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Späte Moderne, zweites Leben

Unterwegs zum dänischen Funktionalismus von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland. Eine Reise zu einer westdeutsch-dänischen Moderne, die heute neu gesehen wird.

von Jan Dimog im Juni 2026

 Späte Moderne, zweites Leben in  /

Manche Bauten benö­tigen Zeit, bis man sie wieder sieht. In den ersten Jahr­zehnten galten sie als Zeichen einer Gegenwart, die nach vorn wollte. Später wirkten sie zu streng, zu spröde, zu sehr nach Beton, Raster, Großform. Heute stehen viele von ihnen an einem dritten Punkt: nicht mehr neu, aber noch lange nicht fertig erzählt.

Für die deut­schen Bauten von Arne Jacobsen und Otto Weitling gilt das in beson­derer Weise. Sie liegen ver­streut über die alte Bun­des­re­publik: in Berlin, Han­nover, Hamburg, auf Fehmarn, in Castrop-Rauxel und Mainz. Wer sie ver­stehen will, muss reisen. Zu Atri­um­häusern im Han­sa­viertel, zu einem Glas­foyer in den Her­ren­häuser Gärten, zu einer Schule in Oth­mar­schen, zu einer frü­heren Kon­zern­zen­trale in der City Nord, zu einem Feri­enort an der Ostsee, zu Rat­häusern im Ruhr­gebiet und am Rhein.

Ich beschäftige mich seit Jahren mit diesen Bauten: als Autor, Kurator und durch Orte, die mir bio­gra­fisch nahe sind. Fehmarn und Burg­tiefe kenne ich nicht nur aus Akten, Doku­menten und Büchern, sondern seit frü­hester Kindheit. Dort zeigt sich deutlich, wie Archi­tektur erst Alltag wird, dann Hin­ter­grund und irgendwann wieder als Bau­kultur wahr­ge­nommen werden muss. Zusammen erzählen diese Orte von einer west­deutsch-däni­schen Moderne der 1960er und 1970er Jahre. Von einer Bun­des­re­publik, die neue Formen für Wohnen, Bildung, Ver­waltung, Freizeit und Öffent­lichkeit suchte. Und von Archi­tekten, die den nor­di­schen Funk­tio­na­lismus nicht als Stil impor­tierten, sondern in kon­krete Auf­gaben über­setzten: in Grund­risse, Mate­rialien, Plätze und Räume für den Alltag.

Arne Jacobsen ist in Deutschland bis heute vor allem als Pro­dukt­de­signer bekannt. Seine Archi­tektur ist weniger beweglich als ein Stuhl, eine Leuchte oder ein Besteck. Sie lässt sich nicht einfach sammeln oder ver­schieben. Sie steht an Orten, die sich ver­ändert haben und mit ihnen ver­ändert sich auch der Blick auf die Gebäude. Alle diese Bauten stehen unter Denk­mal­schutz oder gehören zu geschützten Ensembles. Schutz allein bringt sie nicht ins 21. Jahr­hundert. Sie müssen saniert, genutzt, erklärt und manchmal gegen alte Urteile neu gesehen werden. Gerade deshalb lohnt sich diese Reise: Sie führt zu einer späten Moderne, die nicht mehr selbst­ver­ständlich modern wirkt und doch wieder Gegenwart werden kann.

In Berlin beginnt diese Reise leise. Im Han­sa­viertel entwarf Jacobsen für die Interbau 1957 vier Atri­um­häuser. Sie zeichnen sich durch Maßstab, Rückzug und Nähe aus. Sie ordnen das Wohnen über Licht, Wand, Garten und kurze Wege. Wer heute dort vor­beigeht, sieht keine große Geste. Das ist ein erster Hinweis auf Jacobsen und Weitling in Deutschland: Ihre Bauten erklären sich selten über das Ein­zelbild. Sie benö­tigen den zweiten Blick, die Bewegung und den Gebrauch.

In Han­nover wird die Archi­tektur trans­pa­renter. Das Arne-Jacobsen-Foyer in den Her­ren­häuser Gärten wurde 1966 eröffnet und 2018 saniert. Es steht am Rand eines his­to­ri­schen Ensembles und arbeitet mit Glas, Stahl, Licht und Zurück­haltung. Der Bau rahmt den Übergang zwi­schen Garten und Ver­an­staltung, zwi­schen barocker Ordnung und Nach­kriegs­mo­derne. Nach der Sanierung sieht man vor allem den Bau, nicht die Sanierung. Genau darin liegt die Leistung: Die Technik wurde erneuert, der Cha­rakter blieb erhalten.

