Späte Moderne, zweites Leben
Unterwegs zum dänischen Funktionalismus von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland. Eine Reise zu einer westdeutsch-dänischen Moderne, die heute neu gesehen wird.
Manche Bauten benötigen Zeit, bis man sie wieder sieht. In den ersten Jahrzehnten galten sie als Zeichen einer Gegenwart, die nach vorn wollte. Später wirkten sie zu streng, zu spröde, zu sehr nach Beton, Raster, Großform. Heute stehen viele von ihnen an einem dritten Punkt: nicht mehr neu, aber noch lange nicht fertig erzählt.
Für die deutschen Bauten von Arne Jacobsen und Otto Weitling gilt das in besonderer Weise. Sie liegen verstreut über die alte Bundesrepublik: in Berlin, Hannover, Hamburg, auf Fehmarn, in Castrop-Rauxel und Mainz. Wer sie verstehen will, muss reisen. Zu Atriumhäusern im Hansaviertel, zu einem Glasfoyer in den Herrenhäuser Gärten, zu einer Schule in Othmarschen, zu einer früheren Konzernzentrale in der City Nord, zu einem Ferienort an der Ostsee, zu Rathäusern im Ruhrgebiet und am Rhein.
Ich beschäftige mich seit Jahren mit diesen Bauten: als Autor, Kurator und durch Orte, die mir biografisch nahe sind. Fehmarn und Burgtiefe kenne ich nicht nur aus Akten, Dokumenten und Büchern, sondern seit frühester Kindheit. Dort zeigt sich deutlich, wie Architektur erst Alltag wird, dann Hintergrund und irgendwann wieder als Baukultur wahrgenommen werden muss. Zusammen erzählen diese Orte von einer westdeutsch-dänischen Moderne der 1960er und 1970er Jahre. Von einer Bundesrepublik, die neue Formen für Wohnen, Bildung, Verwaltung, Freizeit und Öffentlichkeit suchte. Und von Architekten, die den nordischen Funktionalismus nicht als Stil importierten, sondern in konkrete Aufgaben übersetzten: in Grundrisse, Materialien, Plätze und Räume für den Alltag.
Arne Jacobsen ist in Deutschland bis heute vor allem als Produktdesigner bekannt. Seine Architektur ist weniger beweglich als ein Stuhl, eine Leuchte oder ein Besteck. Sie lässt sich nicht einfach sammeln oder verschieben. Sie steht an Orten, die sich verändert haben und mit ihnen verändert sich auch der Blick auf die Gebäude. Alle diese Bauten stehen unter Denkmalschutz oder gehören zu geschützten Ensembles. Schutz allein bringt sie nicht ins 21. Jahrhundert. Sie müssen saniert, genutzt, erklärt und manchmal gegen alte Urteile neu gesehen werden. Gerade deshalb lohnt sich diese Reise: Sie führt zu einer späten Moderne, die nicht mehr selbstverständlich modern wirkt und doch wieder Gegenwart werden kann.


In Berlin beginnt diese Reise leise. Im Hansaviertel entwarf Jacobsen für die Interbau 1957 vier Atriumhäuser. Sie zeichnen sich durch Maßstab, Rückzug und Nähe aus. Sie ordnen das Wohnen über Licht, Wand, Garten und kurze Wege. Wer heute dort vorbeigeht, sieht keine große Geste. Das ist ein erster Hinweis auf Jacobsen und Weitling in Deutschland: Ihre Bauten erklären sich selten über das Einzelbild. Sie benötigen den zweiten Blick, die Bewegung und den Gebrauch.


In Hannover wird die Architektur transparenter. Das Arne-Jacobsen-Foyer in den Herrenhäuser Gärten wurde 1966 eröffnet und 2018 saniert. Es steht am Rand eines historischen Ensembles und arbeitet mit Glas, Stahl, Licht und Zurückhaltung. Der Bau rahmt den Übergang zwischen Garten und Veranstaltung, zwischen barocker Ordnung und Nachkriegsmoderne. Nach der Sanierung sieht man vor allem den Bau, nicht die Sanierung. Genau darin liegt die Leistung: Die Technik wurde erneuert, der Charakter blieb erhalten.

