Materialforscherin für die Zukunft der Architektur: Prof. Helga Blocksdorf
Um künftig ressourcenschonend und klimagerecht bauen zu können, ist die Synthese aus praktischer Erfahrung, Grundlagenforschung und Lehre unverzichtbar. Die seismische Stelle dafür: Baukonstruktion.
Schön, dass es klappt, Frau Prof. Blocksdorf – wo erreichen wir Sie gerade?
Aktuell in der Mittagspause an der TU Braunschweig, wo ich seit 2021 das Institut für Baukonstruktion leite und mit meinem Team dazu forsche und lehre.
Das ist eine tolle Chance und auch eine Pflicht, sich einerseits in der Lehre, also im Diskurs, auseinanderzusetzen, aber eben auch über die Forschung etwas selber beizutragen – zum Beispiel zum Thema des konstruktiven Ungehorsams.
“Konstruktiver Ungehorsam” klingt spannend. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Wir können heutzutage nicht mehr wie zu den Zeiten unserer Großväter und Großmütter einen 1:100-Plan auf die Baustelle geben und der Maurer weiß dann schon, was er machen muss. Wir sind mittlerweile umzingelt von Normen und Anforderungen und die Schwierigkeit besteht darin, diese deckungsgleich oder überlagerungsgleich zu bekommen und zugleich ein sehr gutes Raumkonzept zu entwerfen, ohne komplett gegen Ressourcenziele zu agieren.
Unsere Arbeit besteht darin, Baukultur aus den vertretbaren Baustoffen herauszuholen. Das schaffen wir natürlich nicht allein. Daher geht es auch darum Experimente einzusammeln und zu bündeln. Deshalb gab es gleich zum Auftakt meiner Professur eine große internationale Konferenz mit Matthias Ballestrem, der inzwischen an der TU Dortmund ist und Katharina Benjamin aus meinem Team, die sich der Frage widmete, wie wir mit konstruktiven Experimenten zum Thema der Transformation des Bauens etwas beitragen können.


Dazu ist eine Konferenzpublikation im Birkhäuser Verlag erschienen, die allerdings aufgrund der großen Nachfrage und der kleinen Auflage mittlerweile nur noch als E‑Book erhältlich ist.
Das alles ist entstanden aus dem Wettbewerb für das Erlebnisportal in Weimar, den wir mit dem Büro gewonnen haben. Dort sollte an einem hochtouristisch frequentierten Ort ein temporärer Pavillon entstehen, der über die touristischen Ziele Thüringens informiert. Da die Auslobung einen experimentellen Bau erlaubte, haben wir Birkenrinde als Fassadenmaterial vorgeschlagen. Das tatsächlich zu bauen war ein ziemlicher Kraftakt und hat auch nur geklappt, weil die Bauherr:innen voll mitgezogen haben – trotz aller Bedenkenschreiben, die ich auf dem Tisch hatte.






Da braucht es schon eine gewisse Widerständigkeit. Wobei das gar nicht trotzig gemeint ist, vielmehr möchte man die Kolleg:innen motivieren, beharrlich Qualitäten herauszuarbeiten und dennoch vertretbar zu bauen, was natürlich immer eine Gratwanderung ist. Und dafür brauchen wir unbedingt die Universität. Einerseits, um auch randständigere Themen zu beforschen, um eine Artenvielfalt der Konzeptionen einzubringen und gleichzeitig, um überhaupt den Diskurs darüber ins Leben zu bringen.
Beharrlichkeit braucht es auch, was die Zeitläufe angeht. Die Professur habe ich 2021 angetreten, in dem Jahr ist auch der Pavillon fertig geworden. Und erst jetzt, nach fünf Jahren Vorarbeit, haben wir von Zukunft Bau den Zuschlag bekommen, das Material für folienfreie Gründächer untersuchen zu können.



