss“, sagt Caitlin und versucht damit den besonderen Zauber von Fowlescombe Farm zu beschreiben – einem Ort, der auf jede Form von Prunk und Überfluss verzichtet. Selbst Fernseher scheint hier niemand zu vermissen. Stattdessen schwirren Libellen über den Teich, während die Abendsonne Wiesen, Felder und Obstgärten in ein glühendes Rot taucht. Wer möchte, kann auf einer kleinen Steinbank sitzen und auf den Sternenhimmel warten – und vielleicht auf Barry. Spektakulärer könnte es kaum sein.

Text: Julia Hauch
Fotos: © Laura Edwards, Jon Tonks, Matthew Hague, Paul Glade
Der Beitrag erschien zunächst in unserer Buchveröffentlichung „Dream in Progress“. Das Buch ist in unserem Shop und im Buchhandel erhältlich.
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