Hamburg zeigt zwei andere Lesarten. Das Christianeum in Othmarschen entstand 1968 bis 1971. Die außenliegende Betonträgerstruktur, die Glasflächen, die Farbigkeit im Inneren und die pavillonartigen Klassenräume machen das Gymnasium zu einem Lernraum der späten Moderne. Außen und innen, bis hin zu Teilen der Ausstattung, steht es unter Denkmalschutz. Die innere Grundinstandsetzung, 2017 abgeschlossen, zeigt, wie viel Abstimmung nötig ist, wenn Brandschutz, Schadstoffe, Schulalltag und Originalsubstanz in einem solchen Bau zusammenkommen.

In der City Nord steht das Arne-Jacobsen-Haus, die frühere HEW-Zentrale, später Vattenfall-Haus. Das monolithisch wirkende Scheibenhochhaus wurde 1969 eingeweiht und gehört zu den bekanntesten Verwaltungsbauten Hamburgs. Heute wird das Gebäude denkmalgerecht revitalisiert. Künftig soll dort das Bezirksamt Hamburg-Nord einziehen. Aus der früheren Konzernzentrale wird ein Verwaltungsort im Alltag der Stadt. Die Fassade muss energetisch ertüchtigt werden, das Innere neue Arbeitswelten aufnehmen. Der Fall zeigt, worum es bei vielen Bauten dieser Zeit geht: Nicht die Frage, ob sie noch schön genug sind, ist entscheidend. Sondern ob sie stark genug sind, neue Aufgaben zu tragen.

Auf Fehmarn wird aus der westdeutsch-dänischen Moderne Ferienarchitektur. In Burgtiefe, am Südstrand, entwarfen die beiden dänischen Baumeister ab den 1960er-Jahren eine Anlage aus Apartmenthäusern, Bungalows, den markanten Hochhäusern, dem Haus des Gastes und dem Meerwasserwellenbad. Die Gemeinde Burg wollte ein modernes Seebad. Die Architekten setzten auf Landschaft, Wege, Meer und Offenheit. Vieles wurde seitdem verändert, manches ging verloren, anderes blieb erstaunlich wirksam. Seit 2004 steht das Ensemble unter Denkmalschutz. Wer dort Urlaub macht, schläft möglicherweise in einem Teil dieser Architekturgeschichte, ohne es zu wissen.
Burgtiefe ist kein idealer Erinnerungsort. Gerade deshalb ist er interessant. Die Anlage erzählt nicht nur von Entwurf, sondern auch von Rendite, Massentourismus, Eigentumswohnungen, Sanierungsfragen und dem langen Weg zur Anerkennung. Der alte Konflikt bleibt sichtbar: Wie viel Komfort erwartet man heute? Wie viel Bestand hält man aus? Und wann beginnt gute Ferienarchitektur nicht beim Neuen, sondern beim Weiterführen?


In Castrop-Rauxel wird die Moderne zur Stadtmitte. Das Forum mit Rathaus, Stadthalle und Europahalle entstand nach dem Wettbewerbsgewinn von Jacobsen und Weitling und wurde nach dem Tod von Jacobsen durch Otto Weitling und Hans Dissing weitergeführt. Hier ging es um Öffentlichkeit: Verwaltung, Kultur und städtisches Leben sollten auf einem neuen Plateau zusammenkommen. Backstein, Platz, Foyer, Ratssaal, Stadthalle und Europahalle bilden ein Ensemble, das nicht dekoriert, sondern ordnet. Heute stellt sich auch hier die Frage nach der Zukunft. Plätze müssen klimaresilienter, zugänglicher und nutzbarer werden. Ein Rathausforum der 1970er-Jahre muss sich im 21. Jahrhundert wieder beweisen.