Natürlich kann man Birkenrinde auch jetzt schon guten Gewissens verbauen, aber man befindet sich außerhalb des bestehenden Rechtsrahmens. Das heißt, es geht aktuell nur im privaten Bereich und auch nur mit ganz viel gutem Willen der Bauherrschaften. Wenn wir das Material in den Kanon der baubaren Baustoffe bekommen wollen, braucht es die Forschung, die die Grundlagen ermittelt, z.B. für die Anwendung des folienfreien Gründachs.
Es war also das eine diesen temporären Bau zu errichten und das andere ist es jetzt, diesen Baustoff wirklich auch für andere zugänglich zu machen.
Wie wird die Fassade des Kulturportals von der Öffentlichkeit wahrgenommen und wie verhält sich das Material über die Jahre?
Mich erreichen immer wieder Nachrichten von Kolleg:innen und Freund:innen, die mir von vor Ort ein Foto schicken und ihre Eindrücke schildern. Oft höre ich neben der Begeisterung den Hinweis, dass das Material gut gealtert ist. Oder dass es sich anders anfühlt als man anhand der Fotos gedacht hätte – rauer.
Vor Ort polarisiert das Projekt nach wie vor – es gibt Einheimische, die es sehr mögen und welche, die sich eher daran stören. Teilweise wird der Umgang mit dem Denkmal in der Pufferzone des Welterbes nach wie vor kritisch gesehen.
Wir alle im Büro mögen das Projekt nach wie vor sehr, und die Birkenrinde verhält sich unproblematisch. Es gibt lediglich eine Fläche, die jetzt mal getauscht werden muss. Birkenrinde oder besser der Birkenkork sitzt auf Spannung am Baum und rollt sich auf, wenn er abgelöst wird. Da hat es einen Riss gegeben. Aber ansonsten gab es bislang keinerlei Schwierigkeiten, auch nicht auf der stadtzugewandten Seite, auf der die Rinde über fünf bis sechs Meter Höhe aufgebracht wurde.
In Großstädten würde man vielleicht mit Vandalismus oder Graffiti rechnen, aber derlei ist hier bislang nicht vorgekommen.
Da die Bauherrenschaft ebenfalls sehr zufrieden ist, bin ich gebeten worden, die temporäre Standzeit von fünf Jahren zu verlängern. Sie läuft ja dieses Jahr ab.
Da man dazu wieder die volle Unterstützung der thüringischen Landesbeamt:innen braucht, kann ich allerdings noch nicht absehen, ob das klappt. Wir hoffen aber sehr, dass es funktionieren kann, weil da natürlich auch EU-Gelder verbaut wurden. Und wenn man das jetzt nach fünf Jahren abbauen müsste, fände ich das vom Energieeinsatz her einfach fragwürdig. Konstruktiv gesehen hält das meiner Einschätzung nach mindestens noch 60 Jahre.
Bitumenbahnen oder andere konventionelle Materialien gehören also mittelfristig der Vergangenheit an?
Ich denke, es ist gar nicht das Ziel, die Bitumenbahn zu ersetzen, sondern eher den Kanon der konstruktiven Möglichkeiten zu erweitern.
Wenn ich einen Schuppen baue, in dem ich nur gehacktes Holzlager lagere, dann brauche ich kein Faserzement- Blechdach, sondern kann ein Grassodendach und darunter mehrlagig Birkenrinde aufbringen, ohne mir Gedanken über das Diffusionsverhalten machen zu müssen. Wir wissen einfach aus der Historie, dass das funktioniert. Aber um das in die Anerkennung zu bringen, müssen wir natürlich herausfinden, ob die Birkenrinde diffusionsoffen oder ‑geschlossen ist (Sd-Wert). Dieses Wissen liegt bislang so nicht in strukturierter Form vor.
Und deshalb ist diese ingenieurstechnische Forschung, die man an den technischen Universitäten sehr gut umsetzen kann, wesentlich. Wenn diese Forschung von Architekt:innen angeleitet wird, gilt es zudem, ästhetische Fragen zu verhandeln. Denn das ästhetische Experiment und das konstruktive Wissen gehören meiner Ansicht nach zusammen, wenn es um die baukulturelle Ausprägung geht.
Verstehen Bauherr:innen heutzutage überhaupt noch die Komplexität eines Entwurfes, die sich aus den diversen Normen und Regeln ergibt?
Man muss nicht studiert haben, um seitens Bauherrenschaft in den Diskurs zu gehen. Das darf gerne intuitiv geschehen, denn: Jede/r hat schließlich schon einmal gewohnt, oder in einer komplett abgedichteten Fassade mit Kunststofffenstern schlecht geschlafen… alles Erfahrungswerte, die in der Diskussion und bei der Suche nach Lösungen ihre Berechtigung haben und weiterhelfen.