Hamburg zeigt zwei andere Les­arten. Das Chris­tianeum in Oth­mar­schen ent­stand 1968 bis 1971. Die außen­lie­gende Beton­trä­ger­struktur, die Glas­flächen, die Far­bigkeit im Inneren und die pavil­lon­ar­tigen Klas­sen­räume machen das Gym­nasium zu einem Lernraum der späten Moderne. Außen und innen, bis hin zu Teilen der Aus­stattung, steht es unter Denk­mal­schutz. Die innere Grund­in­stand­setzung, 2017 abge­schlossen, zeigt, wie viel Abstimmung nötig ist, wenn Brand­schutz, Schad­stoffe, Schul­alltag und Ori­gi­nal­sub­stanz in einem solchen Bau zusam­men­kommen.

In der City Nord steht das Arne-Jacobsen-Haus, die frühere HEW-Zen­trale, später Vat­tenfall-Haus. Das mono­li­thisch wir­kende Schei­ben­hochhaus wurde 1969 ein­ge­weiht und gehört zu den bekann­testen Ver­wal­tungs­bauten Ham­burgs. Heute wird das Gebäude denk­mal­ge­recht revi­ta­li­siert. Künftig soll dort das Bezirksamt Hamburg-Nord ein­ziehen. Aus der frü­heren Kon­zern­zen­trale wird ein Ver­wal­tungsort im Alltag der Stadt. Die Fassade muss ener­ge­tisch ertüchtigt werden, das Innere neue Arbeits­welten auf­nehmen. Der Fall zeigt, worum es bei vielen Bauten dieser Zeit geht: Nicht die Frage, ob sie noch schön genug sind, ist ent­scheidend. Sondern ob sie stark genug sind, neue Auf­gaben zu tragen.

Auf Fehmarn wird aus der west­deutsch-däni­schen Moderne Feri­en­ar­chi­tektur. In Burg­tiefe, am Süd­strand, ent­warfen die beiden däni­schen Bau­meister ab den 1960er-Jahren eine Anlage aus Apart­ment­häusern, Bun­galows, den mar­kanten Hoch­häusern, dem Haus des Gastes und dem Meer­was­ser­wel­lenbad. Die Gemeinde Burg wollte ein modernes Seebad. Die Archi­tekten setzten auf Land­schaft, Wege, Meer und Offenheit. Vieles wurde seitdem ver­ändert, manches ging ver­loren, anderes blieb erstaunlich wirksam. Seit 2004 steht das Ensemble unter Denk­mal­schutz. Wer dort Urlaub macht, schläft mög­li­cher­weise in einem Teil dieser Archi­tek­tur­ge­schichte, ohne es zu wissen.

Burg­tiefe ist kein idealer Erin­ne­rungsort. Gerade deshalb ist er inter­essant. Die Anlage erzählt nicht nur von Entwurf, sondern auch von Rendite, Mas­sen­tou­rismus, Eigen­tums­woh­nungen, Sanie­rungs­fragen und dem langen Weg zur Aner­kennung. Der alte Kon­flikt bleibt sichtbar: Wie viel Komfort erwartet man heute? Wie viel Bestand hält man aus? Und wann beginnt gute Feri­en­ar­chi­tektur nicht beim Neuen, sondern beim Wei­ter­führen?

In Castrop-Rauxel wird die Moderne zur Stadt­mitte. Das Forum mit Rathaus, Stadt­halle und Euro­pa­halle ent­stand nach dem Wett­be­werbs­gewinn von Jacobsen und Weitling und wurde nach dem Tod von Jacobsen durch Otto Weitling und Hans Dissing wei­ter­ge­führt. Hier ging es um Öffent­lichkeit: Ver­waltung, Kultur und städ­ti­sches Leben sollten auf einem neuen Plateau zusam­men­kommen. Back­stein, Platz, Foyer, Ratssaal, Stadt­halle und Euro­pa­halle bilden ein Ensemble, das nicht deko­riert, sondern ordnet. Heute stellt sich auch hier die Frage nach der Zukunft. Plätze müssen kli­ma­re­si­li­enter, zugäng­licher und nutz­barer werden. Ein Rat­haus­forum der 1970er-Jahre muss sich im 21. Jahr­hundert wieder beweisen.