Mit Mainz führt diese Reise an den Rhein. Das Rathaus wurde Anfang der 1970er-Jahre gebaut und lange heftig diskutiert. Viele sahen den Bau als fremd, schwer, abweisend. Andere erkannten ein Gesamtkunstwerk: vom großen Volumen über Foyer, Ratssaal und Sitzungssäle bis zu Leuchten, Möbeln und Details. Inzwischen steht das Haus unter Denkmalschutz und wird saniert. Die Probleme sind konkret: Haustechnik, Brandschutz, beschädigte Fassaden. Doch der Kern bleibt baukulturell. Was bewahrt man, wenn ein öffentliches Haus aus der späten Moderne weiterarbeiten soll?
Diese Reise führt nicht zu Jacobsen allein. Sie führt zu einem gemeinsamen Werk mit Otto Weitling. Dieser war nicht nur Partner oder Nachlassverwalter. Viele deutsche Projekte entstanden durch diese Zusammenarbeit und wurden nach Jacobsens Tod weitergeführt. Wer über diese Architektur spricht, spricht über Kontinuität und Übersetzung. Dänischer Funktionalismus traf auf westdeutsche Aufgaben. Daraus entstanden keine Kopien skandinavischer Vorbilder, sondern eigene Antworten auf Schule, Rathaus, Verwaltung, Ferien, Stadt.
Aus dieser langjährigen Beschäftigung heraus entstand auch meine filmische Installation Nordic Masterpieces, die 2026 in Berlin und Hamburg gezeigt wird. Sie stellt nicht das Design in den Vordergrund, sondern die Gebäude selbst als filmische Kurzporträts. Als Ausstellung ist sie ein Anlass, wieder hinzusehen. Die eigentliche Reise aber führt zu den Orten. Zu Häusern, die längst nicht mehr neu sind und trotzdem weiterarbeiten.


Wer ihnen folgt, reist durch ein Stück westdeutsch-dänischer Baukultur quer durch die alte Bundesrepublik. Überall geht es um denselben Punkt: Wie bleibt Architektur modern, wenn sie nicht mehr neu ist? Die Antwort liegt nicht im Rückbau in einen Originalzustand. Sie liegt im Gebrauch, in der Reparatur, im genauen Weiterdenken. In diesem zweiten Leben wird die späte Moderne wieder gegenwärtig.
Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland: Stationen einer Reise
Die deutschen Bauten von Arne Jacobsen und Otto Weitling finden sich in Berlin, Hannover, Hamburg, Fehmarn, Castrop-Rauxel und Mainz. Einige lassen sich gut besuchen: das Arne-Jacobsen-Foyer in den Herrenhäuser Gärten, die Ferienanlage Burgtiefe auf Fehmarn oder der Forumskomplex in Castrop-Rauxel.
Andere lassen sich vor allem von außen erleben: die Atriumhäuser im Berliner Hansaviertel, das Christianeum in Hamburg oder das Arne-Jacobsen-Haus in der City Nord, das derzeit revitalisiert wird. Das Mainzer Rathaus bleibt trotz Sanierung ein wichtiger Bau am Rhein. Wer das Werk vollständiger verfolgen möchte, findet in Mainz-Hartenberg/Münchfeld mit dem ehemaligen Novo-Bau von 1967 bis 1969 eine weitere Station. Die filmische Installation „Nordic Masterpieces“ zur Baukunst von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland entstand mit dem Co-Kurator und Architekten Hendrik Bohle und dem Filmemacher David Laubmeier. Sie war vom 5. bis 31. Mai 2026 im LIVING BERLIN zu sehen und wird seit dem 5. Juni im gärtner Showroom in Hamburg gezeigt, wo sie bis 10. Juli 2026 zu sehen sein wird.
Autor: Jan Dimog
Bildnachweise: Atriumhäuser, Berlin © Hendrik Bohle (1/2), Arne-Jacobsen-Foyer, Hannover © Hendrik Bohle (3/4), Gymnasium Christianeum, Hamburg © Hendrik Bohle (5), Arne-Jacobsen-Haus (frühere HEW-Zentrale), Hamburg © Jan Dimog (6), Burgtiefe, Fehmarn © Jan Dimog (7), Forum, Castrop-Rauxel © Jan Dimog (8/9), Rathaus, Mainz © Hendrik Bohle (Titelbild, 10), Filmische Installation „Nordic Masterpieces“, Berlin © Jan Dimog (11/12)
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