Was uns an Ihren Arbeiten fasziniert, ist die starke Präsenz von Materialität und die Qualität der Inszenierung in gleichzeitig auf das Wesentliche reduzierten Räumen, wie etwa im Studio Uckermark. Woher kommt das?
Uns interessieren im Büro die Abhängigkeiten aus konstruktiver Verfasstheit und Ausdruck, das heißt die Primärkonstruktion darf durchaus spürbar sein. Wir gehen also von der Substanz aus, weniger aus einer innenarchitektonischen Betrachtung. Vielleicht auch aus dem Manko heraus, dass ich Innenarchitektur als Thema noch nicht so richtig fassen kann. Für mich muss das Ergebnis eine Sinfonie sein, die keine Note zu viel enthält.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Weg des Büros, der sich in den letzten 12 Jahren nur sehr langsam von kleinen Projekten hin zu mittleren Projektgrößen entwickelt hat. Das heißt, dass wir eigentlich fast immer so wenig Budget zur Verfügung hatten, dass wir es uns gar nicht leisten konnten, uns über mehrfache Layer Gedanken zu machen. Dazu kommt, dass es mir persönlich einfach angenehm ist, mich mit Dingen zu umgeben, die es braucht und alles andere wegzulassen.


Das gelingt sehr gut, finden wir. Viele Ihrer Projekte strahlen eine fast zenhafte Atmosphäre aus – klar, reduziert, aber nicht kalt.
Interessant, dass sie den Zen-Moment erwähnen – das war quasi das Kernthema meiner Dissertation. Also die Frage: Wie mache ich das eigentlich, was ist meine persönliche Entwurfsmethode? Oft geht es um eine ganz einfache Idee, wie etwa bei dem Fenster im Studio Uckermark und der Inszenierung des Ausblickes.

Das ist natürlich auch eine Zeitumkehrung: Früher hat man sich gegen die Landschaft und die Witterung auf so einem Vierseithof abgegrenzt. Heute haben wir die Mittel, dies umzukehren, auch ohne großes Budget. Mir geht es darum, zu verstehen, wo diese Öffnung sein muss, damit sie einen inszenatorischen Charakter bekommt. Also exakt gegenüber des großen Stalltors – in genau der gleichen Größe. Denn es geht nicht um maximal mögliche bauliche Größe, sondern um die Verhältnismäßigkeit vor Ort.

Diese Öffnung landet dann genau an der Stelle, an der sowieso ein Ringbalken und ein Unterzug vorhanden ist, die bei der Dachsanierung 2010/11 schon hergestellt wurden. An dieser Stelle haben wir dann die Treppe Stelle entworfen, um das Hoch- und Runtergehen an der wichtigsten Stelle zu inszenieren. Baukonstruktiv ist das natürlich erst einmal ein total geheimnisvoller Knotenpunkt, weil zu Beginn des Projektes keiner sagen kann, ob das geometrisch überhaupt aufgeht.
Die einfache Idee wird also an dieser Stelle komplex. Wenn sich diese Komplexität beim Zeichen oder im Modellbau lösen lässt, löst sich das gesamte Projekt in Wohlgefallen – quasi dem Zen-Moment – auf.
Genau diese Art von Stellen haben bei mir im Büro eine Metapher erhalten: Bei uns heißen sie die seismischen Stellen, weil sie wie ein Erdbebenmesser über das Gelingen des Projektes entscheiden.
Zu diesem Thema ist Ende Mai mein neues Buch bei Edition Detail erschienen, in dem anhand verschiedener Projekte und Pläne nachvollziehbar wird, welche Strategien des konstruktiven Entwerfens Büros anwenden, um kniffelige konstruktive Überlagerungsstellen zu lösen.

Der Übergang von Fenster zu Treppe im Studio Uckermark ist wirklich sehr schön. War das eine sehr teure Lösung?
Gar nicht. Wichtig war, dass wir das Modell dazu auf die Baustelle gebracht und den Handwerkern gezeigt haben. Sie haben sich das angesehen, sofort verstanden und einfach gebaut – für denselben Preis wie jeder andere Holztreppe in vergleichbarer Ausführungsstärke.

Das Objekt wurde ursprünglich als Fotostudio geplant. Eine Nutzung für Urlaubszwecke war also gar nicht Teil ihres seinerzeitigen Auftrages?
Richtig. Der Eigentümer ist selbst Fotograf. Die Idee eines temporären Rückzugsraumes kam erst später im Zuge der Pandemie auf.

Haben Sie das Haus selbst schon genutzt?
Ich war tatsächlich zwei Mal vor Ort. Einmal privat mit der Familie und einmal mit Katharina Benjamin und Matthias Ballestrem für einen Arbeitsaufenthalt. Es war jeweils sehr besonders. Das ist es auch, was ich mit den Bauherr:innen vorher immer bespreche: Dass es doch toll ist, wenn man sich im Moment des Tapetenwechsels, auch einmal mit ungewöhnlichen Raumsituationen konfrontiert und versteht, dass das Leben eben auch anders geführt werden kann, dass Komfort anders sein kann. Etwa, dass man in einen Schrank geht, um zu duschen.