Mit Mainz führt diese Reise an den Rhein. Das Rathaus wurde Anfang der 1970er-Jahre gebaut und lange heftig dis­ku­tiert. Viele sahen den Bau als fremd, schwer, abweisend. Andere erkannten ein Gesamt­kunstwerk: vom großen Volumen über Foyer, Ratssaal und Sit­zungssäle bis zu Leuchten, Möbeln und Details. Inzwi­schen steht das Haus unter Denk­mal­schutz und wird saniert. Die Pro­bleme sind konkret: Haus­technik, Brand­schutz, beschä­digte Fas­saden. Doch der Kern bleibt bau­kul­turell. Was bewahrt man, wenn ein öffent­liches Haus aus der späten Moderne wei­ter­ar­beiten soll?

Diese Reise führt nicht zu Jacobsen allein. Sie führt zu einem gemein­samen Werk mit Otto Weitling. Dieser war nicht nur Partner oder Nach­lass­ver­walter. Viele deutsche Pro­jekte ent­standen durch diese Zusam­men­arbeit und wurden nach Jacobsens Tod wei­ter­ge­führt. Wer über diese Archi­tektur spricht, spricht über Kon­ti­nuität und Über­setzung. Däni­scher Funk­tio­na­lismus traf auf west­deutsche Auf­gaben. Daraus ent­standen keine Kopien skan­di­na­vi­scher Vor­bilder, sondern eigene Ant­worten auf Schule, Rathaus, Ver­waltung, Ferien, Stadt.

Aus dieser lang­jäh­rigen Beschäf­tigung heraus ent­stand auch meine fil­mische Instal­lation Nordic Mas­ter­pieces, die 2026 in Berlin und Hamburg gezeigt wird. Sie stellt nicht das Design in den Vor­der­grund, sondern die Gebäude selbst als fil­mische Kurz­por­träts. Als Aus­stellung ist sie ein Anlass, wieder hin­zu­sehen. Die eigent­liche Reise aber führt zu den Orten. Zu Häusern, die längst nicht mehr neu sind und trotzdem wei­ter­ar­beiten.

Wer ihnen folgt, reist durch ein Stück west­deutsch-däni­scher Bau­kultur quer durch die alte Bun­des­re­publik. Überall geht es um den­selben Punkt: Wie bleibt Archi­tektur modern, wenn sie nicht mehr neu ist? Die Antwort liegt nicht im Rückbau in einen Ori­gi­nal­zu­stand. Sie liegt im Gebrauch, in der Repa­ratur, im genauen Wei­ter­denken. In diesem zweiten Leben wird die späte Moderne wieder gegen­wärtig.


Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland: Sta­tionen einer Reise

Die deut­schen Bauten von Arne Jacobsen und Otto Weitling finden sich in Berlin, Han­nover, Hamburg, Fehmarn, Castrop-Rauxel und Mainz. Einige lassen sich gut besuchen: das Arne-Jacobsen-Foyer in den Her­ren­häuser Gärten, die Feri­en­anlage Burg­tiefe auf Fehmarn oder der Forums­komplex in Castrop-Rauxel.

Andere lassen sich vor allem von außen erleben: die Atri­um­häuser im Ber­liner Han­sa­viertel, das Chris­tianeum in Hamburg oder das Arne-Jacobsen-Haus in der City Nord, das derzeit revi­ta­li­siert wird. Das Mainzer Rathaus bleibt trotz Sanierung ein wich­tiger Bau am Rhein. Wer das Werk voll­stän­diger ver­folgen möchte, findet in Mainz-Har­ten­ber­g/­Münchfeld mit dem ehe­ma­ligen Novo-Bau von 1967 bis 1969 eine weitere Station. Die fil­mische Instal­lation „Nordic Mas­ter­pieces“ zur Bau­kunst von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland ent­stand mit dem Co-Kurator und Archi­tekten Hendrik Bohle und dem Fil­me­macher David Laub­meier. Sie war vom 5. bis 31. Mai 2026 im LIVING BERLIN zu sehen und wird seit dem 5. Juni im gärtner Showroom in Hamburg gezeigt, wo sie bis 10. Juli 2026 zu sehen sein wird.

Autor: Jan Dimog

Bild­nach­weise: Atri­um­häuser, Berlin © Hendrik Bohle (1/2), Arne-Jacobsen-Foyer, Han­nover © Hendrik Bohle (3/4), Gym­nasium Chris­tianeum, Hamburg © Hendrik Bohle (5), Arne-Jacobsen-Haus (frühere HEW-Zen­trale), Hamburg © Jan Dimog (6), Burg­tiefe, Fehmarn © Jan Dimog (7), Forum, Castrop-Rauxel © Jan Dimog (8/9), Rathaus, Mainz © Hendrik Bohle (Titelbild, 10), Fil­mische Instal­lation „Nordic Mas­ter­pieces“, Berlin © Jan Dimog (11/12)

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