Stadt der Moderne, Stadt des Lichts: Le Havre
Die normannische Hafenstadt blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, in der sie sich mehrfach neu erfinden musste. In diesem Jahr feiert sie das 20-jährige Jubiläum ihres UNESCO-Welterbe-Titels – Anlass für eine Spurensuche.
Die Stunde Null und der radikale Neuanfang
Am 5. September 1944 veränderte sich das Gesicht Le Havres für immer. Im Zuge alliierter Bombenangriffe wurde das historische Zentrum nahezu vollständig zerstört: Mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben, rund 80.000 Einwohnerinnen und Einwohner verloren ihr Zuhause, über 12.500 Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht. Wo einst enge Gassen, Kaufmannshäuser und Speicher das Bild prägten, lagen nun 150 Hektar Trümmerlandschaft. Der Blick reichte vom Bahnhof bis zum Meer.

Statt das alte Stadtbild zu rekonstruieren – wie es in vielen anderen europäischen Städten der Fall war – entschied sich die französische Regierung für einen vollständigen Neuanfang. Le Havre sollte nicht nur wiederaufgebaut, sondern als moderne Modellstadt neu entworfen werden. Der Wohnungsbau hatte oberste Priorität, doch auch alle anderen städtischen Funktionen – von Verwaltung über Kirchen und Schulen bis zu Kulturstätten und Infrastruktur – wurden neu geplant.
Die Aufgabe übernahm Auguste Perret, ein Pionier des Bauens mit Stahlbeton. Gemeinsam mit seinen Brüdern Claude und Gustave sowie einem Team aus über 60 Architekten entwickelte er zwischen 1945 und 1954 eine kohärente und bis heute beispielhafte Vision für das neue Le Havre. Erst Jahrzehnte später erkannte man die städtebauliche und architektonische Leistung als epochal – und würdigte sie 2005 mit der Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste.


Ein Stadtplan als Manifest
Vom 72 Meter hohen Rathausturm – selbst ein Bau aus der Perret-Schule – lässt sich die Logik des neuen Le Havre besonders gut überblicken. Perret positionierte zentrale Bauten wie das Rathaus und Kirchen auf den historischen Standorten, behielt die Form der alten Hafenbecken bei und entwickelte ein klares, orthogonales Straßenraster. Drei Hauptachsen umschließen das neue Zentrum: Im Norden verbindet die von Alleen und Wohnzeilen gesäumte Avenue Foch den Rathausplatz mit dem Atlantik. Zwei Hochhäuser markieren dabei den Durchgang zur Küste. Im Süden führt die Rue de Paris zum alten Hafenbecken, flankiert von Arkaden und kleinen Geschäften. Der Boulevard François-1er bildet die schräge Achse, die der Geometrie der Küstenlinie folgt.
Als neues Wahrzeichen ragt Perrets Église Saint-Joseph du Havre wie ein Leuchtturm aus der Stadtsilhouette. Durch Marguerite Hurés fein ausbalancierter Glaskunst strahlt der Sakralbau auch im Inneren.


Was auf dem Stadtplan streng und funktional wirkt, entfaltet sich beim Gehen als urbane Vielfalt. Zwischen den großen Achsen öffnen sich Gassen, kleine Plätze, Durchgänge, halboffene Innenhöfe, schattige Arkaden, großzügige Parks und autofreie Flanierzonen. Die Baukörper variieren in ihrer Höhe und Durchlässigkeit, ohne monumental zu wirken. Alles ist auf Licht, Luft und Maßstab des Menschen hin entworfen. Die Idee einer Stadt für alle wird hier nicht behauptet, sondern gebaut.
Architektur mit System – und mit Seele
Perrets Prinzipien galten auch für die Wohnbauten. Alle Gebäude basieren auf einem klaren Raster: 6,24 Meter im Achsmaß, teilbar durch zwei und drei. Die Tragstruktur aus Betonpfeilern, Querträgern und Deckenplatten bleibt sichtbar. Das Raster schafft Ordnung, erlaubt aber auch Vielfalt. So entstehen Balkone, Loggien, Arkaden und raumhohe Fenster. Die Grundrisse sind flexibel, die Wohnungen lichtdurchflutet und vielfach durchquerbar.

Die Fassade wird zum Ausdrucksmittel. Perret mischte den Beton mit Glassplittern und Steinen aus dem Trümmerschutt. Je nach Körnung und Bearbeitung entstehen Oberflächen mit tiefer Materialität: geschliffen, gesägt, scharriert oder poliert. Der industrielle Werkstoff erhält eine taktile Qualität, die bis heute überrascht.


Besonders exemplarisch zeigt sich das im Quartier rund um die Place de l’Hôtel-de-Ville: Die „Immeubles sans affectation individuelle“ (I.S.A.I.) wurden unter Perrets Leitung realisiert. Eine der Standardwohnungen der Nachkriegszeit ist heute als Hausmuseum zu besichtigen – mit offenem Grundriss, moderner Möblierung, durchdachter Belichtung und einem robusten architektonischen Ausdruck. Designer wie René Gabriel und Marcel Gascoin lieferten dafür das passende Mobiliar.

Ein urbanes Museum unter freiem Himmel
Le Havre ist keine konservierte Kulisse, sondern ein lebendiger Ort des Wandels. Seit der 500-Jahr-Feier 2017 wird die größte Stadt der Normandie im Rahmen des Sommerfestivals „Un Été au Havre“ regelmäßig zur Bühne internationaler Kunst. Künstlerinnen und Künstler schaffen Werke, die sich mit Stadtgeschichte, Raum und Identität auseinandersetzen.


Dazu gehört etwa die Installation „La Lune s’est posée au Havre“ von Arthur Gosse – ein Betonmond auf einem Wasserbecken im Square Saint-Roch, der nachts poetisch leuchtet. Oder „UP#3“ von Lang/Baumann: ein geometrisches Kunstwerk am Strand, das Architektur, Skulptur und Landschaft neu in Beziehung setzt. Auch die Skulptur „Jusqu’au bout du monde“ von Fabien Mérelle – der Künstler mit Kind auf den Schultern – ist zum Symbol für Verantwortung und Zukunft geworden. Nach einem Brand wurde sie durch Spenden restauriert und steht heute als Mahnmal am Norddamm.

Diese Kunstwerke transformieren den Stadtraum. Sie setzen Akzente, fordern Wahrnehmung heraus, laden zur Auseinandersetzung ein – nicht auf Distanz, sondern im Alltag der Stadt.
20 Jahre UNESCO-Welterbe
Am 15. Juli 2005 nahm die UNESCO das rekonstruierte Zentrum Le Havres in die Liste der Welterbestätten auf – als eine der wenigen Städte des 20. Jahrhunderts überhaupt. Damit wurde der Wiederaufbau unter Auguste Perret als architektonisches und gesellschaftliches Modell gewürdigt.
Im Jubiläumsjahr 2025 feiert Le Havre mit Ausstellungen, Stadtführungen, Lichtprojektionen und einem offenen Fotowettbewerb. Die Einwohnerinnen und Einwohner sind eingeladen, ihre Erinnerungen, Bilder und Perspektiven beizusteuern.

Orte wie Oskar Niemeyers „Volcan-Ensemble“ oder das Bassin du Commerce werden illuminiert und neu inszeniert. Das Jubiläum ist nicht nur Rückblick, sondern Anstoß zur Reflexion: Wie können wir bauen – und wiederaufbauen – für die Menschen, für die Gemeinschaft, für die Zukunft?
Text: Hendrik Bohle
Fotos (alle): Hendrick Bohle






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