Und dann vielleicht auch nur vier Zentimeter Schrankwand zwischen mir und dem Rest der Welt sein können, temporär. Sich einmal mit diesen Komfortzonen zu beschäftigen und sich darauf einzulassen, führt meiner Meinung nach auch zu einem Moment der Entspannung.




Haben Sie noch andere Urlaubsdomizile geplant?
In der Tat hat das Projekt durch die Veröffentlichung auf ihrer Seite unglaublich viele Leute erreicht und es haben sich einige Anfragen für den Umbau bestehender Häuser in Ferienhäuser ergeben. Gerade wird ein Gebäude in Arnimswalde fertig. Und dann gibt es noch zwei, drei andere Projekte, die sind aber noch in Arbeit.

Kurz zurück zur Inszenierung: Sie waren Teil einer Künsterinnengruppe namens après-nous. Gibt es Parallelen zwischen dem künstlerischen Schaffen von damals und ihrem Architekturansatz von heute, oder gar Weiterentwicklungen?
Catharina Förster, Florence Girod und ich haben uns damals an der UdK Berlin kennengelernt und hatten, wie viele Kommiliton:innen zu der Zeit, ein sehr hohes Interesse an dem, was die anderen Studierenden dort machen – also etwa die Maler:innen und die Bildhauer:innen. Sich in dieser Szene Berlins befunden zu haben und die Diskussionen, die sich daraus ergeben haben, waren gegen Ende des Studiums das Initial für die Künstlerinnengruppe oder für diese architektonische Band, wie wir das genannt haben. Das war erst einmal nicht reflektiert, denn es gab vor allem diesen Wunsch, überhaupt in die Expression zu gehen – über dieses A3-Blatt hinaus, das wir damals alle im Studium als größtes druckbares Format vor uns hatten.



Die große Kontinuität ist für mich dabei die Präzision. Die hat sich bis heute erhalten und war auch bereits zu meiner Zeit bei Staab Architekten, wo ich unter anderem in der Bauleitung gearbeitet habe, da. Diese ästhetischen, künstlerischen Experimente tatsächlich durchzustehen, also bis in die letzten Millimeter durchzudenken, war da sicher die Basis.
Auch die Frage, welchen künstlerischen Subtext architektonische Arbeiten mit transportieren können, haben wir seinerzeit sehr intensiv diskutiert.
Das beschäftigt mich schon immer in dem Wissen, dass es in der Architektur diese stark handwerkliche Komponente ja auch gibt. Wobei ich jetzt keinesfalls den Nimbus des Künstlerarchitekten bemühen will. Das ist eher die Art, konzeptuell und abstrakt zu denken. Welche räumliche Wirkung haben die Maßnahmen, wie sind diese Ideen überhaupt umsetzbar?
Das ist bei uns dreien als Motor auch im Büroalltag erhalten geblieben. Wir sind weiterhin gut befreundet … und ganz offiziell haben wir unsere gemeinsame Arbeit gar nicht abgeschlossen, sondern eine temporäre Pause eingelegt. (schmunzelt)


Unsere Wahrnehmung der Kunstprojekte war es, dass auch hier Räume mit besonderer Atmosphäre entstanden sind; Räume, die den Flow der Alltagswahrnehmung bewusst unterbrechen und dadurch zum Nachdenken anregen. Ist das grundsätzlich korrekt?
Ja, bei dem, was wir mit après-nous auf die Bühne gebracht haben, oder besser auf die Stadt als Bühne, ging es immer um die Frage, wem gehört diese Stadt? Eine Frage, die die jüngere Generation weiterhin intensiv beschäftigt: Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum? Bei uns ging es immer darum, dass das ungezwungene Gespräch darüber Freude macht. Also, dass man diese Unterbrechung des Alltagsmomentes als feierlich empfindet oder als Partymoment.




Gibt es da Parallelen zur ihrer gebauten Architektur – besondere Räume, die temporär die Wahrnehmung verändern?
Ja, oft gibt es diese Übereinstimmung zwischen den künstlerisch motivierten Projekten und einigen architektonischen Projekten; zumindest dann, wenn letztere eben ebenfalls wie in Weimar oder im Studio Uckermark für den Besucher:innen oder Benutzer:innen nur auf eine gewisse Zeitspanne angelegt sind. Alle Leute, die etwa an dieser Kreuzung Strelitzer/Anklamer Straße in Berlin danach vorbeifahren, werden sich jahrelang an den Moment dieses Zusammentreffens erinnern: Souvenirs.
Und ich glaube, dass wir als Gestalterinnen es in uns tragen, die besondere Verfasstheit von Orten herausarbeiten, auf ihre jeweilige Art.
Was muss ein Projekt, einen Ort für Sie auszeichnen – egal ob öffentlich oder privat – damit der Funke bei Ihnen als Architektin überspringt und Sie einen Auftrag überhaupt annehmen?
Nun, ich würde jetzt sagen, im weitesten Sinne irgendeine Form von Charakter – das kann auch generisch sein. Bei Karel und Jana vom Studio Uckermark war das ganz klar, als wir da ankamen. Wir wussten schon, wie niedrig das Baubudget ist und dass wir das sowieso nur mit ihnen machen, weil wir den Ort als solchen wunderschön finden. Es gibt aber natürlich auch eine Entwicklung in einem Architektinnenleben. Inzwischen würde ich mir wünschen, dass es wieder mehr Projekte in Richtung des öffentlichen Raumes gibt; wobei ich da oft an den Hürden des Wettbewerbswesens scheitere beziehungsweise die öffentliche Auftragsvergabe in Berlin für mich sehr diffus erscheint. Natürlich würde ich wahnsinnig gerne mal eine Schule oder einen Kindergarten bauen, um einmal in einem Zweigeschosser auch das Mischmauerwerk aus Lehm und Ziegel bauen zu können, so wie wir ihn an der TU Braunschweig derzeit untersuchen, zusammen mit Moritz Scheible, Linda Gehrke, Elisabeth Endres, Evelien Dorresteijn und Thorsten Leussmann. Abseits der reinen Architektur würde mich das auch interessieren, um die einhergehenden sozialen Fragen besser beantworten zu können. Und ich möchte schon gern herausfinden, ob man seismische Stellen auch in anderen Projektgrößen als bisher realisieren kann. Klingt banal, ist es jedoch wahrscheinlich nicht.
Wie vereinbaren Sie das eigentlich alles – Lehre, Forschung und Praxis?
Natürlich ist das manchmal ein Spagat. Aber, wie es Baharak Tajbakhsh, eine Mitarbeiterin des Birkhäuser Verlags so schön formulierte: Wenn man als Architektin an den Stellschrauben von Klima und Ressourcenfragen arbeitet, ist der Spagat zwischen Praxis, Lehre und Forschung die Voraussetzung, um überhaupt ein vertieftes Verständnis für die Tiefe der Thematik zu entwickeln.
Man muss die Problematik die ganze Zeit vor den Augen haben, um Veränderungen zu erreichen. Insofern ist die praktische Arbeit an den baubaren Grenzen sehr von Vorteil. Im Grunde genommen entstehen dadurch jeden Tag fünf Ideen, was man forschen müsste.
Vielen Dank für dieses wunderbare, aufschlussreiche Gespräch, Frau Prof. Blocksdorf!
Prof. Helga Blocksdorf absolvierte ihr Architekturstudium an der Bauhaus-Universität und an der UdK Berlin. 2013 gründete sie ihr Büro HB/A. Seit 2021 ist sie Professorin für Baukonstruktion an der TU Braunschweig, davor war sie Gastprofessorin an der Bauhaus-Universität Weimar. 2025 promovierte sie an der TU Berlin im Programm Entwurfsbasierte Promotion.
Interview: Das Gespräch führten Britta Krämer und Ulrich Stefan Knoll.
Fotos: Prof. Helga Blocksdorf © Helga Blocksdorf / Architektur (Titelfoto), Constructive Disobedience © Birkhäuser Verlag (1/2), Kulturportal Weimar © Simon Menges (3–8-) © Ruben Beilby (9–11), Studio Uckermark © Karel Kuehne (12–16, 19–21), Seismische Stellen © Edition Detail, DETAIL Architecture GmbH © Katerina Trakakis, Any Studio (18), Arnimswalde – Pläne/Visualisierungen © Helga Blocksdorf Architektur (22–24) Foto © Lukas Beer (25), après-nous © après-nous (26), Jam Session © Maria del Pilar Garcia Ayensa (27–30), Gut Falkenhain © Matthis Pabst (31/32), Grünes Dach © Marcus Ebener (33/34), Blaues Dach © Marcus Ebener (35/36)
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